Methoden Evangelikaler Missionierung indigener Gruppen

Eine Untersuchung mit Bezug auf lateinamerikanische Fälle


Bachelorarbeit, 2011

37 Seiten, Note: 12


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Profil der Evangelikalen Bewegung
2.1 Evangelikale und Fundamentalismus
2.2 Der Missionsbefehl

3. Was bedeutet Ethnozid?

4. Geschichtlicher Verlauf der frühen Missionsmethoden

5. Die Methoden des Summer Institutes of Linguistics und der Wycliff-Bibelübersetzer
5.1 Die Strategie der Verknüpfung von Mission und Wissenschaft
5.2 Die zweisprachige Erziehung
5.2.1 Das Lehrmaterial
5.3 Generationskonflikte durch die Erziehung des ILV
5.4 Die politisch-ökonomische Agenda

6. Das Summer Institute of Linguistics in Ecuador
6.1 Das Beispiel der Huaorani

7. Die Kosmologie der Amarakaeri in Peru und die christliche Lehre

8. Das Beispiel der Cuiva in Kolumbien

9. Die Missionsmethoden der New Tribes Mission
9.1 Die systematische Entfremdung der Indigenen in Venezuela

10. Ein Beispiel für erfolgreichen Widerstand

11. Fazit

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heute gibt es weltweit noch etwa „5.000 Völker, ca. 300 Mio. Menschen“ (Vitzthum 2007, S. 11), die zu den Indigenen gezählt werden und 6 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. „Sie leben in industriellen und nicht-industriellen Gesellschaften: 250 000 Aborigines (Australien), 350 000 Maoris (Neuseeland), 80 000 Samen (beziehungsweise Lappen), 100 000 Inuits (Eskimos); 33,5 Millionen in Zentral und Südamerika, 3,5 Millionen in Nordamerika. Schätzungsweise 51 Millionen leben in Indien, 67 Millionen in China, 6,5 Millionen auf den Philippinen, eine Millionen in Bangladesch, 11 Millionen in Birma, rund 1 Million [sɪc!] in Sibirien (Tworuschka 2006, S. 343). Doch stehen diese Völkergruppen in der Gefahr, ihre kulturelle Identität zu verlieren nicht allein durch Kriege oder offensichtliche Gewaltanwendungen, sondern durch den Missionseifer verschiedener christlicher Gruppierungen. Bereits seit der frühesten Geschichte sah sich die christliche Kirche dazu verpflichtet, die Botschaft Jesu Christi weiterzugeben. Jedoch ist die Geschichte der Mission nicht unproblematisch geblieben. „Mission ist ein Reizwort, das bei den meisten Menschen unserer heutigen Gesellschaft keine positiven Assoziationen hervorruft“ (Wrogemann 1997, S. 15). Die Kirche hat mittlerweile selbstkritisch erkannt, dass Mission als Bevormundung und als Form der Kolonialisierung betrieben wurde; dies führte zu Zerstörung von Kulturen, Überheblichkeit und zu Intoleranz. Dieser Verdacht scheint sich insbesondere dort zu bestätigen, wo die Kirche in ihrem missionarischen Handeln auf Menschen trifft, die in ökonomisch, sozial oder kulturell bedingten Unterdrückungs- oder Armutsverhältnissen leben. Gerade dieser Umstand erschwerte in der Praxis die Grenze, an der die Glaubens- und Gewissensfreiheit jener Menschen verletzt wird, zu bestimmen, die die missionierende Kirche durch ihre Verkündigung in Wort und Tat für die christliche Botschaft sucht. „Die Mission habe die indigenen Kulturen zerstört, sich zum Handlanger des europäischen Imperialismus gemacht und trage damit auch Mitverantwortung für die Misere der Dritten Welt“ (Lehmann 2004, S. 182). Auch Zimmer vertritt einen ähnlich kritischen Standpunkt und bestätigt diese Situation mit folgenden Worten: „Während sich die Angehörigen der großen Weltreligionen gegen christliche oder muslimische Mission wehren können, sind die Indigenen, die Naturreligionen angehören, dieser Mission weitgehend ausgeliefert“ (Zimmer 2005, S. 93). Diese Ansichten zeigen deutlich, dass, wenn es um Evangelisierungen unerreichter Völkergemeinschaften geht, ein enormer Wiederstand gegen solches Handeln geleistet wird. „Wo nun evangelikale Glaubensmissionen, wie beispielsweise die New Tribes Mission, oder Bibelübersetzer im Dienste des Summer Institute of Linguistics (SIL) aktiv solche `Steinzeitkulturen´ aufsuchen, wird in der europäischen Öffentlichkeit (…) im Allgemeinen der Vorwurf erhoben, dass eine derartige Mission fundamentalistisch sei und letztendlich zur Zerstörung einer indigener Kultur führe“ (Teuffel 2009, S. 90). Es stellt sich die Frage ist, ob es überhaupt möglich ist, in einen Dialog mit einem noch nicht christianisierten Indigenen zu treten. Das, was sich Missionare aus der Kultur der Indigenen herauspicken und als gut bezeichnen, sind Aspekte, die in das europäische Schema hinein passen. Doch wer hat das Recht, darüber zu bestimmten, welche Kultur besser oder schlechter sei? Der Rahmen des Gesprächs mit den Indigenen unterliegt in der Regel dem Wertesystem der westlichen Welt und nicht dem der Indigenen.

