Teenagermütter: Wenn die Aufgaben des Jugendalters mit den Aufgaben und Anforderungen einer Mutterschaft kollidieren


Bachelorarbeit, 2012

63 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Schwangerschaft in der Adoleszenz
2.1. Daten/ Zahlen und Fakten
2.2. Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche Minderjähriger

3. Die Jugendphase
3.1. Begriffserklärung Jugend /Adoleszenz / Pubertät
3.2. Identität in der Jugend
3.3. Entwicklungsaufgaben der Jugend
3.4. Lebensweltlicher Kontext von Jugendlichen
3.4.1. Eltern
3.4.2. Peer Group
3.4.3. Schule und Beruf

4. Die Mutterschaft
4.1. Begriffserklärung – Mutterschaft
4.2. Identität als Mutter
4.3. Entwicklungsaufgaben des Erwachsenenalters
4.4. Veränderungen der Lebenswelt durch die Mutterschaft

5. Mutterschaft in der Adoleszenz - eine komplexe Lebenssituation

6. Professionelle Unterstützungen und Hilfen
6.1. Sozialpädagogische Hilfen
6.1.1. Ausgewählte Hilfen nach dem SGB VIII
6.1.2. Beispiel Mutter- Kind– Einrichtung
6.2. Ausgewählte Leistungen nach dem SGB II
6.3. Grundlegende rechtliche Ansprüche

7. Schlussbetrachtung

8. Abbildungsverzeichnis

9. Tabellenverzeichnis

10. Literaturverzeichnis & Quellenverzeichnis

„Ein Sprung in ein neues Leben“

(Beck-Gernsheim, 1989, S. 11f. Zitiert in Schmidt, 2009, S. 114

1. Vorwort

„Jedes Jahr werden in der Bundesrepublik Deutschland rund 20 000 Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren schwanger!“ (Straube, 2008, S. 1).

Die meisten Schwangerschaften im Jugendalter sind ungewollt und verändern die Lebenssituation der werdenden Mütter enorm. Vom Teenager, der sich in der Jugend versucht von seinen Eltern loszulösen, zur hilfebedürftigen jungen Mutter, die auf Unterstützung und Hilfe angewiesen ist, um diese „diffizile Phase ihres Lebens“ (Straube, 2008, S. 1) zu bewältigen, ist eine enorme Herausforderung. (vgl. Straube, 2008, S. 1). Zudem ist das Bild der Gesellschaft von einer Teenager -Schwangerschaft bzw. Mutterschaft von vielen Vorurteilen belastet, die die Situation nicht erleichtert. (vgl. ebd.). Das liegt zum Teil daran, dass das junge Alter in einem „Widerspruch zur gesellschaftlichen Vorstellung von Mündigkeit und Selbständigkeit“ steht (Straube, 2008, S. 1). Minderjährige Mütter sind auch ein immer wieder aufgegriffenes Thema in Boulevardmagazinen wie auch in Soaps und füllen hin und wieder die Seiten von der Bildzeitung (vgl. Kölbl, 2007, S. 15). Jedoch wurden bislang nur sehr wenige wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema „adoleszente Schwanger-Mutterschaft“ durchgeführt (vgl. Friedrich, Remberg, Geserick, 2005, S. 22). Somit bekam das Thema bisher einen geringen Stellenwert.

Teenager und gleichzeitig Mutter sein – dies sind zwei Lebenslagen, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten. Darüber hinaus birgt die Jugend verschiedene Entwicklungsaufgaben, die beim Eintritt einer frühen Schwanger-Mutterschaft noch nicht bewältigt sind und somit ein großes Risiko für die Entwicklung des Jugendlichen sind. Dies birgt auch ein Risiko für die Entwicklung des neugeborenen Kindes.

Die frühe Mutterschaft ist ein radikaler Bruch, Gewohnheiten und Lebensformen die bislang selbstverständlich und vertraut waren, verändern sich vom einen auf den anderen Tag. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass eine Mutterschaft in der Adoleszenz eine große Veränderung der Lebenswelt mit sich bringt (vgl. Friedrich, Remberg, Geserick , 2005, S. 114).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld Jugend und Mutterschaft – mit den Veränderungen der Lebenssituation von früher Schwanger-Mutterschaft. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Herausarbeitung der Veränderungen durch die Mutterschaft in der Adoleszenz, wenn Entwicklungsaufgaben des Jugendalters mit den Anforderungen und Aufgaben der Mutterschaft kollidieren und mit welchen professionellen Hilfen minderjährigen Schwangeren und Müttern geholfen werden kann.

