Die Big Five beschreiben fünf Dimensionen der Persönlichkeit (Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit bzw. Rigidität). Die Merkmale in diesen Dimensionen gelten als stabile Verhaltensdispositionen. Die Big Five sind nicht nur ein Konzept der Persönlichkeitspsychologie und -diagnostik, das zunehmend im Personalmanagement eingesetzt wird. Sie haben auch Einzug gehalten in die sozio-ökonomische Forschung. So lässt sich ein zugeschnittenes Erhebungsinstrument im Rahmen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) für die Jahre 2005 und 2009 nutzen. Dies gestattet, Persönlichkeitsmerkmale zu Merkmalen der Erwerbstätigkeit in Beziehung zu setzen.
Die Big Five sind bei Lichte betrachtet weniger stabil, als man erwarten könnte: Wenn man sich vergleichende Querschnitte (Mittelwerte für zwei Jahre) oder Längsschnitte (Korrelationen individueller Daten) ansieht, dann zeigen sich Differenzen, die erklärungsbedürftig sind. Außerdem variieren die Werte der Big Five mit Alter und Geschlecht der Befragten sowie mit beruflichen Lagen und Situationen. Das gilt auch für Persönlichkeitstypen (introvertiert, spontan, antagonistisch, neurotizistisch, verträglich, extravertiert), die sich mit Hilfe der Big Five im SOEP bestimmen lassen.
Im Lichte der empirischen Ergebnisse wird deshalb eine Lesart der Big Five vorschlagen, welche diese nicht nur als stabile Verhaltensdispositionen sieht, sondern auch als flexible Selbstbeschreibungen (Selbstattributionen). Eine solche Lesart gestattet es, die dargestellten Fakten als Resultat einer „Dialektik“ von System und Umwelt zu interpretieren. Die Big Five repräsentieren Merkmale des psychischen Systems der Akteure, die zum Teil Folge und Ausdruck der beruflichen Entwicklung sind; insofern sich diese Merkmale zu Persönlichkeitstypen verstetigen und verdichten, beeinflussen sie die Wahrscheinlichkeit dafür, in bestimmte berufliche Lagen und Situationen zu geraten bzw. die Art und Weise der Verarbeitung derselben.
Inhaltsverzeichnis
1 Fragestellung
2 Datenquelle
3 Die Big Five zur Messung der Persönlichkeit
4 Die Big Five im SOEP
5 Was wird mit den Big Five gemessen?
6 Wie wurden die Big Five errechnet?
7 Empirische Ergebnisse
8 Frauen in Führung
9 Modellierung der Zusammenhänge (Big Five)
10 Persönlichkeitstypen
11 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen beruflichen Lagen, Arbeitsplatzsituationen und Persönlichkeitsmerkmalen (Big Five) unter Verwendung von Längsschnittdaten des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Ziel ist es zu analysieren, inwiefern Persönlichkeitseigenschaften als stabile Dispositionen oder als flexible, durch berufliche Anforderungen beeinflusste Selbstattributionen interpretiert werden können.
- Beziehung zwischen beruflichen Statusmerkmalen und Big-Five-Dimensionen
- Einfluss von Arbeitslosigkeit und Führungsfunktionen auf die Persönlichkeitsstruktur
- Identifikation und Analyse empirischer Persönlichkeitstypen
- Wechselwirkung zwischen Selbstkonzepten und beruflicher Entwicklung
- Kritische Reflexion der Stabilität von Persönlichkeitsmaßen im beruflichen Kontext
Auszug aus dem Buch
Was wird mit den Big Five gemessen?
Die Big Five als Forschungsinstrument werden in der Literatur umfangreich diskutiert. Im Prinzip sind es vier Kategorien von Merkmalen, die das Modell der Big Five erfasst:
1. Genetische Dispositionen, welche die Befragten als Verhalten und Erleben an sich selbst beobachten und im Rahmen einer vorgegeben Semantik beschreiben.
2. Erworbene Persönlichkeitsmerkmale, die in der Interaktion von genetischer Ausstattung, sozialer Umwelt und dem psychischen System der Betroffenen entstehen und sich im Zeitverlauf verfestigen – oder auch einer Drift unterliegen.
3. Reaktionen auf sich verändernde Umweltbedingungen, mit denen die Betroffenen zurechtkommen müssen und die z.B. ihren Niederschlag in dem Erreichen einer bestimmten beruflichen Position (bzw. dem drohenden Verlust derselben), in positiven oder negativen Erfahrungen und Erwartungen, Zufriedenheiten etc. finden.
4. Zuschreibungen von Merkmalen durch die Akteure, die unterstellen (müssen), dass die gesellschaftliche Umwelt diese Merkmale von ihnen erwartet. Derartige Selbstattributionen sind Teil des Selbstkonzeptes der Personen und deren psychischen Systems.
