Christliche und jüdische Minderheiten in der Türkei - Bürger zweiter Klasse?


Bachelorarbeit, 2012

48 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1.Thema und Fragestellung
1.1.1. Strukturierung der Arbeit
1.1.2. Quellenkritik

2. Definition der Minderheiten
2.1. Politisch-soziologischer Definition
2.2. In der internationalen Politik

3. Türkisches Minderheitenverständnis seit der Gründung der Republik Türkei
3.1. Der Minderheiten im Osmanischem Reich und das Millet-System
3.1.1. Minderheiten im Lausanner Vertrag
3.1.2. Türkisches Minderheitenverständnis
3.1.3. Nationalismus- und Laizismusprinzip und deren Auswirkungen auf die Minderheiten

4. Religionsfreiheit der muslimischen Religionsgemeinschaften
4.1 Das Präsidium für Religionsangelegenheiten
4.1.1. Die muslimischen Ordensgemeinden
4.1.2. Der Militärputsch 1980 und die TIS

5. Anerkannte/ nicht-anerkannte nicht-muslimischen Minderheiten in der Türkei
5.1. Administrative Probleme
5.1.1. DasWahlgremium
5.1.2. Die Stiftungen
5.1.3. Die Schulen
5.1.4. Die Berufe
5.1.5. Sonderfall: Die Katholische Kirche
5.2. Gesellschaftliche Probleme

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Thema: Christliche und jüdische Minderheiten in der Türkei – Bürger zweiter Klasse?

1. Einleitung

1.1. Thema und Fragestellung

Die Türkei ist seit Jahrhunderten die Heimat verschiedener Ethnien, Religionen und Kulturen. Bis dato beherbergte sie nicht nur verschiedene Turkvölker sondern etwa auch Kurden, Armenier und Griechen. Neben der vornehmlich dem sunnitischen Islam zuzurechnenden Bevölkerung, bilden die Alewiten die zweitgrößte Religionsgemeinschaft.[1] In der sehr heterogenen Gesellschaft finden sich überdies Jesuiten, Schiiten, Drusen, Bahai, Juden und Christen[2], um nur einige zu nennen.

Von den zahlreichen in der Türkei ansässigen Minderheiten werden jedoch lediglich die zwei größten nicht-muslimischen Religionsgemeinschaften als solche anerkannt – die jüdische und die christliche, wobei letztere sowohl die griechisch-orthodoxe als auch die armenische Gemeinde umfasst. Zurückführen lässt sich dies auf das historisch begründete türkische Minderheiten- und Selbstverständnis. Für die anerkannten wie auch für die nicht anerkannten Minderheiten birgt dies vielfältige administrative, rechtliche und soziale Probleme.

Mit der Gründung der türkischen Republik 1924 transformierte sich die Türkei zu einem laizistisch, zentralistischen Einheitsstaat, in dem viele Ethnien, Religionen und Kulturen Opfer des türkischen Nationalismus wurden. Der Minderheitenschutz wird bis heute lediglich durch den Lausanner Vertrag[3] von 1923 geregelt. Dieser Vertrag wird allerdings seit seiner Unterzeichnung durch die Türkei verletzt.

Nach dem Nationalismusprinzip, welches einer der Grundpfeiler der türkischen Republik darstellt, werden alle Ethnien, Sprachen, Kulturen und Religionen unter dem Deckmantel der türkischen Nation assimiliert und andere sprachliche, kulturelle und ethnische Merkmale neben dem Türkentum nicht akzeptiert.

Bis zu Ende des Ost-West-Konfliktes versuchte die türkische Regierung den Eindruck zu erwecken, eine Nationalitätenfrage gebe es nicht, aber ab den 90ern galt es als „modern“ eine heterogene Gesellschaft zu sein, wie Hamza Türkmen in seinem Buch über die türkische Öffnungs- und Demokratisierungspolitik feststellt.[4] Im Zuge dessen brüstete sich die Türkei mit ihrer kulturellen und religiösen Vielfältigkeit. Nach außen zeigte sich die Republik als eine tolerante und weltoffene Nation, wobei die innerstaatliche Realität eine andere war: Die nicht-muslimischen Minderheiten wurden über Jahrzehnte diskriminiert und schikaniert. Bis heute werden ihnen trotz türkischer Staatsangehörigkeit nicht alle in der Verfassung festgeschriebenen Bürgerrechte zuteil. Darüber hinaus werden sie weder politisch noch gesellschaftlich als vollwertige Mitbürger anerkannt.