Um einen Einstieg in die Thematik zu erhalten, werden zu Beginn der Arbeit Daten, Zahlen und Fakten zu minderjährigen Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüchen in der Bundesrepublik Deutschland dargestellt. Um zu verstehen was es heißt im Jungendalter Mutter zu werden, wird die Jugend näher betrachtet. Die Erarbeitung einer eigenen Identität spielt in der Jugendphase eine große Rolle. Der Jugendliche[1] muss herausfinden wer er ist, was ihn ausmacht, was er werden will und was er dafür tun muss. Des Weiteren werden bestimmte Entwicklungsaufgaben, die in der Jugend bewältigt werden sollten um den Aufgaben und Anforderungen des Erwachsenenalters gerecht zu werden und den Schritt ins Erwachsenenleben erfolgreich zu bestreiten, erläutert. Die Lebenswelt des Jugendlichen ist auch von großer Relevanz und Bedeutung für die Entwicklung, da sie einen großen Einfluss auf den Heranwachsenden ausübt. Somit wird die Familie, die Peer Group und die Sozialisationsinstanz Schule aus der Lebenswelt des Jugendlichen näher betrachtet. Um den Lebensabschnitt der Jugend mit der der Mutterschaft zu vergleichen, wird die Mutterschaft näher beleuchtet. Hier ist die Identifikation mit der Mutterrolle ebenso relevant, wie die Entwicklungsaufgaben des Erwachsenenalters, in der die Mutterschaft gesellschaftlich angesetzt ist. Darüber hinaus verändert sich die bisher erlebte Lebenswelt durch die Geburt des ersten Kindes. Infolgedessen wird ein Blick auf die Veränderungen der Lebenssituation durch eine Mutterschaft geworfen, mit ihren neuen Aufgaben und Anforderungen. Eine Mutterschaft ist eine große Herausforderung im Erwachsenenalter, im Jugendalter wird es zu einer noch komplexeren Anforderungssituation, die ein minderjähriges Mädchen schnell an den Rand ihrer Belastbarkeit führen kann.

Wenn somit eine Mutterschaft mit ihren Aufgaben und Anforderungen mit dem Jugendalter und seinen Entwicklungsaufgaben kollidiert, birgt dies eine neue komplexe Anforderungssituation und viele Veränderungen für eine Minderjährige. Somit werden die Entwicklungsaufgaben der Jugend und die Aufgaben und Anforderungen der Mutterschaft mit ihren Lebenswelten, Eltern, Peer Group und Schule/Beruf gegenübergestellt, um die damit verbundenen Veränderungen zu verdeutlichen. Der neuen komplexen Situation entsprechend sind viele junge Mütter auf Hilfe angewiesen. Demzufolge werden zum Ende der Arbeit pädagogische Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten aufgezeigt, wie auch rechtliche Ansprüche, die jungen Müttern helfen sollen, die neuen Anforderungen und Aufgaben der Mutterschaft im Jugendalter zu bewältigen.

2. Schwangerschaft in der Adoleszenz

Im Folgenden Kapitel werden Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche Minderjähriger dargestellt.

2.1. Daten/ Zahlen und Fakten

Die Erfassung der folgenden Schwangerschaften minderjähriger Frauen erfolgt über die Schwangerschaftsabbruchstatistik und Geburtenstatistik des Statistischen Bundesamtes. Allerdings werden keine statistischen Daten bzw. Zahlen von Schwangerschaften erhoben, lediglich die Zahl der Lebendgeburten und die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche werden festgehalten (vgl. Schmidt, 2009, S. 18). Zudem werden nicht alle Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland von den Ärzten vermerkt, dies resultiert daraus, dass nicht alle Ärzte der Meldepflicht nachkommen (vgl. Kölbl, 2007, S. 59).

