John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit - Die Konzeption des Urzustandes und die Herleitung der Gerechtigkeitsgrundsätze


Hausarbeit, 2012

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die zentralen Gedanken der Rawlschen Gerechtigkeitstheorie
1. Der Begriff der Gerechtigkeit
2. Gerechtigkeit als Fairness

III. Die Konzeption des Urzustandes
1. Objektive und subjektive Umstände
2. Formale Bedingungen für die Grundsätze
2.1. Allgemeinheit
2.2. Unbeschränkte Anwendbarkeit
2.3. Öffentlichkeit
2.4. Rangordnung
2.5. Endgültigkeit
3. Kenntnisse der Menschen
3.1. Der Schleier des Nichtwissens
3.2. Allgemeines Wissen von sozialen und wirtschaftlichen Prozessen
4. Beweggründe und Vernünftigkeit der Menschen
4.1. Schwache Theorie des Guten
4.2. Gegenseitiges Desininteresse
4.3. Gerechtigkeitssinn

IV. Die Argumentation im Urzustand
1. Das Entscheidungsproblem
2. Argumente für die beiden Gerechtigkeitsgrundsätze
2.1. Die Maximin-Regel
2.2. Argument der Vertragstreue
2.3. Argument der Selbstachtung

V. Kritische Würdigung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die von John Rawls in seinem 1971 erschienenen Werk „A Theory of Justice“ präsentierte Gerechtigkeitstheorie schließt an die Tradition der Vertragstheorien von Locke, Rousseau und Kant an. Sie versucht aber diese herkömmlichen Vertragstheorien zu verallgemeinern und auf eine höhere Abstraktionsstufe zu heben.[1]

Es handelt sich bei Rawls Gerechtigkeitstheorie um ein Gedankenexperiment: Die Vertragspartner werden in einen fiktiven Urzustand versetzt, in dem sie gemeinsam über die Gerechtigkeitsgrundsätze entscheiden, die der Gesellschaftsordnung zugrunde liegen sollen.

Ich werde mich in der vorliegenden Arbeit mit der Konzeption des Urzustandes beschäftigen und herausarbeiten, welche bestimmten Bedingungen er nach Rawls erfüllen muss. Anschließend werde ich darstellen, wie aus dem Urzustand die Gerechtigkeitsgrundsätze hergeleitet werden.

Zunächst sollen aber knapp die zentralen Gedanken der Rawlschen Gerechtigkeitstheorie dargelegt werden. Hierbei scheint es vor allem wichtig, den Rawlschen Gerechtigkeitsbegriff zu definieren, da dies für eine korrekte Darlegung unentbehrlich erscheint und zudem einführenden Charakter hat.

II. Die zentralen Gedanken der Rawlschen Gerechtigkeitstheorie

1. Der Begriff der Gerechtigkeit

Gegenstand der Rawlschen Gerechtigkeitstheorie ist nicht die Gerechtigkeit von Individuen oder einzelnen Handlungen, sondern es geht um die Grundstruktur der Gesellschaft. Als Gesellschaft wird dabei ein System der Zusammenarbeit verstanden, das die Interessen jedes einzelnen Mitglieds befördern soll.

Die Rawlsche Gerechtigkeitstheorie konzentriert sich demnach „[…] auf fundamentale Beurteilungskriterien für […] soziale Institutionen.“[2]

Für Rawls bildet Gerechtigkeit die Grundlage jeder Gesellschaft, sie stellt die erste Tugend sozialer Institutionen dar und den höchsten Wert nach dem bestehende soziale Institutionen bewertet werden müssen.[3] Es gehören zwar auch Stabilität, Koordination und Effizienz zu einer Gesellschaft, aber Gerechtigkeit hat absolute Priorität, das heißt „wie effizient und stabilisierend […] Institutionen auch immer sein mögen - wenn sie ungerecht sind, müssen sie […] auf jeden Fall verändert werden.“[4]

2. Gerechtigkeit als Fairness

Die Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness geht nun von der Voraussetzung aus, dass „[…] alle Menschen gleiche Grundrechte haben und daß keine soziale [Institution] als gerecht bezeichnet werden kann, in der diese Rechte bei einigen verletzt oder beeinträchtigt werden […].“[5] Um also eine gerechte Grundstruktur der Gesellschaft herzustellen, sollen Grundsätze festgelegt werden.

