Digital Divide: Internetbasierte Vernetzung als Gegenstand Transnationaler Ungleichheitsforschung


Diplomarbeit, 2009

92 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Transnationalisierung und der transnationalism approach
2.1 Nationalstaat und sozialer Raum
2.2 Typologie der Internationalisierung von Vergesellschaftung
2.3 Transnationale Perspektiven im wissenschaftlichen Diskurs
2.4 Dimensionen einer transnationalen Soziologie

3. Soziale Ungleichheit und transnationale Ungleichheitsforschung
3.1 Gleichheit und Ungleichheit
3.2 Global vs. National? - Dimensionen und Kategorien
3.3 Transformation der Ungleichheiten
3.4 Perspektive einer transnationalen Ungleichheitsforschung

4. Digital Divide und Digitale Ungleichheiten
4.1 Grundlagen Digitaler Spaltung
4.2 Ansätze und Modelle zum Digital Divide
4.3 Digital Divide in der Praxis

5. Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für viele Menschen ist der Umgang mit grenzüberschreitenden Netzwerken und Kommunikationstechnologien, wie beispielsweise das Internet, eine Selbstverständlichkeit. In Teilen der Welt ist es sogar schwierig, sich diesen im Alltag überhaupt zu entziehen. Ob im Beruf, zur Unterhaltung, beim Einkaufen oder bei der Partnersuche, gerade in den postindustriellen Regionen der Welt spielt das Internet als Medium des sozialen Lebens schon heute eine große Rolle.

Ebenso wird es von den meisten Menschen als gegeben und völlig normal empfunden, zu jeder Jahreszeit im Supermarkt Produkte aus allen Teilen der Welt kaufen zu können. Die Bedingungen und Verhältnisse unter denen dieser Komfort ermöglicht wird, sind uns dagegen, wenn überhaupt, nur selten bewusst. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass die Teilnahme am globalen Handel noch immer ein Privileg relativ weniger Menschen ist, zumindest wenn es darum geht davon zu profitieren. So ist der Arbeiter einer ecuadorianischen Bananenplantage zwar Teil der Weltwirtschaft, aber eben deutlich schlechter gestellt, als beispielsweise eine deutsche Angestellte, die dessen Produkte verzehrt.

Ähnlich verhält es sich mit dem weltweiten Austausch von Information durch neue Kommunikationstechnologien. In den post-modernen Informations- und Wissensgesellschaften fällt diesen neuen Technologien und den Netzwerken, die sie bilden, eine entscheidende Rolle bei der Entstehung neuer und der Aufrechterhaltung alter Ungleichheiten zu. In jedem Fall sind sie fester Bestandteil von Vergesellschaftung geworden.

Der seit Entstehung der Soziologie vorherrschende und mit den Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher in Erscheinung getretene “methodologische Nationalismus”, den Beck (2005: 7) kritisiert, verliert zunehmend an Erklärungskraft: Gesellschaft und Vergesellschaftung, und damit auch die Produktion und Reproduktion von Ungleichheiten, enden im Zuge der Prozesse fortschreitender Denationalisierung längst nicht mehr an den Grenzen der einzelnen Staaten. Es handelt sich bei Nationen und Gesellschaften auf keinen Fall um abgeschlossene Container-Räume.

Ursachen und Wirkung dieser Prozesse finden zwar immernoch in territorial abgrenzbaren Nationalstaaten statt, diese Grenzen sind jedoch aufgeweicht, löchrig und durchlässig geworden. Das Soziale befindet sich in einem Prozess der Transnationalisierung. Maßgebliche Beteiligung als Medium dieser Transnationalisierungsprozesse fällt heute meiner Meinung nach den modernen Kommunikations- und Informationstechnologien zu, die bei der Organisation und Gestaltung der Lebensbereiche Bildung, Arbeit und Freizeit eine immer größere Rolle spielen. Über die lokalen, regionalen und nationalen Aspekte und Effekte hinaus sollen besonders die globalen Aspekte der Digital-Divide-Forschung im Vordergrund stehen, und so zu einem Bestandteil einer neuen, transnationalen Ungleichheitsforschung werden.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich den Versuch unternehmen, neue Zugänge zur Ungleichheitsforschung zu finden. Sie sollten sowohl theoretisch, als auch praktisch, dem Prozess von territorial klar ab- und eingegrenzter Vergesellschaftung, hin zu Vergesellschaftungsformen, die zwar national und territorial gebunden und geprägt sind, aber immer stärkere transnationale Verflechtungen ausbilden, gerecht werden. Vielleicht ergeben sich bei der Entwicklung einer transnationalen Ungleichheitsforschung neben den “Klassikern” Geschlecht, Herkunft oder Einkommen auch noch andere Kategorien, wie beispielsweise Vernetzung.

Das Forschungsfeld des Digital Divide beschäftigt sich mit Fragen zur Entstehung von Ungleichheiten im Zusammenhang mit der Nutzung und Nicht-Nutzung von digitalen Medien. Über diese Ansätze werde ich versuchen, internetbasierte Vernetzung auf ihre Tauglichkeit als Gegenstand einer transnationalen Ungleichheitsforschung zu hinterfragen.

Meine These dazu lautet: Wenn wirtschaftlicher Erfolg, Wohlstand, Zugang zu Bildung und Information sowie die Teilnahme an sozialen Netzwerken in zunehmendem Maße von der global-geographischen Lage des Individuums abhängen, da diese im Wesentlichen über die Teilnahme und den Zugang zu digitalen Medien entscheidet, dann ist der Grad der Vernetzung eines Individuums oder einer Gesellschaft (Zugang - nicht Zugang / User - non User) ein geeigneter Gegenstand für eine neue Perspektive in der Ungleichheitsforschung.

Ebenso wie es Regierungen schwer fällt oder es ihnen sogar unmöglich ist, Ungleichheiten globalen beziehungsweise transnationalen Ursprungs mit Maßnahmen auf nationaler Ebene entgegenzuwirken, können sich Ungleichheitsforscher nicht mehr nur auf ihre Herkunftsländer als Forschungsfeld beschränken. Die Transnationalisierung von Individuen und Gesellschaften lässt die auf den Nationalstaat begrenzten Erklärungsversuche global begründeter Ungleichheitsverhältnisse nicht mehr zu. Mit der Globalisierung des Kapitalismus als bestimmendem Prinzip der Weltwirtschaft werden auch die bestehenden Ungleichheitsverhältnisse auf dieser Ebene produziert und reproduziert, und lassen gleichzeitig neue entstehen. Diese globalen Probleme sind kaum noch durch nationale Logiken erfassen oder gar ursächlich erklären.