Es entsteht meist der Eindruck in den öffentlichen Medien, dass Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche minderjähriger Frauen in den letzten Jahren zugenommen hätten (vgl. Schmidt, 2009, S. 18). Aufgrund dessen wird im Folgenden Kapitel dieser These nachgegangen.

2.2. Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche Minderjähriger

Die folgende Abbildung macht deutlich, dass die absolute Zahl der Geburten von Frauen unter 18 Jahren von 1996 bis 2006 nur wenig schwankt. Im Gegensatz zu den Geburten stiegen die Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche zwischen 1996 bis 2001 deutlich an. Nach 2002 ging die Anzahl der Schwangerschaften und der Abbrüche hingegen wieder zurück (vgl. Schmidt, 2009, S. 18).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1Schwangerschften[2], Geburten und Schwangerschaftsabbrüche von Frauen unter 18 Jahren, 1996-2006, Häufigkeit in absoluten Zahlen

(Statistisches Bundesamt in Schmidt, 2009, S. 19).

Nach der Statistik wurden 2006 rund 11.000 minderjährige Mädchen schwanger und 60% der Schwangerschaften wurden durch einen Schwangerschaftsabbruch beendet. Allerdings werden keine Statistiken erhoben, die die Zahl der Schwangerschaften umfasst, die mit einer Fehlgeburt endeten. Es wird bei 15 % aller Schwangerschaften der Minderjährigen geschätzt, dass diese eine Fehlgeburt zur Folge hatten. Somit würde die Zahl von minderjährigen Schwangerschaften von 11.000 auf 12.500 ansteigen (vgl. ebd.). Jedoch muss berücksichtigt werden, dass absolute Zahlen „ kein gutes Maß für zeitliche Trends [sind], da sie eventuelle Schwankungen in der Größe der Alterskohorten nicht berücksichtigen“ (Schmidt, 2009, S. 18). Dies bedeutet, dass es durch den Anstieg an Jugendlichen im Jahre X zu mehr Registrierungen von minderjährigen Schwangeren kommen kann, als im Jahre Y. Folglich wurde dies aussagen, dass die Anzahl der Schwangerschaften bei Minderjährigen ansteigen. Aufgrund der angestiegenen Population der Jugendlichen, gleichen sich die Werte der gemeldeten Schwangerschaften allerdings wieder aus. Demzufolge erscheinen Raten[3] als die angemessenere Variante für zeitliche Trends. Bei Raten werden die Zahlen von Schwangerschaften, Schwangerschaftsabbrüchen und Geburten per 1.000 Frauen beschrieben (vgl. Schmidt, 2009, S.18 f.). Aufgrund der angestiegenen Jugendpopulation sind die absoluten Zahlen gestiegen, wobei die Raten weniger gestiegen sind beziehungsweise gleich geblieben sind.

Die folgende Abbildung 3 macht deutlich, dass die Raten bei Schwangerschaften Minderjähriger in den letzten vier Jahren gleich geblieben sind und teilwiese auch rückläufig sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Schwangerschaften, Geburten, Schwangerschaftsabbrüche von 15- 17-jährigen Frauen, 1996-2006 (Raten per 1.000 Frauen)

(Statistisches Bundesamt in Schmidt, 2009, S. 20).

Somit werden von 1.000 Frauen im Alter von 15- 17 Jahren, sieben bis acht Frauen im Jahr schwanger - acht bis neun Frauen, wenn die Zahl der Fehlgeburten mit einberechnet wird. Für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden sich rund 4 von 1.000 Frauen. Für ein Kind und somit für die Geburt entscheiden sich drei von 1.000 Frauen im Alter von 15- 17 Jahren. Nach den Statistiken des Bundesamtes wurden 2006 rund 2,4 % der Frauen vor ihrem 18. Geburtstag schwanger und 1,4 % vollzogen einen Schwangerschaftsabbruch. Auf den ersten Blick erscheinen diese Werte als niedrig, dennoch dürfen diese Ergebnisse nicht außer Acht gelassen werden. (vgl. Schmidt, 2009, S. 19 f.).

