Das junge Wien

Peter Altenberg: Genie der Nichtigkeiten


Hausarbeit, 2009
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Peter Altenberg
2.1. Kindheit und Jugend des Richard Engländer
2.2. Der Lebenswandel zum Bohemien
2.3. Der Schriftsteller Peter Altenberg

3. Das Werk Altenbergs
3.1. Gattungsspezifische Besonderheiten
3.2. Die Themen

4. Interpretationsansätze
4.1. Zwölf
4.2. Fleiß

5. Fazit

Anlage 1

Anlage 2

1. Einleitung

Peter Altenberg gilt nicht als einer der großen Schriftsteller des sogenannten Jungen Wien, einer literarischen Strömung, die sich um 1900 in Wien konstituierte und zu deren Hauptvertretern u.a. Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr und Arthur Schnitzler zählen. Genauso wenig ist Altenberg ein Autor, der sich durch herausragende literarische Leistungen auszeichnet.

Doch der heute eher unbeachtete und unbekannte Künstler weckt Interesse an seinem Werk, das durch ein Spannungsverhältnis zwischen einer gattungsspezifischen Eigenheit und einer Selbstinszenierung des Autors als Gesamtkunstwerk außergewöhnlich erscheint. Altenberg gilt als Sonderling, als Einzelgänger, der dem bürgerlichen Leben entsagt hat. Er hat seine Texte nur in Kurzform verfasst, keines der Werke umfasst mehr als drei oder vier gedruckte Seiten, was auf ein hohes Maß an Exzentrizität schließen lässt und gleichzeitig eine außerordentliche Verwirklichung des vorherrschenden Zeitgeistes bedeutet.

Es stellt sich die Frage, ob sich das unstete, exzessive und bohemienhafte Leben Altenbergs im Wien der Jahrhundertwende und sein Werk aufeinander beziehen lassen. Findet sich die ungewöhnliche Existenzform eines Menschen in der inneren sowie äußeren Gestalt seiner Texte wieder? Ist die außergewöhnliche Darstellungsform des Autors sowie die seines Werkes ein Hinweis auf den ununterbrochenen Versuch einer Realisierung der von ihm beschriebenen romantisierten Lebensidee?

2. Peter Altenberg

2.1. Kindheit und Jugend des Richard Engländer

Peter Altenberg wurde als Richard Engländer am 9. März 1859 in Wien als ältester Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, die „Familie pflegte wie viele zu Reichtum gekommene Juden im Wien der Jahrhundertwende einen großbürgerlichen Lebensstil“[1]. Ihm folgten drei weitere Geschwister: Marie, Georg und Nesthäkchen Grete. Der junge Richard liebte und verehrte seine Eltern sehr, besonders fixiert war er auf seine Mutter, die auch schon in frühen Werken des Autors immer wieder als „meine wunderschöne Mama“[2] erwähnt ist.

Ab 1867 erhielt der Junge Hausunterricht in den Gegenständen der Volksschulklassen, 1868 wurde er in das Akademisches Gymnasium in Wien, damals eine der hervorragendsten humanistischen Schulen der Stadt, eingeschult[3]. Insgesamt verlebte Richard Engländer - zwar zart, sensibel und immer wieder kränkelnd - eine durchaus glückliche Kindheit.

Nachdem er beim zweiten Anlauf 1878 die Matura (das österreichische Abitur) bestanden hatte, immatrikulierte er sich auf Wunsch seines Vaters an der Juristischen Fakultät der Universität Wien.

Ohne bekannten Grund brach Richard Engländer 1879 das Jura-Studium ab und wechselte zu Medizin, beendete allerdings auch dieses Studium abrupt und ohne Abschluss. Auf einer Reise nach Stuttgart beschloss er, eine Ausbildung zum Buchhändler zu beginnen, die er jedoch auch nicht beendete. 1880 kehrte Engländer nach Österreich zurück, nahm das Jura-Studium abermals auf und legte schließlich in Graz die erste Juristische Staatsprüfung ab.