Im folgenden zweiten Kapitel dieser Arbeit befasse ich mich mit Prozessen der Transnationalisierung und transnationalen Forschungsperspektiven. Was ist überhaupt mit transnational oder Transnationalisierung gemeint? Welche Entwicklungen und Ideen stecken dahinter? Dabei spielen sowohl Prozesse der Denationalisierung als auch die Unterschiede zu weltgesellschaftich orientierten und unzureichenden Globalisierungstheorien eine Rolle. Außerdem werde ich die Verwendung von Begriff und Konzept der Transnationalisierung in anderen Disziplinen beschreiben, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten darzustellen.

In Kapitel Drei geht es um die wahrscheinlich ursprünglichste und wichtigste Teildisziplin der Soziologie: Die Ungleichheitsforschung. Wo liegen ihre Ursprünge? Ist die begrenzte, nationale Ungleichheitsforschung am Ende? Wenn ja, warum? Und welche alternativen Konzepte gibt es? Was ist transnationale Ungleichheitsforschung? Dabei soll dem Wandel der Ungleichheiten produzierenden sozialen Bedingungen ebenso Rechnung getragen werden, wie der nationalen Geschlossenheit und damit dem Problem der internationlen Vergleichbarkeit der Ergebnisse. So soll diese Arbeit auch der Versuch sein, diesen blinden Fleck in der Sozialforschung zu erhellen.

Im vierten Kapitel liegt der Fokus auf den Ansätzen und Modellen der Digital- Divide-Forschung. Wie können sie Ausgangspunkt und theoretisches Bindeglied zwischen Transnationalisierungsprozessen und Ungleichheitsforschung werden? Welche Rolle spielt das Internet konkret bei modernen Prozessen der Vergesellschaftung? Wo zeigen sich Digitale Ungleichheiten, und worauf sind diese zurückzuführen?

Im Fazit in Kapitel Fünf fasse ich dann meine Ergebnisse zusammen und beschreibe die Eckpunkte einer möglichen transnationalen Perspektive auf Digital Divide, Vernetzung und das Internet. Dabei wird das Internet als transnationales Medium dargestellt werden. Abschließend versuche ich eine Progonose über die weitere Entwicklung Digitaler Ungleichheiten zu stellen stellen.

2. Transnationalisierung und der transnationalism approach

Im folgenden Kapitel beschreibe ich Prozesse der Transnationalisierung und auf deren Grundlage entwickelte Modelle der Transnationalismusforschung. Eine Definition der Begriffe transnational und Transnationalismus kommt nicht ohne die Beschreibung der Prozesse und Entwicklungen aus, die ihren Ausgangspunkt bilden. Zu unterscheiden ist zwischen Transnationalisierungsprozessen, die Teilaspekte von Globalisierungtendenzen sind, und den Theorien und Modellen zur Transnationalisierung, welche diese zu beschreiben versuchen. Sie stellen damit eine Alternative zu überholten beziehungsweise unzureichenden Erklärungsversuchen einer mutmaßlichen Weltgesellschaft dar. Dabei spielen die Entgrenzung sozialer Lebenswelten (vgl. Mau 2007) und Denationalisierungsprozesse eine entscheidende Rolle. Im ersten Teil des Kapitels geht es um die Klärung des Begriffes selbst. In 2.1 werde ich Entwicklungen und Prozesse der Denationaliserung, als Grundlage verschiedener Formen von internationalisierter Vergesellschaftung beschreiben, um die Entstehung und die besondere Bedeutung und Notwendigkeit der transnationalen Perspektive herauszustellen. Diese Typen von Vergesellschaftung beschreibe ich in Kapitel 2.2.

Zur besseren Orientierung gebe ich in 2.3 einen Überblick zum aktuellen Stand transnationaler Perspektiven in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, bevor ich mich in Kapitel 2.4 ausschließlich mit soziologischer Transnationalismusforschung und Dimensionen einer transnationalen Soziologie befasse. Abschließend werde ich mich kritisch mit verschiedenen Begriffsfassungen auseinandersetzen, und für eine transnationale Perspektive in der Soziologie Stellung beziehen.

Was bedeutet transnational ? Zunächst einmal handelt es sich bei dem Begriff um ein Adjektiv, das sich aus dem Lateinischen trans (hindurch, hinüber) und natio (Volk, Geschlecht, Volksstamm) ableitet. Nation, beziehungsweise national, steht hier für die modernen Nationalstaaten und ihr Territorium. Transnational kann demnach als jenseits des Nationalstaats oder vielmehr als durch die Grenzen des Nationalstaats hindurch übersetzt werden. Wie im weiteren Verlauf des Kapitels zu sehen sein wird, beinhalten alle Bedeutungen, die diesem Begriff zugeschrieben werden, dieses grenzüberschreitende, multinationale Moment.

Transnational, Transnationalismus, Transnationalisierung und Transnationalität sind keine völlig neuen Begriffe im wissenschaftlichen Diskurs verschiedener Disziplinen. Hier verhält es sich ähnlich wie bei den Theorien und Ansätzen zum Postkolonialismus. Verschiedene Disziplinen sowie zugehörige Teildisziplinen und deren Forscher verwenden den Begriff aus ihren ganz eigenen Perspektiven heraus und beschreiben damit ähnliche, aber dennoch voneinander zu trennende, Phänomene. In den Sozial- und Geisteswissenschaften hat sich verstärkt seit den neunziger Jahren eine Richtung entwickelt, die als Transnationalisierungsforschung oder Transnationalismus bezeichnet werden kann (Pries 2008: 13). Wobei die Termini Transnationalismus und “Transnationalism” eher eine Strukturperspektive zum Ausdruck bringen. Transnationalisierung dagegen betont die Dynamik von Vergesellschaftung als Prozess. Transnationalisierung steht also für Entwicklungen die beobachtbar geworden sind. Zum Beispiel Migrationsströme, grenzüberspannende Kommunikationsnetzwerke, sowie Prozesse der De-, Re-, Supra-, und Internationalisierung. Transnationale Forschung versucht Modelle zu entwickeln die in der Lage sind, diese Veränderungen der Vergesellschaftung zu erfassen.

