Menschen mit geistigen Behinderungen werden häufig als sehr empfindsam, selbstunsicher und stimmungslabil beschrieben. Sie verfügen über eingeschränkte Problemlösekompetenzen, so dass sie allein aus diesen Gründen anfällig für die Entwicklung einer Suchterkrankung sein können.
Eingebettet in den Einrichtungen der Behindertenhilfe unterlagen bzw. unterliegen viele Menschen mit geistigen Behinderungen einer verstärkten sozialen Kontrolle. Dies hat(te) zur Folge, dass die Verfügbarkeit von Suchtmitteln eingeschränkt war (ist). Illegale Drogen spiel(t)en in der Behindertenarbeit keine Rolle. Alkohol, Nikotin und eingeschränkt Medikamente waren (sind) die wichtigsten Suchtmittel. In dieser Arbeit richtet sich der Blick auf das Suchtmittel Alkohol.
Ob es als Folge der Deinstitutionalisierung in der Behindertenarbeit vermehrt zu einem kritischem Alkoholkonsum von Menschen mit geistigen Behinderungen kommt, ist unklar. Erst seit wenigen Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft in Deutschland mit diesem Thema.
Alkoholismus und der Umgang mit Alkohol ist ähnlich wie in der freien Wirtschaft (Alkohol am Arbeitsplatz) in Behindertenwerkstätten als Thema aktuell geworden. Aber auch in Wohngruppen kommt es vermehrt zu Problemen im Umgang mit Alkohol (Alkoholmissbrauch und Suchterkrankung), die eine Intervention oder Sanktionen erforderlich machen.
Die Normalisierung der Lebensverhältnisse führt offenbar zu einer verringerten sozialen Kontrolle und mehr persönlichem Freiraum, während gleichzeitig die Erreichbarkeit von Alkohol steigt.
Das bestehende Suchthilfesystem fängt erst langsam an auf diese neue Zielgruppe zu reagieren und ihnen entsprechende Hilfsangebote zu unterbreiten. Präventions- und Therapiekonzepte gibt es nur vereinzelt. Konventionelle stationäre Entgiftungs- und Entwöhnungsbehandlungen überfordern Menschen mit geistigen Behinderungen bzw. mit Minderbegabungen.
Die Einrichtungen der Sucht- und der Behindertenhilfe stehen vor einer neuen Herausforderung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1. Definition Sucht
1.2. Definition geistige Behinderung
1.3. Vorkommen und Formen der Sucht bei Menschen mit geistigen Behinderungen
1.4. Vulnerabilität von Menschen mit geistigen Behinderungen für Suchterkrankungen
2. Menschen mit geistigen Behinderungen im Suchthilfesystem
2.1. Konzepte
2.1.1. Behandlung Suchterkrankung
2.1.2. Prävention
2.2. Behandlungsangebote
2.2.1. Die Suchtberatung der Lebenshilfe
2.2.2. Das evangelische Krankenhaus Alsterdorf
2.2.3. Die Fachklinik Oldenburger Land
2.2.4. Die Heilpädagogische Ambulanz Berlin
2.3. Kooperation zwischen Suchthilfesystem und Behinderteneinrichtungen
3. Bestehende Versorgungspfade zur langfristigen Sicherung der Behandlungsziele
4. Bestehende Defizite und deren Lösungsmöglichkeiten
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit liefert eine Bestandsaufnahme zum Thema Sucht bei Menschen mit geistigen Behinderungen in Deutschland. Ziel ist es, die bestehende Versorgungslücke zu analysieren, vorhandene Behandlungsansätze und Kooperationsmodelle darzustellen sowie Defizite im aktuellen Hilfesystem aufzuzeigen.
- Prävalenz und Formen von Suchterkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung
- Analyse der Vulnerabilität und Entstehungsbedingungen von Sucht in dieser Zielgruppe
- Vorstellung bestehender therapeutischer Konzepte und spezialisierter Behandlungsangebote
- Untersuchung der Kooperation zwischen Suchthilfe und Einrichtungen der Behindertenhilfe
- Identifikation von Defiziten und Handlungsbedarfen in der aktuellen Versorgungsstruktur
Auszug aus dem Buch
1. Einführung
Ziel dieser Arbeit ist eine Bestandsaufnahme zu dem Thema „Sucht und geistige Behinderung“ in Deutschland. Nach der Vorstellung der wenigen Untersuchungen zur Prävalenz geht es um die Frage der besonderen Vulnerabilität für Suchterkrankungen bei Menschen mit geistigen Behinderungen. Anschließend werden Konzepte zur Suchtprävention und zur Behandlung der Erkrankung sowie einzelne Suchthilfeeinrichtungen vorgestellt, die sich speziell um dieses Klientel bemühen. Eine Beschreibung der momentanen Kooperation zwischen dem Suchthilfesystem und den Behinderteneinrichtungen folgt darauf, um im nächsten Schritt auf die ineinandergreifenden Versorgungsmöglichkeiten zu kommen. Abschließend werden die bestehenden Defizite aufgezeigt.