In der vorliegenden Arbeit soll anhand der christlichen und jüdischen Minderheiten in der Türkei untersucht werden, wie die dem türkischen Staat zugrundeliegende Ideologie den dortigen Umgang mit religiösen Minderheiten prägt und welche administrativen, rechtlichen und sozialen Probleme sich daraus für sie ergeben. Es wird der Frage nachgegangen, ob auf dieser Grundlage die Minderheiten als Bürgern zweiter Klasse gelten.

1.1.1. Strukturierung der Arbeit

Zu untersuchen ist auf welche Weise der Staat die Rechte der Minderheiten verletzt. Außerdem ist zu analysieren welche Verfolgungshintergründe und Motive seitens der türkischen Regierung bestehen.

Da in dieser Arbeit auf die nicht-muslimischen Minderheiten in der Türkei eingegangen werden soll, muss im ersten Teil dieser Arbeit zunächst eine Definition für den Begriff Minderheiten geleistet werden. Weiterhin wird sowohl die individuelle historische Entwicklung des Minderheitenbegriffs als auch ihre Wechselwirkung in der jüngeren türkischen Geschichte dargestellt.

Im zweiten Teil der Arbeit wird versucht, das türkische Minderheitenverständnis zu analysieren. Dabei wird zunächst auf die traditionelle Ordnung des Osmanischen Reiches, das so genannte Millet-System, welches die Ausgangs-bedingungen für das Verhältnis von Staat und Minderheiten in der modernen Türkei gestellt hatte, zurück geblickt. Weiterhin wird der zeitliche Ablauf des Osmanischen Reiches bis zu dessen Niedergang beschrieben und auf die Akteure der Minderheiten eingegangen. Danach werden die Minderheiten und der Minderheitenschutz gemäß dem Lausanner Vertrag analysiert. Dann folgt eine Analyse der Entwicklung des türkischen Nationalismus und des türkischen Minderheitenverständnis unter konkretem Einfluss des Nationalismus, der sich von der Identifikation mit der Osmanischen Dynastie über den Islam hin zu türkischen Nation bewegte, und des Laizismus, der zum Grundpfeiler der jungen Republik wurde.

Im dritten Teil der Arbeit werden die Rahmenbedingungen der Religionsfreiheit in der Türkei untersucht. Dabei ist zu berücksichtigen, welche Rolle die Religion in der Türkei spielt und wie der verfassungsrechtliche Status des Präsidiums für Religionsangelegenheiten bestimmt ist. Danach wir der Einfluss der muslimischen Ordensgemeinden, trotz ihres offiziellen Verbots, auf die türkische Politik und Gesellschaft analysiert. Im Anschluss wird der Militärputsch von 1980 und die TIS Ideologie beschrieben, welche die Stellung der Diyanet im türkischen Staatsapparat festigt.

Im letzten Abschnitt werden die rechtlichen wie gesellschaftlichen Probleme der anerkannten und nicht-anerkannten nicht-muslimischen Minderheiten in der Türkei untersucht. In diesem Abschnitt ist darzustellen, mit welchen Motiven und Praktiken die türkische Regierung gegen diese Minderheiten vorgeht. Außerdem ist die Frage zu klären, ob es sich hierbei um eine systematische Diskriminierungspolitik handelt, die die christlichen und jüdischen Minderheiten zu Bürgern zweiter Klasse macht.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und wird mit einer Prognose im Rahmen der aktuellen türkischen Minderheitenpolitik.

1.1.2. Quellenkritik

Bei der Definition des Minderheitenbegriffes orientiere ich mich sowohl an das Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein, die eine große Zahl an Definitionsmöglichkeiten angeboten haben, sowie an die Definitionen der UNO, die mir mit vielen Hintergrundberichten einen besseren Einblick in die Historie der Begriffsentstehung ermöglichte.