Somit kann mit diesen Statistiken widerlegt werden, dass die Zahl der minderjährigen Schwangeren in Deutschland zugenommen hat. Denn wenn wir die Population der Jugendlichen mit den angestiegenen Schwangerschaften vergleichen, kommen wir auf den selben Wert. Damit soll nicht gesagt werden, dass das Phänomen der frühen Mutterschaft eine zu Unrecht gewertete Aufmerksamkeit in unseren Medien und somit in unserer Gesellschaft erhält. Ganz im Gegenteil: Minderjährige Schwangere und Mütter müssen eine hohe Aufmerksamkeit und die damit verbundenen professionelle Unterstützungen und Hilfen in einer solch komplexen Lebenssituation in unserer Gesellschaft erhalten, die zum Ende dieser wissenschaftlichen Arbeit noch definiert werden. Vorab wird nun die prägende Phase der Jugend erläutert, um zu verstehen warum die Mutterschaft in dieser Zeit eine große Herausforderung und eine enorme Belastung ist.

3. Die Jugendphase

Junger Teenager sein und gleichzeitig Mutter werden. Zwei Lebenslagen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit diesem Spannungsfeld, Mutterschaft in der Adoleszenz, beschäftigt sich die vorliegende Bachelorarbeit. Dementsprechend ist es sinnvoll die Jugendphase des Jugendlichen mit seiner Identität und seinen Entwicklungsaufgaben, sowie mit seiner Lebenswelt, näher zu betrachten, um sie anschließend der Mutterschaft gegenüber stellen zu können, um diese komplexe Lebenssituation analysieren zu können.

3.1. Begriffserklärung Jugend /Adoleszenz / Pubertät

„Das Jugendalter ist in biologischer, physiologischer, psychischer, intellektueller und sozialer Hinsicht geprägt von Veränderungen und neuen Erfahrungen, die sowohl positiv als auch problematisch erlebt werden können“ (Kölbl, 2007, S. 20). In diesem Lebensabschnitt kommt es öfters zu Auseinandersetzungen, sprich zu Konflikten, zwischen dem Jugendlichen und seiner Familie, sowie zwischen Freunden und dem sozialen Umfeld. Während der Begriff „Adoleszenz“ das Heranwachsen bzw. das Aufwachsen beschreibt, beschreibt der Begriff der „Pubertät“ die biologischen, also die körperlichen, Veränderungen des Körpers des Jugendlichen. Mit dem Begriff des Jugendalters ist die Zeit des Erwachsen- Werdens gemeint, dass von vielen Veränderungen geprägt ist (vgl. Kölbl, 2007, S. 20). Somit werden die Begriffe Jugend, Pubertät und Adoleszenz je nach Wissenschaftsdisziplin unterschiedlich verwendet, jedoch als ein Phänomen dieses Lebensabschnittes gesehen. Darüber hinaus herrscht keine einheitliche Übereinstimmung in Bezug auf die zeitliche Abgrenzung des Jugendalters (vgl. Göppel, 2005, S. 3-5 & Kölbl, 2007, S. 20). Nach Hurrelmann[4] beginnt die Jugend mit Ende der Kindheit und der damit verbundenen beginnenden Geschlechtsreife zwischen 12 und 14 Jahren. Das Ende der Jugend und der Beginn des Erwachsenenalters einzugrenzen gestaltet sich nach Hurrelmann als schwieriger (vgl. Hurrelmann, 1997, S. 49 ff. in Kölbl, 2007, S. 20 f.). Jedoch herrscht Einigkeit „hinsichtlich des Phänomens, dass die körperliche Entwicklung des Jugendlichen heute viel früher einsetzt und Jugendliche anderseits mit einer verlängerten Übergangsphase in das Erwachsenenalter konfrontiert sind“ (Kölbl, 2007, S. 21). Diese Veränderung macht Hurrelmann (2012) mit einer Abbildung deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Strukturierung von Lebensphasen zu vier historischen Zeitpunkten

(Hurrelmann, 2012, S. 17)