In dieser Arbeit sollen die Missionsmethoden der Evangelikalen Bewegung aufgezeigt und kritisch hinterfragt werden. Als missionarische Methoden werden Mittel bezeichnet, die dazu beitragen, eine umfassende Christianisierung indigener Gruppen zu erzielen. Nach dem ethnologischen Ansatz konzentriert sich diese Ausarbeitung auf die Auswirkungen der evangelikalen Missionierung bei den Indigenen. Eine Eingrenzung des Begriffs „Evangelikale“ wird im ersten Kapitel folgen. Die Missionierung der indigenen Gruppen wird in dieser Arbeit an dem Beispiel von Lateinamerika behandelt. Eine rasche Einführung in den Begriff des Ethnozids bereitet auf die Schilderungen der in der Vergangenheit angewandten Missionsmethoden vor. Danach werden die Missionsmethoden verschiedener Evangelikaler Organisationen betrachtet werden. Der Fokus hierbei liegt in den Vorgehensweisen des Summer Institutes of Linguistics (ILV) und deren Muttergesellschaft der Wycliff-Bible-Translators (WBT); einen kurzen Einblick in deren nachfolge Organisation der New Tribes Mission wird zum Schluss gegeben werden. Anhand verschiedener Länderbeispiele aus Ecuador, Kolumbien, Peru wie auch Venezuela soll ein umfassenderes Bild über die Strategien der Missionsorganisationen aufgezeigt werden. Folgende Fragen werden hierbei thematisiert: Welche Konsequenzen hatte ihre Arbeit für die betroffenen Indigenen in der Vergangenheit? Inwieweit wirkten sich ihre Verfahren auf die kulturelle Entwicklung aus? Und: Weshalb mussten sie Anschuldigung des Ethnozids mehrfach erfahren?

