Fontanes Frauenfiguren

Unerfüllbare Männerphantasien - Helmuth Holk zwischen seiner Frau Christine, Brigitte Hansen und Ebba von Rosenberg


Hausarbeit, 2009
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Scheitern einer Ehe
2.1. Unvereinbare Charaktere: Christine und Helmuth Holk
2.2. Briefe statt Gespräche
2.3. Die Trennung
2.4. Christine – von einer Männer-Gesellschaft in den Suizid getrieben

3. Helmuth Holk und Brigitte Hansen
3.1. Der gescheiterte Verführungsversuch einer amateurhaften femme fatale

4. Helmuth Holk und Ebba von Rosenberg
4.1. Anfängliche Sticheleien
4.2. Der Ehebruch
4.3. Holk, zurück auf dem Boden der Tatsachen

5. Fazit

1. Einleitung

Es wird immer wieder ausführlichst analysiert, welchen Typ Frau sich ein Mann eigentlich wünsche. Will er einen verführerischen, hoch erotischen Vamp mit sämtlichen sexuellen Vorzügen? Soll diese Frau dann auch ihre Lust offen zeigen oder eher subtil verführen, beziehungsweise vermeintlich unerreichbar auftreten? Oder ist die „perfekte“ Frau diejenige, die dem Mann Kinder „schenkt“, diese dann mit beispielloser Mütterlichkeit umsorgt und aufzieht und dem Attribut multi-tasking als Hausfrau alle Ehre macht? Diese Fragen bleiben meist offen bestehen, oder die Antwort ist eine Mischung aus den verschiedensten Frauentypen; es ist oft die „goldene Mitte“ aus allen Varianten, die Frauen als Lösung des Problems vorgeschlagen wird.

Dass Frauen seit jeher danach streben, Männern das zu geben, was diese sich vorstellen, ist Tatsache. Es gehört wohl zum guten Ton, eine scheinbar vorgeschriebene Frauenrolle zu erfüllen; nämlich die, die der jeweilige Mann sich wünscht.

Fontane zeigt in seinem Roman Unwiederbringlich, wie der Protagonist Helmuth Holk nach glücklich verlebten Ehejahren mit seiner Frau Christine erneut das Abenteuer und die Flucht aus dem Alltag sucht. Zwei unterschiedliche Frauen verdrehen ihm bei einem Aufenthalt am dänischen Hof den Kopf. Es ist schließlich das Fräulein Ebba von Rosenberg, so anders als Holks Ehefrau Christine, mit dem Holk eine berauschende Liebesnacht verbringt. Fest davon überzeugt, dass Ebba von nun an die Frau an seiner Seite sein soll, verlässt er seine Gattin. Christine, die stets für ihren Mann da war, aber eine Grenze zur totalen, unterwürfigen Anpassung ihm zuliebe zog, wird betrogen und hintergangen. Ihr Selbstmord bildet schließlich das tragische Ende der Geschichte.

Kann die durchschnittliche Frau sämtliche Sehnsüchte eines Mannes – die sexuellen sowie die anderen naturgegebenen, also die nach einer guten Ehefrau und Mutter für seine Stamm-

halter – komplett erfüllen? Und außerdem: Muss die Frau diesen Wünschen gerecht werden? Wird sie, wenn sie nicht wie von dem Mann und der gesamten Gesellschaft erwartet handelt, ewig allein und unglücklich sein?

2. Das Scheitern einer Ehe

2.1 Unvereinbare Charaktere: Christine und Helmuth Holk

Fontanes Unwiederbringlich zeichnet den Zerfallsprozess der Ehe zwischen Helmuth und Christine Holk. Die tief im Innern der Ehepartnern angelegten, grundsätzlich unterschiedlichen Wesenszüge und eine Unvereinbarkeit ihrer Temperamente führen nach einigen glücklich verlebten Ehejahren zu einer tiefen Krise, inmitten der die Erzählung einsetzt. Das endgültige Scheitern der Ehe wird durch die Affäre Holks mit Ebba von Rosenberg ausgelöst.

Die Ehepartner haben sich „in einem jahrelangen Prozeß […] aus der Gemeinsamkeit in einander ausschließende Gegenwelten“[1] bewegt. Nach dem Umzug nach Holkenäs fühlt Christine sich unwohl und einsam im neu errichteten Schloss. Sie wollte nie wirklich umziehen, es war eher ein Schritt auf ihren Ehemann zu - einer der zahlreichen Kompromisse, die die Gräfin um des häuslichen Friedens Willen eingeht. Holk hat sich durch den Umzug nach dem tragischen Tod des gemeinsamen Sohnes Estrid einen Neuanfang für die Familie erhofft. Christine holt jedoch schon „einige Wochen“[2] nach Einzug in das neue Schloss eine Freundin aus Jugendtagen, Julie von Dobschütz, zu sich. Diese bleibt von da an in der Familie und fungiert als Freundin und durchaus notwendigen Seelenbeistand für Christine und als Lehrerin für die Kinder Asta und Axel. Durch ihre ständige Anwesenheit zerstört die Dobschütz allerdings jegliche übrig gebliebene Intimität in der Zweisamkeit der Eheleute.

