Mit Schimpansen auf Du

Kurzbiografie der Primatologin Jane Goodall


Fachbuch, 2012
86 Seiten

Leseprobe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jane Goodall mit Spielzeug-Schimpanse „ Mr. H. “ im Oktober 2006

Ernst Probst

Mit Schimpansen auf Du

Kurzbiografie der Primatologin Jane Goodall

Meiner Ehefrau Doris

sowie meinen Kindern Beate, Sonja und Stefan gewidmet

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schimpanse im Zoo Leipzig

Jane Goodall

Die berühmteste Schimpansen-Forscherin

In der Geschichte der Zoologie nimmt Jane Goodall einen Ehrenplatz ein: Sie ist nicht nur Großbritanniens bedeutendste Primatologin, sondern auch die be- rühmteste Schimpansen-Forscherin der Welt. Jahrelang beobachtete sie in Tansania (Ostafrika) in freier Natur das Leben wilder Schimpansen der Art Pan troglodytes. Dabei gewann sie völlig neue Erkenntnisse über diese Menschenaffen. Das Erstaunliche an ihrer Karriere: Zuvor hatte sie keinerlei wissenschaftliche Ausbildung genossen.

Valerie Jane Morris-Goodall kam am 3. April 1934 als älteste von zwei Töchtern des Ingenieurs Mortimer („Mort“) Herbert Morris-Goodall (1907-2001) und seiner Ehefrau Margaret Myfanwe („Vanne“) Joseph in London zur Welt. Der Vater von „Mort“ stammte aus einer wohlhabenden Druckerfamilie, hieß Reginald Goodall, heiratete Elizabeth Morris und gab seinen Kindern den Bindestrich-Namen „Morris-Goodall“. Reginald starb 1916, als er bei einem Sturz vom Pferd mit dem Kopf aufschlug. „Mort“ war beim Tod seines Vaters neun Jahre alt. Seine Mutter heiratete später den Major Norman Nutt, den „Mort“ als „Nutty“ be- zeichnete.

Die Mutter von Jane war in den 1920-er Jahren aus ihrem Heimatort Bournemouth nach London gekommen.

Dort hatte sie eine Ausbildung zur Sekretärin absol- viert und danach für den Impresario Charles B. Coch- ran (1872-1951), genannt „Cocky, gearbeitet, der Theaterstücke, Musicals und Revuen produzierte. Die blonde Vanne war als junge Frau sehr attraktiv, wurde einmal sogar „grünäugige Göttin“ genannt, spielte Violine und tanzte gern. Kein Wunder, dass sich der hochgewachsene, schlanke und sportliche „Mort“, der Vanne um Haupteslänge überragte, in die flotte Sekretärin verliebte.

„Mort“ und Vanne haben am 26. September 1932 in der „Trinity Church“ in London geheiratet. Vanne schrieb gern und veröffentlichte unter dem Autorinnennamen „Vanne Goodall“ ihre Biografien und Novellen. „Mort“ hatte bereits mit 14 Jahren von seiner Mutter das Autofahren gelernt. Die Begeisterung für schnelle Autos ließ ihn später nicht mehr los. Als Erwachsener beteiligte er sich mit einem „Aston Martin“ im In- und Ausland an Autorennen. Bei den „24-Stunden-Rennen von Le Mans“ ging „Mort“ in den 1930-er Jahren regelmäßig an den Start.

Der Vater schenkte Jane, als sie mehr als ein Jahr alt war, einen lebensecht aussehenden Spielzeug-Schimpansen namens „Jubilee“, den man zur Feier des ersten im Februar 1935 im Londoner Zoo geborenen Schimpan- sen geschaffen hatte. Freundinnen der Mutter warnten vergeblich davor, ein solches Spielzeug könne Alpträume verursachen. Doch der Plüschaffe wurde das Lieblings- spielzeug von Jane und ihr ständiger Begleiter. An ihrem vierten Geburtstag am 3. April 1938 bekam Jane eine jüngere Schwester namens Judy Daphne.

Tiere faszinierten Jane bereits als Kleinkind. Stets war sie über deren Wohlergehen besorgt. Einmal sammelte sie im Garten des Londoner Hauses, in dem die Familie Goodall wohnte, etliche Regenwürmer auf und nahm diese mit in ihr Bett. Als ihre Mutter diese Tiere sah, erklärte sie Jane ruhig, die Würmer würden sterben, wenn sie sie hierbehalte. Daraufhin brachte Jane die Regenwürmer in den Garten zurück.