Hurrelmann macht mit seiner Abbildung deutlich, dass im Jahre 1990 der Lebenslauf eine übersichtliche Struktur hatte. Es gab also nur zwei Phasen, zum einem das Kindheitsalter zum anderen das Erwachsenenalter. 1950 differenzierte sich die Jugendphase aus und somit ließ sich zwischen Kindheit und Jugend unterscheiden. Zudem kam die Seniorenphase hinzu, die sich somit vom Erwachsenenalter unterscheiden ließ. Die Jugendphase und die Seniorenphase waren historisch betrachtet neu. Um das Jahr 2000 gewann das Jugendalter und Seniorenalter mehr Zeit. Jedoch bekamen das Kindheitsalter und das Erwachsenenalter weniger Jahre zugeschrieben. Somit ist das Erwachsenenalter ab dem Jahre 2000 nicht mehr der Mittelpunkt in der Biografie, sondern nur einer von vielen. Das Seniorenalter erhielt zeitgleich eine enorme Stärkung im Lebenslauf. Die Prognose für 2050 wäre nach Hurrelmann eine weitergehende Ausdehnung der Jugendphase und der Seniorenphase, infolgedessen aber auch eine Verkürzung des Erwachsenenalters. Darüber hinaus könnte es zum Ende des Lebenslaufes zu einer weiteren Lebensphase kommen, nämlich zu der des „Hohes Alters“ (Hurrelmann, 2012, S. 16 f.). Hurrelmann zeigt somit deutlich, dass die Jugendphase immer früher einsetzt und somit die Kindheit verkürzt. Obendrein dehnt sich die Jugendphase immer weiter aus und das Erwachsenenalter trifft somit später ein. Demzufolge ist es schwierig zu definieren, in welchem Alter die Jugend beginnt und im welchem sie endet.

Rechtlich gesehen ist nach §7 Abs. (1) 2 SGB VIII der Kinder und Jugendhilfe (Begriffsbestimmungen) „Jugendlicher, wer 14 Jahre, aber noch nicht 18 Jahre ist“ (Gesetzte für die Soziale Arbeit, 2011, S. 1773). Somit tritt die Volljährigkeit mit dem 18. Lebensjahr ein, die mit der Mündigkeit auch eine neue Rechtslage für den jungen Erwachsenen mit sich bringt. Der Jugendliche wird ehemündig, geschäftsfähig, wahlberechtigt und kann seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen. Die Fürsorgepflicht der Eltern ist somit rechtlich aufgelöst und der junge Erwachsene ist für sich selbst verantwortlich (vgl. Straube, 2008, S. 3).

Die Adoleszenz kann nach Mietzel[5] in mehreren Phasen unterteilt werden. Die frühe Adoleszenz beginnt mit den Anzeichen von körperlicher geschlechtsreifer Entwicklung bis hin zum 13. Lebensjahr. In dieser Phase verändert sich auch die Beziehung des Jugendlichen zu seinen Eltern und seiner Peer Group[6]. Die späte Adoleszenz beginnt somit mit Ende der frühen Adoleszenz ab dem 14. Lebensjahr und endet mit der Volljährigkeit, sprich mit dem 18. Lebensjahr, wo der Jugendliche zu einem Heranwachsenden wird. In dieser Phase nimmt das Streben nach Unabhängigkeit zu und der Jugendliche wird mehr und mehr eigenständig. Der nun Heranwachsende braucht einen sogenannten Alterszeitraum, der es ihm ermöglicht sich auf das Leben eines Erwachsenen vorzubereiten. Dieser Abschnitt wird als Postadoleszenz bezeichnet (vgl. Kölbl, 2007, S. 21 & vgl. Straube, 2008, S. 3 f.). Zwischen früher und später Adoleszenz unterscheidet auch Osthoff[7], allerdings sieht er die frühe Adoleszenz im Alter von 11- 15 Jahren und die später Adoleszenz im Alter von 15 bis 18 Jahren. Desweitern teilt Schäfers[8] die Jugendphase ganz anders ein (vgl. Kölbl, 2007, S. 21).

„die 13- 18 jährigen (“pubertäre Phase“): Jugendliche im engeren Sinne;
die 18- 21 jährigen (“nachpubertäre Phase“): die jugendlichen Heranwachsenden;
die 21- 25 jährigen (“Nachjugendphase“): die jungen Erwachsenen, die aber ihrem sozialen Status und ihrem Verhalten nach, noch als Jugendliche anzusehen sind“
(Schäfers, 1985, S. 12 zitiert in Hurrelmann, 1997, S. 50 zitiert in Kölbl, 2007, S. 21- 22.).

