Caesar – Zwischen Kommunikation und Intention

Eine Betrachtung der wesentlichen Leitlinien seiner Propaganda im Kontext historischer Entscheidungen und Ereignisse


Hausarbeit, 2012

33 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kommunikation Caesars während des Bürgerkriegs
2. 1. Die persönliche Ebene der optimatischen Intention und ihre Kommunikation über die res publica
2. 2. Die persönliche Dimension der caesarischen Propaganda und seine Zwangslage infolge des senatus consultum ultimum
2. 3. Die Schlichtungsversuche des Caesar und des Pompeius als Folge der Trennung zwischen der persönlichen und der gesellschaftlich - politischen Dimension
2. 4. Die Integration der gesellschaftlich - politischen Dimension in Caesars Propaganda
2. 5. Caesars Anwendungen der Relationen zwischen der persönlichen und der gesellschaftlich - politischen Kategorie in seiner Propaganda

3. Die gegensätzliche Beurteilung der Milde Caesars und die damit einhergehende Begriffsproblematik

4 Der Umbruch der Intention Caesars und die Folgen für seine Propaganda

5 Die propagierte Verbindung des Diktators zu römischen Göttern und Heroen

6. Die Legitimation der Diktatur

7. Die Vergöttlichung des Herrschers

8. Caesar zwischen Diktatur und Königtum

9. Caesars Kommunikation über symbolische Restriktionen seiner Macht als Zeichen scheinbarer Integration in den republikanischen Rahmen

10. Der beginnende Konflikt zwischen Intention und Kommunikation

11. Die doppelbödigen Tendenzen in der Kommunikation zwischen Caesar und den republikanischen Institutionen

12. Fazit und Zusammenfassung

13. Literatur - und Quellenverzeichnis
13.1. Literaturverzeichnis
13. 2. Onlineverzeichnis
13. 3. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Siegen im weitesten Sinne des Worts, das konnte er; nicht bloß mit dem Schwert, sondern auch durch die Gewalt der Rede und den Einfluss der gesellschaftlichen Verbindung, durch überlegene Kraft und Verschlagenheit die Menschen einzeln und in der ganzen Masse unter sich beugen, an sich reißen und fesseln, und nach seinen Absichten lenken; und das war sein eigentümliches Talent, worin Caesar vielleicht von keinem andern Staatsmann oder Helden übertroffen worden ist.“1

Seine Kommunikation war jedoch nicht nur verbaler Natur, sondern äußerte sich ebenso in den Ehrungen und Insignien sowie im politischen Handeln des späteren Diktators. Die vorliegende Hausarbeit beleuchtet die verschiedenen Stränge seiner Kommunikation und stellt hierbei Relationen zu den Intentionen des Feldherrn her, wobei mithilfe der somit generierten Ergebnisse der Frage nachgegangen werden soll, ob Caesar bereits mit dem Beginn des Bürgerkriegs das Ziel der Alleinherrschaft anstrebte. Cornelia Till beschreibt in ihrer Monografie „Die republikanischen Grundlagen der Ehrungen und der Selbstdarstellung Caesars“ als Problem der Forschung bezüglich dieser Fragestellung, dass die Beurteilung Caesars bisher von seiner „letztendlich erreichten Position“ ausgehe und ihm ein von „Anfang an geplantes Streben nach Alleinherrschaft altrömischer bzw. hellenistischer Prägung unterstellt2 werden würde, wobei sie mit Gerhard Dobesch und Konrad Kraft zwei Historiker benennt, die jene Unterstellung in ihre Arbeiten aufgenommen haben.3 Das Problem bei Tills eigenem Werk ist allerdings, dass sie aus der ausschließlichen Betrachtung der Ehren keinen eindeutigen Rückschluss auf die Herrschaftsform ziehen kann und die in der Hausarbeit gestellte Frage dabei unbeantwortet lässt. Hierin liegt auch die Begründung für das gewählte Vorgehen in dieser Arbeit, welche Tills Erkenntnisse über die Ehren Caesars mit denen anderer Autoren kombiniert, welche ihren Schwerpunkt in der Betrachtung der Kommunikation auf andere Gegenstände gelegt haben: so geben beispielsweise Florian Ingrisch mit seinem Vergleich zwischen „Sullas ,dictatura reipublicae constituendaei und Caesars ,dictatura rei gerendad“ sowie die Darstellung „Caesar in der öffentlichen Meinung“ von Zvi Yavetz einen Überblick über das politische Handeln Caesars und die daraus resultierende Stimmungslage in der Bevölkerung sowie bei den nobiles. Hierbei kann die Arbeit keinesfalls eine vollständige Abbildung der Gegenstände leisten, vielmehr sollen diese als Grundlage zur Identifikation der großen Leitlinien in Caesars Kommunikation dienen.