Die 37-jährige Christine ist „von Natur schon gefühlvoll gestimmt“[3], sehr sentimental und ihr trübes Gemüt entwickelt sich im Laufe des Romans zu einer tiefen Depression und gipfelt schließlich im Selbstmord.

Die Gräfin ist außerdem sehr gläubig, ihr Glaube lässt sich fast schon als Aberglaube bezeichnen. Eines ihrer Argumente gegen den Umzug war, dass sie das tote Kind Estrid nicht vergessen kann und seinem Grab weiterhin nahe sein will.[4] Nach einem Streit über den zweiten Namen Estrids - Christine war für „Helmuth“ nach dem Vater, Holk für „Adam“, da „Kinder, die so heißen, nicht sterben“[5] - war der Tod des Kindes für Christine beinahe logische Konsequenz, da Gott sich nichts vorschreiben lasse.[6] Die religiöse Abgeklärtheit von Seiten Christines ist für Holk unverständlich.

Insgesamt lässt sich bei Christine Holk eine gewisse Todessehnsucht feststellen. Sie beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema Sterben und allem, was damit zusammen hängt und danach kommt. Ihr Selbstmord steht allerdings im Gegensatz zu ihrem Glauben, so gilt Selbstmord eigentlich als Sünde. Außerdem lässt sie so als Mutter ihre geliebten Kinder im Stich.

Doch die verzweifelte, verschmähte Ehefrau kann den Vertrauensbruch ihres Mannes nicht vergessen und wohl auch nicht verzeihen. Sie wird mit der Erniedrigung nicht fertig und erträgt ihr Leiden nicht mehr. Der Suizid ist für sie die einzige verbleibende Möglichkeit. So wird Christine „von Fontane nicht als Sünderin und damit als Schuldige hingestellt, sondern als Opfer.“[7]

Eine befremdliche Todessehnsucht bleibt von Beginn der Erzählung bis zum Ende bestehen. Selbst im Tod stellt Christine eine schöne Leiche dar und

der Ausdruck stillen Leidens, den ihr Gesicht so lange ertragen hatte, war dem

einer beinah heiteren Verklärung gewichen, so sehr bedürftig war ihr Herz der

Ruhe gewesen.[8]

Die Gräfin lässt sich dem Frauenbild einer Heiligen, fast schon dem einer Märtyrerin zuordnen. Allein ihr Name verweist auf ihren christlichen Glauben, er bedeutet „die Gesalbte“ oder „die Geweihte“.[9]

Im Gegensatz zur schwermütigen, bibelfesten, melancholischen und äußerst nachdenklichen Christine steht ihr Ehemann Helmuth Holk. Holk ist ein „Lebemann“[10], er denkt „nur an den Augenblick und nicht an das, was kommt“[11] und will die Gedanken seiner Frau nicht verstehen. Er ist „zur Freude, auch zum Genuß geneigt“[12] und während Christine den Bau einer Familiengruft wünscht, denkt Holk über den Bau neuer Stallungen nach, was einen der zahlreichen Streitpunkte darstellt.

[...]


[1] Grawe, Christian/Nürnberger, Helmut (Hrsg.): Fontane-Handbuch, Stuttgart 2000, S. 609.

[2] Fontane, Theodor : Unwiederbringlich. Roman, mit einem Nachwort herausgegeben von Helmut Nürnberger, 2. Auflage München 2003, S. 11.

[3] Ebd., S.8.

[4] Vgl.: Ebd., S. 10.

[5] Ebd., S. 52f.

[6] Vgl.: Ebd., S. 53.

[7] Bauer, Karen (Hrsg.): Schöne und kranke Seelen. In: Fontanes Frauenfiguren. Zur literarischen Gestaltung weiblicher Charaktere im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2002, S. 181.

[8] Fontane: Unwiederbringlich, S. 250.

[9] Vgl.: Grawe, Christian: Führer durch die Romane Theodor Fontanes. Ein Verzeichnis der darin auftauchenden Personen, Schauplätze und Kunstwerke, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1980, S. 114.

[10] Fontane: Unwiederbringlich, S. 227.

[11] Ebd., S. 15.

[12] Rychner, Max: Sphären der Bücherwelt. Aufsätze zur Literatur, Zürich 1952, S. 83.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Fontanes Frauenfiguren
Untertitel
Unerfüllbare Männerphantasien - Helmuth Holk zwischen seiner Frau Christine, Brigitte Hansen und Ebba von Rosenberg
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Fontanes Frauenfiguren
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V203949
ISBN (eBook)
9783656303022
ISBN (Buch)
9783656303787
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor Fontane, Frauenfiguren, Frauenromane, Bürgerlicher Realismus, Unwiederbringlich, Christine Holk, Ebba von Rosenberg, Helmuth Holk
Arbeit zitieren
Gabriela Augustin (Autor), 2009, Fontanes Frauenfiguren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203949

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