Ähnliches passierte, als die Familie Goodall Freunde besuchte, die ein Haus an der Felsküste von Cornwall besaßen. Jane sammelte am Strand in mit Meerwasser gefüllten Vertiefungen lebende Muscheln und Schnecken und trug sie mit einem Spielzeug-Eimer ins Haus. Die Meerestiere krochen überall in ihrem Zimmer herum, als später die Mutter eintrat. Auf die Warnung, die Muscheln und Schnecken könnten nur im Meer leben, sonst müssten sie sterben, reagierte Jane geradezu hysterisch. Unzüglich mussten alle Bewohner des Hauses die Muscheln und Schnecken im Haus wieder einsammeln und möglichst schnell zum rettenden Meer bringen.

Schon im Alter von vier Jahren hatte Jane einen großen Forscherdrang. Als sie mit ihrer Mutter auf dem Bauern- hof ihrer Großmutter väterlicherseits, Elisabeth Nutt, in Kent Ferien machte, sammelte sie die Eier der Hühner ein und stellte sich bald die Frage: Wo war bei einer Henne eine Öffnung, die groß genug war, um ein Ei herauszulassen? Um dies herauszufinden, versteckte sie sich im Hühnerstall, still in eine Ecke geduckt und mit etwas Stroh getarnt. Erst nach Stunden kam eine Henne, setzte sich auf das Nest, erhob sich plötzlich ein wenig und die kleine Jane sah, wie etwas Weißes langsam aus den Federn zwischen ihren Beinen fiel.

Als Jane endlich wieder aus dem Hühnerstall auftauchte, war es bereits Nacht. Auf dem Bauernhof hatte wegen ihres Verschwindens große Aufregung geherrscht. Die ganze Familie, Freunde und Nachbarn hatten das Kind gesucht. Sogar die Polizei war alarmiert worden. Unge- achtet der Sorgen, die sie sich gemacht hatte, schimpfte die Mutter von Jane nicht und hörte geduldig zu, als ihre Tochter mit leuchtenden Augen erzählte, wie ein Huhn ein Ei legt und was das für ein Wunder ist.

1939 verkaufte die Familie Goodall ihr Londoner Haus und zog mit der fünfjährigen Jane und der ein Jahr alten Judy nach Frankreich. Der Vater wollte, dass seine Töch- ter dort die französische Sprache lernen und diese bereits als Kinder fließend sprechen sollten. Doch einige Monate später besetzte Hitler-Deutschland die Tsche- choslowakei, was den Zweiten Weltkrieg (1939-1945) heraufbeschwor. Die Familie Goodall beschloss, wieder nach England zurückzukehren.

Weil die Goodalls ihr Londoner Haus veräußert hatten, zogen sie in das alte Bauernhaus in Kent, wo einst der Vater von Jane aufgewachsen war. Das aus grauen Bruchsteinen erbaute Bauernhaus hatte keinen Strom- anschluss. Abends wurden Petroleumlampen zur Be- leuchtung angezündet. Auf den Wiesen, die das Haus umgaben, weideten Kühe und Schafe. Zum Bauernhof gehörte ein Gelände mit Ruinen einer Burg, in der einst König Heinrich VIII. (1491-1547) eine seiner sechs Ehe- frauen gefangengehalten hatte. Zwischen den Steinen der Burgruine lebten Spinnen und Fledermäuse.

Da Vanne Goodall wusste, dass sich ihr Ehemann Mortimer zum Militär melden wollte, zog sie mit ihren Kindern Jane und Judy zu ihrer eigenen Mutter Granny Joseph auf den Bauernhof „The Birches“ (zu deutsch: „Birkenhof“) in Bournemouth (Dorset). Der „Birkenhof“ ist ein 1872 im viktorianischen Stil errichtetes rotes Backsteinhaus, wenige Gehminuten von der Küste des Ärmelkanals und rund 100 Kilometer von London entfernt. Als England am 3. September 1939 den Krieg erklärte, war Jane fünfeinhalb Jahre alt. Danach meldete sich ihr Vater sofort freiwillig zum Militär.

Als kleines Kind konnte Jane den Vornamen Granny ihrer Großmutter mütterlicherseite nicht aussprechen und sagte stattdessen „Danny“. Die Großmutter war Witwe, weil ihr Ehemann William Joseph, ein Waliser und Pfarrer der „Congregational Church“, bereits vor der Geburt von Jane gestorben war.