Ebenso sollen uns die unterschiedlichen Blickwinkel, welche durch die Betrachtung der verschiedenen Gegenstände ermöglicht werden, dabei helfen, auf die Intentionen Caesars zu schließen, wobei auch hier bereits vorhandene Ansätze, wie sie beispielsweise bei Jehne4 oder Meier5 zu finden sind, diskutiert und mit den Erkenntnissen aus der Kommunikation zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden, welches letztendlich die Klärung unserer Frage erlaubt. Der betrachtete Zeitraum beginnt hierbei mit dem Ultimatum des Senats gegen Caesar und seiner Überschreitung des Rubicon (wobei es zu vereinzelten Rückgriffen auf die Zeit des Triumvirats kommt) und endet mit dem Tod Caesars im Jahre 44 v. Chr., weshalb alle in der Arbeit genannt Jahreszahlen auch als vorchristlich zu verstehen sind. Die Arbeit befasst sich zunächst mit dem von Meier beschriebenen, „neuen Denken“ Caesars, aus dem er im Bürgerkrieg „die Widersprüchlichkeit der damaligen römischen Welt zwischen sich und den Senat“ verlagerte. Hierbei konstruieren wir zwei große Kategorien, eine persönliche und eine gesellschaftlich - politische, in die wir ausgewählte Elemente seiner Propaganda einordnen, um deren Intention so leichter extrahieren zu können. Im Laufe dieser Arbeit werden wir dabei eine zunehmende Relationsdichte zwischen beiden Kategorien verifizieren, welche sich aus der veränderten politischen Situation und folglich der veränderten Kommunikation entwickelt. Hierbei werden wir uns nach dem Bürgerkrieg insbesondere mit solchen Gegenständen beschäftigen, die erst in der Alleinherrschaft ihre Blütezeit (bezogen auf Caesars Propaganda) erlebten. Dabei werden wir feststellen, dass trotz der neuen Gegenstände zur Zeit der Diktatur die wesentlichen Leitintentionen aus dem Bürgerkrieg erhalten bleiben, wobei sich diese unter dem Einfluss politischer Ereignisse ausdifferenzieren. In dem letzten Viertel der Arbeit betrachten wir, ausgehend von dem bis dahin entstandenen Verflechtungsnetz einzelner Propagandalinien, den Konflikt, der sich aus der Unvereinbarkeit einiger Kommunikationsformen mit ihren Intentionen ergibt, wobei dieser nun durch den stärken Ausdruck der Intention nach außen sichtbar wird. Als Ergebnis unserer Fragestellung werden wir schlussendlich die These Jehnes verifizieren können, wonach „Caesar selbst nicht an die Errichtung seiner Alleinherrschaft gedacht zu haben [scheint], als er den Grenzfluss Rubicon überschritt und den Bürgerkrieg eröffnete. Er wurde nicht müde zu betonen, dass er gegen eine kleine Clique von Gegnern zu Felde zog, die mit unlauteren Mitteln den Senat überspielt hatten, sodass ihm die verdiente Anerkennung für seine großen Verdienste versagt werden sollte.“6 Hierbei ergänzen wir jedoch, dass Caesar nach dem Tod des Pompeius die Herrschaft konsequent und dauerhaft für sich beansprucht hat und argumentieren dabei über das Selbstbild Caesars und seine Sicht auf die mit ihm interagierenden Personen, um somit die Intentionen des Diktators zu ermitteln, die zu diesem Wandel führten.

2. Die Kommunikation Caesars während des Bürgerkriegs

Auch wenn Caesar nicht der Erste war, der gegen Rom marschierte, so stellte diese, die Republik gefährdende Intervention noch immer einen schwer zu legitimierenden Tabubruch dar. Daher versuchte der Feldherr die Überschreitung des Rubicon auf mehreren Ebenen zu rechtfertigen, wobei diese im Laufe seiner Propaganda zu einem einheitlichen Konstrukt zusammenwuchsen. Hierbei lassen sich zwei große Kategorien extrahieren, die es nachfolgend zu beleuchten gilt: zum einen haben Caesars Gründe eine persönliche Dimension, welche sich insbesondere aus der Betrachtung seiner selbst und der mit ihm interagierenden Personen ergibt, zum anderen sind sie gesellschaftlich - politisch motiviert.

