Der Fähigkeiten-Ansatz von Martha C. Nussbaum im Kontext der Tiergerechtigkeit


Seminararbeit, 2012
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beweggründe und Ausgangspunkt

3. Der Fähigkeiten-Ansatz von Martha C. Nussbaum
3.1. Die konstitutiven Bedingungen des Menschen
3.2. Die zentralen menschlichen Fähigkeiten
3.3. Grundlegende, interne und kombinierte Fähigkeiten
3.4. Kollision von Fähigkeiten
3.5. Fähigkeiten (Capability) vs. Tätigkeiten (Functioning)
3.6. Aufgabe der Fähigkeitenliste

4. Tiere = nichtmenschliche Tiere
4.1. Der Fähigkeiten-Ansatz als Orientierungshilfe
4.2. Tiere als vollwertige Subjekte der Gerechtigkeit
4.3. Grundfähigkeit “Leben“
4.4. Handlungsempfehlungen des Fähigkeiten-Ansatzes
4.5. Konflikte zwischen dem Wohlergehen von Menschen und Tieren

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Der Capability Approach bzw. Fähigkeiten-Ansatz wurde im Ursprung von Amartya Sen ab dem Jahr 1979[1] konzipiert und anschließend weiter ausgebaut. Sens` Capability Approach hat sich nach Ansicht von Clark mittlerweile als führende Alternative zu den herkömmlichen ökonomischen Gerüsten etabliert, die sich mit Armut, Ungleichheit und menschlicher Entwicklung beschäftigen.[2] Sein Ansatz bzw. seine Arbeiten fokussieren sich auf wirtschafts- und entwicklungs- ethische Fragestellungen, wie etwa der vergleichenden Messung von Lebens- qualität.[3] Er konzentriert sich auf die Suche nach einer Bewertungsgrundlage für die Einschätzung des Wohlergehens der Menschen. Hierzu stellt er die Definition und auch die Messung ebendieses Wohlergehens sowie der Freiheit in den Mittelpunkt seiner Betrachtung.[4]

Zweiter Hauptvertreter des Fähigkeiten-Ansatzes ist Martha C. Nussbaum. Deren Ansatz entstand in den Jahren 1986-1993 während gemeinsamer Projektarbeiten mit Sen am WIDER, einem Zweig der United Nations University.[5] Sie hat eine Ethik erarbeitet, welche auf die Unterschiede kultureller Traditionen eingeht, ohne dabei im Relativismus zu enden.[6] Sie schlägt somit den philosophischen Weg ein und versucht – basierend auf Aristoteles – die philosophischen Grundlagen herauszuarbeiten, die für eine Theorie grundlegender menschlicher Ansprüche notwendig sind.[7] Entgegen Sen geht es bei ihr um eine ethisch-politische Konzeption bzw. politische Alternative.[8]

Im ersten Teil der Arbeit werden zunächst die Beweggründe erläutert, die Nussbaum zu der Erarbeitung des Fähigkeiten-Ansatzes motiviert haben. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Vorstellung ihres Ansatzes, wobei u. a. auch die Liste der zentralen Fähigkeiten präsentiert und erörtert wird. Der Ansatz wird anschließend verwendet, um mögliche Ansprüche von Tieren abzuleiten. Abschließend wird ein Fazit aus den gewonnenen Erkenntnissen gezogen.

2. Beweggründe und Ausgangspunkt

Als Grund bzw. Antriebsfeder für die Entwicklung des Fähigkeiten-Ansatzes führt Nussbaum ihre Kritik an den utilitaristischen Ansätzen im Bereich der Ent- wicklungspolitik an. Aus diesem Grund bedarf es für den Vergleich der Lebens- qualität in verschiedenen Gesellschaften der Entwicklung einer substanziellen Konzeption wesentlicher Fähigkeiten und Chancen mit dem Schwerpunkt auf Entscheiden und Tätigsein. Basierend auf den Erfahrungen mit dem Utilitarismus muss für die Bewertung einer gesellschaftlichen Ordnung bzw. für die Kontrolle eines minimalen Gerechtigkeitsniveaus die einzelne Bürgerin bzw. der einzelne Bürger mit ihren bzw. seinen individuellen Besonderheiten betrachtet werden.[9] Außerdem ist es wichtig zu überprüfen, “was sie [die Menschen] tatsächlich zu tun und zu sein in der Lage sind.“[10]

Für den Fähigkeiten-Ansatz ist die “[...] Würde des Menschen und eines dieser Würde gemäßen Lebens [...]“[11] von großer Bedeutung.[12] Die Idee der Menschen- würde, welche bereits die Grundlage der Verfassungsordnung zahlreicher Staaten (u. a. Indien, BRD und Südafrika) darstellt, fungiert mithin als Fundament.[13] Ihr Verständnis geht dabei über jenes von Rawls und Kant hinaus, da nicht lediglich die rationale, sondern ebenfalls die soziale Ebene betrachtet wird.[14] Außerdem be- steht die Grundvorstellung, dass alle Bürgerinnen und Bürger einen Anspruch auf sämtliche Fähigkeiten haben. Diese versteht Nussbaum als Möglichkeiten des Tätigseins anstatt Mengen von Ressourcen, da letztere – aufgrund der individu- ellen menschlichen Erfordernisse und den Verwirklichungsmöglichkeiten – keinen probaten Index des Wohlergehens darstellen.[15]

