Sprachliche Betrachtungen zweier Volkslieder aus Siebenbürgen

„Wor giht der Wengd, wor steift der Schnī“


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Siebenbürgisch-Sächsische
2.1 Das Mitteldeutsche und der Oberdeutsche Sprachgebiet
2.2 Allgemeines zur Siebenbürger-Sächsischen Sprache

3. Sprachliche Betrachtung zweier Volkslieder
3.1 Das verstoßene Kind
3.2 Im Vergleich hierzu: Kein Herd und kein Brot

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internet
5.4 Notenmaterial
5.5 Wörterbücher

1. Einleitung

Schlōf, Hani, schlōf! De Vijel säinjen äm Hōf, de Katze spännen af´em Hiȅrd, de Ratze knäspern än der Ierd, te bäst mer tousend Gälde wiȅrt, schōf [sic], Hani, schlōf!1

Dieses Kinderlied entstammt einer Zusammenstellung Siebenbürgisch- Sächsischer Volkslieder aus dem Jahr 1973 durch den Germanisten Michael Markel (1937), dessen Sammlung als „vielgelesen“2 in der Siebenbürgischen Zeitung zu seinem 70. Jubiläum betitelt wird. Es solle durch die Forschungen seiner Ehefrau, der Volkskundlerin Hanni Markel (1939) zu einer produktiven Zusammenarbeit gekommen sein.3 Tatsächlich ist es aber so, dass eine Vielzahl jener Lieder in Deutschland kaum verbreitet sind, wenn man einmal „Es sang ein klein Waldvögelein“ außer Acht lässt.4 Sprachlich gesehen bieten jene Volkslieder einen Fundus siebenbürgisch-sächsischer Mundarten und ihrer Realisierung, denn das Siebenbürgisch-Sächsische eignet sich, da es ein Inseldialekt ist, auch zum tieferen Verständnis der Entwicklung der deutschen Sprache im Inland, denn die siebenbürgisch-sächsische Sprache habe mit der Hochsprache viele Wörter gemeinsam, allerdings sind diese in der Mundart einen Bedeutungswandel unterzogen bzw. haben ihren Sinngehalt erweitert.5 Viele Wörter, die auf das Mittelhochdeutsche zurückgehen seien im Siebenbürgisch- Sächsischen noch belegt, während diese in der deutschen Schriftsprache und aus den meisten deutschen Dialekten fast völlig bis vollkommen verschwunden seien.6 Neben diesen Wörtern gebe es auch Mundartwörter, die das Siebenbürgisch-Sächsische mit deutschen Mundarten gemein habe, besonders aus dem Rheinischen mit deutscher oder altromanischer Herkunft, aber mitunter auch aus dem oberdeutschen.7

Anhand des Volksliedes „Das verstoßene Kind“ und „Kein Herd und kein Brot“ sollen die sprachlichen Gegebenheiten des Siebenbürgisch-Sächsischen untersucht werden. Dafür ist es zunächst einmal notwendig geschichtliche Hintergründe zur Entstehung und Ursprung der Sprache zu kennen und deren typischen Unterschiede zum Standartdeutschen zu verdeutlichen. Dabei wird sich größtenteils auf die Schriftsprache beschränkt, da das Volkslied nur in Schriftform und nicht als Aufnahme vorliegt. Des Weiteren werden die grundsätzlichen Voraussetzungen zum Erkennen und Verstehen eines Volksliedes einführend erläutert. Im Anschluss kommt es zur sprachlichen Betrachtung und Einordnung der beiden Volkslieder. Zusammenfassende und abschließende Bemerkungen, sowie Analyseprobleme bilden den Schluss.