Der „Birkenhof“ war auch das Zuhause der beiden Tanten von Jane: Elizabeth Olwen, von Jane als „Olly“ bezeichnet, und Mary Audrey Gwyneth, die mit ihrem Waliser Vornamen Gwyneth angesprochen werden wollte. Am Wochenende kam der Onkel Eric Joseph, der als Arzt in einem Londoner Krankenhaus arbeitete, zu Besuch. Kurz nach Kriegsbeginn wohnten außerdem zwei alleinstehende Frauen, die heimatlos geworden waren, mit auf dem Bauernhof.

Auf dem Bauernhof ihrer Großmutter „Danny“ ver- brachte Jane (Spitzname „V.J.“) ihre restliche Kindheit und anschließend auch ihre Jugendzeit. Im großen Garten mit vielen Bäumen und einer grünen Wiese beobachtete sie allerlei Vögel, die Nester bauten, Spinnen, die Eierballen trugen, und Eichhörnchen, die einander durch die Bäume jagten.

Als ihren besten Kameraden in ihrer Kindheit und einen wundervollen Lehrer bezeichnete Jane später ihren Hund „Rusty“. Dieser war eine schwarze Promena- denmischung mit einem weißen Fleck auf der Brust. Über „Rusty“ sagte sie: „Er war intelligent und konnte selbst Probleme lösen. Ich wusste genau, dass er Gefühle hatte. Er konnte sehr traurig, glücklich, wütend und beschämt sein. Manchmal schmollte er auch richtig. Es war mir immer klar, dass Tiere Intelligenz, Gefühle und Persönlichkeit haben.“

Außerdem gab es im Laufe der Zeit auf dem „Bir- kenhof“ noch andere Haustiere: etliche Katzen, zwei Meerschweinchen, einen Goldhamster, mehrere Schild- kröten und einen Kanarienvogel namens Peter. Zeitweise hatten Jane und ihre Schwester Judy jeweils eine eigene so genannte „Rennschnecke“. Diesen Schnecken hatten sie jeweils eine Zahl auf ihr Haus gemalt. Sie wurden in einer mit einer Glasscheibe abgedeckten alten Holzkiste ohne Boden gehalten, die von den Mädchen auf der Wiese immer wieder ein Stück weiter gerückt wurde, damit die Schnecken frische Löwenzahnblätter fressen konnten.

Die Schwestern Jane und Judy erhielten von ihren El- tern eine christliche Erziehung. Der Vater und die Mut- ter zwangen sie weder zum Kirchenbesuch noch zum Beten zuhause vor den Mahlzeiten. Doch sie achteten darauf, dass ihre beiden Mädchen ein Nachtgebet sprachen, bei dem sie neben ihrem Bett knieten. Früh lernten sie Werte wie Mut, Ehrlichkeit, Mitgefühl und Toleranz.

Für die wissbegierige, phantasievolle und verträumte Jane begann 1940 mit sechs Jahren der so genannte „Ernst des Lebens“, als sie in ihre erste Schule eintrat. Dabei handelte es sich um die kleine Schule namens „St. Christopher’s“ in Bournemouth. Ihre erste Lehrerin hieß Phillys Hillbrook und war ein Freund der Familie von Jane. Phyllis kam jede Woche einmal zum Bridge- Spielen auf den „Birkenhof“. 1943 verließ Jane „St. Christopher’s“ und wechselte an die „Parents’ National Educations Union School“ („PNEU“) in West Bourne- mouth.

Das Lernen in der Schule bereitete Jane viel Freude. Besonders interessant fand sie die Fächer englische Sprache und Literatur, Geschichte und Religion. In ihrer Freizeit las sie gern philosophische Werke, die einst ihrem Großvater gehört hatten. Außerdem schrieb sie Geschichten und Gedichte. An Wochenenden und in den Schulferien streifte sie mit dem Hund „Rusty“ an der Küste herum und beobachtete Wildtiere wie Wiesel, Mäuse, Igel, Eichhörnchen, Eichelhäher, Füchse und Kaninchen. Manchmal zog sie mit Freundinnen los und spielte mit ihnen an Küstenhängen oder am Strand. Jane war zwölf Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden ließen. Für sie änderte sich dadurch nicht viel, weil sie weiterhin mit ihrer Mutter Vanne und mit ihrer Schwester Judy auf dem „Birkenhof“ lebte.

