Berufswahl von Schülern und Studenten im Kontext mangelnder Informiertheit und geringer Motivation


Bachelorarbeit, 2012
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Theoretisch-Methodische Ebene
2.1.Der Übergang von Hauptschule/Realschule auf eine „höher“ bildende Schule
2.2.Ein wichtiger Lebensschritt
2.3.Wert der Bildung
2.4.Die Grundstrukturen des Bildungssystems in der Bundesrepublik Deutschland

3. Unterschiedliche Erwartungen bezüglich der Durchsetzung auf dem Arbeitsmarkt
3.1.Lerntheoretische Berufswahltheorie
3.2.RIASEC-Modell nach John L. Holland
3.3.Vergleich der Berufswahltheorien
3.4.Informiertheit als Grundprinzip der Berufswahl

4. Informationen zur Berufswahl
4.1.Bundesagentur für Arbeit - Bildungsinformationszentrum (BIZ)
4.2.Bundesagentur für Arbeit - individuelle Einzelberatung
4.3.Schullaufbahnberatung
4.4.Psychologische Beratung

5. Berufswahlunterricht als eigenes Unterrichtsfach

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Seit geraumer Zeit steigt die Zahl der verschiedenen Schularten mit verschiedenen fachlichen Abzweigungen und unterschiedlichen beruflichen Fachrichtungen. Früher wurde die Auswahl der geeigneten höher bildenden Schule den intellektuellen Eigenschaften und anderen Fertigkeiten des jeweiligen Schülers angepasst. Die im Allgemeinen höher begabten Schüler gingen aufs Gymnasium, die anderen, weniger begabten Schüler oder diejenigen die zu große Anforderungen meiden wollten, wählten eine Ausbildung.

Heute ist der Trend abweichend. Die Höherqualifizierung steht im Vordergrund, wodurch sich der allgemeine Konkurrenz- und Leistungsdruck für den Einzelnen enorm steigert (vgl.: Hurrelmann 1988: S.5). Jeder fähige Schüler versucht, eine höhere Schulbildung zu erreichen, die ihm bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschaffen könnte (vgl.: Ulich 1998: S.377). Die aktuelle Tendenz zeigt, dass die Abiturientenquote steigt, wobei die niedrigeren Abschlussformen zunehmend weniger vertreten sind.

Die Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt sind mit nur schwer vorhersagbaren Entwicklungen verbunden, was für alle Qualifikationsgruppen gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt. Alle stehen vor der Entscheidung einer Berufs- oder Studienwahl, aufgrund der Entscheidungsvielfalt birgt diese Wahl stets Risiken, wie die unzureichende Rationalität oder eine fehlerhafte Entscheidung bei der Auswahl eines Berufes oder eines Studienfaches. Treten diese Fälle ein, kommt es wiederum zu Brüchen in der Bildungsbiographie des Einzelnen, was zu Unsicherheit seitens der Individuen führt.

Um solcher Unsicherheit effektiv entgegenwirken zu können, ist ein hohes Maß an Informiertheit über Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten und deren genaue Rahmenbedingungen von großer Bedeutung. Es gilt zu wissen, welcher inhaltliche Fokus, welche fachlichen Anforderungen oder berufliche Aufstiegsmöglichkeiten und letztlich welche Aussichten mit dem angestrebten Beruf oder Studienfach auf dem Arbeitsmarkt verbunden sind (vgl.: Heine/Spangenberg/Willich 2007: S.1).

Die erfolgreiche Berufswahl stellt eine Weichenstellung im Leben der jungen Menschen dar und prägt die Entwicklung entscheidend mit. Sie wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus, bestimmt diese auf längere Sicht maßgeblich mit und kann als die „Gelenkstelle des Lebenslaufs“ (Fend 2003: S.377) betrachtet werden. Somit sollte die Berufswahl Ergebnis eines langjährigen Entscheidungsprozesses sein, welcher die Motivation der einzelnen Kandidaten voraussetzt.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Berufswahl von Schülern und Studenten im Kontext mangelnder Informiertheit seitens der Interessenten selbst, aber auch seitens der Familien und Schulen. Eigenes Desinteresse und mangelnde Motivation berauben junge Menschen oft um die Gelegenheit einer angemessenen Entscheidung.