2. 1. Die persönliche Ebene der optimatischen Intention und ihre Kommunikation über die res publica

Obwohl in den meisten Fällen eine eindeutige Zuordnung in jene Kategorien möglich wäre, ist es hierbei nicht sinnvoll, die Grenzen zwischen beiden allzu scharf zu ziehen, da ihre auslösenden Ereignisse oftmals Relationen zwischen den Gründen schaffen. Ein Beispiel dafür ist das senatus consultimi ultimum vom Januar 49, ein Ultimatum, welches Caesar vor die Wahl stellte, „seine Legionen zu entlassen7 oder zum Staatsfeind 8 erklärt zu werden. Die römische Öffentlichkeit könnte den Beschluss als die Zurechtweisung eines einzelnen Feldherrn, der das Potential hatte, sich als Monarch zu etablieren, durch das höchste Gremium der damit gefährdeten Republik gewertet haben. Caesar hingegen erkannte darin den Versuch seiner optimatischen Widersacher, ihn über den Senat aus dem politischen Leben zu drängen, denn nach Meier „nahm er am Senat vor allem wahr, dass seine Gegner ihn beherrschten.“9 Dass die Dominanz seiner Gegner nicht nur eine subjektive Wahrnehmung Caesars war, sondern in der res publica real existierte, wird an den politischen Handlungen deutlich, welche in Verbindung mit dem Ultimatum stehen. So wurde der Antrag des Volkstribuns

Curio aus dem Jahre 50, in dem vorgeschlagen wurde, dass sowohl Caesar als auch Pompeius „ihre Kommandobefugnis gleichzeitig niederlegen und ihre Armeen damit aufgeben sollten“10, nicht umgesetzt, obwohl er von 370 der 392 Senatoren angenommen wurde.

Ebenso wurde ein weiterer Vorschlag Caesars, nach dem die beiden Mitglieder des Triumvirats ihre Legionen auf ein Restkommando reduziert hätten, infolge der Einflussnahme der Optimaten Lentulus Crus und des jüngeren Cato auf Pompeius fallengelassen.11 Insbesondere aus dem letzten Beispiel wird die wahre Intention der Optimaten ersichtlich, Caesar politisch zu vernichten, denn anderenfalls (d. h. wenn sie ihr öffentlich propagiertes Ziel der Verteidigung der Republik verfolgt hätten) wären sie auf den Vorschlag der Truppenreduzierung auf ein die Republik nicht mehr gefährdendes Niveau zugegangen.

2. 2. Die persönliche Dimension der caesarischen Propaganda und seine Zwangslage infolge des senatus consultimi ultimum

Die hier angestellten Überlegungen über den Zeitraum bis zum Ultimatum zeigen also, dass beide „Lager“ der Nobilität die persönliche Intention des Konflikts inoffiziell erkannten. Während der hohe Kreis der Optimaten jedoch versuchte, durch das Setzen des Ultimatums Caesar öffentlich zur Bedrohung für den Staat zu deklarieren und somit eine gesellschaftlich - politische Dimension in der Kommunikation zu schaffen, behielt Caesar zunächst die persönliche Ebene durch die Thematisierung der dignitas bei. Sein Ansehen war durch das Ultimatum selbst und die damit einhergehende Brandmarkung als machtsüchtiger Feldherr sowie die beiden ihm zugrundeliegenden Optionen beschädigt worden: wäre er auf die Forderung der Optimaten eingegangen, seine Legionen aufzugeben und „ohne ein ihn schützendes Amt nach Rom zurückzukehren [...], damit er vor einem Gericht zur Verantwortung gezogen werden könne12, so wäre dies einer Auslieferung seiner folglich ohnmächtigen Person gegenüber einem Pompeius mit nun hegemonialer Stellung gleichgekommen, der selbst in der Stadt Rom für Caesar nicht nur eine Bedrohung für sein gesellschaftlich - politisches, sondern auch sein physisches Leben darstellte13 14. Andererseits musste er damit rechnen, dass ihm mit der Denunziation als Staatsfeind ein noch größerer Verlust seiner Ehre drohen könnte, da in diesem Fall auch die in Gallien erworbene dignitas beschädigt werden würde. Daneben bestand die Gefahr, dass der Senat gegen die von ihm kontrollierten Legionen und Provinzen intervenieren würde, was eine weitere Schädigung seines Ansehens zur Folge gehabt hätte.