Mit etwa zwölf Jahren säuberte Jane an Samstagen in einer Reitschule Sättel und Zaumzeug, mistete Ställe aus und half auf dem Hof. Zur Belohnung durfte

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Urwaldheld „ Tarzan “

„Spindle“ - so ihr neuer Spitzname - kostenlos reiten. Reitstunden konnte ihre geschiedene Mutter nicht bezahlen. Eines Tages durfte Jane sogar ein Turnierpferd reiten. Gelegentlich beteiligte sie sich an Springturnieren. Ihre Begeisterung an einer Fuchsjagd, bei der sie mit den Jägern in roten Uniformen reiten durfte, erlosch schlagartig, als zum Schluss der abgehetzte Fuchs von Hunden in Stücke gerissen wurde.

Als Schulmädchen kletterte Jane oft auf eine Buche im Garten des „Birkenhofes“. Diesen Baum mochte sie so sehr, dass sie ihre Großmutter „Danny“ dazu überredete, ihn ihr testmentarisch zu vermachen. Auf jener Buche lauschte sie oft dem Gesang der Vögel und las viele Bücher. Ihre Lieblingslektüre waren „Tarzan“, „Jungle Book“ und „The Story of Doctor Doolittle“. In den fiktiven Urwaldhelden „Tarzan verliebte sie sich mit 13. Sie war eifersüchtig auf dessen Gefährtin Jane, die denselben Vornamen wie sie trug. Damals reifte ihr Entschluss, in Afrika mit Tieren zusammenzuleben und Bücher über sie zu schreiben.

Ab 1945 besuchte Jane die „Uplands School“ in Parkstone (Dorset). Diese private Mädchenschule befand sich unweit ihres damaligen Wohnortes Bournemouth. Im Sommer 1946 gründete Jane zusammen mit Kindern aus der Nachbarschaft den „Alligator Club“, der Touren in die Natur unternahm und sich um alte Pferde kümmerte. Jane leitete diesen Natur-Club und gab eine Zeitschrift namens „Alligator Letter“ mit Artikeln wie beispielsweise über Vogeleier oder Tierspuren, Puzzles und Rätseln heraus. Damals trug sie den Spitznamen „Red Admiral“.

Als der neue Pfarrer, Reverend Trevor Davies, sein Amt an der Richmond-Hill-Church in Bournemouth antrat, verliebte sich die 15-jährige Jane unsterblich in ihn. Ihre Zuneigung war aber platonisch. Gern ging sie damals an Sonntagen zur Kirche. Die sechs Tage zwischen den Sonntagen erschienen ihr trostlos. An Werktagen spa- zierte sie abends am Pfarrhaus vorbei und warf einen Blick durch das erleuchtete Fenster der Studierstube des Pfarrers.

Jane wusch sich sogar die Hände nicht mehr, wenn ihr Reverend Davies nach dem Gottesdienst die Hand gegeben hatte. Als er in einer Predigt sagte, man solle nicht nur einen, sondern auch einen zweiten Schritt tun, machte Jane in der folgenden Woche alles doppelt. Zum Beispiel sagte sie allen zweimal gute Nacht und nahm zweimal hintereinander ein Bad. Wegen ihrer Schwär- merei für den Pfarrer wurde sie auf dem „Birkenhof“ oft geneckt.

Mit 16 fühlte Jane eine starke Liebe zu Jesus. Seine Gewissensqualen im Garten von Gethsemane und das Martyrium seiner Kreuzigung auf Golgatha gingen ihr nicht aus dem Kopf. Oft dachte sie darüber nach, ob sie das aushalten könne, was Jesus und Märtyrer erlitten hatten. Beim Lesen der Bibel erschienen ihr manche Passagen logisch, andere dagegen unlogisch. Nicht glauben konnte sie zum Beispiel, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen worden sei, was ja auch nicht zutrifft. Eines Tages schrieb Jane in Schönschrift auf kleine Papierstreifen von etwa fünf Millimeter Breite und bis zu zehn Zentimeter Länge ausgewählte Verse aus dem Alten und dem Neuen Testament. Diese Papierstreifen rollte sie fest zusammen und deponierte jeweils 20 davon in sechs Streichholzschachteln. Jene Streichholz- schachteln klebte sie zusammen und schuf so eine Miniatur-Kommode, deren sechs Schubladen jeweils mit einem kleinen Messingring aufgezogen werden konnten. Die Oberfläche der kleinen Kommode ver- zierte sie mit einem Miniaturbild von der Geburt Jesu. Jane machte 1952 mit 18 Jahren an der „Uplands School“ in Parkstone das Abitur. Obwohl sie ein ausgezeichnetes Zeugnis hatte, konnte sie nach dem Ende der Schulzeit kein Studium an einer Universität beginnen. Ihrer alleinerziehenden Mutter fehlte das Geld, um die Studiengebühren bezahlen zu können. Ein Stipendium war nur zu bekommen, wenn jemand eine Fremdsprache gut beherrschte, was aber bei Jane nicht der Fall war. Die in Köln lebende Tante väterlicherseits namens Joan und deren Ehemann Michael Spens luden Jane und ihre Mutter im Sommer 1951 zu einer kurzen Reise nach Deutschland ein. Dort arbeitete Onkel Michael in der Verwaltung der britischen Verwaltungszone. Tante Joan arrangierte, dass Jane drei Monate lang von Mitte September bis Mitte Dezember 1952 bei einer deutschen Familie mit vier Kindern leben konnte.