2. Das Siebenbürgisch-Sächsische

2.1 Das Mitteldeutsche und der Oberdeutsche Sprachgebiet

Zur Mitte des 12. Jahrhunderts kamen die heutigen Siebenbürger Sachsen aus dem Großraum des Erzbistums Köln, welches damals auch die Bistümer Lüttich und Trier umfasst hatte, sodass unter den ersten Zuwanderern auch wallonische oder niederfränkisch sprechende Siedler mitgekommen sein dürften.8

Sie [die ersten Siedler] alle stammten aus einem Gebiet, das für damalige Verhältnisse […] einer der am reichsten bevölkerten Regionen Europas gewesen ist.9

Aufgrund dieser Tatsache sei von dort, mit Einschluss Luxemburgs, eine Umsiedelung nach Süden oder Südosten Europas geschehen, welche v.a. durch den damaligen ungarischen König Géza II. (1130-1162) gefördert worden war, da das damalige Transsylvanien den neuen Grenzsaum seines Reiches bildete. Jenes galt als großes Ödland und sollte durch die Saxones nutzbar gemacht und eine Handelslandschaft werden.10 Sie waren als Siedlungspioniere mit gewissen Vorrechten ausgestattet, damit eine gewisse kulturelle und politische Autonomie gewährleistet wurde.11 Neben diesem Privilegienverband, wie ihn Karl Kurt Klein in seinem Werk zur Siedlungsgeschichte und Sprachgeographie12 bezeichnet, gab es noch weitaus mehrere Gruppen, welche sich in Siebenbürgen angesiedelt haben.13

Gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts treten die Siebenbürger Sachsen fast geschlossen zum evangelischen Glauben über. Ihr kirchlicher Reformator war der siebenbürgische Humanist Johannes Honterus. Er […] korrespondierte mit den Humanisten in Deutschland und den Reformatoren Luther und Melanchthon.14

Dieser kulturelle Austausch zwischen dem deutschen Heimatland und dem rumänischen Siedlungsgebiet sollte jedoch einer der wenigen bleiben, denn die Sprache der Siebenbürger habe seit den letzten 850 Jahren eine gute, überschaubare und eigenständige Entwicklung durchgemacht.15 Dabei seien aber die Sprachreiniger des 17. Jahrhunderts nicht zu vergessen, welche eine gemeinsame Landsprache schufen und ausbreiteten, sodass es nach und nach im Verlauf von ca. 500 Jahren zu einem Ausgleich der einzelnen Mundarten kommen konnte und man heute das Siebenbürgisch-Sächsische als eine große Sprachlandschaft betrachte.16 Das Hochdeutsche war selbst im 18. Jahrhundert in den gebildeten Schichten keine gesprochene Sprache, denn selbst in der Schule wurde auf Siebenbürger-Sächsisch unterrichtet. Leidglich im Schreiben und Lesen war die Standartsprache verwendet worden.17 Neben dem Siebenbürgisch- Sächsischen wurde in den gelehrten Kreisen lediglich Latein benutzt.18 Wenigstens wurde das Hochdeutsche v.a. unter Berücksichtigung der zugewanderten Landler19 Verkündigungssprache in der evangelischen Kirche ab 1849.20 Dies bedeutet aber auch, dass sich in gewisser Weise ein Dialekt zu einer eigenen Sprache etablieren konnte, wie es beispielsweise auch in Luxemburg der Fall ist.21 Es gibt demnach eine offensichtliche Abgrenzung der Siebenbürger Sachsen von der Hochsprache, was sich auch darin zeigt, dass die Landler eben für die Sachsen stets die Deutschen blieben22, da sie auch viele ihrer Brauchtümer und oberdeutschen sprachlichen Varianten bis zum heutigen Tage bewahrt haben.23 So gibt es in Siebenbürgen zwei große Sprachgruppen, nämlich das Siebenbürgisch-Sächsische, welches mit dem Moselfränkischen, also einem westmitteldeutschen Dialekt verwandt ist, sowie die Sprache der Landler, welche viele ihrer oberdeutschen Eigenarten für sich bewahrt hat.24 Auf Letzteres soll in dieser Arbeit weniger eingegangen werden, da sich die beiden Lieder eindeutig dem Sächsischen zuordnen lassen.

[...]


1 Michael Markel: Es sang ein klein Waldvögelein. Siebenbürgische Volkslieder sächsisch und deutsch. Cluj-Napoca 1973, S. 78.