Göppel wiederum formuliert eine pragmatische Abgrenzung. Wenn er von Jugendlichen spricht, bezieht er sich auf die Altersgruppe der 13- 18 Jährigen. Zudem unterscheidet er zwischen der Phase der Pubertät, die für ihn im Alter von 13 bis 15 Jahren stattfindet und körperliche Veränderungen mit sich bringt und der Phase der Adoleszenz, die im Alter von 16 bis 18 Jahren stattfindet und „[…] innerseelischen Konflikte und Auseinandersetzungen […]“ mit sich bringt (vgl. Göppel, 2005, S. 3- 5). In dieser Phase verändert sich nach Göppel nicht nur der Körper des Jugendlichen, sondern auch seine Verhaltensweisen verändern sich und es entstehen Konflikte mit den Erziehungsberechtigten. Des Weiteren modifiziert sich der Umgang mit der Peer Group und eine gewisse Verweigerungseinstellung gegenüber der Instanz Schule entsteht.

Bis der Heranwachsende jedoch den Status eines Erwachsenen erreicht hat, durchläuft er die Adoleszenz auf verschiedenen Ebenen (vgl. Straube, 2008, S. 4).

Biologische- körperliche Ebene

Zum Einen die “biologische- körperliche Ebene“, in der der Jugendliche seinen eigenen Körper wahrnimmt und akzeptiert, wie er sich mit seinem eigenen Geschlecht identifiziert und in der Lage ist, eine sexuelle Beziehung mit einem anderen Menschen einzugehen (vgl. ebd.).

Sozial- familiäre Ebene

Zum Anderen die “sozial- familiäre Ebene“, in der die eigene Selbstständigkeit entwickelt wird und somit auch die Ablösung des Elternhauses gelingt. Des Weiteren wird die Bindung zur Peer Group verstärkt und als eine Quelle des eigenen Selbstbewusstseins genutzt.

Gesellschaftliche ökonomische Ebene

Die letzte Ebene ist die “gesellschaftliche ökonomische Ebene“. In dieser Zeit muss der Jugendliche eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangen, zum Beispiel durch eine Berufsausbildung und eine darauffolgende Arbeitstätigkeit. Zugleich soll er seine eigene Position in der Gesellschaft finden (vgl. ebd.).

Wenn auf allen drei Ebenen ein Standpunkt gefunden wird und zudem eine eigene Identität erlangt wurde, ist die Erwachsenenphase erreicht. Die Identitätsfindung ist in der Jugendphase von großer Relevanz, da sie eng mit der Persönlichkeitsentwicklung zusammenhängt. Dies ist ein Prozess, der sich von mehreren Faktoren beeinflussen lässt. Die äußeren Einflussfaktoren wie die Familie, die Peer Group, die Schule und die Medien beeinflussen das Individuum und umgekehrt. Die Einflussfaktoren haben eine große Bedeutung zur Herausbildung der Persönlichkeit und des sogenannten eigenen „Ichs“ des Jugendlichen. Der Jugendliche kann seinen eigenen Standpunkt im Leben nur mit diesen genannten Impulsen finden (vgl. ebd.). Somit ist die Identitätsfindung ein relevantes bzw. zentrales Thema der Jugendphase und wird im nächsten Kapitel näher beleuchtet.

3.2. Identität in der Jugend

„Von Identität kann gesprochen werden, wenn ein junger Mensch über verschiedene Handlungssituationen und über unterschiedliche lebensgeschichtliche Einzelschritte der Entwicklung hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens wahrt“ (Hurrelmann, 2012, S. 33).

