Der Ost-West-Konflikt aus der Perspektive des Neorealismus

Die Theorien des Neorealismus und der Kalte Krieg


Hausarbeit, 2011
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Der Neorealismus
1.1 Die Entstehungsgeschichte des Neorealismus
1.2 Grundlagen und Kernthesen des Neorealismus

2. Der Ost-West-Konflikt
2.1 Der Ost-West-Konflikt als „Kalter Krieg“
2.2 Die NATO
2.3 Der Warschauer Pakt

3. Die Ost-West-Polarität
3.1 Vorstellung der politischen und wirtschaftlichen Systeme
3.2 Eine Zeit der relativen Entspannung?

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Von Stettin an der Ostsee bis Triest am Mittelmeer hat sich ein Eiserner Vorhang auf Europa herabgesenkt. Dahinter liegen all die Hauptstädte der alten Staaten Mittel- und Osteuropas. Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Diese berühmten Städte und die Bevölkerung ringsum liegen alle im sowjetischen Wirkungskreis, so muss ich es nennen, und unterliegen, auf eine oder andere Weise, nicht bloß sowjetischem Einfluss, sondern zu einem sehr hohen und in einigen Fällen zunehmenden Maße der Lenkung durch Moskau.“

Mit diesem Ausschnitt einer Rede vom 5. März 1946 zitiert ein unbekannter Autor auf Wikipedia (Eiserner Vorhang, S.1) den britischen Politiker Winston Churchill. In dieser Rede hatte Churchill benannt, was die weltpolitische Lage in den nächsten Jahrzehnten prägen sollte: die Spaltung in Ost und West und somit die spannungsgeladene Polarität zweier unterschiedlicher Systeme (Lukacs 1970, S. 36).

Standen die „Alliierten“ England, Frankreich, USA und die Sowjetunion im Kampf gegen Deutschland und Japan noch als Waffenbrüder eng zusammen während der Zweite Weltkrieg tobte, kam es bald nach der Beendigung des Krieges zu ernsthaften Meinungsverschiedenheiten und Spannungen zwischen den ehemals Verbündeten. Insbesondere die USA und die Sowjetunion waren die Gewinner des Krieges, der zahllose Opfer an Menschenleben und wirtschaftlichen Ressourcen gekostet hatte (Lukacs 1970, S. 9f. und 17f.). Dem sowjetischen Diktator Stalin war an der Verbreitung des Kommunismus, aber vor allem an der Erweiterung seines Macht- und Einflussbereiches gelegen, während die US-Regierung auf eine Demokratisierung der Welt bedacht war und man dem sowjetischen Expansionsdrängen entgegentreten wollte (Lukacs 1970, S. 40f.). Auch wenn diese Gegensätze sich zum Beginn eines jahrzehntelangen, spannungsgeladenen und bedrohlichen Konflikts entwickeln sollten, erwies sich die als „Kalter Krieg“ bezeichnete Epoche als ein Zeitraum der Stabilität und eines relativen Friedens (Schörnig 2010, S. 66).

Ziel meiner Hausarbeit ist es, grundlegende Theorieansätze des Neorealismus nach Waltz auf die Phänomene der Ost-West-Polarität zu übertragen und der Frage nachzugehen: „Inwiefern lassen sich die Theorien des Neorealismus auf die Phänomene des Kalten Krieges (ca. 1945-1989) anwenden?“.

Zunächst möchte ich den Neorealismus und seine Kernthesen bezogen auf relevante Aspekte der Arbeit vorstellen. Anschließend werden die Begriffe Kalter Krieg, Nato und Warschauer Pakt erläutert, um eine Übersicht darüber zu liefern, welche Blocksysteme sich wie gegenüberstanden. Ferner möchte ich die Kernthesen des Neorealismus, auch in Bezug zum Realismus, auf diversen Ebenen der Ost-West-Polarität anwenden, um die Anwendbarkeit der Annahmen zu überprüfen und so die Stärken und Schwächen dieses Theorieansatzes aufzuzeigen.

1. Der Neorealismus

1.1 Die Entstehungsgeschichte des Neorealismus

Die Theorie des Neorealismus, vor allem des strukturellen Neorealismus, ist prägend für das derzeitige Bild, das die politologischen Forschungen der Internationalen Beziehungen (IB) beherrscht. Der Neorealismus ist eine wesentliche Ergänzung bzw. eine Weiterentwicklung der Theorien des Realismus, die im Zuge ihrer Entwicklung eine Eigendynamik gewann und in einer eigenständigen Theorierichtung der IB mündete.