2. 3. Die Schlichtungsversuche des Caesar und des Pompeius als Folge der Trennung zwischen der persönlichen und der gesellschaftlich - politischen Dimension.

Caesar wusste also, dass er in beiden Szenarien viel verlieren würde, sie unterschieden sich jedoch insofern, als dass die Aufgabe der Legionen gleichzeitig die Aufgabe der Handlungsfähigkeit Caesars bedeutete, während die Beibehaltung seines Imperiums immer noch ein selbstbestimmtes Handeln ermöglichte und er sich wahrscheinlich deshalb für diesen Weg entschied. Doch war der Stratege wirklich bereit, einen Bürgerkrieg für die Beibehaltung seiner Handlungsfähigkeit zu riskieren? Vieles deutet darauf hin, dass er das Ausmaß einer solchen Auseinandersetzung so gering wie möglich halten wollte. Nach einer These Raaflaubs „richtete sich Caesars Selbstverteidigung nicht gegen Senat, Volk oder Staat, sondern lediglich gegen diese factio paucornm (in diesem Fall wird damit die bereits erwähnte, die Institutionen dominierende Spitze der Optimaten bezeichnet). Deshalb versuchte Caesar unablässig, Friedensverhandlungen zu eröffnen, um somit, nach Leistung entsprechender Garantien, den Konflikt frühzeitig zu beenden.“15 Tatsächlich wird in Caesars De bello civili eine Verhandlung mit Pompeius über die Beilegung der Krise geschildert, welche gerade ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, da Caesar mit seiner 13. Legion bis nach Ariminum und somit auf italisches Gebiet vorgedrungen war16 und der Senat die caesarfreundlichen Volkstribune Antonius und Cassius nach ihrer Interzession gegen das Ultimatum aus der Stadt vertrieben hatte 17. Vermutlich veranlassten Pompeius jene Ausschweifungen, sich bei Caesar zu entschuldigen18 und sich ihm somit wieder anzunähern. Sein Entgegenkommen verband er jedoch gleichzeitig mit der Forderung an Caesar, den Konflikt „pro sua dignitate“19 nicht eskalieren zu lassen. Hierbei stellt Pompeius jedoch nur das Ansehen Caesars im Zusammenhang mit einer Intervention zur Disposition, wobei er nicht auf die Möglichkeit des Ehrverlusts durch die Aufgabe der Truppen eingeht (obwohl diese Caesar ebenso beschäftigte) oder für diese Option Garantien ausspricht. Trotzdem schuf Pompeius‘ Botschaft die Grundlage für die Verhandlungen, die in den folgenden Kapiteln des De bello civili beschrieben werden. Fraglich ist hierbei, ob überhaupt eine reale Aussicht auf Schlichtung bestand, denn wir haben bereits gesehen, dass es den Optimaten primär um die völlige Entmachtung des Feldherren ging, wobei Jehne eine starke Verbissenheit dieser Gruppe, die nun alles tat, „um diese Gelegenheit nicht ungenutzt zu lassen20, benennt.

