Das rhetorische Kommunikationsverfahren "Kritisieren"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Definition „Kommunikationsverfahren“

III. Terminologie „Kritisieren“
III.1. Etymologie
III.2. Sprachkritik
III.3. Literaturkritik
III.4. Filmkritik
III.5. Der Kritiker bzw. Orator
III.6. Abgrenzung benachbarter Begriffe
III.7. Potsdamer Schule
III.8. Versuch einer Synthese

IV.Das Kommunikationsverfahren Kritisieren aus rhetorischer Perspektive
IV.1. Orator
IV.2. Adressat
IV.3. Setting
IV.4. Elocutio

V. Zusammenfassung

VI. Literaturangabe

I. Einleitung

Fast täglich wird man mit dem Kritisieren konfrontiert. Entweder ist man selber derjenige, der einen Missstand oder eine Person kritisiert, oder man wird kritisiert. Schon wenn man morgens die Zeitung aufschlägt, trifft man auf negative und positive Literatur- oder Filmkritik. Doch was genau ist das Kritisieren? Gibt es tatsächlich eine positive Kritik, obwohl Kritik intuitiv negativ belegt ist? Kritik kann kommunikativ oder non-verbal, zum Beispiel durch eine Benotung, ausfallen. Aus rhetorischer Perspektive beschränken wir uns auf den kommunikativen Aspekt des Kritisierens und untersuchen das Kritisieren als Kommunikationsverfahren.

Es soll definiert werden, was ein Kommunikationsverfahren ist und ob das Kritisieren auch als Kommunikationsverfahren zählt. Hierfür muss die Terminologie des Kritisierens erläutert werden, auch in Abgrenzung zu anderen ähnlichen Begriffen. Eine Hilfestellung bietet die Potsdamer Schule. Es wird geklärt, was Kritisieren bedeutet, was das Proprium des Kritisierens ist und wer kritisiert. Um schlussendlich das Kritisieren als rhe- torisches Kommunikationsverfahren einordnen zu können, wird erörtert, was das Rhetorische am Verfahren des Kritisierens ist. Betrachtet werden der Orator (Kritiker), der Adressat (Kritisierte), das Setting und die sprach- liche Ausformulierung des Kritisierens.

II. Definition „Kommunikationsverfahren“

Im Historischen Wörterbuch der Philosophie findet man eine fragwürdige Definition des Begriffes „Verfahren“. Trotz einiger Widersprüchlichkeiten können auch wertvolle Aspekte herausgefiltert werden: So umfasst das Verfahrens den Aspekt des „abschlussorientierten, ergebnisoffenen Fort- gangs und der förmlichen […] Prozedur“, in der das Verfahren eine „`Be- wegung`“ ist.1 Das heißt, dass ein Verfahren bzw. derjenige, der ein Ver- fahren anwendet, ein telos hat, also ein festgelegtes Ziel. Zwar ist ein er- gebnisoffener Fortgang nicht erwünscht, jedoch kann der Anwendende nicht genau vorhersagen, ob das Verfahren erfolgreich wird (im Gegen- satz zu mechanischen Prozessen), vor allem im kommunikativen Bereich, in dem andere Menschen diesen Erfolg mit beeinflussen können. Die förmliche Prozedur setzt ein Ablaufschema voraus, das der Anwendende beliebig wiederholen kann.

Wilhelm Schmidt definiert: „Kommunikationsverfahren (KV) sind elementa- re Einheiten der sprachlich-kommunikativen Tätigkeit […]. Sie sind kom- munikativen Handlungen eingeordnet und dienen der Erreichung des Handlungsziels.“2

Kommunikationsverfahren sind also zielorientierte, wiederholbare und mit einem Ablaufschema fixierte kommunikative Handlungen, die von einem beliebigen Orator angewandt werden können.

III. Terminologie „Kritisieren“

Die Terminologie des Kritisierens zu bestimmen und zu begreifen ist schwer zugänglich, da der Begriff „Kritisieren“ bzw. „Kritik“ in unterschiedlichen Kontexten verschieden gebraucht wird.