In seiner Entstehungsgeschichte profitierte der Neorealismus von den Erklärungsschwächen, die der Realismus in Bezug auf die von Kooperation gekennzeichnete politische Annäherung der Supermächte USA und Sowjetunion in den 1970er-Jahren zeigte. Die Interdependenzansätze und die Weltsystemtheorie des strukturellen Neorealismus lieferten geeignetere Erklärungsansätze als der Realismus, da die Theorieansätze des Realismus durch die Entwicklungen nach der Beendigung des Ersten Weltkriegs (1914-1918), der Weltwirtschaftskrise 1929 und des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) bestimmt wurden. Ferner sieht der Realismus Kriege als in der Natur des Menschen verankertes Charaktermerkmal an und benennt auch das Machtstreben einzelner Politiker als Ursache für Konflikte (Schörnig 2010, S. 65f.).

Der Neorealismus blendet dagegen solche Erklärungsansätze als Gegenstand seiner Forschung konsequent aus und verfolgt zwei grundlegende Fragestellungen. Zum einen untersucht er, warum die konfliktgeladene, bipolare und hochgerüstete Ost-West-Konfrontation – bei allen Gegensätzen und Gefahrensituationen – sich als eine stabile und kriegsmüde Epoche erwies. Zum Zweiten untersucht der Neorealismus, warum die USA zu Beginn der 70er-Jahre ihre Vormachtstellung auf der weltpolitischen Bühne einbüßten, obwohl die wirtschaftliche Situation der kapitalistischen Staaten Europas und Südostasiens die amerikanischen Hegemonialansprüche hätte stabilisieren müssen (Schörnig 2010, S.66).

Der strukturelle Neorealismus nach Waltz geht auch über den historischen Kontext des Kalten Krieges hinaus neue Wege, wie etwa im Gebrauch der wissenschaftlichen Methode. Im Kontext des bezüglich der IB auf wissenschaftstheoretischer Grundlage zwischen Traditionalisten und Szientisten geführten Methodenstreits wandte sich der Neorealismus von der Methodik der Traditionalisten ab. Waren führende Realisten noch Anhänger der induktiven Vorgehensweise im Sinne traditionalistischer wissenschaftstheoretischer Arbeit, lehnte sich die Methodik der Neorealisten stark an die Szientisten an, die sich an der naturwissenschaftlichen Forschung und der ökonomischen Theorie, entlang der „rational choice“, orientierten (ebd. S. 67). Kenneth Waltz beispielsweise verzichtet bei seinen Analysen auf die Berücksichtigung eines zu umfangreichen empirischen Materials, sondern geht naturwissenschaftlich orientiert vor, indem er vor allem quantitative Daten zum Gegenstand seiner Forschung macht und eine deutliche Verschlankung in der Theoriebildung des Neorealismus fordert (Krell 2006, S.162).

Als Geburtsstunde des strukturellen Neorealismus, der ungeachtet anderer neorealistischer Strömungen und Theorien allgemein nur als Neorealismus bezeichnet und verstanden wird, gilt das Erscheinungsjahr des Werkes „Theory of International Politics“ (1979) des amerikanischen Politikwissenschaftlers Kenneth Waltz, der die Theorien des Neorealismus grundlegend prägte und als Begründer dieser Theorierichtung gilt. Bereits in seinem früheren Werk „ Man, the State, and War“ (1959) hatte sich Waltz kritisch gegen die Ansichten führender Realisten gewandt, insbesondere in Opposition zu Hans J. Morgenthau, dass das kriegerische Wesen und das machtgeleitete Streben des Menschen als die Handlungsmotivation innerhalb der internationalen Beziehungen anzusehen seien (Schörnig 2010, S. 65). Kenneth Waltz sieht die Ursachen für Krieg und Frieden sowie den Wunsch der Kooperation auf drei Analyse-Ebenen, sogenannten „images“ der internationalen Beziehungen begründet. Die erste Analyse-Ebene – das first image – behandelt die Interdependenzen zwischen menschlichen Verhaltensweisen und internationalen Konflikten, das second image untersucht die Einflüsse gesellschaftlicher Ordnungen auf bilaterale Spannungen und Konflikten, während das third image die Zusammenhänge zwischen internationaler Anarchie und den internationalen Auseinandersetzungen zum Gegenstand ihrer Forschung hat. Als Anarchie begreift der Neorealismus das Fehlen von übergeordneten Instanzen und entsprechenden Sanktionsmöglichkeiten zur Regulation und Kontrolle der Interaktionen innerhalb des internationalen Systems (Krell 2006, S.156f.).