Daraus resultiert die Schwierigkeit, dass die Kontaktaufnahme durch Pompeius nur „ad eum privati officii mandata21 erfolgte und somit nicht den offiziellen Charakter einer Verhandlung mit einer Institution der res publica besaß, wobei es höchst fraglich ist, ob der Senat von Anfang an in das Vorhaben involviert wurde. Hierzu tritt die Differenz der Ansichten der beiden Protagonisten über Ämter und dignitas, welche sie während der Verhandlungen nicht überwinden konnten. Jehne beschreibt hierbei treffend die Denkweise des Pompeius, welche noch eher an der republikanischen Ehr - und Ämtertradition und somit auch an ihren temporären Einschränkungen orientiert war: „Warum sollte er, nachdem Caesar neun Jahre in Gallien gewesen war, vorzeitig von seinem Kommando zurücktreten? Er befand sich ja gerade mit Caesar im Wettbewerb um die größere Ehre - warum sollte er dann auf Ehre verzichten, während Caesar nur das tat, was man eigentlich von jedem Statthalter erwarten konnte, dass er nämlich am Ende seiner Amtszeit sein Kommando an den Nachfolger weiterreichte und ohne großes Gezicke nach Rom zurückkehrte.“ Für Caesar waren solche „verfassungsrechtlichen“ Argumentationspunkte (wie nachfolgend gezeigt wird) hingegen unbedeutend, sodass er kein Verständnis für die zeitliche Bindung einer dignitas (und damit eben auch nicht für die Verweigerung des 2. Konsulats durch den Senat) aufbringen konnte. Als Konsequenz daraus bilden die verschiedenen Ansichten auf die gegenseitigen Evaluierungen ihrer Vorschläge ab. So könnte beispielweise Caesars Vorschlag der Truppenreduktion auf beiden Seiten22 ein Gleichgewicht der Ehre zwischen ihm und Pompeius zum Ziel gehabt haben. Was hier in Caesars Augen gerecht erscheint, stellt sich für Pompeius als Benachteiligung dar, weil seine Amtszeit im Gegensatz zu Caesars noch nicht abgelaufen war, und umgekehrt empfand Caesar den Gegenvorschlag des Pompeius als eine „iniqua condicio23. Hieraus lässt sich also Raaflaubs Darstellung verifizieren, nach der Caesar den Konflikt als „Meinungsverschiedenheit unter Bürgern 24 begriff.

2. 4. Die Integration der gesellschaftlich - politischen Dimension in Caesars Propaganda

Auch wenn er wahrscheinlich wirklich in diesem Kontext gedacht haben mag, so bleibt als Fazit, dass man nach den gescheiterten Verhandlungen wissentlich einen Bürgerkrieg aufgrund persönlicher Gepflogenheiten in Kauf nahm. Die somit erreichte Tragweite seines Handelns drängte Caesar zur Einbettung einer scheinbar „prorepublikanischen“ Propaganda in die bislang auf Ehrverletzung basierende Rechtfertigung. Zwar geht Raaflaub von „Traditionen der Rivalität zwischen einzelnen führenden Senatoren und ihren jeweiligen Verbündeten“ aus, welche „Caesars Zeitgenossen vertraut und verständlich25 waren, jedoch stellte dieses Verständnis der Öffentlichkeit keine Legitimation für einen Bürgerkrieg dar. So war nach Bleicken insbesondere die „ländliche Bevölkerung der alten staatlichen Tradition und den aristokratischen Familien durchweg stärker verpflichtet als viele oder gar die meisten der aufgeschlossenen, Neuem zugänglichen und auf materielle Vorteile erpichten Stadtrömer26, wobei es selbst in Rom nicht hinnehmbar gewesen sein sollte, „dass er [Caesar] seine dignitas gegenüber den dignitates aller anderen Nobiles absolut setzte27 und dass dies auch noch auf dem Rücken der Bürger geschah.28 In dem Moment, als die Legitimation des Feldherren durch sein Ansehen an Kraft verlor, gelang es ihm, durch das Schaffen neuer Relationen zwischen seiner Ehre und der Ehre anderer Bevölkerungsgruppen die Wirkung der dignitas wiederherzustellen. So ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass Caesar bei der Ansprache an seine Soldaten den Schwerpunkt auf die Ehrverletzungen sowie die iniurias inimicornm29 setzte, da die Anwesenden vermutlich wussten, dass diese Herabsetzungen ebenso gegen sie selbst als Anhänger ihres Kommandeurs gerichtet waren. Ein Beleg dafür findet sich bei Raaflaub, der von der „Wiedereinbürgerung der vom Senat zu on Staatsfeinden erklärten Soldaten30 als Ziel Caesars spricht. Die Rede ist für die Betrachtung seiner Propaganda deshalb so wichtig, weil in dieser durch die Differenzierung von Kommunikation und Intention die beiden großen Kategorien sichtbar werden. Neben der Enumeration der Ungerechtigkeiten seiner Feinde gegen ihn, welche in der Kommunikation persönlich ist, in der Intention jedoch seine Soldaten implizit einschließt (gesellschaftlich - politische Kategorie), benennt Caesar weiterhin das illegitime Vorgehen des optimatischen Gegners gegen die Organe der res publica, insbesondere gegen die Volkstribune.31 Seine Empörung galt jedoch nicht der Tatsache, dass politische Institutionen übergangen wurden, denn diese spielten in Caesars Augen keine Rolle mehr. Glaubt man Titus Ampius, so soll Caesar sogar einmal gesagt haben: „der Staat sei ein Nichts, nur ein Name ohne Körper und Gestalt.32 Dieser Satz reflektiert die politischen Erfahrungen Caesars während der Zeit des ersten Triumvirats, in der er genau das tat, was er seinen Gegnern nun vorwarf, nämlich die Missachtung republikanischer Organe. So berichtet Jehne, dass der Popular den „Widerstand gegen seine Gesetze [...] mit Gewalt gebrochen“ und selbst „vor der Unverletzlichkeit der Volkstribune, die gegen seinen Antrag von ihrem traditionellen Vetorecht Gebrauch machen wollten33, nicht haltgemacht hätte. Auch Ingrisch spricht von militärischen Drohungen, wobei es Caesar herzlich egal war, ob er nun über den Senat oder die Volksversammlung an sein Ziel gelangte34.Deshalb sah er in den nach Ariminum geflohenen Antonius und Cassius nicht die widerrechtlich verjagten Tribunen, sondern Verbündete, welche durch die optimatische Gegnerschaft von Rom, d. h. von der Ausübung der Macht, ferngehalten wurden, womit letztendlich Caesars Einfluss geschwächt werden sollte. Der Stratege erkannte jedoch auch hier, dass er der Bevölkerung nicht ohne weiteres diese egozentrische Intention präsentieren konnte, und das erst recht nicht in einer Situation, in der sich die Optimaten als vermeintliche Retter der Republik inszenierten. Daher stellte er in seiner Kommunikation die Verletzung der tribunizischen sacrosanctitas sowie der Entscheidungsfreiheit des Senats in den Vordergrund 35, sodass zu diesem Zeitpunkt eine Situation vorliegt, die Meier folgendermaßen beschreibt: „Bei diesen Kräfte - und Meinungsverhältnissen gab es in Wirklichkeit keine Partei der Republik, sondern nur eine, die die Republik auf ihre Fahnen schrieb.“36 Auffällig ist hierbei, dass Meier von „einer“ Partei, das sind in seinen Augen die Optimaten, spricht, die den Bürgerkrieg unter dem Vorwand der Erhaltung der Republik führte, obwohl wir gerade festgestellt haben, dass sich auch Caesar solcher Mittel bediente. Dies könnte u.a. daran liegen, dass Caesar eine Argumentation über die res publica wohl eher als notwendiges Übel betrachtete und sie daher nicht in derselben Konsequenz wie die Optimaten anführte. So betrachtete er sich zwar als „Rächer oder Retter der Freiheit (vindex libertatis)37, jedoch verstand er darunter nicht die Befreiung der res publica, sondern des populus Romanus.38