2.2. Der Lebenswandel zum Bohemien

Sein Vater, ratlos und nicht sehr angetan von der unruhigen Lebensweise seines Sohnes, schickte den nun 23-Jährigen zu einem Arzt, der ihm eine Überempfindlichkeit des Nervensystems, die damalige Modekrankheit Neurasthenie attestierte, was für Richard Engländer einen Freibrief zum Austritt aus der von ihm so verachteten bürgerlichen Welt darstellte. Der Arzt „befand, dass Richard ungeeignet sei, einen Beruf zu ergreifen. Er durfte und konnte zu nichts gezwungen werden.“[4] Engländer sah sich endlich bestätigt in der Annahme, anders zu sein „als die normal konstruierten Menschen, schätzt(e) [...] sich selbst als krank ein, [...] als einen vollkommen Überflüssigen des Daseins.“[5] Für ihn begann nun ein neues Leben vom normalen Bürger zum Bohemien, der innerhalb weniger Jahre eine sonderbare Art Berühmtheit auf Grund seines Lebensstils erhalten sollte. Mit der Bescheinigung seiner Krankheit und Geld von seinem Vater war es Richard nun möglich, sein Elternhaus zu verlassen; der endgültige Bruch mit der Familie folgte wenig später. Er zog in das Wiener (Stunden-)Hotel 'London' und war von nun an häufig im Café Griensteidl und später im Café Central anzutreffen, wo er erstmals auf den Dichterkreis des Jungen Wien traf.[6]

Zu dieser Zeit verbrachte der nun „Freie“ einige Zeit im Dorf Altenberg bei Wien und verliebte sich in die 13-jährige Bertha Lecher, die von ihren älteren Brüdern wie ein Diener behandelt und deshalb „Peter“ gerufen wurde. Richard Engländer war so fasziniert davon, dass er sich von da an aus Verehrung zu dem Mädchen „Peter“ und aus Liebe zu der heimischen Natur „Altenberg“ nannte. Gerüchte besagen, dass der nun geschaffene Künstlername Peter Altenberg den „jüdisch anmutenden Name(n) Richard Engländer“[7] und somit seine jüdische Herkunft überdecken solle. P.A., wie er sich nun häufig selbst nannte, war Antisemit, ihm wird der „jüdische Selbsthaß“[8] nachgesagt. Später konvertierte Altenberg zum römisch-katholischen Glauben.

Peter Altenberg pflegte nun das Leben eines Bohemien, der die Nächte mit zwielichtigen Gestalten in den Kaffeehäusern der Stadt verbrachte.

Der Begriff Boheme bezeichnet […] die antibürgerliche Subkultur von Künstlern

und insbesondere Dichtern der Jahrhundertwende. Dieses Leben am Rande der

gesellschaftlichen Konventionen bereitete den Boden einer künstlerisch unabhäng-

igen Arbeit. Gegen ein philiströs bürgerliches Leben wurde die anarchisch formlose

Existenz gesetzt.[9]

Altenberg zeigte „einen für die Boheme typischen programmatischen und praktischen Spontanismus […], der zur Negierung des Allgemeinen, Normativen, Objektiven und Vorgegebenen tendiert.“[10]

Sein Lebensstil war es auch, der ihn lange vor seiner Laufbahn als Schriftsteller stadtbekannt machte. Altenberg fiel besonders durch seine Kleidung und sein Verhalten in der Öffentlichkeit auf; er liebte es, Konventionen zu brechen. Er trug ausschließlich Sandalen, oft grell farbige und karierte, weite Kleidung,

die Kappe war tief in die Stirn gedrückt, der grimmige Schnauzbart hing wüst

herunter, von einem fingerbreiten, schwarzen Zwickerband malerisch umflattert,

und in der Hand hielt er einen dicken, keulenartigen Spazierstock, den er in der

Mitte umklammerte und im Gehen rabiat hin und her schwang.[11]