2.1 Nationalstaat und sozialer Raum

Theoretischer Ausgangspunkt zur Entwicklung transnationaler Perspektiven sind die modernen Nationalstaaten mit ihrer selbstgewählten Form gesellschaftlicher Isolation durch territoriale und soziale Grenzziehung. Durch die Herausbildung territorialer Herrschaft mittels eines legitimierten Gewaltmonopols wurden Nationalstaaten seit Ende des 18. Jahrhunderts die zentralen Einheiten sozialer und politischer Regulierung und Integration. So entstand ein institutionalisiertes System von Inklusion nach innen und Abgrenzung nach außen. Die geographischen Grenzen des Staates wurden als deckungsgleich mit den Grenzen der jeweiligen Gesellschaft und ihres sozialen Lebens verstanden.

Vor allem nach der Französischen Revolution entwickelten sich die modernen Nationalstaaten in Europa. Von hier aus wurde das nationalstaatliche Prinzip im Zuge der Kolonisierung in andere Regionen der Welt getragen (vgl. Keitner 2007). Mit zeitlicher Verzögerung wurde etwa Mitte des 20. Jahrhunderts auch in den ehemaligen Kolonien der Prozess des nation building vorangetrieben. Oftmals eng verknüpft mit der Hoffnung auf wirtschaftliche Prosperität und politische Stabilität(Pries 2008: 34). Die von Befürwortern des nationalstaatlichen Prinzips in vielerlei Hinsicht als rückständig angesehenen Kolonien sollten durch den Prozess des nation building auf den selben Entwicklungsstand gebracht werden. Dies ist ein Trugschluss, der seit langer Zeit die Idee nährt, dass es nur einen möglichen Pfad der Entwicklung von Staat und Gesellschaft, also nur eine Moderne, geben kann. Dieser Tradition entstammt auch die fragwürdig gewordene Unterscheidung in Erst-, Zweit-, und Drittwelt-, oder Entwicklungsländer. Bis heute hält sich diese Perspektive hartnäckig. So wird auch in der aktuellen Weltpolitik noch gerne mit nation building argumentiert, wenn es darum geht mutmaßlich totalitäre Regime und Diktaturen in angeblich freiheitliche und friedliche Demokratien zu transformieren.

Die geographische Vermessung zur Festlegung von Territorien alleine macht aber noch keine Nation. Nationen bestehen immer auch aus den Mitgliedern der Gesellschaft, die sie einschließen. Eine Nation konstitutiert sich außerdem über einen gemeinsamen Bildungskanon sowie ein für alle Mitglieder geltendes Rechtssystem.

Nationalgesellschaften sind keineswegs natürliche Gruppen. Nahezu alle Nationalgesellschaften bestanden schon bei ihrer Gründung aus verschiedenen Völkern und ethnischen Gruppen, die entweder aufgrund ihrer kolonialen Vorgeschichte von oben mehr oder weniger aufgezwungen zusammengefasst wurden oder sich von unten selbst zu einer Einheit zusammenschlossen. Die afrikanischen Nationalstaaten gelten als Musterbeispiel für die Zusammenführung von oben. Ein Blick auf die mit dem Lineal durchgeführte Grenzziehung der meisten afrikanischen Nationalstaaten lässt schnell erahnen, dass es sich hier um keine natürlichen Grenzen handelt. Sie stimmen in keinem einzigen Fall mit den damals und heute tatsächlich vorherrschenden sozialräumlichen Grenzziehungen nach Sprachen und Stämmen überein. Auch andere Regionen der Erde wurden auf diese Art und Weise ein- und aufgeteilt, was anhaltend bis heute für Spannungen und Konflikte zwischen einigen dieser Staaten sorgt.

Der Zusammenschluss zu Nationen von unten fand im Vergleich dazu, zwar nicht unbedingt ohne Konflikte, in jedem Fall aber auf mehr oder weniger freiwilliger Basis auf betreiben vormals unabhängiger territorialer Sozialgebilde statt. Beispielsweise bei der Herausbildung der modernen Staaten, Nationen und Nationalgesellschaften in Europa. Während den einen der Zusammenschluss von ihren Herrschern diktiert wurde, haben sich die anderen aus strategischen und wirtschaftlichen Erwägungen heraus, sowie zur Stärkung der eigenen Interessen vereint.

Die jeweiligen Entstehungsbedingungen haben auch durchaus Einfluss auf die innere und äußere Stabilität der jeweiligen Staaten. So sind die Nationalstaaten, welche von unten gebildet wurden, “[…] in aller Regel wesentlich stabiler und zeigen eine deutlichere Übereinstimmung von Nationalstaat und Nationalgesellschaft im Sinne der doppelten Verschränkung von territorialem Flächenraum und gesellschaftlichem Sozialraum, als dies bei den von oben enstandenen nationalen Gebilden der Fall ist” (Pries 2008: 122).

Der Vorstellung von Nation und Nationalstaat liegt auch heute noch das weiter oben bereits angerissene Container Raum Modell zugrunde. Damit ist gemeint, dass der Nationalstaat auf seinem Territorium auch die zugehörige Gesellschaft einschließt. Das Territorium der Nationen markiert also auch die Grenzen für den sozialen Raum der Nationalgesellschaft.

Dies impliziert stark voneinander unabhängige, abgeschottete und mehr oder weniger homogene und integrierte Nationalgesellschaften. Vergesellschaftung findet nach dieser Idee ausschließlich innerhalb der nationalen Grenzen und nahezu unbeeinflusst von anderen Nationalstaaten und den in ihnen existierenden Gesellschaften statt. Dabei dürfte diese Vorstellung selbst in den Gründungsjahren der nationalstaatlichen Gebilde fernab der Realität gewesen sein. Zwar haben sich individuelle Mobilität und der Zugang zu Kommunikationstechnologien für die Masse erst im vergangenen Jahrhundert rasant entwickelt. Die Nationalgesellschaften und die damit verbundenen Prozesse der Vergesellschaftung jedoch dürften vermutlich nie derart voneinander isoliert gewesen sein, wie es das Container-Raum-Modell vermuten lässt. Dies zeigt sich schon an den großen Völkerwanderungen, antiken Handelsrouten, Händlern und Diplomaten, die ständig zwischen verschiedenen Gesellschaften pendelten. Auch die vielen militärischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit, die oftmals in Besatzungen mit allen Konsequenzen endeten, sprechen gegen eine solche Isolation. Dabei kam es immer auch zu grenzüberschreitenden Kontaken zwischen den Mitgliedern verschiedener Gesellschaften.

