Überzeugungsstrategien in Walther von der Vogelweides Sangspruchdichtung

Exemplarisch analysiert am Ersten Reichston


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Überzeugen
2.1. Exkurs: Kommunikationsmodell nach Jakobson

3. Nonverbale Kommunikation
3.1. Rhetorik
3.2. Gestik
3.3. Bedeutung nonverbaler Kommunikation im Mittelalter

4. Politische Dichtung (Schwerpunkt: Walther von der Vogelweide)

5. Analyse und Interpretation des Ersten Reichstons
5.1. Der Reichston
5.2. Reichsklage
5.3. Weltklage
5.4. Kirchenklage

6. Fazit

1. Einleitung

Andere Menschen von der eigenen Meinung zu überzeugen spielt seit jeher eine denkbar große Rolle in der Geschichte der Politik; denn Politik ohne eine große An­zahl überzeugter Anhänger funktioniert nicht. Der Erfolg darin resultiert nicht nur aus einer fundierten und verständlich vorgetragenen Argumentation, sondern auch und vor allem aus der Vortragsweise einer (politischen) Rede. Der Redner muss angewandter nonverbaler Kommunikationstechniken mächtig sein. Bewusst oder unbewusst beeinflussen nonverbale Kommunikationsmittel, wie beispielsweise Gestik, den Gesprächspartner und können den Gesprächsverlauf beeinflussen, um schließlich zum geplanten Gesprächsergebnis zu führen.

Was lässt sich ganz grundsätzlich unter Überzeugungsvorgängen, unter Rhetorik, unter nonverbaler Kommunikation verstehen? Eine allgemeine Analyse dieser Fragen steht zu Beginn der vorliegenden Arbeit, die sich im darauffolgenden Teil auf die angewandte Rhetorik im Mittelalter anhand des Werks Walthers von der Vogelweide beschränken wird. Die Tatsache, dass im Mittelalter die Begriffe Politik und Öffentlichkeit durchaus anders als gegenwärtig zu verstehen sind, muss dabei stets vor Augen geführt werden. Außerdem darf die Wirkung eines öffentlichen Vortrages in der mittelalterlichen Öffentlichkeit auf keinen Fall unterschätzt werden; die oral geprägte Gesellschaft des Mittelalters war zweifellos überaus empfänglich für vorgetragene politische Überzeugungen.

Hauptsächlicher Gegenstand dieser Arbeit ist schließlich die politische Sangspruchdichtung, insbesondere die Walthers von der Vogelweide um 1200. Vor allem der Erste Reichston Walthers, bestehend aus Reichsklage, Weltklage und Kirchenklage, soll im Bezug auf seine formalen Besonderheiten, seinen (politischen) Inhalt, seine Symbolik, die darin angewandten rhetorischen Stilmittel und die Botschaft der einzelnen Strophen analysiert und interpretiert werden.

2. Überzeugen

Jemanden zu überzeugen bedeutet ganz allgemein „[jemanden] zu einer anderen Ansicht bekehren.“[1] Etymologisch lässt sich der Begriff überzeugen in das 13. Jahr­hundert zurückverfolgen und bezeichnet in seiner ursprünglichen Bedeutung „durch Zeugen überführen.“[2] Hier zeigt sich einmal mehr die hohe gesellschaftliche Wichtig­keit öffentlicher Kundgebungen und Bezeugungen im mittelalterlichen Leben und gleichzeitig der semantische Bezug zur heutigen Bedeutung: Es galt, ein gesprochenes Wort vor Zeugen zu halten; sprunghafte Meinungsänderungen ließen den Sprecher unglaubwürdig und in einem schlechten Licht erscheinen. Öffentlich bekundete (politische) Meinungen hatten eine lange Gültigkeitsdauer, „Überraschungen waren nicht erwünscht.“[3]

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich schließlich die gegenwärtige Bedeutung von überzeugen.[4] Dem Gesprächspartner glaubwürdig, fundiert und dauerhaft die eigene Meinung nahe zu bringen ist Ziel dieser Kommunikationsart. Seit neuzeitlichen be­grifflichen Differenzierungen und semantischen Verschiebungen wird zwischen über­reden und überzeugen unterschieden:

Überredung wird zum Ergebnis falscher Rhetorik, weil sie auf schlechte

Argumente und verführerische Affekte setzt. Hält man sich an

unseren Sprachgebrauch, gilt nur noch Überzeugung als Ergebnis einer

guten Rhetorik, die sich auf legitime Mittel beschränkt.[5]

So hat jemanden zu überreden oftmals eine pejorative Konnotation, denn

unmoralische Redeabsichten, mangelnde Kompetenz, unsachliche

Darstellungen, logische Fehlschlüsse, mehrdeutige Begriffe, vage Ausdrücke,

falsche Beispiele, suggestive Bilder oder überwältigende Affekte [können]

eine kritikwürdige Überlistung, Verführung oder Manipulation bewirken.[6]