So ist es nicht verwunderlich, dass Altenberg immer wieder wie ein trauriger Clown beschrieben wird; er muss sehr sonderbar und auf viele Menschen sicher auch anstößig gewirkt haben. Ein Freund Peter Altenbergs, der Feuilletonist und Kulturkritiker Egon Friedell beschreibt ihn als

exaltierte[n] Sonderling […], der sich […] lästig gemacht hatte, indem er in

Caféhäusern aufrührerische Reden gegen den Philister und für die Frau hielt, nie

einen steifen Kragen trug, dagegen lederne Reitgamaschen, ohne jedoch jemals

zu Pferde erblickt zu werden, die Nacht zum Tage machte, gemeinen Straßendirnen

in zartester Weise hofierte, nicht selten mit Kellnern, Fiakern und Zuhältern in

angeregter Konversation betroffen wurde und sämtlichen Frauen von der Cafèhaus-

kassiererin bis zur Doktorin der Philosophie durch lächerliches und widersinniges

Geschwätz den Kopf verdrehte.[12]

Zahlreiche Anekdoten um Altenberg waren weithin berühmt, sie verbreiteten sich rasant und untermauerten das unkonventionelle Erscheinungsbild des Sonderlings. So erzählte man sich zum Beispiel, ein junger Mann unternähme Nacht für Nacht Flugversuche, ohne jedoch einen Flugapparat zu benutzen.

Altenberg soll einmal in einem Kaffeehaus gesessen haben, als ein Bekannter eintrat und ihn fragte, ob er schon wisse, wer gestorben sei. Altenberg schnaubte verächtlich: „Nein, aber mir ist jeder recht.“ Gerüchte wie diese haben sicherlich dazu beigetragen, dass Altenberg die Gemüter spaltete, er wurde entweder aufs Äußerste verehrt oder ganz abgelehnt.

2.3. Der Schriftsteller Peter Altenberg

Wann genau Altenberg zu schreiben begonnen hat, ist unklar. Bereits frühe Skizzen von 1894 brachten ihm Anerkennung im Wiener Literaturkreis. Ein Jahr später schickte Karl Kraus Altenbergs bisher verfasste Texte an den damals für die 'moderne' Literatur bedeutendsten Verlag S. Fischer in Berlin. 1896 wird sein erstes Buch Wie ich es sehe veröffentlicht, „eine Sammlung von 67 impressionenreich gefügten Skizzen“[13], es folgen Publikationen in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen.

[...]


[1] Rößner, Christian: Der Autor als Literatur. Peter Altenberg in Texten der 'klassischen Moderne', Frankfurt am Main 2006, S. 43.

[2] Altenberg, Peter: „Die Kinderzeit“. In: Das große Peter Altenberg Buch, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Werner J. Schweiger, Wien/Hamburg 1977, S. 19.

[3] Vgl. Schaefer, Camillo: Peter Altenberg. Ein biographischer Essay, zweite, verbesserte und erweiterte Fassung, Wien 1980, S. 17.

[4] Rößner: Der Autor als Literatur, S. 43.

[5] Viering, Jürgen: Art. „Peter Altenberg“. In: Deutsche Dichter. Leben und Werk deutschsprachiger Autoren, Band 6: Realismus, Naturalismus und Jugendstil, hgg. Von Gunter E. Grimm/Frank Rainer Max, Stuttgart 1989, S. 309.

[6] Vgl. Rößner: Der Autor als Literatur, S. 43.

[7] Ebd. S. 78.

[8] Ebd. S. 77.

[9] Vgl. Kreuzer Helmut: Die Boheme. Analyse und Dokumentation der intellektuellen Subkultur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Stuttgart 1968, S. V.

[10] Ebd. S. 49.

[11] Kosler, Hans Christian (Hg.): Peter Altenberg. Leben und Werk in Texten und Bildern, Frankfurt am Main/Leipzig 1997. S. 135.

[12] Friedell, Egon: Kleine Portätgalerie. Fünf Essays, München 1953, S. 116f.

[13] Köwer, Irene: Peter Altenberg als Autor der literarischen Kleinform. Untersuchungen zu seinem Werk unter gattungstypologischem Aspekt, in: Europäische Hochschulschriften, Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 987, Frankfurt am Main/Bern/New York/Paris 1987, S. 34.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das junge Wien
Untertitel
Peter Altenberg: Genie der Nichtigkeiten
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literatur des Jungen Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V203947
ISBN (eBook)
9783656302230
ISBN (Buch)
9783656303121
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Junges Wien, Peter Altenberg, Prosagedichte
Arbeit zitieren
Gabriela Augustin (Autor), 2009, Das junge Wien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203947

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