Der Bürstenbinder übte eine handwerkliche Tätigkeit aus und gehörte als handelnder Handwerker meist den Hausierern an. Mit der Entstehung einer industriellen Produktion und moderner kapitalistischer Marktverhältnisse verschwand der Beruf und gilt heute als ausgestorben. Der Begriff des Bürstenbinders ist nicht nur eine Berufsbezeichnung, sondern ein Kompositum, das durch die Zusammenführung des Produktes und der Tätigkeit das Handwerkliche betont. Sollte Theodor Fontane diesen Geburtsnamen der Hauptfigur in seinem Roman „Frau Jenny Treibel“ zufällig gewählt haben? Und wie ist es zu erklären, dass die Frau Kommerzienrätin ausgerechnet den Namen Jenny trägt, gilt doch die „Spinning Jenny“ als Initialzündung der Industriellen Revolution? Ohne Frage hat die Industriealisierung den technischen Fortschritt der modernen Welt vorangetrieben, aber durch die erforderliche Arbeitsteilung auch zu Arbeitslosigkeit und Armut unter den Menschen geführt. Hat Fontane in ihr den Grund für den Verlust der Menschlichkeit in der Gesellschaft gesehen und seiner Titelheldin darum den symbolischen Namen Jenny gegeben?
Mit dem französischen Wort née (dt. geborene) schafft Fontane nicht nur einen gelungenen Kontrast zu „Bürstenbinder“, er ordnet „seine Jenny“ gleichzeitig einer Gesellschaftsschicht zu, die in dieser Zeit kritisch betrachtet wurde – der Bourgeoisie. Jenny Treibel ist „Ein Musterstück von einer Bourgeoise“, so die zentrale Aussage von Willibald Schmidt.
Wie stand Fontane zur Bourgeoisie und wie stellt er sie dar? Diese Hausarbeit soll aufzeigen, wie es Fontane gelingt, das bourgeoisehafte an der Hauptfigur der Jenny Treibel herauszuarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der Bourgeoisie
3. Das Manifest der Intention
3.1. Der Humor
3.1.1. Die Mehrdeutigkeit der Wörter
3.1.2. Kontraste
3.1.3. Widersprüche
3.2. Die Ironie im Kommentar
3.3. Der Ernst im Gespräch
3.3.1. Offene Worte
3.3.2. Versteckte Worte
3.4. Die Gefährlichkeit im Handeln
4. Persönliche Einschätzung
5. Nachwort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Inszenierung der Hauptfigur in Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Fontane durch gezielte sprachliche Mittel und erzählerische Strategien die bourgeoise Prägung seiner Titelheldin demaskiert und sie als opportunistische Figur zeichnet.
- Analyse der sprachlichen Inszenierung von Jenny Treibel
- Untersuchung von Humor, Ironie und Gesprächsführung als Mittel der Gesellschaftskritik
- Beleuchtung des Gegensatzes zwischen dem bürgerlichen Schein und der Realität
- Deutung symbolträchtiger Namen und Motive im Roman
- Reflektion über die Aktualität bürgerlicher Werte und gesellschaftlicher Rollenmuster
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Die Mehrdeutigkeit der Wörter
Immer wieder finden sich im Roman Textstellen, die den Leser schmunzeln lassen. Oftmals bereitet Fontane diese Momente regelrecht vor, indem er ausschweifend eine Situation beschreibt, eine Atmosphäre erzeugt, und anschließend mit nur einem Wort alles in eine andere Richtung lenkt: Im Kapitel 2 wird beschrieben, wie Treibel und seine Frau ihren Sohn nebst Schwiegertochter empfangen. Die ganze Szene hat etwas Majestetisches, denn das junge Paar „passiert“ den Vorgarten, die Mutter (Frau Jenny Treibel) erscheint nicht durch den Türvorhang, sondern durch eine „Portiere“ – reicht aber ihrer Schwiegertochter leider nur die Backe, wäre eine Wange doch schöner gewesen. Hier spielt Fontane mit der Mehrdeutigkeit des Wortes „Backe“, denn eine Backe bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch eher einen Teil des menschlichen Gesäßes.