Der Jugendliche muss hierbei in der Lage sein, sich selbst zu reflektieren, sich selbst wahrzunehmen und sich selbst bewerten zu können (vgl. Hurrelmann, 2012, S. 33). Für den Jugendlichen ist es von großer Bedeutung herauszufinden, was ihn ausmacht und wer er ist. Er muss seine eigene Persönlichkeit definieren können. Somit drehen sich in der Jugend die Gedanken des Jugendlichen meist um ihn selbst. Er stellt „seine Gefühle, Gedanken und Ideen in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit“ (Kölbl, 2007, S. 30). Nach Hurrelmann ist Identität „das Erleben des Sich-Selbst-Gleichsinns“ (Hurrelmann, 2012, S. 33). Dies bedeutet, dass der Jugendliche sich selbst als identisch ansehen muss, um handlungsfähig zu werden (vgl. Hurrelmann, 2012, S. 33). Jedoch können nach der Suche nach der eigenen Identität auch große Verunsicherungen auftreten. Den Jugendlichen können Selbstzweifel, Orientierungslosigkeit, Überforderungen Empfindlichkeit oder auch Verletzbarkeit einholen (vgl. Kölbl, S. 30).

Nach Erikson[9] und seiner psychodynamischen Theorie kann Identität sich erst aufbauen, wenn sich im Laufe der Jugendphase individuelle Vorrausetzungen gebildet haben. Das bedeutet, dass wenn der Jugendliche eine bestimmte „Abfolge von psychosozialen Krisen“ durchläuft, mit der Bewältigung dieser Krisen bestimmte Persönlichkeitsstrukturen entstehen, die eine „stabile Basis für die Entwicklung von Identität sind“ (Hurrelmann, 2012, S. 33). Im Jugendalter entsteht dieser Prozess immer bewusster. Infolgedessen beschäftigt sich der Jugendliche mit der Zeit immer bewusster mit seiner eigenen Identität, denn (vgl. Kölbl, 2007, S. 31)

„Ein gefestigtes Identitätsgefühl ist der wichtigste Grundstock für eine seelisch gesunde Entwicklung im Erwachsenenalter“ (Becker, 1982, S. 72 zitiert nach Kölbl, 2007, S. 31).

Demzufolge muss der Jugendliche nach Erikson seine eigene Ich- Identität finden. Er muss herausfinden: Wer bin ich überhaupt? Was kann ich? Was hebt mich von anderen ab? Wer will ich werden? Was für Interessen habe ich? Genau in dieser Zeit, der intensiven Beschäftigung des Jugendlichen mit sich selbst, entstehen Identitätskrisen, da der junge Mensch anfängt an sich selbst zu zweifeln. Allerdings sieht Erikson die Krise in der Adoleszenz als eine Krise, die sich über das ganze Leben des Menschen zieht und nie richtig abgeschlossen werden kann. Des Weiteren bezeichnet er die Phase der Jugend als ein “psychosoziales Moratorium“. Hierbei handelt es sich um eine Zeit, in der der Jugendliche von der Gesellschaft einen Aufschub bekommt und somit Verpflichtungen und Verantwortung aufschiebt. Diese Zeit ermöglicht ihm, sich auf seine Aufgaben und Pflichten in der Erwachsenenwelt vorzubereiten und dadurch noch an Reife zugewinnen (Kölbl, 2007, S. 31).

Vier verschiedene Typen von Identität entwickelte ein Schüler Eriksons, namens James Marcia[10]. Die folgende Abbildung 4 zeigt diese vier Typen von Identität.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Vier Typen der Identität nach Marcia

(vgl. Göppel, 2005, S. 239 & vgl. Kölbl, 2007, S. 32)