2. 5. Caesars Anwendungen der Relationen zwischen der persönlichen und der gesellschaftlich - politischen Kategorie in seiner Propaganda

Insofern diente der vordergründige Einsatz für die republikanischen Institutionen womöglich nur der propagandistischen Gleichsetzung der Interessen Caesars mit denen des römischen Volkes, welche von Ingrisch benannt wird39. Nur in diesem Kontext funktioniert, die These Raaflaubs, nach der „Caesar erkannte, wie vorteilhaft es in politischer und propagandistischer Hinsicht war, seine Verteidigung auf die Ebene persönlicher Feindschaften (inimicitiae) zu führen“ und infolgedessen „libertas als Komponente seiner Propaganda“40 fallenzulassen, denn wir haben bereits gesehen, dass „die Ebene persönlicher Feindschaften“ und damit ein Bürgerkrieg zum Schutz der Ehre Caesars als Rechtfertigung alleinstehend nicht tragfähig war. Nur durch die eben dargestellte, vermeintliche Inklusion gesellschaftlich - politischer Interessen in diese Ebene war sie nun als Legitimation brauchbar. Hieraus folgt also, dass libertas als alleinstehende Komponente nur deshalb fallengelassen werden konnte, da sie durch die Gleichsetzung implizit immer noch auf der persönlichen Ebene existierte. Ironischerweise könnte es sogar die libertas in Verbindung mit pax und concordia41 sowie später caduceus42 gewesen sein, welche Caesar auf dem persönlichen Feld der Kommunikation in der Öffentlichkeit Vorteile gegenüber seinen Widersachern brachte. Caesar schaffte es nämlich, die eben genannten Merkmale in der Öffentlichkeit auf seine Person abzubilden, wodurch beim Volk der Eindruck entstehen sollte, dass diese Agenda nur mit einem Sieg des Feldherrn erreicht werden kann. Betrachtet man eine Darstellung Meiers, so scheint ihm der Senat hierbei direkt in die Hände gespielt zu haben.