Meine Hauptquelle zur Definition des türkischen Minderheitenverständnisses sind die Beiträge von Baskın Oran „Türkiyeli Gayrimüslimler Üzerine Yazılar und Türkiye’de Azınlıklar, Kavramlar, teori, Lozan, İç Mevzuat, İçtihat, Uygulama“. Diese Werke erläutern äußerst detailliert sowohl die Entstehung des Minderheitenverständnis in Europa, sowie die des türkischen Minderheitenverständnisses, die nach europäischem Vorbild übernommen wurde aber während der Gründungsphase der türkischen Republik sich unterschiedlich entwickelt hat.

Als Quellen für den Ablauf der Entstehung und den verfassungsrechtlichen Status des Präsidiums für Religionsangelegenheiten orientiere ich mich insbesondere am Werk „Die DITIB zwischen der Türkei und Deutschland-Untersuchungen zur Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ von Aysun Yașar, die das Religionspräsidium von ihren Anfängen bis zu ihrer Festigung durch die TIS Ideologie, verständlich und bis ins Kleinste behandelt. Auf das Wirken der muslimischen Ordensgemeinden in die türkische Politik und Gesellschaft, orientiere ich mich an der umfangreichen Darstellung Otmar Oehrings in seinem Werk „Zur Lage der Menschrechte in der Türkei- Laizismus= Religionsfreiheit?“. Seine Arbeit zeichnet sich durch verständliche und bis ins Kleinste ausgearbeitete Darstellung des oben genannten Themenkomplexes. Meine Analyse der Rolle des Militärs und dessen Putsch 1980 fußt zum einen auf dem Werk Reiner Hermanns „Türkiye´de neler oluyor? Anadolu´nun Uyanıșı ve Elitler“ und der Arbeiten von Ersel Aydınlı und Mesut Yegen „A Paradigmatic Shift for the Turkish Generals in The Middle East Journal“.

Für die Analyse der administrativen wie auch die gesellschaftlichen Probleme der nicht-muslimischen Minderheiten in der Türkei ziehe ich ebenfalls die umfangreiche und detaillierte Arbeit von Otmar Oehring „Zur Lage der Menschrechte in der Türkei- Laizismus= Religionsfreiheit?“ zu rate. Speziell für die Einschätzung der Probleme der nicht-muslimischen Minderheiten waren die Arbeiten des türkischen Politikwissenschaftlers Baskın Oran „Türkiye’de Azınlıklar, Kavramlar, teori, Lozan, İç Mevzuat, İçtihat, Uygulama“ und „Türkiyeli Gayrimüslümler Üzerine Yazılar“, sehr hilfreich.

Im Folgenden Abschnitt wird ein Überblick über die jeweiligen Definitionen des Minderheitenbegriffes. Im Anschluss erfolgt ein Zwischenfazit, wie die türkische Regierung Definition des Minderheitenbegriffes nach ihrem Verständnis interpretiert und mit welcher Begründung dies erfolgt.

2. Definition der Minderheiten

2.1. Politisch- soziologische Definition

Im Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein wird als Minderheit eine Bevölkerungsgruppe bezeichnet, die sich von der mehrheitlichen Bevölkerung aufgrund bestimmter sozialer bzw. ökonomischer Unterschiede, politischer oder religiöser Überzeugungen, ethnischer Zugehörigkeit etc. abgrenzt oder die abgegrenzt wird.[5]

2.2. In der internationalen Politik

Eine allgemein anerkannte und verbindliche völkerrechtliche Definition des Minderheitenbegriffes ist bis heute nicht existent. Der Begriff wird in der Theorie und in der Praxis wie beispielsweise in den Bestimmungen der UNO (Pakt über bürgerliche und politische Rechte) oder des Europarats (Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten) vorausgesetzt. 1978 unterbreitete Francesco Capotorti, Spezialberichterstatter der UN, der Minderheiten-Unterkommission einen Definitionsvorschlag für den Begriff der Minderheiten, der von Jules Deschênes 1985 auf Ersuchen der Unterkommission nur unwesentlich modifiziert wurde. Demnach ist eine Minderheit, „eine Personengruppe, die sich in einer numerischen Unterlegenheit im Vergleich zur Gesamtbevölkerung befindet, durch eine nicht dominante Stellung im Staat, durch ethnische, religiöse oder sprachliche Gemeinsamkeit auszeichnet und Staatsangehörige des Aufenthaltsstaates sind.“[6]