2. Das Profil der evangelikalen Bewegung

„Die `bibeltreuen´ evangelischen Christen in Deutschland werden heute meistens als Evangelikale bezeichnet“ (Lambrecht 2009, S. 14). Der Begriff „evangelikal“ wird in Deutschland seit Ende der 60er Jahre benutzt. „Evangelikalen Gruppen ist gemein, dass die Bibel für sie von Gott inspiriert wurde und ihr damit höchste Autorität zukommt“ (Altrogge-Neumann-Mahlkau 2008, S. 24). Unterschiedliche Gruppen zählen sich zu der evangelikalen Bewegung: „Zu finden sind Evangelikalen in den verschiedenen Landeskirchen (meist in Sondergruppen, wie etwa der Evangelischen Landeskirchlichen Gemeinschaft) und vor allem in freikirchlichen Gemeinschaften, wie etwa den Baptisten oder der Freien Evangelischen Gemeinde“ (Schmidt 2008, S. 7). Somit wird deutlich, dass die Evangelikalen keine eigene Konfessionskirche bilden, sondern sie „verstehen sich als geistliche Erneuerungsbewegung in den verschiedenen Denominationen“ (Herrmann 2006, S. 211). Eine von allen anerkannte Definition des Begriffes „evangelikal“ gibt es demnach nicht und erschwert eine klare Abgrenzung. „Grundsätzlich ist die `Evangelikale Bewegung´ eine Sammelbezeichnung für Organisationen, deren Mitglieder sich als `bibelorientierte entschiedene Christen´ verstehen“ (Lambrecht 2009, S. 14). Zu ihren Kennzeichen gehört vor allem der Missionseifer, der sich wie folgt ausdrückt: „Sie sind missionarisch sehr aktiv, betreiben Zeltmissionen, Straßeneinsätze, eigene Rundfunksender und mehrere Verlage“ (Schmidt 2008, S. 7). Zum Zentrum der evangelikalen Bewegung gehört, diesen Aussagen zufolge, immer Evangelisation.

Nach Baumann gibt es vier Merkmale, die die evangelikale Bewegung ausmacht:

1. Die individuelle Bekehrung: „Evangelikale gehen davon aus, dass Christen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt (oder in einem Zeitraum) zu einem Leben als Christ entscheiden, d.h. bekehren müssen“ (Baumann 2007, S. 129). Anstelle von Bekehrung benutzen Evangelikale auch den Ausdruck der Wiedergeburt, wobei das alte, „sündige“ Leben hinter sich gelassen wird und ein neues „geistliches“ Leben geführt wird. Dazu gehört auch die Erwachsenentaufe, welche von fast allen Evangelikalen praktiziert wird.
2. Die Betonung der Erlösungstat Jesu Christi: „Für Evangelikale ist der Kreuzestod Jesu Christi und die nachfolgende Auferstehung der wichtigste Moment in der (Welt-) Geschichte“( Baumann 2007, S. 129).
3. Das wörtliche Bibelverständnis: Die Bibel gilt als von Gott vollständig inspiriertes Wort. Die Evangelikalen nehmen daher, die in der Bibel aufgeschriebenen Wundergeschichten (z.B. Heilung des Gichtbrüchigen, Matthäus 9, 1-8, die Auferweckung des Lazarus, Johannes 11, 1-45) als geschichtliche Tatsachen an. „Durch diese Ansicht unterscheiden sich die Evangelikalen von vielen anderen Christen, welche biblische Texte ihres `mythologischen Gewands´ entkleiden und `in übertragenem Sinne´, sei es symbolisch, psychologisch oder moralisch, verstehen“ (Baumann 2007, S. 130).
4. Die Betonung von Mission: Die Erlösung kann allein durch Jesus Christus erlangt werden und daher legen Evangelikale großen Wert auf Evangelisationen und Missionierung. „Bekehrte Christen sollten nichtbekehrten Christen, Anhängern anderer Religionen und Religionslosen den Weg zu dieser Art Glauben zeigen“ (Baumann 2007, S. 130).