Nussbaum betrachtet ihren Fähigkeiten-Ansatz als Ergänzung bzw. Erweiterung der Rawlsschen Theorie. Als Grund führt sie aus, dass zum einen beide Philo- sophen bestimmte intuitive Überzeugungen vertreten bzw. teilen und zum anderen die politischen Prinzipien des Fähigkeiten-Ansatzes mit den Rawlsschen Ge- rechtigkeitsprinzipien verwandt sind.[16] Außerdem versucht sie Gemeinsamkeiten zwischen der ethischen Theorie von Aristoteles und der von Sen nachzuweisen.[17]

Die Entwicklungsökonomie sowie die internationale Politik behalfen sich bisher bei der Messung der Lebensqualität damit, die einzelnen Staaten nach ihrem Pro-Kopf-BSP zu qualifizieren. Allerdings war diese Vorgehensweise insofern insuffizient, da hierdurch keine Aussagen und Erkenntnisse über die Verteilung von Vermögen und Einkommen getroffen bzw. gewonnen werden konnten. In der Folge war es demnach möglich, dass Staaten mit einer divergenten Verteilung nicht anhand ihrer Gesamtwerte zu unterscheiden waren. Des Weiteren lassen diese Ansätze “wesentliche Bestandteile des menschlichen Lebens“[18] außen vor, wozu u. a. die Lebenserwartung, die Kindersterblichkeit sowie die politischen Freiheiten zählen. Ein hohes Pro-Kopf-BSP ist demnach kein Garant für genannte elementare Ansprüche, wie die Erfahrungen des Human Development Reports des UNDP zeigen.[19]

Auch dass sich andere ökonomische Theorien in der Tradition des Utilitarismus auf den Gesamt- oder Durchschnittsnutzen der Bevölkerung fokussieren, den sie anhand der Zufriedenheit bestimmen, ist keine sinnvolle Alternative. Analog zu der Messung nach dem BSP wird auch hier die einzelne Person bzw. deren individuelle Situation, d. h. die soziale Position ausgeblendet. Zudem erfolgt die Aggregation des Nutzens nicht über differente Leben, sondern über die ver- schiedenen Komponenten eines Lebens; in der Konsequenz werden Informationen über ökonomisches Wohlergehen, Gesundheit und Bildung zusammengefasst. Dass diese jedoch einzelne Güter sind, welche teilweise unabhängig voneinander variieren, wird dabei verleugnet. Außerdem ist jedes einzelne Gut wichtig, sodass keines einem anderen zu dessen Intensivierung weichen sollte.[20]

Des Weiteren legt der Utilitarismus seinen Fokus auf den Zustand der Zufriedenheit und negligiert dadurch die Handlungsfähigkeit der Menschen, wodurch die Bedeutung des aktiven Strebens verkannt wird. Denn für die persönliche Freiheit ist es obligat, Entscheidungen und Aktivitäten autonom treffen bzw. ausführen zu können. Das Gros wird ebendies anstreben, auch auf die Gefahr hin, Fehler zu begehen und damit Frustration zu erleben.[21]

[...]


[1] Clark, The Capability Approach, in: Ghosh/ Gupta/ Maiti (Hrsg.), Development Studies,

S. 105 (105).

[2] The Capability Approach, in: Ghosh/ Gupta/ Maiti (Hrsg.), Development Studies, S. 105 (105).

[3] Kaiser, Die Frage nach dem guten Leben, S. 247.

[4] Leßmann, Konzeption und Erfassung von Armut, S. 155.

[5] Nussbaum, Aristotelian Social Democracy, in: Douglass/ Mara/ Richardson (Hrsg.), Liberalism and the Good, S. 203 (207).

[6] Riesenkampff, Ethik und Politik: Aristoteles und Martha C. Nussbaum, S. 144.

[7] Nussbaum, Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 104.

[8] Dies., Aristotelian Social Democracy, in: Douglass/ Mara/ Richardson (Hrsg.), Liberalism and the Good, S. 203 (206).

[9] Nussbaum, Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 109 f.

[10] Dies., Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 110.

[11] Dies., Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 110.

[12] Vgl. dies., Creating Capabilities, S. 29 ff.

[13] Dies., Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 110, 219.

[14] Dies., Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 223 f.

[15] Dies., Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 110.

[16] Nussbaum, Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 103 f., 106.

[17] Leßmann, Konzeption und Erfassung von Armut, S. 155.

[18] Nussbaum, Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 106.

[19] Dies., Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 106 f.

[20] Dies., Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 107 f.

[21] Nussbaum, Die Grenzen der Gerechtigkeit, S. 109.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Fähigkeiten-Ansatz von Martha C. Nussbaum im Kontext der Tiergerechtigkeit
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Theorie Recht: Theorien sozialer Gerechtigkeit und das Sozialrecht
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V204483
ISBN (eBook)
9783656304777
ISBN (Buch)
9783656305613
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martha C. Nussbaum, Amartya Sen, Soziale Gerechtigkeit, Grundfähigkeiten
Arbeit zitieren
Volker Kiesel (Autor), 2012, Der Fähigkeiten-Ansatz von Martha C. Nussbaum im Kontext der Tiergerechtigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204483

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