Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise mit ihrer Umwelt: durch Gestik, Mimik, Körperhaltung und auch Laute. Doch ab wann kann man von einer Sprache sprechen? Oft wird z.B. die Mitteilung von Emotionen durch Gestik als „Körpersprache“ bezeichnet, genauso wie das Bellen oder Schwanzwedeln eines Hundes oft als „Tiersprache“ bezeichnet wird. Sprache im engeren Sinn besitzt allerdings einige Eigenschaften, die sie von anderen Kommunikationswegen abhebt: Sie ist ein einzigartiges Kommunikationssystem, das bei keinem anderen Lebewesen als dem Menschen zu finden ist. Sie ermöglicht den Menschen trotz begrenztem Vokabular unendlich viele Ideen auszudrücken. Es kann sowohl über Anwesendes, als auch über weit Entferntes gesprochen werden. Die Gegenwart kann genauso Thema sein, wie die Vergangenheit oder sogar die Zukunft (Szagun, 2010).
Möglich wird das durch die Verwendung von akustischen Symbolen, die in jeder Sprache unterschiedlich sind und nach einem, von der jeweiligen Sprache abhängigen, hochkomplexen Regelsystem angewendet werden. Dieses Regelsystem beinhaltet unter anderem, wie Laute miteinander kombiniert werden um Worte zu bilden, wie Worte miteinander kombiniert werden um Sätze zu bilden, wie die Sprachmelodie und –rhythmik eingesetzt und letztendlich auch wie die Sprache in welchem Kontext verwendet werden kann (Szagun, 2010).
Trotz dieser Komplexität gilt es als selbstverständlich Sprache zu erlernen und obwohl sie in diesem Alter im Hinblick auf abstrakte Problemlösefähigkeiten noch sehr eingeschränkt entwickelt sind, lernen fast alle Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr die grundlegenden Regeln ihrer Muttersprache (Weinert & Grimm, 2008). Zwei große Theoriegruppen versuchen zu erklären, welche Mechanismen hinter diesem faszinierenden Prozess des Spracherwerbs stehen. Die eine geht davon aus, dass Sprache eine angeborene Fähigkeit des Menschen ist, grammatische Strukturen also von Geburt an vorhanden sind, während die andere den Spracherwerb als einen Lernprozess darstellt (Weinert & Grimm, 2008).
Diese Arbeit versucht sich der Frage anzunähern, welche dieser Mechanismen dem Spracherwerb tatsächlich zugrunde liegen: Ist uns Sprache angeboren oder basiert unsere Sprachentwicklung auf generellen Lernmechanismen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Voraussetzungen für den Spracherwerb
2.1 Neuronale Voraussetzungen
2.2 Voraussetzungen in der sozialen Umwelt
3. Die Entwicklung der einzelnen Sprachkomponenten
3.1 Die prosodisch-phonologische Komponente
3.2 Die lexikalische Komponente
3.3 Die syntaktische Komponente
3.4 Die pragmatische Kompetenz
4. Erklärungsansätze der Sprachaquisitionsprozesse
4.1 Inside-Out-Theorien
4.2 Outside-In-Theorien
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die grundlegenden Mechanismen des menschlichen Spracherwerbs und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob Sprache eine angeborene Fähigkeit darstellt oder als Resultat genereller Lernmechanismen in Interaktion mit der Umwelt entsteht.
- Neurobiologische Grundlagen des Spracherwerbs
- Einfluss der sozialen Umwelt und sensibler Phasen
- Ontogenetische Entwicklung der Sprachkomponenten (phonologisch, lexikalisch, syntaktisch, pragmatisch)
- Kritische Gegenüberstellung von Nativismus (Inside-Out) und Konstruktivismus (Outside-In)
Auszug aus dem Buch
3.1 Die prosodisch-phonologische Komponente
Laut Weinert und Grimm (2008) beginnt die Entwicklung nicht etwa mit den ersten Worten des Kindes, sondern mit der Rezeption von Sprache in der Umwelt und das sogar schon vor der Geburt. Ungefähr bis zum Ende des ersten Lebensjahres entwickeln sich dabei in der Regel vor allem die prosodischen und phonologischen Komponenten der Sprache.