Das erste Kapitel dieser Ausarbeitung untersucht auf der theoretisch-methodischen Ebene zunächst die Berufswahl auf ihre Wichtigkeit sowie verschiedene Probleme, die mit diesem Sachverhalt zusammenhängen. Die Selektion aufgrund sozialer Herkunft spielt in diesem Kontext eine entscheidende Rolle, die in diesem Zusammenhang verdeutlicht werden soll. Auch die Berufswahlreife findet in diesem Kontext Erwähnung. Weiterhin werden der Wert der Bildung in unserer Gesellschaft analysiert und unterschiedliche Faktoren, die die Berufswahl bestimmen, thematisiert. Als Abschluss des ersten Kapitels werden die Grundstrukturen des Bildungssystems in der Bundesrepublik Deutschland skizziert, um sich der Komplexität der Bildungslandschaft anzunähern.

Im zweiten Kapitel wird auf den Arbeitsmarkt, dessen Bestimmungsfaktoren und Entwicklungen eingegangen. Desweiteren werden zwei Berufswahltheorien vorgestellt und miteinander verglichen. Dabei erfolgen eine Untersuchung beider Theorien hinsichtlich ihrer Ganzheitlichkeit und eine kritische Auseinandersetzung. Das Ende des zweiten Kapitels bildet der Diskurs über das Grundprinzip der Berufswahl. Es wird die mangelnde Informiertheit der bei der Berufswahl Beteiligten aufgegriffen und diskutiert, wobei Konsequenzen für die Beratungsmöglichkeiten gezogen werden.

Im dritten Kapitel werden die Beratungsmöglichkeiten präsentiert und kritisch beleuchtet. Es soll anhand empirischer Befunde die Zufriedenheit und Beteiligung der Berufssuchenden bei verschiedenen Beratungsstellen dargelegt werden. Daraus resultieren Schlussfolgerungen, die in Zukunft für die Beratungs- und Informationsbeschaffung im Hinblick auf die Berufswahl entscheidend sein werden.

Im Folgenden findet ein Exkurs über das Thema des Berufswahlunterrichts als eigenständiges Unterrichtsfach statt, es soll dessen Bedeutung und Stellenwert bei der Auseinandersetzung von Schülern mit ihrer Berufswahl herausgearbeitet werden.

Den Abschluss dieser wissenschaftlichen Ausarbeitung bildet eine Schlussfolgerung mit einer Stellungnahme und weiterführenden Denkanstößen.

2. Theoretisch-Methodische Ebene

2.1.Der Übergang von Hauptschule/Realschule auf eine „höher“ bildende Schule

Jeder Schüler steht zum Ende seiner Schulzeit vor einer wichtigen Entscheidung: Was nun? Möchte ich einen höheren Schulabschluss erlangen oder lieber in das Berufsleben einsteigen? Soll ich das Abitur machen und wenn ja, welche Richtung (allgemein, besondere Fachrichtung)? Welches Studienfach soll ich wählen oder entscheide ich mich für eine Ausbildung? Die Frage nach dem geeigneten Beruf beschäftigt Schüler und auch ihre Eltern. Die Komplexität der heutigen Zeit erschwert zusätzlich diesen ohnehin problematischen Orientierungsprozess (vgl.: Oram 2007: S.15). Obwohl die erste Entscheidung für einen Ausbildungsberuf oder ein Studienfach nur die erste Schwelle darstellt, die zu korrigieren im Nachhinein im Falle einer Fehlentscheidung möglich ist, hat sie für den Einzelnen als die primäre Berufsentscheidung eine große individuelle Bedeutung (vgl.: Busshoff 1984: S.56). In Anlehnung an Beck und Witwer bezeichnet Oram: „die Studien- und Berufswahl auf jeden Fall als eine der nachhaltigsten biographischen Entscheidungen“ (Oram 2007: S.15). Die Berufswahl kann als ein Prozess verstanden werden. Dieser wird im nächsten Kapitel näher erläuert.