Für Kenneth Waltz besteht die Handlungsdynamik innerhalb internationaler Beziehungen auf Grund struktureller Einheiten, die in einer aktiven Wechselbeziehung zueinander stehen und ein abstrahiertes System, wie zum Beispiel die internationalen Beziehungen, darstellen. In weiteren Arbeiten orientiert sich Walz weiter an diesen systemtheoretischen Überlegungen, deren theoretische Annahmen im folgenden Abschnitt der Hausarbeit behandelt werden sollen, stellen sie doch wesentliche Kernthesen des Neorealismus dar (Krell 2006, S. 156).

1.2 Grundlagen und Kernthesen des Neorealismus

Der Neorealismus zeichnet ein archaisches und finsteres Bild der internationalen Politik, da es gewaltbereite Staaten gibt, die sich die Unterwerfung und Unterdrückung anderer Staaten zum Ziel gemacht haben. Demzufolge ist kein Staat vor einem aggressiven, bedrohlichen Gewaltakt seitens eines anderen Staates sicher und das Ziel eines jeden Staates ist es, seinen Fortbestand zu sichern und sich selbst verteidigungsbereit zu halten. Die Ursache für dieses Phänomen innerhalb internationaler Beziehungen ist die Anarchie, ein Ordnungsprinzip des internationalen Systems, bei dem es weder Instanzen noch Sanktionen zur Regelung zwischenstaatlicher Interaktionen gibt. Um autonom und souverän zu bleiben, muss ein Staat sich durch eigene Wehrhaftigkeit und/oder Bündnisse gegen eine einstweilige Bedrohung schützen. Um die Verhältnisse der internationalen Beziehungen zu deuten und zu erklären, bedient sich der Neorealismus häufig der Analogien zur ökonomischen Rational-Choice-Theorie, indem er die Situation der Staaten mit denen von Unternehmen vergleicht, die sich auf den Märkten als konkurrenzfähig und rational handelnd zeigen müssen, wollen sie wettbewerbsfähig bleiben und vor feindlichen Übernahmen sicher sein (Krell 2006, S.157-160). Der Neorealismus unterscheidet sich somit deutlich vom Realismus, der die zentralen Handlungsmotive internationaler Politik in einem Streben nach Macht auf Grund der Natur des Menschen sowie der Wahrung eigener Interessen sieht (Jacobs 2010, S.48). Auch wenn der Neorealismus spezifische Interessen bei der Analyse internationaler Politik unbeachtet lässt, da sie sich in einer „black box“ befinden, so ist doch das Überleben des Staates seine herausragende Präferenz und sein vorrangiges Bedürfnis, die von ihm anhand von Entscheidungen nach den Gesichtspunkten einer Zweck-Mittel-Rationalität verfolgt werden (Schörnig 2010, S.72).

Der Staat ist nach neorealistischem Verständnis der relevante Akteur im System internationaler Beziehungen, auch wenn Akteure wie internationale Organisationen, NGOs oder global tätige Großkonzerne ein bestimmtes Maß an Bedeutung erlangen können. Im internationalen System verfügen sie jedoch nicht über genügend Möglichkeiten, um auf außenpolitische Prozesse elementaren Einfluss zu nehmen (ebd.). Die Staaten bzw. Akteure determinieren jedoch nicht mit ihren Wechselwirkungen untereinander das System der internationalen Politik, sondern die Struktur des internationalen Systems besitzt eine Eigendynamik und Einflussstärke, die die diversen Akteure zu einem ähnlichen Handeln bewegen. Aus neorealistischer Perspektive können drei elementare politische Strukturen zur Analyse des internationalen Systems herangezogen werden. Dabei handelt es sich erstens um das Ordnungsprinzip, d.h. Akteure sind entweder hierarchisch oder anarchisch in einem System organisiert, zweitens die Eigenschaft der Akteure bzw. Spezifizierungen auf bestimmte Funktionen und drittens die Ressourcen und Machtverteilungen der Akteure (Schörnig 2010, S.72f.).