Es herrscht große Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung und den Idealvorstellungen von abgegrenzten nationalen Gesellschaften, sowie deren Entwicklung, und den tatsächlichen Bedingungen von Vergesellschaftung. Seit ihrer Entstehung unterliegen die Nationalstaaten der Moderne verschiedenen Transformationsprozessen, die deren ursprüngliche Konzeption der Abgeschlossenheit zunehmend aufweichen lassen. Dazu gehören beispielsweise Wirtschaftsunternehmen, die weitgehend unabhängig von der Kontrolle einzelner Nationalstaaten, auf globaler Ebene agieren, grenzüberschreitende Handelsbeziehungen oder supranationale politische Organisationen wie die EU und die Vereinten Nationen, aber auch familiäre und soziale Netzwerke, die sich unter anderem aufgrund vorangegangener Migrationsströme, und/oder neuer Kommunikationstechnologien, über mehrere Nationen erstrecken. Der Nationalstaat als Behälterraum wird durch die Zunahme dieser grenzüberschreitenden Austauschprozesse und der Reorganisation des Raumes zunehmend löchrig und verliert dadurch als gesellschaftlich exklusiv konstituierendes Element an Bedeutung. Auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass Nationalstaat und Nationalgesellschaft als sozial-räumliche Bezugseinheit für Vergesellschaftungsprozesse nach wie vor eine wichtige Rolle spielen werden.

Die Perspektive nationalstaatliche Gesellschaften als Behälterräume zu betrachten, geht von einer doppelt exklusiven Verschachtelung von Flächenraum und Sozialraum aus. Dieser Ansatz ist nicht völlig falsch, kommt aber auch nicht mehr ohne eine gewisse Relativierung und Differenzierung aus. Genau dieser Differenzierung wird in großen Teilen der Globalisierungsdiskussion keinerlei Beachtung geschenkt, die Verquickung von Flächen- und Sozialräumen in keinster Weise in Frage gestellt. Dadurch erscheinen viele Phänomene der Globalisierung lediglich als Erweiterung der Einheit dieser beiden Räume auf den gesamten Erdball. Die seit dem Ende des 20. Jahrhunderts neu entstandenen Sozial- Flächenraum-Konfigurationen können so nicht verstanden und erklärt werden (vgl. Brenner 1999). Diese neuen Flächen-Sozialraumbezüge führen zu entprechenden Formen der Internationalisierung die ich im folgenden Abschnitt einer genaueren Betrachtung unterziehe. Ich möchte damit die Unterschiede und Besonderheiten der transnationalen Perspektive aufzeigen, um ihre Bedeutung im Vergleich zu den anderen Ansätzen besser verstehen zu können.

Zwischenstand

Seit den Entwicklungen im Europa des 18. Jahrhunderts wurde das neu entstandene Konzept des modernen Nationalsstaats überall in der Welt verbreitet. Im Zuge dessen wurde auch das Bild einer nationalstaatlichen Gesellschaft geprägt, deren räumliche Ausbreitung in dieser Vorstellung deckungsgleich mit dem Territorium des Nationalstaats sein sollte. Allerdings gab es immer schon grenzüberschreitende soziale Beziehungen, aufgrund von Migration, Handel und auf natürliche Weise entstandenen Sozialräumen. Im Laufe der letzten 200 Jahre waren die Nationalstaaten verschiedenen Transformationsprozessen unterzogen, welche die Grenzen immer durchlässiger werden ließen. Gerade im Zusammenhang mit modernen Globalisierungstendenzen lässt sich die Idee der abgeschotteten Nationalgesellschaft nicht mehr aufrecht erhalten.

2.2 Typologie der Internationalisierung von Vergesellschaftung

Zunächst einmal lassen sich zwei Gruppen von Internationalisierungstypen anhand ihres Verhältnisses von Flächenraum und Sozialraum unterscheiden. Einerseits diejenigen, die man unter dem Begriff der essentialistischen, oder absolutistischen Raumvorstellungen zusammenfassen kann, Andererseits diejenigen, denen ein relationales Raumverständnis zugrunde liegt.

Absolutistische Raumkonzepte basieren auf der bereits erwähnten wechselseitigen Inklusion und Exklusion von Flächenraum und Sozialraum. Dabei entspricht jeder Flächenraum einem Sozialraum und umgekehrt. In dieser Vorstellung existieren sie als natürliche Behälter, in denen die Zeit, unabhängig von sozialen Akteuren vergeht.

Relativistische beziehungsweise relationale Raumkonzepte verstehen Sozialräume als dauerhafte und dichte Interaktionsbeziehungen in unterschiedlichen Raumkonfigurationen (vgl. Löw 2001: 24ff.) Das heißt, dass ein Sozialraum unterschiedliche Flächenräume überspannen und umspannen kann, während sich in einem dieser Flächenräume auch mehrere unterschiedliche Sozialräume aufstapeln können.

Der Typus der (1) Inter-Nationalisierung bezieht sich im Wesentlichen auf intergouvernementale Beziehungen und den Austausch zwischen souveränen Nationalstaaten und steht für die Intensivierung und Ausweitung dieser Beziehungen, die auf zwischenstaatlichen Verträgen basieren. Als Beispiele für solche politischen Beziehungen führt Pries (2008: 134) etwa die Abkommen für Arbeitsmigration zwischen Deutschland und Italien und der Türkei in den Jahren 1955 und 1961 an. Auch Freundschaftsverträge oder die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) zwischen Frankreich, Deutschland, Italien und den Beneluxländern sowie das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) zwischen Kanada, Mexiko und den USA sind beispielhaft.

Bei der Bestimmung dieses Typs stehen nationalstaatliche Aktivitäten im Vordergrund. Es geht nicht um Handlungen einzelner Personen, sondern ausschließlich um Beziehungen, die sich zwischen nationalen Einheiten beziehungsweise Containergesellschaften entwickeln.

Das Beispiel der Verträge zur Arbeitsmigration zeigt, dass sich dieser Typus nicht gänzlich auf Aktivitäten von Staaten oder nationalen Regierungen beschränkt. Zwischenstaatliche Verträge sind häufig Ausdruck von oder die Basis für intensivere Beziehungen auf anderen Akteursebenen.

In jedem Fall geht es dabei um Interaktion zwischen flächenräumlich und sozialräumlich mehr oder weniger kohärenten Einheiten. Inter-Nationalisierung kann nationale Containerräume schwächen, aber auch verstärken. So führt sie bei Konflikten zwischen Staaten zu einer Stärkung des Nationalgefühls und des Zusammenhalts (wie beispielsweise im Konflikt zwischen Indien und Pakistan). Während die Intensivierung politischer, wirtschaftlicher und sozio-kultureller Austauschbeziehungen eher zu überstaatlichem Denken und Identitätsbewusstsein führt, was in der Regel eine Bedeutungsabnahme der beteiligten nationalen Containereinheiten zur Folge hat.