Die Schule übernimmt in dem Berufsentscheidungsprozess von Schülern wichtige Funktionen. Zum einen fungiert sie als Vermittlungs- und Bildungsinstitution sowie als Kommunikationsraum (vgl.: Struwe 2010: S.44ff, 52ff). Aufgrund der Knappheit von Lehrstellen, die seit 1973 wegen dem „Ölpreisshock“ (ebd.: S.46) herrscht und die damit gestiegenen Erwartungen an den Einzelnen im Hinblick auf seine Fähigkeiten und seine Selbstständigkeit, den persönlichen beruflichen Weg eigenverantwortlich und ohne Rückgriff auf bekannte Muster beschreiten zu können, wurden die Maßnahmen von Schulen im Berufsorientierungsprozess erweitert (vgl.: ebd.: S.47). Eine Kooperation zwischen Schule und Berufsberatung wird entsprechend gesichert; ein Beispiel wäre die Schulbesprechung, die circa zwei Jahre vor dem Schulabschluss stattfindet und den Berufsorientierungsprozess, in Form einer Gruppenveranstaltung, in der Schule durch die Berufsberatung einleitet. Die Schule soll, in der Praxis teilweise in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit, fundamentale Kenntnisse über die Wirtschaft und Arbeitswelt vermitteln. Unter anderem sollen Kenntnisse sowie Fähigkeiten, Interessen aber auch Selbstbewusstsein, die wichtige Faktoren für eine Entwicklung der Berufswahlreife in der Schule darstellen, im Rahmen ihrer Funktion als Kommunikations- und Interaktionsraum den Schülern vermittelt werden (vgl.: ebd.: S.44f.), worauf im nächsten Kapitel ausführlicher eingegangen wird. Desweiteren ist es der Schule aufgetragen, Prinzipien der Berufsfindung den Heranwachsenden zu vermitteln sowie Vorstellungen und Einblicke in die Berufswelt zu geben, z.B. durch Praktika oder betriebliche Informationen (vgl.: ebd.: S.47). An dieser Stelle ist festzuhalten, dass die Einführung von Schülern in die Berufs- und Arbeitsweltthematik bei allen Schulformen für die Sekundarstufe I gesetzlich vorgeschrieben ist, jedoch ohne konkretes einheitliches Konzept zur Umsetzung solcher Maßnahmen in den Lehrplänen. Was die Unterstützung bei der Berufswahlreife in Gymnasien angeht, wird in der bildungspolitischen Diskussion weitgehend die Meinung vertreten, dass diese ohnehin „bildungsprivilegierte Gruppe angeblich keiner Förderung bedarf“ (vgl.: Hany/Driesel-Lange 2006: S.521), hinzu kommt die Volljährigkeit der Absolventen. In diesem Zusammenhang verweisen Hany und DrieselLange skeptisch auf die hohe Zahl von Studienabbrechern.

Gerade in der Berufswahlthematik stellen Eltern eine wichtige Größe dar. Sie gelten als die Sozialisations- und Beratungsinstanz (vgl.: Struwe 2010: S.26ff, 37ff). Zum einen nimmt die soziale Familienlage einen wichtigen Einfluss auf die Jugendlichen, zum anderen bewerten Heranwachsende Begleitung, Unterstützung sowie die Ratschläge ihrer familiären Umgebung als sehr prägend bei ihrer Berufsentscheidung (vgl.: Beinke 2002: S.191). Das Bildungssystem steht seit geraumer Zeit unter Kritik, im Wesentlichen auch wegen seiner Dreigliederung (Hauptschule, Realschule, Gymnasium), der heutige Trend zur Höherqualifizierung wurde bereits in der vorliegenden Einleitung angesprochen. Dieser Trend zeigt zwar deutlich, dass höhere Abschlüsse zur Norm werden, allerdings bestehen in den Voraussetzungen der Schüler, diesen zu erreichen, gravierende Unterschiede. Die soziale Position der Familien ist der ausschlaggebende Punkt dieser Unterschiede. In Anlehnung an Klemm/Rolff (1988) und Bofinger (1982) konstatiert Ulich (1998) diese Ungleichheit folgendermaßen: „Nach dem Mikrozensus von 1985 gehen von den 13- bis 14-jährigen Arbeiterkindern 11% in ein Gymnasium und 59% in die Hauptschule, währendes bei den Beamtenkindern 51% bzw. 18% in diesen Schularten sind … [außerdem] durch die Selektion innerhalb des Gymnasiums vergrößern sich die Unterschiede zwischen beiden Gruppen bis zur 11.Klasse noch zusätzlich“ (S.377). Natürlich hängt der jeweilige Bildungsabschluss stark mit der Berufswahl zusammen, da es einerseits immer mehr qualifizierte Arbeitskräfte gibt, während nicht mehr entsprechende Arbeitsplätze entstanden sind. Diese Tatsache erhöht den Druck und den Rivalitätsgedanken unter den Absolventen aller Schulformen um einen Arbeitsplatz (vgl.: ebd.: S.378f.). Einer aktuellen Untersuchung zufolge stufen die meisten Eltern den Berufsorientierungs- und Entscheidungsprozess als wichtig ein und sie besuchten bereits mit ihrem Sohn/Tochter das Berufsinformationszentrum, um sich Informationen und Rat einzuholen (vgl.: Beinke 2002: S.168f).