Als gerecht beurteilt Rawls nun solche Grundsätze, die die Menschen in einer fairen Entscheidungssituation wählen würden:

„[…] Grundsätze, die freie und vernünftige Menschen in ihrem eigenen Interesse in einer anfänglichen Situation der Gleichheit zur Bestimmung der Grundverhältnisse ihrer Verbindung annehmen würden.“[6]

Nach diesen gewählten Gerechtigkeitsgrundsätzen soll dann alles Andere, wie die Grundrechte und -pflichten und die Verteilung der gesellschaftlichen Güter, bestimmt werden.

Diese Entscheidungssituation der Freiheit und Gleichheit, in der sich die Menschen auf die Gerechtigkeitsgrundsätze einigen, bezeichnet Rawls als Urzustand.

Der Urzustand ist somit eine theoretische, fiktive Konstruktion und bezeichnet keinen historische, sondern eine hypothetische Situation, die man sich unabhängig von jeder empirischen Gesellschaft zu jeder Zeit als reines Gedankenexperiment vorstellen kann.

III. Die Konzeption des Urzustandes

Der Urzustand, als die faire Entscheidungssituation, gewährleistet, dass die in ihm gewählten Gerechtigkeitsgrundsätze fair sind. Dafür muss er besonders bestimmt sein. Gerade die ungewöhnlichen Bedingungen sind für den Urzustand konstitutiv und sollen „[…] die Fairneß und damit die normative Relevanz der Entscheidung im Urzustand garantieren […].“[7]

Wie der Urzustand also genau konzipiert ist und welche Bedingungen er erfüllen muss, wird im Folgenden dargestellt.

1. Objektive und subjektive Umstände

Der Urzustand ist zunächst grundlegend durch bestimmte Umstände definiert, zum Einen durch objektive und zum Anderen durch subjektive.

Zu den objektiven Umständen gehört, dass es mehrere Individuen geben muss, die zur selben Zeit auf einem bestimmten Raum leben. Die Individuen müssen dabei in ihren natürlichen und sozialen Ressourcen so begrenzt sein, dass eine Zusammenarbeit nicht überflüssig ist.

Zu den subjektiven Umständen gehört, dass die Individuen Lebenspläne haben, die unterschiedliche Ziele und Zwecke beinhalten. Dabei ist vor allem entscheidend, dass die unterschiedlichen Lebenspläne zur Folge haben, dass es konkurrierende Ansprüche auf die natürlichen und sozialen Ressourcen gibt.

2. Formale Bedingungen für die Grundsätze

Die im Urzustand zu wählenden Gerechtigkeitsgrundsätze müssen gewissen formalen Bedingungen genügen, die im Folgenden näher erläutert werden.

2.1. Allgemeinheit

Die Grundsätze müssen ihrer Form nach allgemein sein, das heißt „[…] man muß sie ohne das formulieren können, was man intuitiv als Eigennamen ansehen würde, und ohne verkappte bestimmte Beschreibungen.“[8] Sie sollen für alle Zeit Gültigkeit besitzen und den Menschen in jeder Generation verständlich sein.

[...]


[1] vgl. Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a.M. 1975. S. 27.

[2] Höffe, Otfried: Kritische Einführung in Rawls Theorie der Gerechtigkeit. In: Höffe, Otfried (Hrsg.): Über John Rawls Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a.M. 1977. S. 11.

[3] vgl. Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. S. 19.

[4] Höffe, Otfried: Kritische Einführung in Rawls Theorie der Gerechtigkeit. S. 14.

[5] Ballestrem, Karl G.: Methodologische Probleme in Rawls Theorie der Gerechtigkeit. In: Höffe, Otfried (Hrsg.): Über John Rawls Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a.M. 1977. S. 123.

[6] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. S. 28.

[7] Ballestrem, Karl G.: Methodologische Probleme in Rawls Theorie der Gerechtigkeit. S. 123.

[8] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. S. 154.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit - Die Konzeption des Urzustandes und die Herleitung der Gerechtigkeitsgrundsätze
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Verteilungsgerechtigkeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V203528
ISBN (eBook)
9783656301950
ISBN (Buch)
9783656303145
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerechtigkeitstheorie;, John Rawls;, Grundsätze der Gerechtigkeit;, Urzustand;, Gedankenexperiment;
Arbeit zitieren
Tatjana Stuhlmann (Autor), 2012, John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit - Die Konzeption des Urzustandes und die Herleitung der Gerechtigkeitsgrundsätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203528

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