Nach der Definition von Capotorti ist festzuhalten, dass der Status der Minderheiten auf fünf Elemente basiert: Anderssein, Numerische Unterlegenheit, keine dominante Stellung, Staatsangehörigkeit des Aufenthaltsstaates und das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer Minderheit. Erfüllt eine Gruppe, die sich in einem Staat befindet diese Voraussetzungen, dann fällt sie unter den Begriff der Minderheiten. Die europäische Auffassung setzte für den Begriff der Minderheit, die Staatsangehörigkeit des Aufenthaltsstaates voraus (Art. 27 IPBPR[7] ).[8] Der letzte Aspekt das Element der Staatsangehörigkeit des Aufenthaltsstaates als Kriterium, war bis 1994 umstritten. In einem General Comment[9] wurde die Bedingung der Staatsangehörigkeit vom Menschenrechtsausschuss der UNO diskreditiert.[10]

Der Begriff der Minderheiten beruht in der Türkei auf den Lausanner Vertrag, dessen einschlägige Bestimmungen in Verbindung mit Artikel 90 Absatz 5 TVerf´82 Gesetzeskraft in der Türkei haben.[11] Die türkische Definition ist teilweise mit der völkerrechtlichen kompatibel: Numerische Unterlegenheit, keine dominante Stellung, die türkische Staatsangehörigkeit. Dennoch ist das türkische Verständnis in einem wichtigen Punkt differenziert. Seitens der türkischen Republik werden nur die Griechisch-Orthodoxen, die Armenier und die Juden, als religiöse Minderheiten anerkannt. Andere religiöse und ethnische Gruppen, wie Kurden, Alewiten, Protestanten, Assyrer usw. fallen nicht unter den Minderheitenschutz des Lausanner Vertrages. Für die Türkei haben ausschließlich nur die drei genannten Gruppen den Schutz der Minderheitenklausel. Gemäß dem Nationalismusprinzip sind muslimische, ethnische und sprachliche Minderheiten nicht Existent.[12]

Diesbezüglich stellen sich zwei Fragen. Warum die türkische Exekutive eine faschistische Geisteshaltung den Minderheiten gegenüber hat, die seit dem Anfängen des Osmanischen Reiches anwesend waren und wo die türkischen Abneigungen gegenüber Minderheiten verwurzelt sind? Diesen Fragen sollen im folgenden Bericht nachgegangen werden. Dazu werden zunächst die historischen Wurzeln des türkischen Minderheitenverständnisses erläutert. Im Anschluss daran erfolgt eine Analyse des Minderheitenverständnisses nach dem Lausanner Vertrag, weil dieser die Grundlage für den heutigen Minderheitenbegriff in der Türkei ist. Als letzter Punkt erfolgt ein Vergleich zwischen der türkischen und europäischen Auslegung des Minderheitenbegriffes.