Das Thema „Sucht und geistige Behinderung“ hat in der Wissenschaft erst im letzten Jahrzehnt an Interesse gewonnen. In der praktischen Arbeit ist die Problematik seit längerem bekannt. Franz stellte in seiner Diplomarbeit 1995 Überlegungen über ein Therapiekonzept an. Ein erster Erfahrungsbericht von Schliep (1999) aus der Fachklinik Oldenburger Land über die dortige Entwöhnungsbehandlung folgte. Schinner (2000) stellte Besonderheiten bei der Beratung und der Arbeit in Gesprächsgruppen mit süchtigen Menschen mit geistigen Behinderungen in der von ihm geleiteten Suchtberatungsstelle der Lebenshilfe in Berlin dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel erläutert die Zielsetzung der Arbeit, eine Bestandsaufnahme der Suchtproblematik bei Menschen mit geistiger Behinderung vorzunehmen und den aktuellen Forschungsstand zu skizzieren.
2. Menschen mit geistigen Behinderungen im Suchthilfesystem: Hier werden theoretische Behandlungskonzepte, spezifische Therapieangebote verschiedener Einrichtungen sowie die notwendige Kooperation zwischen Sucht- und Behindertenhilfe detailliert beschrieben.
3. Bestehende Versorgungspfade zur langfristigen Sicherung der Behandlungsziele: Dieses Kapitel stellt ein Phasenmodell der Suchtbehandlung vor, das auf die besonderen Bedürfnisse dieser Zielgruppe angepasst wurde.
4. Bestehende Defizite und deren Lösungsmöglichkeiten: Der abschließende Teil thematisiert die noch bestehenden Versorgungslücken, den Mangel an wissenschaftlichen Daten und unterstreicht die Notwendigkeit einer verbesserten institutionsübergreifenden Zusammenarbeit.
Schlüsselwörter
Sucht, geistige Behinderung, Suchthilfesystem, Behindertenhilfe, Suchtprävention, Entwöhnungsbehandlung, Vulnerabilität, Komorbidität, Lebenshilfe, Kooperation, Versorgungspfade, therapeutische Konzepte, Fallbesprechung, soziale Rehabilitation, Beratungsangebote
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Menschen mit geistigen Behinderungen, die zusätzlich eine Suchtproblematik aufweisen, und untersucht, wie diese im deutschen Suchthilfesystem versorgt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Prävalenz von Sucht, den spezifischen Entstehungsursachen und Vulnerabilitäten, bestehenden Behandlungsprogrammen sowie der Kooperation zwischen Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Suchthilfe.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist eine Bestandsaufnahme der aktuellen Versorgungslage, um auf Basis der theoretischen Grundlagen und praktischen Ansätze Defizite aufzuzeigen und Lösungswege zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine Literatur- und Bestandsanalyse, die auf wissenschaftlichen Studien, Berichten von Facheinrichtungen sowie Modellerhebungen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung theoretischer Konzepte, die Beschreibung spezifischer klinischer Behandlungsangebote (z.B. Lebenshilfe, Fachkliniken) und die Analyse der strukturellen Zusammenarbeit zwischen den Hilfesystemen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sucht, geistige Behinderung, Prävention, Entwöhnung, Kooperation und Versorgungsmodelle.
Warum ist eine spezialisierte Behandlung für diese Zielgruppe notwendig?
Menschen mit geistigen Behinderungen benötigen aufgrund ihrer kognitiven und kommunikativen Einschränkungen, ihrer oft höheren Vulnerabilität und einer häufig fehlenden passgenauen Struktur in der Regelversorgung spezifische, angepasste Therapieansätze.
Welche Rolle spielen Selbsthilfegruppen bei der Behandlung?
Selbsthilfegruppen sind ein zentraler Baustein der Nachsorge, bergen jedoch die Herausforderung, dass der Einstieg für Menschen mit geistiger Behinderung durch Barrieren bei der Gruppendynamik und abstrakten Inhalten erschwert wird, was oft eine Begleitung durch Assistenten erfordert.
Wie bewertet der Autor die aktuelle Kooperation zwischen Suchthilfe und Behindertenhilfe?
Die Kooperation wird als ausbaufähig bewertet; oft existieren Schnittstellenprobleme bei der Zuständigkeit, wobei beide Seiten derzeit noch zu wenig institutionalisiert zusammenarbeiten, um eine nahtlose Versorgung zu gewährleisten.
- Citation du texte
- Martin W. Prins (Auteur), 2010, Menschen mit geistigen Behinderungen im Suchthilfesystem , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204871