Daneben existiert eine nicht-staatliche Ebene der Inter-Nationalisierung. Darunter fallen alle Aktivitäten und Austauschprozesse, die auf dem Bewusstsein oder Gedanken einer nationalstaatlichen und nationalgesellschaftlichen Bezugseinheit aufbauen. Anschauliche Beispiele sind Schüleraustauschprogramme, Brieffreundschaften und andere Beziehungen, die auf der Idee des Austauschs zwischen Nationalcontainern aufbauen. In keinem Fall ist eine tatsächliche Verschmelzung oder Zusammenführung der Nationen gewollt, sondern die Intensivierung der Beziehungen zwischen Angehörigen von getrennten Nationalgesellschaften.

Inter-Nationalisierung kann die Beziehungen zwischen einzelnen Nationen positiv im Sinne von friedlicher Verständigung beeinflussen. Sie kann im Konfliktfall aber auch zu einer stärkeren Besinnung auf nationalstaatliche und nationalgesellschaftliche Denkweisen führen und damit den Prozess der Re- Nationalisierung auslösen, den ich weiter unten vorstellen werde. Im Gegensatz zur Inter-Nationalisierung verändern sich bei der (2) Supra- Nationalisierung die geographischen Bezüge von Nationalstaat und Nationalgesellschaft. Sie bezeichnet die Tendenz zur Entstehung supranationaler Containnerräume, wie beispielsweise die Europäische Union, und führt dabei zu einer Ausdehnung der Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft mit exklusivem Territorium auf eine größere Bezugseinheit, die jedoch nicht den gesamten Globus erfasst. In der EU stellt sich Supra-Nationalisierung so dar, dass bestimmte Kompetenzen und Souveränitätsansprüche von der nationalstaatlichen an die supranationale Ebene mit ihren Organen überantwortet werden. In diesem Fall ist sind das die Europäische Kommission, das Europaparlament sowie der Europäische Rechnungshof und der Europäische Gerichtshof. Ebenso wie das Soziale mehr als nur die Summe der Handlungen einzelner Subjekte beinhaltet, entwickeln die genannten Institutionen ebenfalls einen eigenen Charakter. Sie sind eben nicht nur die Summe nationaler Einheiten. Ganz im Gegensatz zu den Vereinten Nationen, dem Europarat oder der WTO. Der so entstandene “ […] supranationale Souverän entwickelt genuine eigene Handlungslogiken, die weit über die Dynamiken internationaler Beziehungen zwischen Nationalstaaten hinausgehen” (vgl. Sassen 2008).

Internationale Organisationen (wie zum Beispiel die Internationale Soziologische Vereinigung), welche in nationalen Delegationen organisiert sind, werden der vorliegenden Typologie entsprechend, da sie national organisiert aber zwischen den Nationen vermittelnd tätig sind, als inter-nationale Organisationen bezeichnet. Als supra-national können Organisationen erst dann bezeichnet werden, wenn sie auf übernationalen Strukturen bezüglich ihres Abstimmungssystems oder der Mitgliedschaftsmöglichkeiten basieren (wie im Fall der Europäischen Soziologischen Vereinigung).

Die stark supra-nationale Struktur der EU stellt jedoch eine Besonderheit dar. Häufiger sind regionale Zusammenschlüsse, die sowohl Aspekte der Inter- als auch der Supra-Nationalisierung vereinen. Beispielsweise das NAFTA-Abkommen zwischen Kanada, Mexiko und den Vereinigten Staaten. Keiner der drei Nationalstaaten gibt dabei irgendwelche Kompetenzen an eine höhere, supranationale Ebene ab. Am treffendsten ist wohl die Beschreibung als Inter- Nationalisierung mit Elementen einer wirtschaftlichen Supra-Nationalisierung, die langfristig zur Entwicklung einer echten supra-nationalen Wirtschaftszone führen könnte.

Auch die ehemalige UdSSR kann im weitesten Sinne als supranationales Gebilde verstanden werden. Neben einer gemeinsamen Außenpolitik, gemeinsamer Wirtschafts- und Entwicklungspolitik wurde auch eine länderübergreifende Ideologie und eine einheitliche Staatsbürgerpolitik tendenziell verwirklicht (vgl. Pries 2008: 141). Das erklärte Ziel war die Überwindung der alten

Nationalgesellschaften. Im Gegensatz zum plurizentristischen Supranationalisierungsprozess der EU wurde die UdSSR jedoch von einem hegemonialen Zentrum geleitet.

Beim Typus der (3) Re-Nationalisierung handelt es sich in Bezug auf Identifikation und Selbstwahrnehmung von Nationalstaaten und Gesellschaften um negative Inter-Nationalisierung. Sie stellt sozusagen die Gegentendenz zur Supra- Nationalisierung dar. Bereits bei der Inter-Nationalisierung war schon die Rede davon, dass diese sich auch negativ im Sinne einer Rückbesinnung auf die Nation und einer übermässigen Stärkung des Nationalgefühls entwickeln kann. Die Grenzen bestehender und empfundener Nationalcontainer werden dabei verstärkt oder es werden sogar neue Containergrenzen errichtet. So können ehemals sozial- räumliche Einheiten in verschiedene autonome Territorien aufgeteilt werden. Die Triebfeder solcher Entwicklungen sind meist regionalistische Bewegungen, die mehr Rechte und Autonomie für mikro-regionale oder ethnische Minderheiten fordern. Supra-nationalisierung beschreibt die Ausweitung der sozial-räumlichen Einheiten. Re-Nationalisierung eine Einengung derselben. Separatistische Bewegungen, wie zum Beispiel Teile der baskischen Autonomiebewegung oder die Korsen in Frankreich, sind bekannte und innereuropäische Beispiele für solche regionalistischen, an Containereinheiten orientierten Tendenzen. Bei der Auflösung der Sowjetunion und im ehemaligen Jugoslawien sind ebenfalls viele dieser nationalen und regionalistischen Bewegungen in Erscheinung getreten. So erklärte sich beispielsweise der Kosovo Anfang 2008 als unabhängig und schuf damit eine neue nationalstaatliche Einheit (wenn auch nicht von allen anerkannt) unterhalb des ehemaligen Containerkonzeptes Jugoslawiens. Re-Nationalisierung hat jedoch neben der Herausbildung von neuen Nationalstaaten und einer Stärkung des Nationalgefühls noch weitere Dimensionen. Sie findet auch dort statt, wo bestehende Staaten und supranationale Einheiten ihre Container-orientierten Interessen und ihre eigene Politik stärker ausbilden. Zum Beispiel die Festlegung von Einfuhrzöllen zum Schutz eigener Industriezweige und der Landwirtschaft oder groß angelegte Handelskonflikte zwischen der EU und der Volksrepublik China (oder den USA). Dabei handelt es sich um soziale Schließungsprozesse im Rahmen nationalstaatlicher Containergesellschaften. Die Nationen haben offensichtlich die Kontrolle über Güter- und Dienstleistungsflüsse weder aufgegeben noch geschmälert. Nationale und mikro-regionale Sozialräume oder ihre Aufteilung in neue Einheiten sind die Basis der Restrukturierung flächen-sozialräumlicher Konfigurationen des 21. Jahrhunderts.

