Wir leben in einer Welt, in der die soziale Mobilität immer weiter zunimmt. Durch die
Globalisierung ist es den Menschen möglich, sich im Prinzip überall auf der Welt
niederzulassen. Dennoch gibt es Menschen, die aufgrund von Kriegen und Armut oder
aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land verlassen müssen und auf der Suche nach einer
besseren Lebenssituation sind. Auf Deutschland bezogen sind hier zum Beispiel die in
den 60er und 70er Jahren angeworbenen Gastarbeiter und deren Nachkommen oder
auch die ca. 1 Millionen hier lebenden Flüchtlinge zu nennen. Überall, egal in welchem
Land, sind zugewanderte Menschen zunächst Neuankömmlinge und treffen in dem
Gastgeberland auf eine feste bestehende soziale Ordnung. Dieses verursacht in vielen
Fällen gesellschaftliche Probleme. Nicht selten sind die zugewanderten Gruppen Opfer
von Diskriminierungen und auch im Gastgeberland noch in besonderem Maße von
Armut betroffen. Als Problemgruppe wird in der Bundesrepublik von Medien, Politikern
oder Experten immer wieder die Gruppe der jugendlichen Ausländer bezeichnet. Sie
sind vor allem in den Kriminalstatistiken überrepräsentiert. Die Erklärungen hierfür sind
genauso vielfach wie die Forderungen der Politik und der Mitte der Gesellschaft nach
einem härteren Umgang mit diesen und der fehlenden Assimilierung der Jugendlichen.
Ich möchte in meiner Arbeit darlegen, dass sich jugendliche Ausländer und die
Mehrheitsgesellschaft der Deutschen in einer ganz bestimmten Positionierung bzw.
Verflechtung zueinander befinden. Um dieses zu verdeutlichen, stelle ich zunächst die
Figurationssoziologie von Norbert Elias vor. Den Begriff Figuration verwendet er das
erste Mal in seiner 1969er Ausgabe `Über den Prozess der Zivilisation`. Der Begriff
besagt, dass sich Menschen immer in Interdependenzen zu anderen Menschen befinden
und nie alleine betrachtet werden können. In diesem Zusammenhang soll erklärt werden,
was Elias unter Machtbalancen versteht und wie er seine theoretischen Schlüsse hierzu
in seine Figurationssoziologie einbindet. Im Anschluss stelle ich seine, zusammen mit
seinem Schüler John L. Scotson im Jahr 1960 durchgeführte und 1965 erschienene,
Studie mit dem Titel ´Etablierte und Außenseiter´ vor. Während der Studie wurde
beobachtet, dass sich alteingesessene Familien eines kleinen englischen Vorortes gegen
zugezogene Familien abschotteten und diese von sämtlichen wichtigen
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Figurationssoziolgie von Norbert Elias
2.1. Begriff Figuration
2.2. Machtbalancen
3. Etablierte-Aussenseiter-Studie von Norbert Elias
3.1. Vorstellung der Studie
3.2. Theoretischer Schluss
4. Ausgrenzungsmechanismen der etablierten Deutschen
4.1. Ein gesellschaftliches Leitbild entsteht
4.2. Ausgewählte Ausschlussmechanismen gegenüber jugendlichen Ausländern
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern sich das soziologische Konzept der Etablierten-Außenseiter-Figuration nach Norbert Elias auf das Zusammenleben von jugendlichen Ausländern und der deutschen Mehrheitsgesellschaft übertragen lässt, um bestehende Diskriminierungs- und Ausgrenzungsprozesse zu analysieren.
- Figurationssoziologische Grundlagen nach Norbert Elias
- Analyse der Etablierte-Außenseiter-Studie
- Stigmatisierung und Vorurteile gegenüber Migranten
- Ausgrenzungsmechanismen in der deutschen Gesellschaft
- Transfer der Theorie auf aktuelle Integrationsproblematiken
Auszug aus dem Buch
3.1 Vorstellung der Studie
Elias führte Anfang der 60er Jahre zusammen mit seinem Schüler John L. Scotson eine Untersuchung einer kleinen englische Gemeinde mit Namen „Winston Parva“ durch. Grund der Studie sei eine hohe Delinquenzrate einer der drei vorhandenen Nachbarschaften gewesen. Diese habe als kriminell gegolten und hätte einen besonders schlechten Ruf unter den übrigen Nachbarschaften gehabt. Im Verlauf der Studie sei die Aufmerksamkeit des Forschungsinteresses von den Ursachen der Delinquenz zu den Eigenheiten der Nachbarschaften und ihrer Beziehungen zueinander gewandert (Elias/Scotson, 1990, S. 59).