3. Türkisches Minderheitenverständnis seit der Gründung der Republik Türkei

3.1. Der Minderheitenbegriff im Osmanischen Reich und das Millet-System

Das Osmanische Reich war ein monarchisch islamisches Staatswesen mit dem Islam als Staatsreligion (Islam ist Religion und Staat= Al-Islam din wa daula). Der Sultan hatte zugleich das Amt des Kalifen, des höchsten weltlichen und geistlichen Würdenträgers der gesamtislamischen Gemeindeschaft der Umma, inne. Im Laufe seines 600jährigen Bestehens entwickelte sich das Reich durch seine Expansion zu einer multikonfessionellen und -kulturellen Nation. Der Islam war die Staatsreligion, so dass die staatsbürgerliche Stellung der Untertanen nach ihrem Verhältnis zum Islam beurteilt wurde.[13] Die Begriffe Staatsvolk oder Nation, im modernen Sinne, waren gemäß der Osmanischen Gesetze nicht existent. Die Zugehörigkeit zum Reich wurde über die Religion definiert. Der Sultan gewährte der unterlegenen nicht-muslimischen Bevölkerung, nach islamischem Recht den Status einer Millet.[14] Das osmanische Millet-System, unterteilte die Gruppen nicht nach Ethnie oder Sprache, sondern nach Religion und Konfession. Hierbei bildeten alle Muslime, unabhängig ihrer Konfession, die „Islam Milleti“, die Millet-i Hakime (die Regierenden) also Bürger erster Klasse. Nicht-Muslime, getrennt nach Konfessionen, bildeten die „Millet-i Mahkume“ (die Regierten) und galten in diesem Sinne als Bürger zweiter Klasse.[15] Die wichtigsten religiösen Minderheiten waren die griechisch- orthodoxe, die armenische und die jüdische Religionsgemeinschaft, die seitens des Staates in der osmanischen Verwaltung als tebaa-i gayrimüslime (nicht-muslimische Untertanen) bezeichnet wurden und weitreichende Autonomie genossen. Die Zahl der Millets im Osmanischen Reich nahm Ende des 19. Jahrhunderts zu und stieg auf 17 an.[16] So durften sie ihre Tradition pflegen und ihre inneren Angelegenheiten ohne Einmischung des Staates erledigen. Des Weiteren besaßen sie das Recht in religiösen, rechtlichen, administrativen und erzieherischen Angelegenheiten selbstständig zu fungieren. Trotz dieser weitreichenden Freiräume waren sie dennoch Schutzbefohlene (arab. Dhimmis) und standen gänzlich unter der Staatsgewalt der Osmanen.[17] Die Dhimmis hatten noch weitere Privilegien. So waren sie vom Militärdienst befreit und haben für diese Befreiung Kopfsteuer (arab. Dhjizja) an den Staat zahlen müssen.

Die verschiedenen Millets genossen einen hohen Grad an Autonomie innerhalb des Millet-Systems. Sie standen nicht unter der Herrschaft ihrer religiösen Autorität, sondern verfügten sowohl über religiöse, als auch weltliche Autorität in ihrer jeweiligen Gruppe.[18] Die Organisation der religiösen Gemeinschaften auf wirtschaftlichem, rechtlichem und administrativem Gebiet, unterlag der kirchlichen Regie. Die religiösen Führer der nicht-Muslime trugen die politische Verantwortung gegenüber dem Sultan.[19] Fragen und Rechtsstreitigkeiten wurden innerhalb der Millet auf Grundlage der eigenen Gesetze behandelt. Bei Rechtsstreit zwischen zwei Personen verschiedener Millet, galt das Gesetzt der verletzten Partei, während die Polemiken zwischen einem Muslim und einem nicht-Muslim nach dem islamischen Recht geregelt wurden. Dadurch wurde die Hierarchie zwischen den muslimischen und den nicht-muslimischen Gemeinschaften aufrechterhalten, die die Muslime privilegierte und die anderen zu Bürger zweiter Klasse machte.[20]

Für den Erhalt des Reiches war das Millet-System die einzige Möglichkeit. Das osmanische Millet-System hat den Bestand der Minderheiten gesichert. Bis zu seinem Zusammenbruch blieb das Minderheitenverständnis im Osmanischen Reich unverändert.

Die Unabhängigkeitsbestrebungen der nicht-muslimischen Minderheiten und die Herausbildung der Idee eines Nationalstaates in Europa des 19.Jahrhunderts führten dazu, dass die politische Loyalität zum Reich belanglos wurde. Um den Niedergang des Reiches zu verhindern, orientierte sich das Reich an dem Modell der europäischen Nationalstaaten und leitete tiefgreifende Reformen, die sogenannte Tanzimat[21].[22] Die radikalen Reformversuche des Sultans haben dennoch den Zerfall des Reiches nicht verhindern können. Der Drang nach Unabhängigkeit der nicht-muslimischen Minderheiten war stärker als die Gleichberechtigungsvorschläge. Die Aufstände in Griechenland, auf dem Balkan und Rumänien -mit Unterstützung der europäischen Mächte- wurden nicht um Gleichberechtigung unter osmanischer Herrschaft geführt, sondern für nationale Unabhängigkeit. Dies führte zu Hassgefühlen den nicht-muslimischen Minderheiten und Europa gegenüber, die bis heute in der türkischen Bevölkerung als eine Art Trauma vorhanden ist. Der Niedergang des Reiches veränderte die Bedingungen des Zusammenlebens zwischen Christen, Juden und Muslimen in der heutigen Türkei.[23]