Re-Nationalisierung ist vielschichtig und betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche. Sie ist keineswegs nur auf das politische System begrenzt. So kann im Zuge von Re-Nationalisierungsprozessen eine Stärkung der Fremdenfeindlichkeit stattfinden. Auf ökonomischer Seite kann sie sich beispielsweise auf die Standortwahl auswirken. So gab der deutsche Spielwarenhersteller Steiff im Juli 2008 bekannt, die wenige Jahre junge Produktionsstätte des Traditionsunternehmens in China, aufgrund qualitativer Mängel und Imageprobleme, in den nächsten Jahren wieder nach Deutschland zu verlegen. Obwohl Deutschland als Wirtschaftsstandort teurer ist, wird sich die Investition im eigenen Land wohl langfristig auszahlen. Dies ist ein Indiz dafür, dass national geprägte Labels wie “Made in Germany” also keinesweges bedeutungslos sind und somit Produktionskosten nicht alleine über die Standortwahl entscheiden. (Frankfurter Rundschau 2008). Als Hinweis auf Re- Nationalisierungstendenzen können in den USA auch Kampagnen wie buy America und America first verstanden werden.

Auf der Ebene der Organisationen ist festzustellen, dass die Interessenpolitik von Berufsverbänden immer noch stark national dominiert ist. Tatsächlich sind Prozesse der Re-Nationalisierung mit all ihren Folgen bezüglich Inklusion und Exklusion in einigen Bereichen derart offensichtlich, dass mir die Verfolgung weltgesellschaftlich liberaler Perspektiven vor diesem Hintergrund geradezu absurd erscheint.

Globalisierung (4) ist die nächste Form der Internationalisierung die ich hier vorstellen möchte. Hier ist damit ein sehr spezieller Typ der Internationalisierung von Vergesellschaftung gemeint. Der Terminus bezieht sich auf Voraussetzungen, Formen und Folgewirkungen der weltweiten Verbreitung internationaler Transaktionen, Kommunikationen, sozialer Praktiken und Symbolsysteme. Eng damit verbunden ist die Entstehung einer weltweiten Wahrnehmung und einer Art globalen Bewusstseins für Probleme, Risiken, Rechte und Entwicklungstendenzen, die theoretisch und auch praktisch alle Menschen betreffen. Giddens definiert Globalisierung daher als Intensivierung der weltweiten sozialen Beziehungen, in deren Folge Plätze so verbunden werden, dass lokale Ereignisse durch Ereignisse beeinflusst werden können, die an einem mehr oder weniger beliebigen anderen Punkt der Erde stattfinden und umgekehrt (vgl. Giddens 1990). So können ganz verschiedene Phänomene, wie beispielsweise Risiken der Nuklearindustrie, der Gentechnik, der Erderwärmung und des Klimawandels sowie die weltweite Ausbreitung verschiedener Krankheiten und Seuchen von allen Menschen erfahren werden. Und das obwohl deren Ursprung häufig auf lokaler, mikro-regionaler, nationaler oder makro-nationaler Ebene zu suchen ist. Je höher ökonomische und Wissensressourcen eines Landes sind, desto besser kann es mit diesen neuen Entwicklungen umgehen. Betroffen sind jedoch auf die ein oder andere Weise alle Bewohner unseres Planeten. Flächen- sozialräumlich steht Globalisierung für die Ausweitung des sozial-geographischen Containers von der nationalen auf die globale Ebene. In diesem spezifischen Verständnis sprechen wir von Globalisierung, wenn Ursachen, Formen oder Wirkungen bestimmter Ereignisse nicht mehr auf einen Ort, eine Region oder eine Nation begrenzt sind, sondern sich auf den gesamten Erdball beziehen. Diese weltumspannenden Zusammenhänge sind nicht wirklich neu. Neu ist vielmehr die menschliche Wahrnehmung dieser Phänomene und die Tatsache, dass bestimmte Entwicklungen und menschliche Einflüsse damit in Zusammenhang stehen. Unfälle und Katastrophen wie der GAU von Tschernobyl 1986 oder Infektionskrankheiten wie AIDS und Vogelgrippe (früher Pest und andere Seuchen), deren Folgen bei ihrer Ausbreitung alle nationalen Grenzen überwinden, können ihre Wirkung auf dem gesamten Erdball entfalten.

Eine zweite Ausprägung von Globalisierung bezieht sich nicht auf globale Folgen und Wirkungen von Ereignissen, sondern auf die weltweite Präsenz verschiedener Medien, Technologien, oder bestimmter Informationen und Bilder. Maßgeblich handelt es sich dabei um die theoretisch mögliche weltweite Erreichbarkeit per Telefon, Radio und Fernsehen sowie das weltumspannende Netzwerk des Internets in all seinen Erscheinungsformen (Chat, Email, WWW). An dieser Stelle ist lediglich entscheidend, dass es heute im Prinzip schon für jeden Menschen rein technisch möglich wäre an diesen Kommunikationstechnologien teilzunehmen und damit von ihrer Nutzung zu profitieren.

Neben den Aspekten der Verbreitung von Risiken und Informationen ist auch die zunehmende globale Präsenz wichtiger Erwartungen und Ansprüche, wie die Sicherung und Wahrung der Menschenrechte, Teil der Globalisierung im hier gemeinten Sinn. Sie bezieht sich auf Phänomene, Beziehungen und Wahrnehmungen, die zugleich weltumspannend und allgegenwärtig sind. Gerade in Bezug auf Menschenrechte oder die Verbreitung von Kommunikationstechnologien (noch nicht einmal das Telefon ist für jeden erreichbar) gibt es zwar praktisch noch einige Lücken im weltweiten Netz, zumindest aber kann die Zunahme des Bewusstseins globaler Vergesellschaftung bezüglich geteilter Risiken und Rechte nicht mehr negiert werden.