Die Staaten – als die relevanten Akteure innerhalb internationaler Beziehungen – unterscheiden sich ferner in ihren Möglichkeiten, ihr Sicherheitsdilemma zu reduzieren und ihr Überleben zu gewährleisten. Diese Möglichkeiten stellen die Machtmittel eines Staates dar und werden als „capabilities“ bezeichnet. Diese capabilities eines Staates sind sowohl seine militärischen als auch seine wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und technischen Ressourcen, die zur Wahrung staatlicher Existenz eingesetzt werden können. Eine Unterteilung der capabilities erfolgt in „hard power“ und „soft power“. Unter hard power versteht man die militärische Stärke, die geographische und demographische Größe sowie die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Staates, während die soft power das Prestige, die Werte/Normen/Einstellungen und Kommunikationsbereitschaft einer Gesellschaft sowie den diplomatischen Stellenwert des Staates umfassen. Im Gegensatz zum Realismus, der diese Machtmittel zum aggressiven Erlangen von Macht und Einfluss ansieht, versteht der Neorealismus diese eher als Verteidigungsmöglichkeiten zur Sicherung staatlicher Souveränität und der Befriedigung eines nationalstaatlichen Sicherheitsbedürfnisses (Schörnig 2010, S. 72).

Aus neorealistischer Perspektive wirkt die Struktur des internationalen Systems auf das Verhalten der Akteure in einer Art und Weise ein, dass sie ihre capabilities einsetzen, um ein Machtgleichgewicht zwischen sich und anderen Staaten aufzubauen. Dieses Machtgleichgewicht, auch als „balance of power“ bekannt, kann durch eigene Aufrüstung oder durch die Bündnisbildung mit anderen Staaten („balancing“) erreicht werden, da dadurch ein Staat einen Machtzuwachs erlangen kann, der seine Stellung im anarchisch strukturierten internationalen System stabilisiert (ebd., S. 74f.).

2. Der Ost-West-Konflikt

2.1 Der Ost-West-Konflikt als „Kalter Krieg“

Der Begriff „Kalter Krieg“ bezeichnet eine Epoche in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, die als politisch-ideologische, kulturelle, ökonomische, soziale und technisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung zwischen den von den USA und der Sowjetunion geführten Blöcken zu verstehen ist und die trotz elementarer, militärischer, wechselseitiger Bedrohung bis auf einige „Stellvertreterkriege“ friedlich blieb und alle Ebenen der Bereiche des täglichen Lebens berührte (Stöver 2007, S.20f.). Der Autor John Lukacs äußert: „’Der Kalte Krieg’, das heißt die lang andauernde weltpolitische Auseinandersetzung zwischen den USA und der Sowjetunion in Mitteleuropa und Ostasien, beherrscht die Geschichte der Nachkriegszeit.“ (Lukacs 1970, S. 1). Damit ist nicht zuletzt das Aufeinandertreffen zweier Weltanschauungen, Kapitalismus und Kommunismus gemeint, obwohl die Ursachen für den Konflikt weit komplexer sind, als es ideologische und gesellschaftliche Systemunterschiede allein beschreiben könnten (Link 1980, S.54). Der Realist Hans Morgenthau versteht den Kalten Krieg eher als einen Gegensatz von zwei Ordnungskonzepten, bestehend aus dem amerikanischen Universalismus und der sowjetischen Einflusssphärenpolitik, wobei letztere seiner Meinung nach extrem machtbesessen vorging. Das Machtstreben der Sowjetunion lag laut Morgenthau an deren Charakter, der durch eine Verschmelzung der Grundkonzepte des Kommunismus mit dem zaristischen Expansionismus entstanden war (ebd., S.55). Dagegen sieht der Neorealismus nach Waltz den Kalten Krieg als Ergebnis einer Krieg hemmenden Machtbalance, die darauf beruhte, dass sich beide Staaten in ihrer Existenz vom jeweils anderen bedroht fühlten und dem Sicherheitsdilemma entgehen wollten. Da beide Staaten die wirkliche Stärke des jeweils anderen nicht exakt vorhersagen konnten, war aus Sicht des Neorealismus die eigene Aufrüstung und die Ausweitung des eigenen Bündnissystems die einzige Möglichkeit zur Herabsetzung des Sicherheitsdilemmas (Schörnig 2010, S. 77). Auf die Frage, warum der Kalte Krieg eine etwa 45-jährige Phase der Stabilität und des relativen Friedens darstellt, haben Realismus und Neorealismus unterschiedliche Antworten. Für die Realisten ist es eine Phase des Hegemonialstrebens zweier gegensätzlicher Staaten, für die Neorealisten um Waltz ein fortlaufender Prozess der balance of power, der eine so lange Geschichte dadurch erhielt, dass bipolare internationale Systeme, wie etwa der Westen, angeführt durch die USA, und der Ostblock, bestimmt durch die Sowjetunion, stabiler sind als etwa ein multipolares internationales System mit gleichwertigen Akteuren oder ein unipolares internationales System mit einem übermächtigen Führungsstaat (ebd. S. 76 f.).