Bei dem ganz allgemeinen Vorgang, jemanden zu überzeugen handelt es sich um persuasive Kommunikation – abgeleitet von lateinisch persuadere, was sich wiederum mit dem heutigen Verständnis von überzeugen oder „zum Überzeugen geeignet“[7] übersetzen lässt. Persuasive Kommunikation bildet eine spezielle Form zwischenmenschlicher Kommunikation mit dem angestrebten Ziel der Beeinflussung des Kommunikationspartners. Hier zeigt sich die deutliche Nähe dieser Kommunikationsform zur klassischen Rhetorik nach Aristoteles, die im folgenden Teil dieser Arbeit etwas genauer erläutert werden wird.

Das Phänomen der persuasiven Kommunikation ist heute allgegenwärtig – durch die modernen Medien haben sich die Möglichkeiten der Beeinflussung sogar noch ver­vielfältigt. In der Kundenberatung, bei kommerziellen Werbebotschaften oder bei politischen Stellungnahmen geht es stets um die Überzeugung des Gesprächspartners;[8] objektive Beratung oder Hilfe und reine Informationsvermittlung spielen häufig eine sekundäre Rolle.

Wie Kommunikation überhaupt funktioniert, soll im folgenden Exkurs knapp erläutert werden.

2.1. Exkurs: Kommunikationsmodell nach Jakobson

Um zwischenmenschliche Kommunikation in ihrer Wirkungsweise zu analysieren und zu erklären, führte der russische Linguist Roman Jakobson (1896-1982) ein sechs­gliedriges Kommunikationsmodell ein, welches das bisher bekannte Schema der Kommunikation – Sender, Kanal, Botschaft und Empfänger - um folgende zwei Elemente erweiterte: Kode und Kontext. Bisherige Kommunikationsmodelle veran­schaulichten eher das Funktionieren von Medien als Vermittlungsinstanzen in Kommunikationsprozessen als den weitaus vielschichtigeren und komplizierteren Kommunikationsakt zwischen Menschen. Kanal bezeichnet die Vermittlungsinstanz, also das Medium. Über den Kanal gelangt die Botschaft von einem Sender zu einem Empfänger.[9]

Jakobson machte mit seinen beiden neu eingeführten Begriffen aufmerksam auf die wichtigen Besonderheiten und unbedingten Voraussetzungen einer gelingenden zwischenmenschlichen Kommunikation.

Kontext beschreibt laut Jakobson die jeweils gegebenen Rahmenbedingungen, die eine überbrachte Mitteilung verständlich machen. Unterschiedliche Kontexte bringen unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten einer Mitteilung mit sich. Um Missver­ständnisse zu vermeiden ist deshalb der jeweilige aktuelle Umstand eines Gesprächs so bedeutsam.

Kode verweist auf das Zeichensystem, welches Formulierungen sowie Ver- und Entschlüsselungen einer Mitteilung reguliert. Um zwischenmenschliche Kommunikation zu einem erfolgreichen Ergebnis zu bringen, müssen Sender und Empfänger über einen gemeinsamen Kode verfügen, beispielsweise ganz grundlegend eine gemeinsame Sprache.

Den beschriebenen sechs Elementen eines Kommunikationsprozesses auf zwischenmenschlicher Basis können entsprechende spezifische Sprachfunktionen zugeordnet werden. So wird die dem Sender einer Mitteilung zugeordnete Zeichen­funktion als emotiv bezeichnet. Die emotive Zeichenfunktion beschreibt die Informationen, die der Sender bei seiner Mitteilung unwillkürlich oder bewusst preis­gibt; beispielsweise kann anhand der Stimmfärbung das Geschlecht des Sprechers bestimmt werden, seine Ausdrucksweise kann Auskunft über seine regionale Her­kunft geben. Die konnotative Funktion konzentriert sich auf den Empfänger und sein Ziel der Kommunikation; Beispiele hierfür sind Werbung oder Propaganda. Im Bezug auf den Kontext einer Kommunikation wird von einer refereziellen Zeichenfunktion gesprochen: Kommunikation verweist stets auf konkrete oder abstrakte Gegenstände, diese müssen deutlich bezeichnet werden. Die Mitteilung selbst und deren Gestaltung werden durch die poetische Funktion genauer analysiert. Geschriebenes kann so beispielsweise in unterschiedlichen Schriftarten niedergeschrieben sein, Sprache kann in Reimschemata gefasst sein. Die meta­sprachliche Zeichenfunktion überprüft, ob die Bedeutung der Mitteilung verstanden wurde. Hierbei ist es äußerst wichtig, dass Sender und Empfänger über denselben Kode verfügen. Im Gegensatz dazu rückt bei der phatischen Sprachfunktion der Kontakt des Kommunikationsvorgangs in den Mittelpunkt. Sie wird regelmäßig aktualisiert, denn sie überprüft, ob der genutzte Kanal zur Übermittlung der Mitteilung überhaupt intakt ist.