Der Siegeszug dieser wirtschaftlichen, technischen, sozialen und kulturellen Globalisierung lässt sich besonders gut an den Widerständen erkennen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. So lassen sich viele regionalistische und fundamentalistische Bewegungen nur “[…] vor dem Hintergrund des Gewahrwerdens der alles umspannenden Globalisierungstendenzen […]” (Pries 2008: 151) verstehen. Globalisierung steht also für das weltweite Wirken sozial relevanter Phänomene und deren weltweite Wahrnehmung.

Sie kann jedoch nicht tatsächliches soziales Handeln erfassen. Dies würde eine direkte Interaktion zwischen mindestens zwei Akteuren voraussetzen, die beispielsweise bei der Klimaveränderung oder der nicht zielgerichteten Bereitstellung von Informationen nicht zwingend gegeben ist. Die sozialen Interaktionen selbst sind als Grundlage dieser Phänomene immer noch lokal oder pluri-lokal. Um diese grenzüberschreitenden sozialen Bewegungen angemessen beschreiben zu können, werden andere Typen von Internationalisierung benötigt, welche die doppelte Verschränkung von Sozial- und Flächenraum überwinden. Typen, die also nicht mehr nur von einer Ausdehnung oder Einschränkung geographisch-sozialräumlicher Container ausgehen.

Zwischenstand

Die bisher beschriebenen Ansätze der Globalisierungsforschung lassen sich in zwei grundlegende Stränge unterteilen. Den global-territorialen und de- territorialisierenden Ansatz. Der global-territoriale Ansatz weitet das nationalstaatlich-nationalgesellschaftliche Containermodell lediglich auf den gesamten globalen Raum aus. Während der De-Territorialisierungsansatz davon ausgeht, dass die Bedeutung von Raum als konstituierendem Element von Vergesellschaftung und sozialen Beziehungen kontinuierlich abnimmt und sich die räumliche Dimension in diesem Zusammenhang schließlich völlig auflöst. Demnach würden dann die klassischen geographischen Containerräume durch den so genannten “Cyberspace” ersetzt, und die strukturierende Wirkung der Plätze und Orte des Flächenraums sich in der Bedeutungslosigkeit des grenzenlosen “Space of Flows” (vgl. Urry 2001) verlieren.

Die folgenden drei Internationalisierungstypen gehen dagegen von einem relationalen Raumkonzept aus, in dem sich soziale Räume über verschiedene geographische Räume erstrecken können. Sie beziehen sich ausnahmslos auf zusammenhängende, dichte und dauerhafte Sozialräume, die sich über mehrere Orte und Nationalstaaten hinweg erstrecken.

Der Typus der (5) Glokalisierung kann als Ergebnis der Kritik an dem oftmals stark verallgemeinernden und verallgemeinerten Konzept der Globalisierung verstanden werden. Der Begriff der Glokalisierung, der auf Roland Robertson (1994) zurückgeht, zielt auf die Dialektik zwischen Globalisierung und Lokalisierung ab. Globalisierung ist eben weitaus mehr als nur der Prozess eines tendenziellen Bedeutungsverlustes des Raumes. Die zunehmenden Bestrebungen neue Mechanismen von Inklusion und Exklusion auf den verschiedensten territorialen Ebenen und Skalierungen zu etablieren, und die lokal spürbaren Effekte von Globalisierungsprozessen, dürfen nicht länger ignoriert werden. Um die verschiedenen Aspekte des Verhältnisses von Globalität und Lokalität geht es also beim Internationalisierungstypus der Glokalisierung.

So entfalten die Folgen der globalen Erderwärmung nicht nur lokal unterschiedliche und teilweise sehr dramatische Wirkungen. Die Orte an denen sie entstehen, lassen sich sehr genau lokalisieren, da der Verbrauch fossiler Brennstoffe und der Energieverbrauch insgesamt sich in bestimmten Teilen der Welt stark konzentriert. Ähnlich verhält es sich bei der globalen Verbreitung von verschiedenen Produkten, Lebensmitteln, Moden, Ernährungsgewohnheiten und Mobilfunktelefonen. Trotz der weltweiten Verbreitung lassen sie sich in aller Regel auf lokale und lokalisierbare Produzenten und Betreiber zurückführen. Globale Risiken können prinzipiell jeden Menschen auf der Welt betreffen, beispielsweise Nukleare Katastrophen oder Infektionskrankheiten. Allerdings sind die Wahrscheinlichkeiten, vom ein oder anderen selbst betroffen zu sein, extrem ungleich verteilt. So ist zum Beispiel das Risiko einer HIV Infektion in Deutschland um ein vielfaches geringer als in bestimmten Vierteln südafrikanischer Städte. Der Anteil der HIV infizierten Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren, liegt nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO 2008) der UN in Südafrika für das Jahr 2007 bei etwas über 18%. (Tendenz steigend). Während der Wert für Deutschland für dieselbe Altersgruppe gerade einmal etwas über 0.1% liegt. In Zahlen sind das etwas über 50000 Infizierte bei circa 82 Millionen (ebd.) in Deutschland lebenden Menschen, im Vergleich zu mehreren Millionen infizierten Südafrikanern bei einer Gesamtbevölkerungszahl von knapp 48 Millionen Menschen.

Aber auch die Folgen von Naturkatastrophen jeglicher Art, können in den besser situierten Regionen der Welt effizienter kompensiert werden. So ist es den USA möglich verwüstete Landstriche relativ schnell wieder aufzubauen. Während beispielsweise Indonesien, Bangladesch und andere ökonomisch schlechter gestellte Nationen oft nicht einmal den nötigsten Wiederaufbau aus eigener Kraft finanzieren können. Ein weiteres sehr anschauliches Beispiel ist die lokale Standortauswahl und die Entwicklung regionaler Zentren, global agierender Wirtschaftsunternehmen. Bei dieser Art der Lokalisierungsentscheidungen spielt unter anderem die Zeitzone in der sich die Standorte befinden, neben den Betriebskosten, eine nicht unwesentliche Rolle. So schlagen sich globale Strukturen und die Wahrnehmung von Globalität in der alltagsweltlichen lokalen Praxis der Einzelnen wieder. Während umgekehrt zum Beispiel Förderschwierigkeiten durch lokale Konflikte oder Umwelteinflüsse, zu einer weltweiten Verteuerung des Erdöls führen kann. Lokale Ereignisse mit wortwörtlich weitreichenden Auswirkungen sind nichts neues in der Geschichte. Der große Unterschied zu den vorherigen Internationalisierungstypen besteht jedoch darin, dass der Glokalisierungsansatz die stärkere Ausprägung der tatsächlichen Verschränkungen zwischen lokalen Ereignissen und globalen Prozessen, sowie den Wandel des menschlichen Bewusstseins und der sozialen Wahrnehmung der Wechselwirkungen zwischen Globalem und Lokalem zu erfassen versucht.