Jugendliche im diffusen Identitäts- Stadium haben bislang noch keine konkreten Ziele für ihren schulischen bzw. beruflichen Werdegang erarbeitet. Zudem haben sie sich noch nicht mit ihren eigenen Werten oder Beziehungen zu anderen Menschen näher beschäftigt bzw. haben sich bislang nicht festgelegt. Diese Jugendlichen sind meist in der frühen Adoleszenz anzutreffen. Diesen Zustand zu überwinden ist jedoch von großer Relevanz. Nur mit der Überwindung des diffusen Stadiums kann zu einer eigenen Identität gefunden werden. Somit muss der Jugendliche seine Identitätskrise mit seinen Zweifel an sich selbst und seinen Ängsten überwinden. Da sich allerdings einige Jugendliche mit dieser Überwindung sehr schwer tun, überspringen sie die Zeit des Moratoriums und legen sich fest. Sie übernehmen daher die bereits bekannten Werte, Normen und auch Ziele der Eltern oder anderen Vorbildern (vgl. Kölbl, 2007, S. 32). Diese Jugendlichen verpassen demzufolge höchstwahrscheinlich „das Spektrum ihrer Persönlichkeit und Individualität in ihrer ganzen Breite und Vielfalt zu entdecken“ (Kölbl, 2007, S. 32). Daraus resultiert, dass das Stadium des Moratoriums eine ideale Phase für den Jugendlichen ist. In dieser Zeit des Moratoriums kann der junge Mensch sich ausprobieren, fragen, experimentieren und sich selbst finden. In dieser Phase sammelt der Jugendliche verschiedenste Erfahrungen und kann sich somit zum Ende auf eine bestimmte Rolle und auf bestimmte Werte und Normen festsetzen, die er sich selbst erarbeitet hat und dementsprechend seine eigene Identität geschaffen hat (vgl. Göppel 2005, S. 239 f. & vgl. Kölbl, 2007, S. 37).

„Identität kann als zentrale Thema des Jugendalters angesehen werden … Nun ist Persönlichkeitsentwicklung und –bildung ein Prozess, der im Spannungsfeld von individuellen Anlagen und Umwelteinflüssen, zwischen innerer Realität wie z.B. Körperkonstitution, Temperament, und äußerer Realität wie z.B. Schule, Arbeit, Medien, Peergroup verläuft. Bei diesem Wechselspiel, dass das sich im Jugendalter besonders zugespitzt, geht es um Individualität und soziale Integration zugleich“ (Wanzeck- Sielert, 2002, S. 27 zitiert in Friedrich, Remberg, Geserick,, 2005, S. 18).

Insofern kann gesagt werden, dass die Bildung einer Identität in der Jugendphase eine sehr wichtige Rolle in der Entwicklung des Jugendlichen einnimmt. Darüber hinaus zählt die Identitätsfindung zu einen der Entwicklungsaufgaben in der Jugend. Das heißt, dass in der Jugend bestimmte Entwicklungsaufgaben bewältigt werden müssen, um den Status eines Erwachsenen zu erreichen. Welche Entwicklungsaufgaben bewältigt werden müssen, wird im Folgenden betrachtet.

[...]


[1] In dieser Arbeit werde ich auf eine „weibliche Grammatik“ aus Gründen des besseren Leseflusses verzichten. Jedoch sind auch weibliche Personen bei einer „männlichen“ Bezeichnung gemeint.

[2] „Schwangerschaften= Geburten plus Abbrüche. Geburten nach der Geburtsjahrmethode. Über Fehlgeburten liegen keine Daten vor „(Statistisches Bundesamt in Schmidt, 2009, S. 19).

[3] Raten- prozentuale Anteile, bzw. Quoten

[4] Klaus Hurrelmann (* 1944 ), ein deutscher Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler

[5] Gerd Mietzel (* 1936 ), ein deutscher Psychologe und Autor

[6] Peer Group (eng.), meint die Gruppe der Gleichaltrigen

[7] Karl Osthoff, Dipl. – Pädagoge und Autor

[8] Kornelia Schäfer, Mitglied im Verein zur beruflichen Förderung von Frauen e.V.

[9] Erik Homburger Erikson, * 1902, † 1994, ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker und Vertreter der psychoanalytischen Ich-Psychologie. Bekannt wurde er durch das von ihm entwickelte Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung.

[10] James Marcia- ehemaliger Schüler von Erikson und Gründer der Vier Typen von Identitäten

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Details

Titel
Teenagermütter: Wenn die Aufgaben des Jugendalters mit den Aufgaben und Anforderungen einer Mutterschaft kollidieren
Hochschule
Hochschule Emden/Leer
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
63
Katalognummer
V203177
ISBN (eBook)
9783656312024
ISBN (Buch)
9783656312352
Dateigröße
883 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwangerschaft, Mutterschaft, Adoleszenz, Jugend, Entwicklungsaufgaben
Arbeit zitieren
Nicole Biegala (Autor), 2012, Teenagermütter: Wenn die Aufgaben des Jugendalters mit den Aufgaben und Anforderungen einer Mutterschaft kollidieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203177

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