2 Hannes Schuster: Verdienter Literaturwissenschaftler. Michael Markel wird 70. In:

Siebenbürgische Zeitung am 25.10. 2007 (Online-Ausgabe unter:

http://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/7139-verdienter-literaturwissenschaftler.html).

3 Vgl. Ebd.

4 Siehe Anmerkung 34. Das Volkslied ist beispielsweise in Standartdeutsch auf einer Seite für Kinderlieder zu finden.

5 Vgl. Sigrid Haldenwang: Das Siebenbürgisch-Sächsische in der Sprachlandschaft Siebenbürgens. In: Deutsche Sprache und Kultur in Siebenbürgen. Studien zur Geschichte, Presse, Literatur und Theater, sprachlichen Verhältnissen, Wissenschafts-, Kultur-, und Buchgeschichte; Kulturkontakten und Identitäten, hrsg. von Wynfrid Kriegleder [u.a.]. Bremen 2009, S. 11-22, hier: S. 15.

6 Vgl. Ebd., S. 16.

7 Vgl. S. 16.

8 Vgl. Wilfried Schabus: Die Landler. Sprach- und Kulturkontakt in einer alt-österreichischen Enklave in Siebenbürgen (Rumänien). Wien 1996, S. 49.

9 Ebd.

10 Vgl. Wilfried Schabus: Vertriebene Österreicher in Siebenbürgen. Kultur-und sprachhistorische Betrachtungen zu Landlern und Hutterern. In: Deutsche Sprache und Kultur in Siebenbürgen. Studien zur Geschichte, Presse, Literatur und Theater, sprachlichen Verhältnissen, Wissenschafts-, Kultur-, und Buchgeschichte; Kulturkontakten und Identitäten, hrsg. von Wynfrid Kriegleder [u.a.]. Bremen 2009, S. 23- 39, hier: S. 23.

11 Vgl. Ebd.

12 Vgl. Karl Kurt Klein: Zur Siedlungsgeschichte und Sprachgeographie der mittelalterlichen deutschen Siedlungen in Siebenbürgen. In: Siebenbürgische Mundarten, hrsg. von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Bd. 104/3. Leipzig 1959, S. 5-75, hier: S. 44-45.

13 Für andere Gruppierungen siehe ebd.

14 Vgl. Wilfried Schabus: Die Landler, S. 51.

15 Vgl. Sigrid Haldenwang: Das Siebenbürgisch-Sächsische in der Sprachlandschaft Siebenbürgens, S. 11.

16 Vgl. Karl Kurt Klein: Zur Siedlungsgeschichte und Sprachgeographie der mittelalterlichen deutschen Siedlungen in Siebenbürgen, S. 45-46.

17 Vgl. Wilfried Schabus: Die Landler, S. 58.

18 Vgl. Wilfried Schabus: Die Landler, S. 59.

19 Zur Geschichte, Kultur und Sprache der Landler: Wilfried Schabus: Die Landler. Sprach- und Kulturkontakt in einer alt-österreichischen Enklave in Siebenbürgen (Rumänien). Wien 1996.

20 Vgl. Ebd.

21 Das Luxemburgische gehört zum Moselfränkischen, ist aber als Landessprache anerkannt.

22 Vgl. Wilfried Schabus: Die Landler, S. 60

23 Vgl. Ebd. und S. 63.

24 Vgl. Wilfried Schabus: Vertriebene Österreicher in Siebenbürgen. Kultur-und sprachhistorische Betrachtungen zu Landlern und Hutterern, S. 26.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Betrachtungen zweier Volkslieder aus Siebenbürgen
Untertitel
„Wor giht der Wengd, wor steift der Schnī“
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Geschichte der deutschen Sprache (Teil 2)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V202991
ISBN (eBook)
9783656290872
ISBN (Buch)
9783656293279
Dateigröße
677 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Siebenbürgisch, Siebenbürgen, Volkslied, Sächsisch, Lauttabellen, Dialekt, Mitteldeutsch, oberdeutsch
Arbeit zitieren
Christina Gierschick (Autor), 2012, Sprachliche Betrachtungen zweier Volkslieder aus Siebenbürgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202991

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