Der Kalte Krieg ist im Sinne des Neorealismus in seiner Entstehungsgeschichte daher eher aus einem dynamischen Prozess, um eine Balancebildung, entstanden und nicht als statische Phase anzusehen. In der Tat lässt sich der Beginn des Kalten Krieges zwischen den Jahren 1945 und 1947, von der Konferenz der drei großen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges auf Jalta (1945) und der Truman-Doktrin vom März 1947 datieren (Lukacs 1970, S. 15). Die Sowjetunion (UdSSR), die an militärische Stärke, Prestige und politischen Gewicht gewonnen hatte und die meisten Opfer an Menschenleben sowie wirtschaftlichen Ressourcen erleiden musste, drängte auf der Jalta-Konferenz nach Erweiterung ihres Macht- und Einflussbereiches, basierend auf ihren Geltungs- und Entschädigungsansprüchen (ebd., S. 24). Zum Gegenstand der Jalta-Konferenz entwickelte sich vor allem die Zukunft des polnischen Staates. Die Sowjetunion drängte unter Stalin massiv auf die Erfüllung ihrer Territorialansprüche in Polen, auch wenn Polen für die Abtretung seiner Ostgebiete mit damals noch deutschen Reichsgebieten entschädigt werden sollte. Von besonderer Bedeutung ist der Umstand, dass im neuen polnischen Staat eine prokommunistische Marionetten-Regierung der Sowjetunion (das Lubliner Komitee) die politische Macht zugeteilt bekam. Großbritannien, als wichtigster Bündnispartner der ehemaligen demokratischen Regierung Polens, konnte zwar noch einige Zugeständnisse seitens der Regierung der Sowjetunion erwirken, musste aber vor der neuen Machtfülle der UdSSR zurückweichen. Diese Vorgehensweise der Sowjet-Regierung sollte sich in verschiedenen Perioden der Jahre 1945 bis 1947 in anderen Ländern Mittel- und Osteuropas wiederholen und dazu führen, dass die UdSSR sich diese Länder politisch, wirtschaftlich und auch militärisch quasi einverleibte und als Satellitenstaaten von sich abhängig machte (Lukacs 1970, S. 24-27). Der Realismus benennt als Grund für die Expansionspolitik das Machtstreben der kommunistischen Sowjetunion und ihres Führers Stalin allein, während der Neorealismus komplexere Ursachen für den Konflikt ausmacht. Nach neorealistischer Ansicht verteidigte die Sowjetunion ihre Souveränität, da sie im Vergleich zu den alliierten Staaten Frankreich, Großbritannien und den USA nicht stark genug war, um sich im internationalen System gegen diese Staaten behaupten zu können. Um das eigene Überleben zu sichern, vergrößerte die Sowjetunion ihr Einflussgebiet, da sie vor dem Sicherheitsdilemma stand, sich künftig im internationalen System behaupten und den großen wirtschaftlichen und politischen Asymmetrien durch den Prozess der balance of power (eigene Aufrüstung und Schaffung eines effektiven Bündnissystems) langfristig entgegen treten zu müssen (Link 1980, S.65).

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Ost-West-Konflikt aus der Perspektive des Neorealismus
Untertitel
Die Theorien des Neorealismus und der Kalte Krieg
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Einführung in die Internationalen Beziehungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V204656
ISBN (eBook)
9783656315414
ISBN (Buch)
9783656366836
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ost-west-konflikt, perspektive, neorealismus, theorien, kalte, krieg
Arbeit zitieren
Olaf Borgmeier (Autor), 2011, Der Ost-West-Konflikt aus der Perspektive des Neorealismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204656

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