Zurück in England wurde Jane von ihrer Mutter dazu überredet, sie solle Sekretärin werden, weil eine solche überall Arbeit fände. Jane träumte damals immer noch davon, in einem fernen Land, am liebsten in Afrika, mit Tieren zu arbeiten. Neben Lyrik und Philosophie las sie gern Tierbücher.

Jane begann ihre Ausbildung zur Sekretärin in London. Nach eigenen Angaben war sie mit 19 noch sehr naiv für ihr Alter. Sie besuchte Kunstgalerien, klassische Konzerte und das „Natural History Museum“, eines der größten naturhistorischen Museen der Welt. Ein junger Mann, den sie kennenlernte, lud sie zum Essen und ins Theater ein. Damals war sie knapp bei Kasse, aß mittags oft nur ein Wurstbrötchen und abends ein gekochtes Kohlviertel und einen Apfel oder einen Keks.

An einer Londoner Wirtschaftsschule besuchte Jane kostenlose Abendkurse. Sie wählte Kurse in Jour- nalismus, englischer Literatur und Theosophie. Nach den Kursen gingen etliche Teilnehmer - darunter auch Jane - in ein Café und unterhielten sich dort stundenlang. Damals verliebte sich Jane in einen merk-lich älteren Niederländer, einen ehemaligen Wider-standskämpfer. Fast wäre es zu einer Affäre mit die-sem Holländer gekommen, aber ihr Schwarm war verheiratet.

Nach dem Abschluss der Sekretärinnenschule arbeitete Jane in einer Klinik, an der ihre Tante Olly als Physiotherapeutin wirkte. Sie arbeitete überwiegend mit Kindern, die wegen Polio oder eines Unfalls gelähmte Arme oder Beine hatten oder an Gehirnlähmung, Muskelschwund oder anderen Gebrechen litten. Jane hatte die Aufgabe, den jeweiligen Kommentar des Arztes mitzuschreiben und abzutippen.

Danach bekam Jane eine Stelle als Sekretärin an der renommierten „University of Oxford“, die ihr Einblicke in das Studentenleben erlaubte. Es folgte ein Job in einem kleinen Londoner Filmstudio, wo sie die Begleitmusik für Dokumentarfilme auswählte. Dabei lernte sie alle Bereiche des Filmemachens kennen.

Am 18. Dezember 1956 erhielt Jane einen Brief von ihrer besten Schulfreundin Marie Claude („Clo“) Mange, von der sie lange nichts mehr gehört hatte. In dem Brief, der aus Afrika kam, schrieb „Clo“, ihre Eltern hätten gerade in Kenia eine Farm erworben und sie fragte Jane, ob sie zu Besuch kommen wollte.

Jane war von dieser Einladung begeistert. Sie musste aber erst das Reisegeld für die Hin- und Rückreise verdienen. Denn in Kenia durften nur Leute einreisen, die ein Rückfahrt-Ticket besaßen oder für die jemand gut bürgte. Weil Jane in London wenig verdiente, kündigte sie noch am selben Tag ihren Job im Filmstudio und zog nach Bournemouth, wo sie bei ihrer Familie auf dem „Birkenhof“ leben und jeden Penny sparen konnte, den sie als Kellnerin verdiente. Ihren Lohn versteckte sie jedes Wochenende unter dem Teppich im Salon vom „Birkenhof“. Nach fünfmonatiger harter Arbeit zählte die ganze Familie an einem Abend bei zugezogenen Vorhängen die Ersparnisse von Jane. Zusammen mit dem Geld, das sie bereits in London verdient hatte, reichte die insgesamt angesparte Summe für die Reise nach Afrika, die in ihrem Leben eine Wende bewirkte.