Nur wenn Kommunikation in ihren Grundzügen funktioniert, können rhetorische Mittel eingesetzt werden und Überzeugungsstrategien können gelingen.

3. Nonverbale Kommunikation

Die im Folgenden dargestellten Mittel zur Überzeugung von Menschen lassen sich durch den Oberbegriff Nonverbale Kommunikation zusammenfassen. Nonverbale Kommunikation bezeichnet alles, was nicht verbal kommuniziert wird; folglich keine Lautsprache, keine Gebärdensprache und keine Schriftsprache; sondern Gesten, Augenkontakt, Mimik, aber auch Berührungen, Gerüche oder die Art der Kleidung, die auf den Gesprächspartner wirken können.[10] Bedacht werden muss hierbei, dass nonverbale Kommunikation teils auch unbewusst eingesetzt wird und wohl genauso oft auch unbewusst wahrgenommen wird. So sind uns beispielsweise Menschen manchmal aus unbeschreiblichen Gründen auf Anhieb sympathisch. Grund hierfür können Resultate nonverbaler Kommunikation sein, schließlich werden sämtliche menschlichen Sinne – eventuell nur unterschwellig – angesprochen.

Die beschriebene Art zu kommunizieren drückt Emotionen aus. Sie übermittelt Ein­stellungen und stellt die Persönlichkeit des Sprechers dar; sie moduliert ganz grund­sätzlich verbale Nachrichten.

Ein wichtiger Teil der nonverbalen Kommunikation ist das Beherrschen der Rhetorik, deren Grundsätze und Herkunft im Folgenden erläutert werden sollen.

3.1. Rhetorik

Zur Überzeugung des Kommunikationspartners werden rhetorische Mittel eingesetzt. Es reicht nicht aus, Menschen auf rein rationaler Ebene zu erreichen. Aristoteles, der die erste Theorie zur Rhetorik verfasste, differenzierte zwischen logos, pathos und ethos. Logos repräsentiert die Vernunft, also die sachliche Argumentation zur Über­zeugung; ethos beschreibt die gewinnbringende Glaubwürdigkeit des Redners; pathos bezieht sich auf den emotionalen Zustand des Zuhörers sowie auf die geschickte Affekterregung desselben.[11]

Unter Rhetorik wird die hohe Kunst der Beredsamkeit verstanden. Ihr Ziel ist die Be­einflussung des Zuhörers, wobei es nicht lediglich um die Meinungsänderung an sich, sondern auch um deren konsequente Umsetzung in der Praxis geht.[12] Seit der griechischen Antike bekannt spielt die Rhetorik eine große Rolle in sämtlichen meinungsbildenden Prozessen.

[...]


[1] Renate Wahrig-Burgfeind: Wahrig. Deutsches Wörterbuch, mit einem Lexikon der Sprachlehre, 8., vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage, Gütersloh/München, S. 1518.

[2] Vgl.: Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearbeitet von Elmar Seebold, 24., durchgesehene und erweiterte Auflage, Berlin/New York 2002, S. 939.

[3] Gerd Althoff (Hrsg.): Demonstration und Inszenierung. Spielregeln der Kommunikation in mittelalterlicher Öffentlichkeit, in: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997, S. 257.

[4] Vgl.: Ebd.

[5] Walter Mesch: Art. 'Überredung, Überzeugung'. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, hrsg. von Gert Ueding, Band 9: St – Z, Tübingen 2009, S. 858.

[6] Ebd., S. 859.

[7] Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Fremdwörterbuch, 8., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln, Mannheim 2005, S. 788.

[8] Vgl.: Walter Mesch: Art. 'Überredung, Überzeugung', S. 859.

[9] Vgl.: Andreas Böhn/Andreas Seidler: Mediengeschichte. Eine Einführung, Tübingen 2008, S. 4 f.

[10] Vgl.: Gerd Althoff (Hrsg.): Zur Einführung. In: Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter, Stuttgart 2001, S. 7.

[11] Vgl.: Walter Mesch: Art. 'Überredung, Überzeugung', S. 858.

[12] Vgl.: Ebd.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Überzeugungsstrategien in Walther von der Vogelweides Sangspruchdichtung
Untertitel
Exemplarisch analysiert am Ersten Reichston
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Walther von der Vogelweide: Politische Lyrik
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V203918
ISBN (eBook)
9783656303053
ISBN (Buch)
9783656303848
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walther von der Vogelweide, Mediävistik, Germanistik, Sangspruchdichtung, Rhetorik
Arbeit zitieren
Gabriela Augustin (Autor), 2012, Überzeugungsstrategien in Walther von der Vogelweides Sangspruchdichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203918

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