2.1 Evangelikale und Fundamentalismus

„Der Fundamentalismus als theologische Ideologie der modernen Form, wie WBT ihn repräsentiert, beruht auf der Anerkennung der unabänderbaren Autorität der Bibel, so wie sie geschrieben ist, und hat zum Ziel, die Menschheit zum Glauben an diese Macht des biblischen Wortes hinzuführen“ (Cano, Georg et. al. 1979, S. 39). Evangelikale Christen halten, dieser Aussage nach, ihren Glauben für den einzig richtigen. Andere Religionen werden nicht als „Heilsweg“ anerkannt. Dies wird deutlich, bei der Betrachtung des gemeinsamen Manifests, der Evangelikalen aus 170 Ländern 1989 in Manila, wo es heißt: „Wir bekräftigen, dass andere Religionen und Ideologien keine anderen möglichen Wege zu Gott sind. Die nicht von Christus erlöste Religiosität des Menschen führt nicht zu Gott, sondern ins Gericht“ (Lambrecht 2009, S. 15). Fundamentalistische Glaubensführungen können auf Menschen deshalb attraktiv wirken, weil sie hier Eindeutigkeit, feste Regeln, Zugehörigkeit wie auch Identität erfahren. Diese Eigenschaften fehlen der Mehrheit in der modernen, globalisierten Welt, wo der Relativismus vorherrscht. Daher erfahren Evangelikale auch in der westlichen Welt einen solchen Zuwachs. Vor allem in den USA wird dies deutlich. Von den 300 Millionen Einwohnern sind 70 Millionen Evangelikale Christen (Mit offenen Karten 2011: http://www.youtube.com/watch?v=QRDmGV9tV_Y).

2.3 Der Missionsbefehl

Die Evangelikale Bewegung stellt selbst die Missionsbewegung dar. „Als Bewegung hat sie ihre historischen Wurzeln in der reformatorischen Theologie, im Puritanismus und im Pietismus“ (Stettner 1999, S. 15). Als Begründung für die Mission dienen verschiedene Einzeltexte der Bibel, die für die Evangelikale Bewegung eine deutliche Aufforderung zur Mission erkennen lassen. Für die Evangelikalen ist der Missionsbefehl: „Und Jesus trat zu ihnen, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, (Matthäus 28, 18-20) „das erste und letzte Wort, das über die Religionen zu sagen ist. Das Christentum präsentiert sich hier als ein exklusivistischer Glaube, im Vergleich zu dem alle anderen Religionen als Formen des Heidentums erscheinen“ (Schwöbel 2003, S. 134). Dies hat zur Folge, dass sich Evangelikale nicht verbieten lassen, „das Evangelium von Gottes Heilshandel in Jesus Christus zu verkündigen und Anderen von der Notwendigkeit des Glaubens an Jesus Christus überzeugen zu wollen“ (Lambrecht 2009, S. 16). Das (nach der Auffassung der Evangelikalen) Evangelium drängt sich nach außen und lässt sich nicht aufhalten, denn in Apostelgeschichte 4, 20 heißt es: „Wir können´s ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten von dem, was wir gesehen und gehört haben“. Weiter wird von den Evangelikalen berücksichtigt, dass Christus seine Gemeinde zwei Anweisungen gab. Zum einen, wie bereits angeführt die Verkündigung des Evangeliums, aber auch die Notwendigkeit zum Dienst. „Die Mission der Gemeinde ist Ausdruck ihrer Liebe, die sich nicht zu rechtfertigen braucht, sondern sich einfach dem Menschen in Not- geistlicher wie materieller – zuwendet“ (Berneburg 1996, S. 77). Dienst heißt demnach soziale Aufgaben mit der Verkündigung des Wortes Gottes zu verknüpfen. „Beide, Evangelisation und soziale Verantwortung (…) sind so zu unterscheidende und doch zusammengehörende Antworten auf Gottes Wirken in dieser Welt“ (Brenner 1993, S. 116). Aus diesem Grund engagieren sich Evangelikale im sozialen Bereich, um der Auffassung der Bibel gerecht zu werden. Für Außenstehende mag das Bemühen um sozial schwächere Menschen die Hauptmotivation sein, doch in erster Linie wird die Seelengewinnung verfolgt.