Die freie Wahl eines Berufes wird in Artikel 12 des Grundgesetzes rechtlich gesichert. Dieses Gesetz ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass eine freie Berufswahl unmöglich erscheint aufgrund der vielfältigen Anzahl an Berufen, ohne ausreichendes Informationsmaterial betreffend der Thematik. Es ist für die Berufswählenden unerlässlich, die Berufe und die damit zusammenhängenden Tätigkeiten und Anforderungsprofile zu kennen (vgl.: Beinke 1999: S.48f.). Es werden jedoch immer wieder kritische Stimmen laut, ob es sich bei der Berufswahl tatsächlich um eine freie Entscheidung, bzw. Wahl handelt (vgl.: Oram 2007/ Beinke 1999). Angesichts der Tatsache, dass bestimmte Berufe nur mit einem bestimmten Bildungsabschluss zugänglich werden und der oben beschriebenen Selektion aufgrund sozialer Herkunft, sind der Wahl, einen bestimmten Beruf zu erlernen oder ein Studium zu absolvieren, Grenzen gesetzt, die in diesem Prozess mit bedacht werden müssen.

Aus subjektiver Schülerperspektive bestehen verschiedene Schwierigkeiten, die die Berufswahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusätzlich erschweren. Das am häufigsten genannte Problem stellt die nur schwer einzuschätzende Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt dar, ebenso wie Qualifikationen und Kompetenzen, die in der Zukunft von Bedeutung sein werden. Weiterhin herrschen Unsicherheiten über die eigenen Interessen und Eignungen sowie damit verbundene Fähigkeiten (vgl.: Heine/Willich/Schneider 2010: S.25f.). Aufgrund der von Wieland und Prager durchgeführten Studie konstatiert Beinke, dass über die Hälfte der Heranwachsenden im Alter zwischen 14 - 20 Jahren pessimistisch ihre berufliche Zukunft einschätzen. Grund dafür sind die schlechten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt und die knappe Anzahl an Ausbildungsplätzen. Diese Sorgen beklagen Hauptschüler häufiger als Realschüler (vgl.: Beinke 2008: S.39).

2.2.Ein wichtiger Lebensschritt

Vertreter der entwicklungspsychologischen Perspektive, gehen davon aus, dass Individuen in den verschiedenen Phasen, die sie in ihrem Leben durchlaufen, spezifische Aufgaben und Schwierigkeiten bewältigen müssen. Savickas (2002) formuliert verschiedene Phasen in der Laufbahnentwicklung, den für die Berufswahl relevanten Zeitraum bezeichnet er als die Explorationsphase (14 - 24 Jahre). Hierin liegt die berufliche Entwicklung als Aufgabe des Individuums. Die Heranwachsenden sollen „den Weg von ihren beruflichen Wünschen und Tagträumen zu einer konkreten Stelle in der Arbeitswelt finden“: (Blickle 2008: S.195). Die Explorationsphase wird durch drei Faktoren bestimmt: Kristallisationsaufgabe, Spezifikationsaufgabe, Aktualisierungsaufgabe (vgl.: ebd.). Bei der Kristallisationsaufgabe geht es darum, die eigenen Fähigkeiten zu erproben, um zu reflektieren, welche beruflichen Tätigkeiten für das Individuum interessant sein könnten, darüber hinaus gilt es, die persönlichen Schwächen und Stärken zu erkennen. Von Bedeutung sind auch individuelle Werte bezüglich des künftigen Berufes, z.B. Einkommen und Sicherheit des Arbeitsplatzes. Auf dieser Basis soll ein persönliches Selbstkonzept herausgearbeitet werden. Darauf folgt das Sammeln von Informationen über die in Frage kommenden beruflichen Felder. Nach dem erfolgreichen Sammeln kann eine Art Landkarte der Arbeitswelt erstellt werden. „Aus dem Vergleich von Selbstkonzept und individueller kognitiver Berufslandkarte sollen sich vorläufige Präferenzen für bestimmte Berufsfelder ergeben“ (ebd.). Danach liegt die Spezifikationsaufgabe darin, aus den relevanten Tätigkeiten diejenige auszusuchen, die die größte Priorität für das Individuum erlangt. Folglich beinhaltet die Aktualisierungsaufgabe die Ergreifung von Maßnahmen, um die Wunschtätigkeit ausüben zu können.