Der Begriff der (6) Diaspora stammt ursprünglich aus dem Griechischen und kann als “Zerstreuung” oder “Verbreitung” übersetzt werden. Diaspora beschreibt Gemeinschaften von Personen, die in einem anderen als ihrem Ursprungland oder Kulturkreis leben. Sie haben sich (a) von ihrem ursprünglichen Zentrum an mindestens zwei Orten verstreut. Sie halten (b) die Erinnerung, beziehungsweise den Mythos der ursprünglichen Heimat aufrecht. Sie glauben (c) dass sie in ihrer neuen “Heimat” nicht vollständig akzeptiert sind und sie (d) in ihre alte Heimat zurückkehren werden, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Sie widmen sich der (e) Wiederherstellung dieser Heimat, und ihr Gruppenbewusstsein und ihre Solidarität sind (f) geprägt von der anhaltenden Beziehung mit dem Heimatland (vgl. Definition nach Safran 1991 in Mayer 2005: 9 ff). Nach diesem Verständnis stellt eine Diaspora einen multi-lokalen, dichten und dauerhaften Sozialraum mit einem klar identifizierbaren Zentrum dar. Dabei kann dieses Zentrum auch durchaus imaginiert sein.

Als historisch wichtigstes Beispiel für eine diasporische Flächen-Raum- Konfiguration gelten die über 2000 jährigen Erfahrungen des Judentums, geprägt von Vertreibung und Verfolgung bis hin zum Völkermord zu Zeiten des deutschen Nationalsozialismus. In diesem Fall ist Israel das lokale Zentrum, das die einheitsstiftende Rolle einnimmt. Nach einem allgemeineren Verständnis lassen sich auch diplomatische Korps und Dependancen mit ihrem Verhältnis zu ihrem jeweiligen Heimatland als gemeinsamem Zentrum, als Diaspora verstehen. Und auch die weltweiten Missionen der katholischen Kirche können als Diaspora mit dem Vatikan als zentralem Bezugspunkt verstanden werden. Neben diplomatischen und religiösen Bindungen kann Diaspora-Internationalisierung allerdings auch auf politischer Verfolgung beruhen. So können sich politische Flüchtlinge, die nach oder während ihrer Flucht, üblicherweise über eine Vielzahl von Ländern verteilt leben, im Rückbezug auf ihr Heimatland eine sozialräumliche Einheit konstruieren. Der Aufenthalt in den Aufnahmeländern wird dabei oftmals als vorübergehend angesehen, da die Flüchtlinge eine Rückkehr bei entsprechender Veränderung der politischen Verhältnisse im Heimatland von Anfang an in Betracht ziehen. Die oft distanzierte Haltung, die sich aus diesen Gründen auf beiden Seiten ergibt, kann Integrationsbestrebungen in den Aufnahmeländern erheblich erschweren. Auch die Arbeitsmigration in die BRD seit den 1950er Jahren, hatte zumindest in ihrer ursprünglichen beidseitigen Planung diasporischen Charakter, da die meisten so genannten Gastarbeiter eben auch nur einen Aufenthalt von zwei bis drei Jahren in Deutschland anstrebten, und die Rückkehr in ihre Heimatländer ursprünglich fester Bestandteil ihrer Lebensplanung war.

Für Steven Vertovec steht Diaspora praktisch für “[…] any Population which is considered ´deterritorilized or ´transnational´- that is, whose cultural origins are said to have arisen in a land other than that in which they currently reside, and whose social, economic and political networks across the borders of nation-states or, indeed, span the globe” (Vertovec 2000: 141). Er unterscheidet drei Bedeutungen von Diaspora: als Sozialform, als ein Typ von Bewusstsein und als eine Form kultureller Produktion. Die Unterscheidung erscheint hilfreich unterschiedliche Qualitäten der Sozialräume von Diaspora-Gebilden zu benennen. Allerdings sind deterritorialisierte Sozialräume nicht denkbar, ohne entsprechend der absolutistischen Raumvorstellung das Soziale vom Raum zu trennen, was der hier vertretenen Vorstellung von relationalen sozialen Räumen widersprechen würde. Sinnvoll erscheint daher die Definition von Diasporas als “ […] pluri-lokale Netzwerke, die auf ein Zentrum hin ausgerichtet sind und die sich vornehmlich auf wirtschaftliche, politische, religiöse oder soziale Gemeinschaftsbande gründen” (Pries 2008: 158).

Abschließend möchte ich nun den dritten Typus von Internationalisierung mit zugrunde liegendem relationalen Raummodell beschreiben. Im Gegensatz zum Diaspora Typus unterscheidet sich (7) Transnationalisierung bezüglich der Bedeutung von Zentrum und Peripherie. Denn Transnationalisierungsprozesse spielen sich innerhalb eines Ländergrenzen überspannenden sozialräumlichen Beziehungsgeflechts ab, wobei den unterschiedlichen Lokalitäten tendenziell gleichgewichtige Bedeutung zukommt. Damit wird auch der Unterschied zur Perspektive der Glokalisierung klar. Während dort das Verhältnis zwischen einzelnen Plätzen und der größtmöglichen sozialräumlichen Einheit “Welt” im Mittelpunkt steht, finden wir bei transnationalen Räumen noch am ehesten so etwas wie ein Netzwerk als Verbindungsstruktur, als konstituierendes Element eines dauerhaften Sozialraums.

Ein transnationaler Sozialraum kann sich zum Beispiel im Rahmen von Arbeitsmigration herausbilden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Digital Divide: Internetbasierte Vernetzung als Gegenstand Transnationaler Ungleichheitsforschung
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
92
Katalognummer
V204671
ISBN (eBook)
9783656307853
ISBN (Buch)
9783656309451
Dateigröße
19258 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digital Divide, Digitale Ungleichheit, Digitale Spaltung, Transnationalisierung, Globalisierung, Internet, Raumsoziologie, Sozialer Raum, Ungleichheitsforschung
Arbeit zitieren
Richard Händel (Autor), 2009, Digital Divide: Internetbasierte Vernetzung als Gegenstand Transnationaler Ungleichheitsforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204671

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