Die prosodische Komponente bezeichnet hierbei die Sprachmelodie und –rhythmik, also die der jeweiligen Sprache eigenen Regelhaftigkeiten der Intonation und der Betonung und Dehnung von Silben. So kann z.B. im Deutschen zwischen Aussage- und Fragesätzen differenziert werden indem die Melodie am Ende dieser gesenkt bzw. gehoben wird. Die phonologische Komponente hingegen beinhaltet die spracheigene Struktur von Lauten, also sowohl welche Laute miteinander in welcher Art und Weise kombiniert werden können, als auch welche Laute bedeutungsunterscheidend sind, so wird z.B. im Deutschen zwischen dem „L“ in Lampe und dem „R“ in Rampe unterschieden, in vielen asiatischen Sprachen allerdings nicht. Die einzelnen bedeutungsunterscheidenden Laute einer Sprache werden Phoneme genannt (Szagun, 2010).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird das Thema Sprache als einzigartiges Kommunikationssystem eingeführt und die zentrale Fragestellung der Arbeit, ob Sprache angeboren ist oder erlernt wird, formuliert.
2. Voraussetzungen für den Spracherwerb: Dieses Kapitel erläutert die neurobiologischen Bedingungen sowie die Notwendigkeit von sozialem Input für einen erfolgreichen Spracherwerb.
3. Die Entwicklung der einzelnen Sprachkomponenten: Es werden die sechs Komponenten des Spracherwerbs sowie deren ontogenetische Entwicklung, von der pränatalen Wahrnehmung bis zur pragmatischen Kompetenz, detailliert beschrieben.
4. Erklärungsansätze der Sprachaquisitionsprozesse: Hier erfolgt die theoretische Einordnung in die Inside-Out-Theorien (Nativismus) und die Outside-In-Theorien (Konstruktivismus).
5. Fazit: Das Kapitel prüft die theoretischen Ansätze anhand empirischer Befunde kritisch und kommt zu dem Schluss, dass Outside-In-Ansätze besser durch aktuelle Forschung gestützt werden.
Schlüsselwörter
Sprachentwicklung, Spracherwerb, Nativismus, Konstruktivismus, Inside-Out-Theorie, Outside-In-Theorie, Universalgrammatik, Epigenese, Sprachkomponenten, Phonologie, Lexik, Syntax, Pragmatik, Sprachmelodie, Neurobiologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der entwicklungspsychologischen Debatte, ob die menschliche Sprache angeboren ist oder durch allgemeine Lernmechanismen aus der Umwelt erworben wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen neurobiologische Voraussetzungen, den Einfluss sozialer Interaktion, die phasenweise Entwicklung verschiedener Sprachkomponenten sowie die Diskussion nativistischer und konstruktivistischer Theorien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Kernfrage nach der Herkunft unserer Sprachfähigkeit zu klären, indem theoretische Positionen gegen empirische Befunde abgewogen werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Auswertung und Zusammenführung aktueller fachwissenschaftlicher Literatur und empirischer Studien zur Sprachentwicklung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Voraussetzungen, die Beschreibung der Entwicklung von Sprachkomponenten und die detaillierte Gegenüberstellung der zwei großen Theoriegruppen des Spracherwerbs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Sprachentwicklung und Spracherwerb vor allem die Theoriepaare Inside-Out und Outside-In sowie die fachspezifische Gliederung in phonologische, lexikalische, syntaktische und pragmatische Komponenten.
Was besagen die Inside-Out-Theorien über das menschliche Gehirn?
Diese Theorien postulieren, dass Sprache ein unabhängiges Modul im Gehirn ist, das auf einer angeborenen Universalgrammatik basiert und nicht primär erlernt werden muss.
Wie erklären Outside-In-Theorien das Erlernen komplexer Grammatik?
Sie erklären den Erwerb durch einen konstruktivistischen Prozess, bei dem das Kind auf Basis genetischer Lernmechanismen und durch Interaktion mit der sprachlichen Umwelt die Regeln der Sprache selbstständig entdeckt und reorganisiert.
- Citation du texte
- Peer-Lucas Jeske (Auteur), 2012, Sprachentwicklungstheorien: Ist Sprache angeboren oder basiert unsere Sprachentwicklung auf generellen Lernmechanismen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202993