Überdies benennt Savickas (2002) drei Arten des Umgang mit der phasenspezifischen Aufgabe: Erstens „informationsorientierte“ Art, zweitens die „normorientierte“ Art und drittens die „vermeidende“ (ebd.) Art. Alle drei Umgangstypen zeichnen unterschiedliche Verhaltungsweisen bezüglich der Berufsorientierung aus (vgl. ebd.: 195f.). Bei der informationsorientierten Art sucht das Individuum engagiert und selbstständig und zeigt sich dabei höchst lösungsorientiert. Der normorientierte Umgang zeichnet sich durch sehr hohe Beachtung von Regeln, Maßstäben und Vorstellungen individuell relevanter Personen aus. Dieser Typ ist stark an die eigene Familie gebunden. Der dritte, vermeidende Umgang, zeigt sich zurückhaltend gegenüber beruflichen Entschlüssen, zudem wird diesem Typ das Fehlen von positiven Rollenmustern diagnostiziert. Sein Handeln gilt als emotions- statt lösungsorientiert.

Wie im vorigen Kapitel bereits erwähnt liegt der schulische Fokus unter anderem darin, den Schülern Unterstützung bei der Entwicklung der Berufswahlreife zu bieten. Folgend dem Muster der Laufbahnentwicklung von Savickas besitzen Berufswählende, die sich des informationsorientierten Umgangs bedienen, eine hoch entwickelte Berufswahlreife (vgl.: ebd.: S.196). Dieser Begriff wird in der neueren Literatur durch die „Berufswahlkompetenz“ ersetzt, um den biologischen Entwicklungshintergrund auszublenden und mehr auf den Erwerb dieser Fähigkeit zu verweisen (vgl.: Nieskens 2009: S.29).

Ratschinski (2006) definiert den Begriff der Berufswahlkompetenz folgendermaßen: „Gemeint ist nicht ein Zustand, sondern eine aus dem Verhalten in Situation und im Kontext erschlossene Adaptivität an Umweltereignisse. Die berufsbezogene Adaptivität enthält sowohl motivationale als auch Leistungsdispositionen. Es ist nicht nur die Fähigkeit, die mit der Berufswahl verbundenen Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, sondern auch die empfundene und erklärte Zuständigkeit für die Aufgaben. Berufswahlkompetenzen variieren mit wichtigen Einstellungen zu Aspekten der Person- und der Umweltgegebenheiten. Kompetenzerwartungen bzw. Selbstwirksamkeitsüberzeugungen regulieren die Ausdauer und Intensität des beruflichen Explorationsverhaltens und tragen damit wesentlich zur erfolgreichen Bewältigung der wichtigsten Entwicklungsaufgabe im Jugendalter bei“ (zitiert nach: Nieskens 2009: S.29).

Aus pädagogischer Sicht sehen Hany und Driesel-Lange (2006), in Anlehnung an die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitsgeberverbände, die Berufswahlreife als Informationskompetenz und die Fähigkeit zur Selbstbeurteilung, die es für Heranwachsende zu erwerben gilt, um eine kompetente Berufsentscheidung treffen zu können (S.520). Im Zuge dessen ist es in dieser Zeit von großer Bedeutung, dass die heranwachsenden Berufswählenden pädagogische Unterstützung und Begleitung erhalten (BIBB 2005). Die Berufsorientierung Jugendlicher wird als eine „pädagogisch motivierte Aufgabe“ (ebd.: S.518) betrachtet, deren Hauptaugenmerk darin liegt, Hilfestellung bei den phasenspezifischen Herausforderungen zu gewährleisten.

