Das (neuerliche) Scheitern des Dichters Lenz

Zur Frage der Gattung bei Gert Hoffmann


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINFÜHRUNG

2. DIE NOVELLE - UNTERSUCHUNGSPARAMETER
2.1 Zur Renaissance der Novelle am Ende der 1970er Jahre
2.2 Das Scheitern des Protagonisten als Gattungsspezifikum
2.3 Vergleichbarkeit mit Büchners ›Lenz‹

3. DAS (NEUERLICHE) SCHEITERN DES DICHTERS LENZ
3.1 Die Steigerung des Scheiterns
3.2 Der Höhepunkt des Scheiterns

4. ›LENZ‹ IM SPIEGEL DES GATTUNGSSPEZIFIKUMS

1 Einführung

Aber das ist ja... Unerhört! Aber das ist ja unerhört! Aber da macht das Puderhaar des Sohns ja Flecke auf den Vaterrock! Und da... Lenz verliert ja den Degen! Und da... den Hut, der angeblich ein Loch hat. Und über den nun beim Tanz, pardon, gestiegen werden muß. Aber er bringt ja alles durcheinander! Er stört ja die Harmonie!(Hofmann1, S. 49)

Fast zweihundert Jahre nach dem Tod des realen Dichters Lenz (1751-1792) erscheint 1981 der Text Die R ü ckkehr des verlorenen Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga in der Sammlung Gespr ä ch ü ber Balzacs Pferd. Vier Novellen von Gert Hofmann.

Es wird sowohl durch den Untertitel der Sammlung die Zugehörigkeit zur Gattung prokla- miert wie auch im oben genannten Zitat, das mit dem für die Novelle typischen Attribut der »unerhörten Begebenheit« gekennzeichnet wird. Ebenso drängt sich in der Textstelle der Hauptkonflikt zusammen, der zentral für den Text und für den Protagonisten ist. Es gehört zum Charakter der Novelle, dass sie sich entlang eines Konfliktes entwickelt, so wie es bei der »klassischen« Novelle zum Beispiel bei Kleist der Fall ist. Ein »Sog latenter Gefährdung und Zerstörung« (Freund, S. 78) scheint mit dem Konflikt einher zugehen, der schon bei Kleist nicht beigelegt werden kann: »Das Finale der Novelle, die sich trostlos und unumkehrbar zur größtmöglichen Katastrophe wendet, verweigert jeden sittlichen Ausgleich.« (Freund, S. 88) So äußert sich Winfried Freund2 zur Kleistschen Novelle, in de- nen der Protagonist zumeist scheitert.3

Sascha Kiefer meint, dass Hofmanns Die R ü ckkehr des verlorenen Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga einen »erste[n] erfolgreiche[n] Versuch« darstellt, »die explizite Gattungsbezeichnung ›Novelle‹ wieder in Verbindung zu bringen mit ästhetisch anspruchsvoller, fiktionalbiographischer Kurzprosa« (Kiefer, S. 459). Doch ist dem so, dass ein Text, der dem ausgehenden 20. Jahrhundert entspringt und so deutliche Referenzen zu einem kanonisierten Werk aufweist - einer so stark tradierten Erzählgattung zugeordnet werden kann? Wenn es sie im 20. Jahrhundert denn noch gibt - wie sieht die »neue« Novelle aus?

Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden, dabei wird Hofmanns Text im Zen- trum stehen, der das »Scheitern des Protagonisten«, zentrales Motiv der Novelle, beispielhaft vorführt. Hofmanns Lenz scheint zwar ebenso zu scheitern wie Büchners, doch einmal davon abgesehen, dass dies aus anderen Gründen geschieht, so unterscheidet die beiden Texte vor al- lem die literarische Gestaltung des Scheiterns. Vor dem Hintergrund, dass der Büchner-Text - ein Fragment - innerhalb der Novellenforschung als umstrittener Beitrag gilt, er bisher auch zu wenig unter dem Aspekt der Gattungszugehörigkeit kritisch diskutiert wurde, kann Büch- ners Lenz nicht als konstitutive Folie für Hofmanns Text herangezogen werden.4 Er wird je- doch die Novellenhaftigkeit von Hofmanns Text herausstellen helfen können.