[...]


1 Schlegel (1796), S. 36.

2 Till (2003), S. 14.

3 Till (2003), S. 11.

4 „Der große Trend, der kleine Sachzwang und das handelnde Individuum: Caesars Entscheidungen".

5 „Caesar".

6 Jehne (2009), S. 94.

7 Will.

8 Ingrisch [2007), S. 93.

9 Meier (1982), S. 76.

10 Jehne (2009), S. 86.

11 Vgl. Jehne (2009), S. 90/91.

12 Ingrisch (2007), S. 93.

13 „Was Caesar die Beendigung seines Kommandos und die Rückkehr ins Privatleben so riskant erschienen ließ, war die Tatsache, dass Pompeius weiterhin Truppen in der Nähe Roms kontrollierte und im Jahre 52 gezeigt hatte, dass mit dem Einsatz solcher Truppen städtische Revolten leicht niederzuhalten und Gerichtsverfahren in seinem Sinne zu beeinflussen waren." Jehne (2009), S. 85.

14 „die Rückkehr nach Rom, das Risiko eines entehrenden Prozesses vor einer mit militärischer Bedeckung abgesicherten Jury, die Verurteilung und das Exil, in dem er ohne Einfluss auf die römische Politik irgendwo im Reich das Leben eines reichen Müßiggängers hätte führen müssen." Jehne (2009), S. 95.

15 Raaflaub (2007), S. 246.

16 „Cognita militum voluntate Ariminum cum ea legione proficiscitur" Caesar, b.c. 1,8; Kraner (1965), S. 67.

171ngrisch (2007), S. 93.

18 „velie Pompeium se Caesaripurgatum" Caesar, b.c. 1,8; Kraner (1965), S. 67.

19 Caesar, b.c. 1,8; Kraner (1965), S. 68.

20 Jehne (2009), S. 86.

21 Caesar, b.c. 1,8; Kraner (1965), S. 67.

22 Caesar, b.c. 1,9; Kraner (1965), S. 68 / 69.

23 Caesar, b.c. 1,11; Kraner (1965), S. 69.

24 Raaflaub (2007), S. 246.

25 Raaflaub (2007), S. 246.

26 Bleicken (1998), S. 100.

27 Bleicken (1998), S. 105.

28 „Grundsätzlich waren eine politische Karriere und die Steigerung der eigenen Macht in der römischen Republik als Ziele von Politikern und als Erfolgskriterium allgemein akzeptiert. Insofern war Caesar ein außergewöhnlich erfolgreicher Politiker. Dass er am Ende den weiten Rahmen des zulässigen politischen Handelns sprengte, zunächst einen Bürgerkrieg eröffnete und dann seine Alleinherrschaft etablierte, kann allerdings nach den zeitgenössischen Kriterien nicht mehr so ohne Weiteres als Erfolg verbucht werden." Jehne (2009), S. 147.

29 Caesar, b.c. 1,7; Kraner (1965), S. 65.

30 Raaflaub (2007), S. 242.

31 Caesar, b.c. 1,7; Kraner (1965), S. 65 - 67.

32 Christ (1979), S. 23.

33 Jehne (2009), S. 88.

34 Vgl. Ingrisch (2007) S. 91.

35 Vgl. Caesar, b.c. 1,7; Kraner (1965), S. 65 - 67.

36 Meier (1982), S. 64.

37 Raaflaub (2007), S. 229.

38 Vgl. Raaflaub (2007), S. 231.

39 Vgl. Ingrisch (2007), S. 94.

40 Raaflaub (2007), S. 248.

41 Till (2003), S. 42.

42 Jehne (1987), S. 173.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Caesar – Zwischen Kommunikation und Intention
Untertitel
Eine Betrachtung der wesentlichen Leitlinien seiner Propaganda im Kontext historischer Entscheidungen und Ereignisse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Autor
Jahr
2012
Seiten
33
Katalognummer
V203103
ISBN (eBook)
9783656290841
ISBN (Buch)
9783656291541
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
caesar, zwischen, kommunikation, intention, eine, betrachtung, leitlinien, propaganda, kontext, entscheidungen, ereignisse
Arbeit zitieren
Kevin Rimek (Autor), 2012, Caesar – Zwischen Kommunikation und Intention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203103

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