Der Vertrag von Sevrès[24] ging weit über die anderen Pariser Vorortsfriedenschlüsse hinaus. Bei einer Ratifizierung durch die Türkei wäre nur wenig von ihrer Staatshoheit geblieben, der größte und wichtigste Teil Anatoliens wäre europäischen Mächten zur wirtschaftlichen Ausbeutung übertragen worden. Nicht nur, dass das dem Reich seine politische wie wirtschaftliche Souveränität geraubt wurde, zugleich stärkte der Vertrag in den Artikeln 145 und 147, die Rechte der nicht-muslimischen Minderheiten.[25] Als Schutzmächte der nicht-muslimischen Minderheiten betrachtet, ließen sich die alliierten Siegermächte im Vertrag von Sevrès ein Interventionsrecht zugunsten der religiösen Minderheiten garantieren. Dieses Friedensdiktat stellte das Osmanische Reich einer Kolonie gleich. Dies rief bei den Türken den sogenannten „Sevrès-Konplex“[26] hervor, der bis heute noch in der Türkei vorhanden ist. Nicht-Muslime werden seit dem als Feinde im Inneren angesehen, die am Untergang des osmanischen Reiches stark mitgewirkt haben und werden als eine Bedrohung für die nationale Einheit angesehen.[27]

[...]


[1] Vgl. Steinbach; Udo; Die Geschichte der Türkei; 5. Auflage 2010 in Verlag C.H. Beck OHG, München 2000; S. 111

[2] Beispielsweise Assyrer (türk. Süryani), Nestorianer, Protestanten…

[3] Der Lausanner Friedensvertrag, der am 24.07.1923 zwischen der Türkei und den alliierten Westmächten unterzeichnet wurde, legte die Türkei als Nachfolgerstaat des Osmanischen Reiches im Völkerbund fest. In ihm wurden die sowohl die Grenzen der heutigen Türkei festgelegt als auch die Garantien von Minderheitenrechten für nicht-Muslime.

[4] Vgl. Türkmen, Hamza; Açılım Politikaları, Kemalizim ve Müslümanlar; in Ekin Yayınları, 2010, S. 185

[5] Vgl. Schubert, Klaus, Klein, Martina; Das Politiklexikon, Begriffe- Fakte- Zusammenhänge; in Bundeszentrale für politische Bildung; Verlag J.H.W. Dietz Nachf. 5., aktualisierter und erweiterte Auflage Bonn 2011; S. 179

[6] http://www.humanrights.ch/de/Themendossiers/Minderheitenrechte/Konzeptuelles/Definitionen/idart_2216-content.html, abgerufen am 25.04.12

[7] Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte ist ein völkerrechtlicher Vertrag.

[8] Vgl. Vitzhum, Graf, Wolfgang; Völkerrecht, 5. Auflage; in Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin/New York 2010; S. 164

[9] Allgemeine Bemerkungen der UNO

[10] http://www.humanrights.ch/de/Themendossiers/Minderheitenrechte/Konzeptuelles/Definitionen/idart_2216-content.html, abgerufen am 25.04.12

[11] Vgl. Künnecke, Arndt; Eine Hürde auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft? – Der unterschiedliche Minderheitenbegriff der EU und der Türkei; in Schriften zur Europapolitik Band 7; Verlag Dr. Kovac 2007; Hamburg; S. 174

[12] Vgl. Klaeren, Jutta; Informationen zur politischen Bildung Heft 313 4/2011 Türkei; S. 12

[13] Vgl. Oehring, Otmar; Zur Lage der Menschrechte in der Türkei- Laizismus= Religionsfreiheit, in http://www.missio-hilft.de/media/thema/menschenrechte/studie/05-tuerkei-de.pdf; abgerufen am 19.08.2011