Bei Winston Parva handelte es sich um eine Kleinstadt mit ca. 5000 Einwohnern. Die Stadt sei in drei Wohngebiete aufgeteilt gewesen. Bei Zone 1 handelte es sich um eine Mittelklassegegend, bei Zone 2 und 3 um Arbeiterviertel. Zone 1 und 2 seien von den Bewohnern der Stadt auch unter den beschriebenen Charakteristika wahrgenommen worden. Zwischen Zone 2 und drei hätten hinsichtlich der Nationalität, der ethnischen Herkunft, der Hautfarbe oder Rasse, des Einkommens, der Berufe und der sozialen Klasse der Bewohner keine nennenswerten Unterschiede bestanden. Bemerkenswert sei gewesen, dass sich im Zuge der Untersuchung herausstellte, dass die Scheidelinie des gesellschaftlichen Lebens nicht, wie die meisten Menschen es erwarten würden, zwischen Zone 1 und den beiden übrigen verlaufen sei, sondern zwischen Zone 1 und 2 auf der einen Seite und Zone 3 auf der anderen. Die Bewohnergruppen von Zone 1 und 2 hätten sich in ihrem Status der Zone 3 als überlegen angesehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der sozialen Mobilität und die daraus resultierende Situation von Einwanderern in der Bundesrepublik ein, wobei die Forschungsfrage nach der Übertragbarkeit der Elias-Studie gestellt wird.
2. Figurationssoziolgie von Norbert Elias: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Begriffe der Figuration und der Machtbalancen als theoretisches Fundament für die soziologische Betrachtung von Menschen in wechselseitigen Abhängigkeiten.
3. Etablierte-Aussenseiter-Studie von Norbert Elias: Hier wird die Untersuchung in „Winston Parva“ vorgestellt und theoretisch reflektiert, um die Dynamiken zwischen alteingesessenen und zugezogenen Gruppen zu verdeutlichen.
4. Ausgrenzungsmechanismen der etablierten Deutschen: Das Kapitel analysiert aktuelle Vorurteile gegen Ausländer in Deutschland und beschreibt konkrete Ausschlussmechanismen, insbesondere im Bildungs- und Rechtssystem.
5. Schlussfolgerung: Das Fazit zieht eine Parallele zwischen den theoretischen Erkenntnissen von Elias und der aktuellen gesellschaftlichen Situation von Migranten, um die Mechanismen von Stigmatisierung und Machtausübung zusammenfassend zu belegen.
Schlüsselwörter
Figurationssoziologie, Norbert Elias, Etablierte, Außenseiter, Machtbalancen, Stigmatisierung, soziale Mobilität, Ausgrenzung, Diskriminierung, Winston Parva, Integration, Vorurteile, Mehrheitsgesellschaft, Migranten, soziale Kontrolle
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Übertragbarkeit der soziologischen Studie „Etablierte und Außenseiter“ von Norbert Elias auf das Verhältnis zwischen jugendlichen Ausländern und der deutschen Mehrheitsgesellschaft.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Figurationssoziologie, die Dynamik zwischen alteingesessenen und zugezogenen Gruppen, die Entstehung von Vorurteilen sowie strukturelle Ausgrenzungsmechanismen in Deutschland.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Inwiefern lässt sich die Figuration jugendlicher Ausländer in der Mehrheitsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland auf die Etablierte-Außenseiter-Figuration nach Norbert Elias übertragen?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die soziologische Konzepte von Norbert Elias auf aktuelle sozialpolitische und gesellschaftliche Daten (u.a. Kriminalstatistiken, Bildungsberichte) anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in die Soziologie von Elias, die detaillierte Vorstellung seiner Studie über Winston Parva sowie eine Analyse von Ausgrenzungsmechanismen und Vorurteilen gegenüber Migranten in Deutschland.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Figuration, Machtbalancen, Etablierte, Außenseiter und Stigmatisierung definiert.
Was war das zentrale Ergebnis der Studie in „Winston Parva“?
Elias konnte zeigen, dass die Machtdifferenz zwischen der alteingesessenen Kerngruppe und den Neuankömmlingen primär auf einem höheren Kohäsionsgrad der Alten basierte, der es ihnen ermöglichte, die Neuen systematisch aus sozialen Positionen auszuschließen.
Welche Rolle spielen Vorurteile bei der Ausgrenzung laut der Arbeit?
Vorurteile dienen laut der Arbeit als machtvolles Instrument der etablierten Gruppe, um den Status quo zu sichern, das Bild der „Minorität der Schlechtesten“ auf die Außenseiter zu projizieren und so die Überlegenheit der Etablierten zu legitimieren.
- Citation du texte
- Henning Schnieder (Auteur), 2011, Etablierte-Außenseiter-Figuration. Entspricht die Position jugendlicher Ausländer in Deutschland der Soziologie nach Robert Elias?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202950