Da der Begriff „Kritisieren“ in der wissenschaftlichen Literatur kaum berücksichtigt wird, sondern nur das Ergebnis des Kritisierens (Kritik) oder der Akteur (Kritiker), gehen wir von dem Begriff „Kritik“ aus und leiten das „Kritisieren“ davon ab.

III.1. Etymologie

Wird die Kritik etymologisch betrachtet, wird sie sowohl als ein kognitiver Akt ausgelegt, als auch als eine (Sprech-)Handlung:

„[K]rínein bezeichnet allgemeinsprachlich zunächst die praktische oder kognitive Tätigkeit des Trennens, Scheidens und Unterscheidens, darüber hinaus aber auch die Sprechhandlungen ,Entscheidenʻ, ,Urteilenʻ und ,Auswählenʻ.“3

Ähnlich wird die Kritik auch im Herkunftswörterbuch erläutert:

„Kritik ist „Urteilsfähigkeit; Beurteilung; Tadel, Beanstandung; aus griech. kritike ,Kunst der Beurteilungʻ und kritikos ,urteilsfähig; Beurteilerʻ, zu krites ,Richterʻ, zu krinein ,scheiden, sondern; urteilen, entscheidenʻ.“4

Die Etymologie trägt dazu bei, den Begriff der Kritik als Urteilen zu verste-hen. Er ist aber trotzdem noch sehr weit gespannt und zeigt nicht, worauf sich die Beurteilung richtet und was das Ziel, das telos, dieser ist. Sie führt jedoch einen wichtigen Punkt an: Die Kritik ist keine Idee oder Theorie, sondern eine Handlung, nämlich die des Kritisierens.

III.2. Sprachkritik

Um den Begriff „Kritik“ besser begreifen zu können, hilft ein Blick auf die Sprachkritik:

„Kritik bedeutet Erwiderung auf einen Zustand, den erhalten, verän- dern oder lediglich interpretieren zu helfen der Kritiker sich zustän- dig glaubt“.5

Hieraus kann man schlussfolgern, das es einen Zustand geben muss, der kritisiert wird, unabhängig ob es sich um eine Handlung, eine Charakterei- genschaft, oder ähnliches handelt. Aus dieser Definition kann jedoch nicht alles für das Kommunikationsverfahren des Kritisierens übernommen wer- den. Denn einen Zustand erhalten zu wollen, würde das Verfahren des Lobens anwenden. Einen Zustand zu interpretieren, also verstehen und deuten zu wollen, kann als Voraussetzung des Kritisierens gesehen wer- den, da die Situation nach eigenem Empfinden und der endoxa, also der allgemeinen Meinung, interpretiert und somit ein Urteil gefällt wird, worauf sich das Kritisieren bezieht. Hierzu muss jedoch noch das Hervorbringen dieser Interpretation hinzukommen. Nur einen Zustand verändern zu wol- len ist das eigentliche Kritisieren.

Weiter kann aus der Definition konkludiert werden, dass der Kritiker so-wohl über ein Zertum als auch den angemessenen Impetus verfügen muss, um den von ihm beurteilten Zustand zu kritisieren. Wenn der Kritiker „das Zertum (seine innere Gewissheit) gefunden hat, es zu seinem Anliegen macht, mit oratorischem Impetus hervortritt und ihm mit seinem Ego autem dico aktiv Geltung verschaffen will“6, dann kritisiert er.

[...]


1 Ritter/Gründer/Gabriel (Hrsg.): Sp. 632.

2 Schmidt: S. 28ff.

3 Zinsmaier: Sp. 530.

4 Hermann: S. 279.

5 Deubzer: S. 8.

6 Knape: S.76.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das rhetorische Kommunikationsverfahren "Kritisieren"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Allgemeine Rhetorik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V204528
ISBN (eBook)
9783656304630
ISBN (Buch)
9783656305484
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kommunikationsverfahren, kritisieren
Arbeit zitieren
Julia Esau (Autor), 2012, Das rhetorische Kommunikationsverfahren "Kritisieren", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204528

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