[14] Vgl. Hermann, Reiner; Türkiye´de Neler Oluyor? Anadolu´nun Uyanısı ve Yeni Elitler, Ufuk    Yayınları, 2011 Üsküdar/Istanbul S. 249

[15] Vgl. Oran, Baskın; Türkiye’de Azınlıklar, Kavramlar, teori, Lozan, İç Mevzuat, İçtihat, Uygulama, İletişim Yayıncılık, 2.Baskı Ağustos 2005, S 47

[16] Vgl. Zaffi, Davide; Das Millet-System im Osmanischen Reich; in Zur Entstehung des modernen Minderheitenschutzes in Europa; 2006 Springer Verlag/Wien; S. 133

[17] Vgl. Oran, Baskın; S. 47

[18] Vgl. Krämer, Gudrun; Geschichte des Islam; Geschichte des Islam; in Bundeszentrale für politische Bildung; Verlag C.H. Beck oHG, München 2005; S. 223

[19] Vgl. Özdemir, Cem; Die Türkei: Politik, Religion, Kultur in Beltz & Gelberg 2008; S.128

[20] Vgl. Ebd.

[21] Tanzimat war die Periode tiefgreifender Reformen im Osmanischen Reich, die 1839 begann und 1876 mit der Annahme der Osmanischen Verfassung endete. Mit der Hatt-iScherif (Edles Handschreiben) von Gülhane (1839), der Hatt-iHümâyûn (Großherrliches Handschreiben) (1856), sollte eine umfassende Modernisierung des Staates vollzogen werden. Die getroffenen Reformmaßnahmen betonten die religiösen Freiheiten und die soziale Gleichstellung seiner nicht-muslimischen Minderheiten. Die Reformen bedeuteten den Bruch mit dem islamischen Recht und das Ende des Millet-Systems; dazu mehr unter Krämer, Gudrun; Geschichte des Islam; S. 271-272

[22] Vgl. Kubaseck Christopher, Seufert, Günter; Die Türkei: Politik, Geschichte, Kultur in Verlag C. H. Beck, oHG, München 2004; S. 71f

[23] Vgl. Kreiser, Klaus; Der Osmanische Staat 1300-1922; in 2008 Oldenburg Wissenschaftsverlag, München; S. 39-41

[24] Friedensvertrag von Sevrès wurde nach dem Ersten Weltkrieg zwischen dem Osmanischen Reich und den Siegermächten am 10.8.1920 unterzeichnet.

[25] Vgl. Jung, Dietrich; Staat, Nation und religiöse Minderheiten in der türkischen Republik; in Politik und Religion in der Europäischen Union zwischen nationaler Tradition und Europäisierung; 1. Auflage November 2006; VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006; S. 370

[26] Vgl. Künnecke, Arndt; Umgang mit Minderheuten in der Türkei in Politik und Gesellschaft in der Türkei. Im Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart, 1. Auflage 2010, VS Verlag für Sozialwissenschaften/Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2010; S. 107

[27] Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Christliche und jüdische Minderheiten in der Türkei - Bürger zweiter Klasse?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Politikwissenschaft)
Note
1.7
Autor
Jahr
2012
Seiten
48
Katalognummer
V204114
ISBN (eBook)
9783656346012
ISBN (Buch)
9783656346333
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Türkei ist seit Jahrhunderten die Heimat verschiedener Ethnien, Religionen und Kulturen. Bis dato beherbergte sie nicht nur verschiedene Turkvölker sondern etwa auch Kurden, Armenier und Griechen. Neben der vornehmlich dem sunnitischen Islam zuzurechnenden Bevölkerung, bilden die Alewiten die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. In der sehr heterogenen Gesellschaft finden sich überdies Jesuiten, Schiiten, Drusen, Bahai, Juden und Christen , um nur einige zu nennen.
Schlagworte
Minderheiten, Türkei, christliche, jüdische, nicht-muslime, nicht-muslimishce Minderheiten
Arbeit zitieren
Tezer Güc (Autor), 2012, Christliche und jüdische Minderheiten in der Türkei - Bürger zweiter Klasse?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204114

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