2. DIE NOVELLE - UNTERSUCHUNGSGRUNDLAGEN

2.1 Zur Renaissance der Novelle am Ende der 1970er Jahre

»Doch wie Phönix aus der Asche«, konstatiert Elena Wassmann in ihrer Studie »Die Novelle als Gegenwartsliteratur«5, »taucht die Novelle Ende der 1970er Jahre wieder auf und beweist mit Werken Gert Hofmanns [usw.] die Überlebensfähigkeit einer ›untoten‹ Gattung« (Wassmann, S. 22f.). Dass die Novelle der Gegenwart anders auftritt als sie es etwa zu Zeiten des Sturm und Drang tat, ist dabei naheliegend. Die Autoren der Novelle der Gegenwart setzen ihren jeweiligen Text bewusst in Relation zum Gattungsstereotypen, wie Sascha Kiefer6 feststellt: »Zweifellos […] liegt der expliziten Verwendung der paratextuellen Gattungsbezeichnung ›Novelle‹ nach 1945 eine größere Bewusstheit von Seiten der Autoren zugrunde als jemals zuvor in der Gattungsgeschichte.« (Kiefer, S. 508f.)

Das Spiel mit dem Gattungsbegriff und dem damit einhergehenden Bedienen der Gattungs- charakteristik ist eine Möglichkeit der Annäherung, wie auch die ernsthafte Wiederentde- ckung und Redefinition der Novelle. In der Novelle des ausgehenden 20. Jahrhunderts spielt vor allem die Intermedialität eine Rolle, wie Elena Wassmanns Untersuchungsergebnisse zur Novelle der Gegenwart ergeben haben: »Nun scheint es, als ob die zeitgenössischen Novellen gerade die Kluft zwischen Artistik und originärem Gestus des Erzählens, zwischen hochartifi- zieller Komposition und dem Bericht von Neuigkeiten in Zeiten der allgemeinen Verfügbar- keit von Informationen für sich fruchtbar gemacht hätten.« (Wassmann, S. 37) Dies und der nicht zu unterschätzende Einfluss der neuen Medien treten bei den von ihr untersuchten Ge- genwartsnovellen in den Vordergrund. Für diese hier vorliegende Untersuchung wurde be- wusst ein Text ausgewählt, der sich nicht aufgrund des Merkmals der Intermedialität und des Einflusses der neuen Medien auszeichnet, wie es etwa bei Walser und Süskind der Fall ist. Wodurch sich Hofmanns Text als Novelle in die Traditionslinie zu stellen vermag, ist ebenso wenig dadurch begründet, dass er den Untertitel »Novelle« trägt, als dass er mit den (moder- nen) Möglichkeiten der Intermedialität spielt.

Wassmann trägt weitere Faktoren zusammen, etwa dass die Novellen der Gegenwart ein »ho- hes Reflexionsniveau und Rückgriff auf die strenge Form der Novelle mit erstaunlicher Les- barkeit und jeweils ganz eigener Akzentsetzung« (Wassmann, S. 46) verbinden. Die von ihr untersuchten »neuen« Novellen thematisieren »die bewusste oder unbewusste Ich-Suche, die Frage nach der existentiellen Sinnhaftigkeit des an den Ansprüchen und Unsicherheiten der (post)modernen Lebenswirklichkeit leidenden einzelgängerischen Individuums.« (Wassmann,S. 363) Damit scheint Hofmanns Die R ü ckkehr des verlorenen Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga ihrer Charakterisierung einerseits zu entsprechen - in dem es sich bei Lenz um ein leidendes, einzelgängerisches Individuum handelt - andererseits aber zu widersprechen, da die Lebenswirklichkeit Lenzens im 18. Jahrhundert situiert ist.

Was Hofmanns Text als Novelle auszeichnet, wird ein anderer Parameter belegen können.