Wir haben es in der Realität des Verhaltens mit einer Mischung aus genetischer Disposition, erworbenen Persönlichkeitsmerkmalen, Reaktionsmustern und Selbstattributionen zu tun, wobei beobachtete und berichtete Reaktionsmuster, Merkmale und Dispositionen letztlich immer Selbstattributionen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Fragestellung: Das Kapitel führt in die Forschungsfrage ein, inwiefern die Big Five zur Beschreibung von Persönlichkeitsunterschieden bei verschiedenen Beschäftigtengruppen geeignet sind.
2 Datenquelle: Es wird die Nutzung des SOEP-"Long-file" für die Jahre 2005 und 2009 erläutert, das repräsentative Längs- und Querschnittsanalysen ermöglicht.
3 Die Big Five zur Messung der Persönlichkeit: Dieses Kapitel definiert die fünf Hauptdimensionen und stellt die Anforderungen an die Instrumente, wie zeitliche Stabilität und Kontextunabhängigkeit, dar.
4 Die Big Five im SOEP: Es wird die methodische Entwicklung der Kurzskala (BFI-S) für die SOEP-Haupterhebungen beschrieben.
5 Was wird mit den Big Five gemessen?: Das Kapitel differenziert vier Kategorien von Merkmalen, die das Big-Five-Modell in der Realität erfasst, von genetischen Dispositionen bis hin zu Selbstattributionen.
6 Wie wurden die Big Five errechnet?: Hier wird das Vorgehen der Item-Aggregation und der zweistufigen Clusteranalyse zur Typenbildung erläutert.
7 Empirische Ergebnisse: Es werden Unterschiede in den Persönlichkeitsmerkmalen basierend auf Alter, Geschlecht und Erwerbsstatus präsentiert.
8 Frauen in Führung: Dieses Kapitel analysiert die Spezifika von Führungskräften und diskutiert die Grenzen der Big Five bei der Erklärung von Karriereunterschieden zwischen den Geschlechtern.
9 Modellierung der Zusammenhänge (Big Five): Mittels Varianzanalysen werden statistische Zusammenhänge zwischen beruflichen Situationen und Persönlichkeitsdimensionen modelliert.
10 Persönlichkeitstypen: Es werden sechs empirisch abgeleitete Persönlichkeitstypen vorgestellt und deren Verteilung über verschiedene berufliche Lagen analysiert.
11 Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird argumentiert, dass Persönlichkeitsmerkmale stärker als bisher angenommen als flexible Selbstbeschreibungen im Kontext beruflicher Anforderungen zu verstehen sind.
Schlüsselwörter
Big Five, Persönlichkeitspsychologie, SOEP, Arbeitszufriedenheit, Neurotizismus, Extraversion, Persönlichkeitstypen, Arbeitslosigkeit, berufliche Entwicklung, Selbstattribution, Führungspositionen, Erwerbsstatus, Varianzanalyse, Längsschnittstudie, beruflicher Aufstieg
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Beziehung zwischen Persönlichkeitsmerkmalen, gemessen anhand der Big-Five-Skalen, und verschiedenen beruflichen Lagen und Situationen der Erwerbstätigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Stabilität von Persönlichkeitsmaßen, der Einfluss beruflicher Ereignisse auf das Selbstkonzept und die Analyse geschlechts- und altersspezifischer Unterschiede in beruflichen Laufbahnen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es zu ergründen, ob Persönlichkeitseigenschaften als unabhängige Verhaltensdispositionen wirken oder ob sie als flexible Selbstbeschreibungen fungieren, die durch berufliche Situationen beeinflusst werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden quantitative Analysen (ANOVA, Regressionsanalysen, Clusteranalysen) auf Basis von SOEP-Längsschnittdaten aus den Jahren 2005 und 2009 durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die methodische Herleitung der Persönlichkeitsdaten, die empirische Auswertung nach soziodemografischen Merkmalen sowie eine detaillierte Modellierung von Zusammenhängen zu Themen wie Arbeitszufriedenheit und Führungsrollen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Big Five, Persönlichkeitstypen, SOEP, berufliche Lagen, Selbstattribution und Arbeitszufriedenheit.
Wie unterscheidet sich die neurotizistische Neigung je nach Erwerbsstatus?
Empirisch zeigt sich, dass arbeitslos gemeldete Personen eine stärkere Neigung zum Neurotizismus aufweisen als erwerbstätige Gruppen.
Warum schlägt der Autor vor, die Big Five "offener" zu interpretieren?
Aufgrund der beobachteten Instabilität der Werte im Zeitverlauf empfiehlt der Autor, die Big Five nicht nur als fixierte psychologische Eigenschaften zu sehen, sondern als flexible Selbstattributionen, die in dialektischer Wechselwirkung zur beruflichen Umwelt stehen.
- Arbeit zitieren
- Dr. Michael Schlese (Autor:in), 2012, Beruf und Persönlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204217