Im 13. Kapitel eilt die Schwiegertochter Helene zu Jenny, „noch im Morgenkleide“, um sich zu vergewissern, „ob es denn wahr ist“ (gemeint ist die Verlobung von Corinna und Leopold, hier geschickt offengelassen, was „es“ ist, denn von dem soeben verfassten Brief Jennys an ihre Schwester kann Helene nichts wissen). Jenny ist so gerührt darüber, dass sie „[...] das Eis hinschmelzen fühlt, das acht Jahre lang ihr Schwiegermutterherz umgürtet hatte“. Das bisher „vereiste Schwiegermutterherz“ verweist auf die typisch dem familiären Rollenmuster gespannte Beziehung, die auch auf diese beiden Frauen zutrifft. Aber Jennys Herz ist nicht nur vereist, sondern auch noch „umgürtet“ und müsste eigentlich kleiner werden, um dem Zwang zu entkommen. Noch kleiner. Zudem weckt der Begriff „umgürtet“ eine romantische Assoziation an frühzeitliche Heldenkostümierung und spielt auf die vorhandenen Taillenprobleme an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema, die Namenssymbolik der Hauptfigur und die Zielsetzung der Hausarbeit.
2. Der Begriff der Bourgeoisie: Historische Herleitung des Begriffs und Darstellung der gesellschaftlichen Spaltung im 19. Jahrhundert.
3. Das Manifest der Intention: Untersuchung der erzählerischen Mittel Fontanes, um das bourgeoise Wesen der Figur offenzulegen.
3.1. Der Humor: Erläuterung der humoristischen Schreibweise als Instrument der Kritik.
3.1.1. Die Mehrdeutigkeit der Wörter: Analyse wie Wortwahl und Mehrdeutigkeit zur Charakterisierung beitragen.
3.1.2. Kontraste: Gegenüberstellung von Äußerem und Wesen sowie Herkunft und Lebensstil der Figur.
3.1.3. Widersprüche: Aufzeigen inhaltlicher Diskrepanzen in Sprache und Verhalten der Protagonistin.
3.2. Die Ironie im Kommentar: Analyse der Rolle des auktorialen Erzählers bei der ironischen Kommentierung.
3.3. Der Ernst im Gespräch: Betrachtung der Bedeutung von Dialogen für die Charakterenthüllung.
3.3.1. Offene Worte: Analyse direkter Konfrontationen und der Enthüllung der sozialen Herkunft.
3.3.2. Versteckte Worte: Interpretation metaphorischer Gespräche wie dem Oderkrebsessen.
3.4. Die Gefährlichkeit im Handeln: Zusammenfassung der manipulativen Züge und der Selbstentlarvung Jennys.
4. Persönliche Einschätzung: Abschließende Reflexion über Fontanes Sprachkunst und die zeitlose Relevanz der dargestellten menschlichen Schwächen.
5. Nachwort: Ein kurzes Zitat von Schiller als inhaltlicher Ausklang.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, Bourgeoisie, Literaturanalyse, Realismus, Inszenierung, Ironie, Humor, Gesellschaftskritik, Romanfigur, Charakterstudie, Sprachanalyse, gesellschaftlicher Aufstieg, Opportunismus, Bürgertum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Figur der Jenny Treibel in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman und arbeitet heraus, mit welchen literarischen Mitteln der Autor ihre bourgeoise Einstellung und ihre manipulativen Charakterzüge offenlegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Darstellung des Bürgertums im 19. Jahrhundert, die sprachliche Gestaltung durch Humor und Ironie sowie das Zusammenspiel von Sein und Schein in der Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Fontane Jenny Treibel als „Musterstück einer Bourgeoise“ entlarvt und durch eine geschickte Erzählweise den Leser zur kritischen Distanz gegenüber der Figur bewegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine textanalytische Methode an, bei der sie gezielt Textstellen aus der Reclam-Ausgabe heranzieht, um sprachliche Stilmittel wie Mehrdeutigkeit, Ironie und Kontrastierung zu belegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Erzählmittel (Humor, Ironie), die Bedeutung der Dialoge (offene und versteckte Worte) sowie die psychologische Untersuchung des Handelns der Protagonistin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Fontanes Realismus, die Bourgeoisie, das Konzept des „telling name“, die Erzähltheorie (auktorialer Erzähler) sowie der gesellschaftliche Opportunismus.
Warum ist die Namensgebung „Jenny Treibel“ für die Analyse relevant?
Die Arbeit stellt eine Verbindung zwischen dem Namen „Jenny“ und der „Spinning Jenny“ (Industrielle Revolution) her und hinterfragt, ob Fontane damit auf den Verlust von Menschlichkeit und den Aufstieg kapitalistischer Interessen anspielt.
Welche besondere Bedeutung hat das Gespräch über das Oderkrebsessen?
Das Kapitel dient als Beispiel für „versteckte Worte“, in dem ein scheinbar triviales kulinarisches Thema genutzt wird, um tiefere soziale Unterschiede und die Profanierung von Werten durch die Bourgeoisie zu thematisieren.
- Citation du texte
- Insa Meyer (Auteur), 2009, Frau Jenny Treibel née Bürstenbinder - oder über die Inszenierung einer Hauptrolle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204366