2.3.Wert der Bildung

Der Begriff der Bildung wird in der heutigen Gesellschaft selbstverständlich gebraucht, ohne zu hinterfragen, was mit diesem genau gemeint ist. Eine einheitliche Definition erweist sich als äußerst schwierig, auch nach langen Recherchen. Es gibt demzufolge keine einheitliche Definition des Bildungsbegriffs (vgl.: Graichen 2002: S.16). In unserer Gesellschaft gilt derjenige als gebildet, der in der Lage ist, das angeeignete Wissen, über das er verfügt, auch anzuwenden und sich selbst zu verwirklichen (vgl.: ebd.: S.16f).

Bildung kann als ein Zusammenspiel von Erfahrungen, Wissen und Kenntnissen bezeichnet werden, welche Individuen nicht nur während der Schul- oder Studienzeit erlangen, sondern auch darüber hinaus in ihrem alltäglichen Leben. Der Bildungsprozess vollzieht sich das ganze Leben lang. Die Qualität und das Maß von Bildung sind von verschiedenen Faktoren abhängig. Sie werden beeinflusst durch die Charaktereigenschaften, Intelligenz, Fertigkeiten aber auch durch Gelegenheiten, die ein Mensch in seinem Leben hat. (vgl.: Busshoff 1984: S.23). Kinder, junge Menschen und Erwachsene sind bestrebt, aufgrund ihrer Bildung eine vorteilhafte Position innerhalb der Gesellschaft zu erlangen. Es geht also darum, einen guten und geeigneten Beruf zu bekommen, mit dem oft das Erlangen von Respekt, sozialem Prestige und persönlicher Ehre eng zusammenhängt. Er bestimmt den künftigen „Status, Lebensstandard und Lebensstil“ von Individuen in beachtlicher Weise (Beinke 1999: S.56). Bildung gilt als der „Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe und selbstbestimmtes Handeln“, so der Bildungs-Slogan auf der Homepage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (10.02.2012).

In der heutigen Wissensgesellschaft ist es von größtem Nutzen, sich immer wieder neues Wissen anzueignen, um in dem ständigen Veränderungsprozess auf neue Anforderungen flexibel reagieren zu können. Gerade für die nachwachsende Generation ist es unabdingbar, sich ständig neues Wissen anzueignen, die PISA-Studien verdeutlicht Defizite in der Bildung Jugendlicher (vgl.: BMBF 2007: S.16). „In der Wissensgesellschaft (…) ist Wissen die wichtigste gesellschaftliche Ressource und wird zu einem zentralen Faktor in sämtlichen gesellschaftlichen Handlungsbereichen“ (Bildung und Beruf Buch online S.18), dies gilt im Besonderen auch für die Arbeitswelt. Das Bildungssystem erhält somit eine wesentliche Rolle, die Aneignung und Umgang mit Wissen der Heranwachsenden zu begleiten, ermöglichen und unterstützen. An dieser Stelle kann die Vorstellung verworfen werden, dass für den Erstberuf angeeignetes Wissen, was verschiedene Kompetenzen mit einschließt, für die komplette Berufsbiographie ausreicht (vgl.: ebd.: S. 19). Das ständige Neulernen, also ein lebenslanger Lern- und Aneignungsprozess, steht im Vordergrund. Wie bereits in Kapitel 2.1 erwähnt, hängt der erreichte Bildungsabschluss stark mit den Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zusammen. So stehen den Jugendlichen mit einem höheren Abschluss mehr Berufsmöglichkeiten zu Verfügung, als denen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss.

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Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Berufswahl von Schülern und Studenten im Kontext mangelnder Informiertheit und geringer Motivation
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
37
Katalognummer
V203471
ISBN (eBook)
9783656300137
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
berufswahl, schülern, studenten, kontext, informiertheit, motivation
Arbeit zitieren
Pavlina P. (Autor), 2012, Berufswahl von Schülern und Studenten im Kontext mangelnder Informiertheit und geringer Motivation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203471

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