2.2 Das Scheitern des Protagonisten als Gattungsspezifikum

Das Scheitern des Protagonisten wird vielerorts als ein inhaltliches Charakteristikum der No- velle angegeben, das unter anderem der Literaturwissenschaftler Winfried Freund7 hervorge- hebt: »Die Novelle ist gestaltetes Scheitern, gespannt zwischen den Polen sich stets ereignen- der Auflösung und der Einbindung des sich Auflösenden in die Form. Der Prozeß der Auslö- schung ist unaufhaltsam, die Kunst aber bewahrt auf, was fortgesetzt verlorengeht.« In diesem Spezifikum sieht Freund nicht ein Abgrenzungsmerkmal innerhalb der Gattung, sondern ei- nes, dass die Novelle zunächst von der Gattung des Romans abgrenzt: »Es sieht so aus, daß weniger im Roman als in der Novelle das eher pessimistische Zeitgefühl seinen angemesse- nen Ausdruck findet, so daß nicht so sehr im Bereich des Romans als im Bereich der Novelle bedeutende erzählerische Gegenwartsliteratur entsteht.« (Freund, S. 298)

Sowohl Sascha Kiefer als auch Elena Wassmann teilen Freunds Beschreibung der Novelle als »Prozessprotokoll menschlichen Scheiterns« und dessen Beschreibung des Protagonisten als »gesellschaftlich-geschichtlich und existentiell bedingten Menschen«8. Doch wie vollzieht sich diese Schwerpunktsetzung auf das Scheitern des Protagonisten? Die Antwort scheint in dem Konfliktpotenzial der Geschichte und der Zentrierung des einen Konfliktes zu liegen.

[...]


1 Hofmann, Gert: Die Rückkehr des verlorenen Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga, Stuttgart 2009.

2 Freund, Winfried: Novelle. Stuttgart 1998, hier: Erweiterte und bibliographisch ergänzte Ausgabe 2009.

3 »Äußerte sich bei Goethe in den wunderbaren Fügungen noch der Glaube an die letztlich siegreiche Humani - tät, so gestalten die Interventionen transzendenter Mächte bei Kleist den Wunschtraum einer geordneten huma- nen Wirklichkeit, die im real existierenden, sich stets neu ereignenden Chaos immer wieder untergeht.« Freund, S. 89.

4 Wie fern Büchner die Zuschreibung zur Novelle war, darauf deutet sein Brief vom 1. Januar 1836 hin: »bleibe auf dem Feld des Dramas«, Gattungsbezeichnungen oder -hinweise kamen erst später hinzu: etwa »Fragment einer Novelle« (Büchners Freund Schulz) oder »Eine Reliquie« (Gutzkow). Siehe: Dedner, Burghard (Hg.): Georg Büchner: Lenz, München 1999, S. 82ff. (Nachwort)

5 Wassmann, Elena: Die Novelle als Gegenwartsliteratur - Intertextualität, Intermedialität und Selbstreferentiali - tät bei Martin Walser, Friedrich Dürrenmatt, Patrick Süskind und Günter Grass. Mannheimer Studien zur Lite - ratur- und Kulturwissenschaft, hgg. von Hörisch, Jochen und Wild Reiner, Bd. 46, St. Ingbert 2009.

6 Kiefer, Sascha: Die deutsche Novelle im 20. Jahrhundert: eine Gattungsgeschichte, Köln,Weimar und Wien 2010.

7 Freund, Winfried: Novelle. Stuttgart 1998, hier: Erweiterte und bibliographisch ergänzte Ausgabe 2009.

8 Ebd., S. 61. Zitiert nach Wassmann, Elena: Die Novelle als Gegenwartsliteratur, St. Ingbert 2009, S. 57.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das (neuerliche) Scheitern des Dichters Lenz
Untertitel
Zur Frage der Gattung bei Gert Hoffmann
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Gesetz der Gattung
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V203693
ISBN (eBook)
9783656298267
ISBN (Buch)
9783656299059
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
scheitern, dichters, lenz, frage, gattung, gert, hoffmann
Arbeit zitieren
René Ferchland (Autor:in), 2011, Das (neuerliche) Scheitern des Dichters Lenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203693

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