3. Was bedeutet Ethnozid?

Mit dem Begriff des Ethnozids (auch bekannt unter dem Ausdruck kultureller Genozid) ist die Zerstörung traditioneller Kulturen gemeint; geprägt in Südamerika durch die Schriften von Robert Jaulin und anderen Autoren. „At the end of 1960s, the term ethnocide was reintroduced into academic and political debates by the French anthropologist Robert Jaulin, in order to extend the meaning of the term genocide beyond physical violence, to include the cultural impact that colonial and postcolonial administrations have had on the indigenous population of the Americas” (Sanford 2006, S. 160). Für Manera, Osset und Terán ist Ethnozid: „El proceso continuado de agresión a una comunidad india, por la misma despreocupación hacia los costes que a éste le puede ocasionar el contacto” (Abad Gonzáles 2003, S. 105). Wichtig ist dennoch die Unterscheidung von Ethnozid, d.h. der Zerstörung der Kultur durch zwanghaftes Umwandeln und einem natürlichen Kulturwandel, da alle Kulturen im Laufe der Geschichte einem Wandel unterliegen. Dieser Wandel geschieht sowohl von innen heraus (als Erneuerung), als auch durch den Austausch mit anderen Kulturen. „Damit eine Kultur wirklich zerstört wird, muß es zu einer Reihe ungleichwertiger Austauschaktionen kommen, wozu der ökonomische Imperialismus gehört“ (Hvalkof 1980, S. 187). Bei einem Ethnozid gehen nicht nur die Bodenschätze einer indigenen Gruppe verloren, sondern auch ihre Arbeitskraft sowie die technologischen, gesellschaftlichen und ideologischen Aspekte ihrer Kultur. Wenn die indigene Gruppe keine Kontrolle mehr über das Land und die damit verbundenen Ressourcen hat ist ein Ethnozid sehr wahrscheinlich. Beschleunigt würde dieser Prozess durch das Verbot der Verwendung der eigenen Sprache und die Nicht-Ausführung von Kulturaspekten wie Riten und Bräuche. Für gewöhnlich ist der Untergang einer Kultur das Ergebnis mehrerer Faktoren, verursacht durch verschiedene Repräsentanten. „Solche Repräsentanten sind: Rohstoffindustrien, Händler, Regierungs- und internationale Behörden, gewöhnlich mehrere konkurrierende Missionsgesellschaften und zu einem gewissen Grad auch Forscher, Reisende und Völkerkundler“ (Hvalkof 1980, S. 288). Bezogen auf einen fundamentalistischen Glauben der Missionare kann Ethnozid wie folgt verlaufen: „The combination of religious chauvinism, western bias, naiveté, and contempt toward the societies they enter creates a deadly and ethnocidal mix” (Ziegler-Otero 2004, S. 58). Karl-Heinz Hillmanns Ansicht nach ist die „Zerstörung der kulturellen Identität einer Ethnie durch eine bewusst vorangetriebene oder sogar gewaltpolitische erzwungene Assimilierung an die jeweils vorherrschende Ethnie“ (Hillmann, Hartfiel 2007, S. 203) zu erkennen. Diese vorherrschende Ethnie muss dabei nicht unbedingt die im Land lebende Bevölkerung sein, sondern auch Missionare können diesen Platz durch materielle, oder politische Vorteile einnehmen. Ausgelöst wird dieser Mechanismus durch die auf Rassismus beruhende Überlegenheitswahrnehmung einer dominierenden Gesellschaft gegenüber ethnischen Minderheiten. Ein Beispiel aus den 60er Jahren hierfür bildet der Versuch von US-Amerikanern das „Indianer-Problem“ zu lösen. Durch die Umsiedlung der Reservationsbevölkerung in Großstädte wurde erhofft, dass die Indigene ihre eigene ethnische Existenz aufgeben würden.

