Die Willensfreiheit ist die Grundvoraussetzung der praktischen Philosophie: ohne den freien Willen können Handlungen den handelnden Personen nicht zugerechnet werden. Die Moral und das Recht haben in der Willensfreiheit ihre Voraussetzungen. Der freie Wille ist theoretisch nicht beweisbar, vielmehr kann er durch die bloß theoretische Betrachtung nur widerlegt werden, oder aber die Frage nach der Willensfreiheit bleibt unentschieden. Unter einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise kann es nur materialistisch-monistische Widerlegungen der Willensfreiheit geben, die umso einfacher zu leisten sind, je reduktionistischer die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise geführt wird. Die erkenntniskritische Sicht auf den freien Willen kann hingegen nur feststellen, dass dieser, so wie die Existenz Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele, weder zu beweisen noch zu widerlegen ist, da die Frage nach der Willensfreiheit das Erkenntnisvermögen des menschlichen Verstandes überschreitet.
In praktischer Hinsicht muss der freie Wille postuliert werden, damit Menschen als Personen, moralisch und rechtlich zurechnungsfähige Wesen, behandelt werden können, und damit moralphilosophische Wertungen und ethische Urteile einen Sinn ergeben, denn sie beziehen sich auf den Begriff der Person, der ohne die Willensfreiheit ein leerer Begriff wäre.
Hier soll kein weiterer Versuch unternommen werden, den freien Willen zu beweisen. Vielmehr sollen hier die ontologischen Konsequenzen der Willensfreiheit untersucht werden: wie muss eine menschliche Person ontologisch beschaffen sein? Diese Frage ist sinnvoll, da ein freier Wille zur Folge hat, dass etwas Immaterielles - der freie Wille, der sich verpflichtet, sich an moralische Gebote zu halten, - physische Handlungen verursachen können muss. Um dies zu können, muss ein immaterieller Teil des Menschen real existieren, was ontologisch die Existenz der Seele erfordert. Dieser immaterielle Teil muss mit dem materiellen Teil ein einheitliches Ganzes bilden, um ein unteilbares menschliches Individuum zu erzeugen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: der freie Wille
2. Das Wechselspiel von Freiheit und Determinismus
3. Die Person als Einheit von Leib und Seele
4. Schlusswort: Was ist der Mensch?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die ontologischen Voraussetzungen der Willensfreiheit und analysiert, wie das Konzept eines freien Willens mit der materiellen Welt und dem Determinismus vereinbart werden kann. Dabei wird die zentrale Frage erörtert, welche Konsequenzen ein freier Wille für das Verständnis des Menschen als Einheit von Leib und Seele hat.
- Die Vereinbarkeit von Freiheit und Determinismus
- Die ontologische Beschaffenheit der menschlichen Person
- Die Rolle der Vernunft und des moralischen Gesetzes
- Die Einheit von Leib und Seele als Voraussetzung für Handlungsfähigkeit
Auszug aus dem Buch
3. Die Person als Einheit von Leib und Seele
Die Vereinigung von Leib und Seele darf nicht materiell gedacht werden, da dies zu einem unendlichen Regress führen würde. Wir haben die Einheit von Körper und Geist also geistig zu denken, denn die Materie kann problemlos als Gedanke gefasst werden, der Geist kann aber nicht auf Materie reduziert werden. Dennoch muss eine ideelle Vereinigung von Geist und Materie die Letztere nicht gänzlich leugnen, wie etwa der Materialismus den Geist leugnet: Materie und Geist können als in ihrem Wesen absolut verschieden gedacht werden, nur ihre Vereinigung zu einem einheitlichen Ganzen muss eine geistige Struktur aufweisen.
Die Person ist Einzelnes und Ganzes, sie ist der Träger der Verbindung von Leib und Seele. Der Leib ist den Naturgesetzen unterworfene materielle Körper, die Seele ist der Träger des freien Willens. In der Person treffen die durch Sinneseindrücke verursachten Empfindungen und die durch freien Willen geformten Absichten aufeinander. Die Äußerungen des reinen Willens (reine Aktivität) und die Bestimmbarkeit des Empfindungsvermögens durch die Außenwelt (reine Passivität) treffen im menschlichen Gemüt zusammen. Im Gemüt lässt sich für den Alltagsverstand nicht feststellen, welche Gründe hinter einer Absicht oder einer Handlung verborgen sind, d. h. ob der Mensch durch eine bestimmte Handlung aus freiem Willen agiert, oder auf materielle Bedürfnisse reagiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: der freie Wille: Dieses Kapitel führt in die Grundvoraussetzungen der praktischen Philosophie ein und diskutiert die Problematik der Beweisbarkeit des freien Willens.
2. Das Wechselspiel von Freiheit und Determinismus: Hier wird untersucht, wie moralisches Handeln trotz einer deterministischen Außenwelt möglich ist und welche Rolle der freie Wille dabei spielt.
3. Die Person als Einheit von Leib und Seele: Dieses Kapitel befasst sich mit der notwendigen geistigen Verbindung von Körper und Geist sowie der ontologischen Struktur einer Person.
4. Schlusswort: Was ist der Mensch?: Abschließend werden die erarbeiteten Voraussetzungen zur moralischen Zurechnungsfähigkeit zusammengefasst und das Menschenbild reflektiert.
Schlüsselwörter
Willensfreiheit, Ontologie, Determinismus, Praktische Philosophie, Leib-Seele-Einheit, Vernunft, Moral, Kausalität, Person, Subjektivität, Transzendentaler Idealismus, Handlungsfähigkeit, Materie, Geist
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ontologischen Fundierung der Willensfreiheit und der Frage, unter welchen Bedingungen der Mensch als moralisch zurechnungsfähiges Wesen betrachtet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die philosophische Analyse des freien Willens, das Verhältnis zwischen Determinismus und Freiheit sowie die notwendige Einheit von Körper und Geist innerhalb der menschlichen Person.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die ontologischen Voraussetzungen aufzuzeigen, die einen freien Willen überhaupt erst möglich machen, ohne dabei in einen physikalistischen Reduktionismus zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine systematische, philosophische Untersuchung, die sich primär auf die kritische Auseinandersetzung mit Erkenntnissen aus der praktischen Philosophie, insbesondere im kantischen Sinne, stützt.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Spannung zwischen Naturgesetz und Willensakt sowie auf die komplexe Verbindung von Leib und Seele, die die Identität einer Person konstituiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Willensfreiheit, Ontologie, Determinismus, Leib-Seele-Einheit, Vernunft und moralische Zurechnungsfähigkeit.
Wie wird das Verhältnis von Leib und Seele innerhalb der Person begründet?
Der Autor argumentiert, dass eine rein materielle Verbindung zu einem unendlichen Regress führen würde; daher müsse die Einheit von Leib und Seele ideell bzw. geistig gedacht werden.
Warum reicht laut dem Autor die bloße Selbstreflexivität nicht aus, um eine Person zu definieren?
Da auch künstliche Systeme (wie ein Putzroboter) oder Tiere ein gewisses Maß an Selbstbezug aufweisen können, ist für die Personwerdung zusätzlich die moralische Zurechnungsfähigkeit in einer zeitlich-logischen Kontinuität erforderlich.
- Citation du texte
- B. A. Konstantin Karatajew (Auteur), 2012, Ontologische Voraussetzungen der Willensfreiheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203113