Jane war 23 Jahre alt, als sie mit dem Passagierschiff „Kenya Castle“ 1957 nach Mombasa in Kenia fuhr. Sie teilte ihre Kabine mit fünf anderen Mädchen. Die Fahrt dauerte eine Woche länger als geplant, weil wegen des Suez-Krieges der Suez-Kanal eine Woche vor dem Ablegen des Schiffes gesperrt wurde. Kurzerhand beschloss die Reederei, an der Westküste von Afrika entlangzufahren um das „Kap der Guten Hoffnung“ und dann hinauf nach Mombasa. Der Umweg machte die Schiffsreise noch teurer.

Nach der Ankunft in der Hafenstadt Mombasa fuhr Jane zwei Tage lang von der Küste ins Landesinnere nach Nairobi, wo sie von ihrer Schulfreundin „Clo“ und deren Eltern abgeholt wurde. Danach ging es mit dem Auto weiter zur Farm ihrer Gastgeber in Kinankop auf dem „Weißen Hochland“. Unterwegs sah Jane in der Dämmerung am Straßenrand einen Giraffenbullen, weswegen der Vater von „Clo“ kurz anhielt, bis das Tier davongaloppierte.

In den folgenden Wochen lebte Jane auf der Farm der Familie von „Clo“. Während dieser abwechslungs- reichen Zeit sah und hörte sie immer wieder wilde Tiere. Aber auch der Hass zwischen Weißen und Schwarzen, die unter den Folgen des blutigen Aufstandes der Mau- Mau in den 1950-er Jahren zu leiden hatten, blieb ihr nicht verborgen. Viele Menschen erzählten von Grausamkeiten jener Zeit. Von einem netten jungen Mann wurde Jane zu einem Ausritt eingeladen, der sich als Jagd auf einen Schakal entpuppte.

Als die Ferien auf der Farm zu Ende gingen, zog Jane nach Nairobi, wo sie als Sekretärin des Managers der kenianischen Filiale einer britischen Firma arbeitete Diesen Job hatte Onkel Eric schon vor der Abreise aus England vermittelt. Jene Tätigkeit erschien ihr zwar lang- weilig, aber sie verdiente damit genug Geld, um in Afrika bleiben zu können, bis sie eine Arbeit mit Tieren fand. Eines Tages kam Jane der Zufall zu Hilfe. Als sie nach einer Abendgesellschaft nach Hause gebracht wurde, riet ihr einer der Mitfahrer, wenn sie an Tieren interes- siert sei, solle sie Louis Leakey (1903-1972) kennen ler- nen. Jane befolgte diesen Rat, vereinbarte einen Termin und besuchte den berühmten Paläontologen und An- thropologen im „Coryndon-Museum für Naturge- schichte“ auf. Jenes Museum war nach Robert Coryndon (1870-1925), benannt worden, der von 1918 bis 1922 Gouverneur in Uganda und von 1922 bis 1925 Gouverneur in Kenia war. Heute bezeichnet man das ehemalige „Coryndon-Museum“ als „National Museum of Kenya“. Das große Büro von Leakey war übersät mit Papierstapeln, fossilen Knochen und Zähnen sowie Steinwerkzeugen. Louis führte Jane durch sein Museum und stellte ihr viele Fragen zu den ausgestellten Objekten. Da Jane viel über die Tierwelt von Afrika gelesen hatte, konnte sie die meisten Fragen beant- worten.

Louis Leakey war damals 54 Jahre alt. Jane beschrieb ihn als „ein wahrer Hüne von Mann, ein echtes Genie mit einem wissensdurstigen Geist, enormer Energie, großem Weitblick und einem köstlichen Sinn für Hu- mor“. Später erlebte sie aber auch, dass er aufbrauste und ungeduldig wurde gegenüber Leuten, welche er für Dummköpfe hielt, was nach seiner Ansicht alle waren, die anders dachten als er. Auch Louis war von Jane sehr angetan. Er bot ihr eine Stelle als Privatsekretärin an und sie sagte zu.

[...]

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Mit Schimpansen auf Du
Untertitel
Kurzbiografie der Primatologin Jane Goodall
Autor
Jahr
2012
Seiten
86
Katalognummer
V204065
ISBN (eBook)
9783656305736
ISBN (Buch)
9783656306306
Dateigröße
4601 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Jane Goodall, Schimpansen, Menschenaffen, Ernst Probst
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2012, Mit Schimpansen auf Du, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204065

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