4. Geschichtlicher Verlauf der frühen Missionsmethoden

Die Evangelisierung Lateinamerikas verlief verschiedenartig ab, wobei die regionalen Gegebenheiten, die Kultur der Indigenen und auch die Einstellung der Missionare ausschlaggebend waren. Mit Beginn der Konquista stand die spanische Sprache in der neuen Welt einer Vielzahl von indigenen Sprachen gegenüber. Vor allem die Fähigkeit der Kommunikation war und ist auch heute noch entscheidend für die Missionsarbeit verschiedener Organisationen. In der Vergangenheit gab es vier verschiedene Phasen der Kommunikation, welche heute noch unter den Evangelikalen angewandt werden. „Zunächst mußte die „stumme Methode“ angewandt werden, weil Kolumbus, in der Hoffnung die westliche Passage nach Asien zu finden, nur Dolmetscher für arabische und östliche Sprachen mitgenommen hatte. Die Kommunikation beschränkte sich also auf gestikulierende Dialogversuche, bei denen die Spanier wie auch später die Portugiesen bei ihren Kontaktversuchen in Brasilien den Indianern ihre friedliche Absichten klarzumachen versuchten und anschließend äußere zeremonielle Akte mit christlichen Symbolen vornahmen, also Kreuze errichteten und Messen lasen“ (Prien 1978, S. 205). Durch das Errichten der Kreuze kam es vielerlei Orts zu Missverständnissen unter den Indigenen, denn sie betrachteten die Kreuze als magische Zeichen und verehrten diese wie Götzen. Auch heute noch entstehen Erstkontakte zu indigenen Gruppen ähnlich, jedoch wurde die Lage um einiges erleichtert. „Einen kleinen Fortschritt auf dem Wege zur Verständigung stellte die „mimische Methode“ dar, eine universelle Verständigungsart unter Indianern verschiedener Sprache, die mit bestimmten Zeichen ihre Absichten bekunden, z.B. Pfeile zerbrechen, um den Wunsch zu friedlichem Kontakt kundzutun“ (Prien 1978, S. 205). Bald wurde jedoch deutlich, dass die Vermittlung des Glaubens weder durch die stumme noch durch die mimische Methode erfolgreich sein würde. So wurde der nächste Schritt eingeleitet, indem man mit Dolmetschern zu predigen begann. Als Dolmetscher fungierten anfangs Europäer, die beispielsweise in Gefangenschaft zur Zeit der Konquista die indigenen Sprachen erlernt hatten oder auch Kinder von Spaniern, die beim Spielen mit den Kindern der Indigenen die Sprache erlernt hatten. Auch indigene Gefangene, die gezwungen wurden Spanisch zu erlernen wurden als Dolmetscher eingesetzt. Vor allem aber die letzte Gruppe erlernte die Sprache äußerst oberflächlich und hatte kaum Vertrauen zu den Missionaren entwickelt. Oft übersetzten diese die Worte der Prediger nicht wörtlich, und brachten eigene Vorstellungen in die Predigt ein. Dadurch wurde der Sinn der Predigt verändert und missverstanden. Daraufhin folgte die linguistische Methode. Bei diesem Verfahren wurden Missionare unter indigene Gruppen für eine längere Zeit gesandt, um so die Sprache erlernen zu können. „Das war seinerseits ungleich schwieriger als etwa heute für die Wycliff-Bibelübersetzer, weil es keinerlei Möglichkeiten für eine wissenschaftliche linguistische Ausbildung gab. Die ersten, die indianische Sprachen lernten, waren Laien (…). Auf dem Gebiet der Erforschung der indianischen Sprache leisteten bald die Missionare Pionierarbeit, indem sie deren Grammatik systematisierten, sie in Schriftform brachten, Wörterbücher zusammenstellten, Katechismen und Laiendogmatiken verfaßten und Teile der Bibel übersetzten (…)“ (Prien 1978, S. 206).

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Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Methoden Evangelikaler Missionierung indigener Gruppen
Untertitel
Eine Untersuchung mit Bezug auf lateinamerikanische Fälle
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Völkerkunde
Note
12
Autor
Jahr
2011
Seiten
37
Katalognummer
V204632
ISBN (eBook)
9783656324072
ISBN (Buch)
9783656325277
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
methoden, evangelikaler, missionierung, gruppen, untersuchung, bezug, fälle
Arbeit zitieren
Rebecca Heibutzki (Autor), 2011, Methoden Evangelikaler Missionierung indigener Gruppen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204632

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