Innerhalb wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Textproduktion ist eine Wissensdarstellung gefragt, die den jeweiligen Sachverhalt hinsichtlich des adressierten Rezipienten in angemessener Länge, Explizitheit und Genauigkeit darstellt. Für die Förderung des Verständnisses beim Rezipienten werden verschiedene sprachliche Mittel eingesetzt, sodass der dargestellte Sachverhalt in seiner Komplexität begriffen werden kann. Als ein solches Mittel wird seit dem Durchbruch der kognitiven Linguistik zu Anfang der 1980er Jahre auch die Metapher anerkannt. Die bedeutende Rolle der Metapher für kognitive Prozesse wie Denken, Sprechen und Handeln heben der Linguist George Lakoff und der Philosoph Mark Johnson hervor. Deren Werk „Metaphors we live by“ (1980) bildet die Grundlage der kognitiven Metapherntheorie. Nach ihrer Theorie basieren die kognitiven Prozesse auf metaphorischen Konzepten, die zur Strukturierung des Alltags aber auch anderen Lebensbereichen dienen. Neues Wissen wird in Analogie zu bekannten Konzepten verstanden. Das allgemeine Verständnis der Metapher als nicht-wörtlichen Gebrauch eines Lexems wird in dieser Theorie deutlich erweitert auf ihre Rolle beim alltäglichen Verstehensprozess.
Die Metapher gilt in der kognitiven Linguistik als ein wesentliches Werkzeug des Denkens. So ist eine beträchtliche Zahl an Publikationen zur Metapher und ihrer Bedeutung in verschiedenen Bereichen zu finden. Neben den gemeinsamen Arbeiten von Lakoff und Johnson zur Metaphorik in der Sprache des Alltags und der Philosophie, widmete sich Lakoff auch der Sprache der Politik sowie in Zusammenarbeit mit dem Linguisten Mark Turner der poetischen Metapher. Seit den 1990er Jahren wird auch die Metaphorik in Fachsprachen untersucht und Forschungsarbeiten zu populärwissenschaftlichen Diskursen haben gezeigt, dass in diesem Bereich eine Fülle von Metaphern zur Verständnisförderung eingesetzt wird. Dazu sind die Arbeiten von Liebert und Biere zur Metaphorik in der Wissenschaft und den Medien (1997) zu nennen, Jäkels Ausführungen zur Metapher in den Bereichen Geistestätigkeit, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion (2003) sowie Baldaufs Werk zur Alltagsmetapher (1997).
Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, ob korrespondierende Metaphern-konzepte in Fachtexten und Sachbüchern eingesetzt werden, um konkrete Wissensbereiche von Experten an Experten und von Experten an Laien zu vermitteln.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Annäherung an die Metapher: Begriffsbestimmung, Typen und Funktionen
2.1 Begriffsbestimmung „Metapher“ im Allgemeinen
2.2 Der klassische Metaphernbegriff nach Aristoteles
2.3 Die Bildfeldtheorie nach Harald Weinrich
2.4 Klassifizierung der Metapher nach dem Konventionalitätsgrad
2.4.1 Konventionelle Metaphern
2.4.2 Neue Metaphern
2.5 Funktionen von Metaphern
3 Metaphern und Kognition
3.1 Die kognitive Linguistik und Semantik als Rahmen der kognitiven Metapherntheorie
3.2 Die kognitive Metapherntheorie: Einleitung
3.3 Komponenten und der Prozess der Übertragung einer konzeptuellen Metapher
3.3.1 Ursprungs- und Zielbereich der konzeptuellen Metapher
3.3.2 Ursachen und Motivierung für Ursprungs- und Zielbereich
3.3.3 Mapping – Eigenschaften und Prinzipien der metaphorischen Übertragung
3.4 Klassifikation von konzeptuellen Metaphern
3.4.1 Die Klassifikation nach Lakoff und Johnson (1980, 2008)
3.4.2 Die Klassifikation der kognitiven Metapher nach Christa Baldauf (1997)
3.5 Kritik an der kognitiven Metapherntheorie
4 Metaphern und Wissensvermittlung
4.1 Metaphern und Modelle des Wissens
4.1.1 Wissensformen und die Verortung der Metapher
4.1.2 Speicherformen von Wissen: Konzepte und Schemata
4.2 Verstehen von Metaphern: Analogiebildung und mentale Modelle
4.3 Vermittlung von semantischem Wissen mit Texten
4.4 Arten und Prinzipien des Wissenstransfers
4.5 Spezifika fachinternen und fachexternen Wissenstransfers
4.5.1 Merkmale des fachinternen Wissenstransfers
4.5.2 Merkmale des fachexternen Wissenstransfers
4.6 Zur Rolle von Metaphern in der Wissensvermittlung
5 Metaphernkonzepte in der fachinternen und fachexternen Wissensvermittlung
5.1 Fragestellung
5.2 Das Korpus
5.2.1 Texte der Hochschul- und Expertenkommunikation: Lehrbücher und wissenschaftliche Artikel
5.2.2 Texte der Experten-Laien-Kommunikation: Sachbücher
5.3 Zum Untersuchungsgegenstand Web 2.0
5.4 Methodisches Vorgehen für die Metaphernanalyse
6 Darstellung der Ergebnisse
6.1 Quantitative Aspekte zum Auftreten der Metapherntypen
6.2 Gemeinsam verwendete Ursprungsbereiche
6.2.1 Die Netz-Metapher als Ausgangspunkt verschiedener Metaphernkonzepte
6.2.2 Attributsmetaphern
6.2.3 Ontologische Metaphern
6.2.4 Bildschematische Metaphern
6.2.5 Konstellationsmetaphern
6.2.6 Kreative Metaphern
6.3 Unterschiedlich verwendete Konstellationsmetaphern
6.4 Diskussion der Ergebnisse
7 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob und wie Metaphern als kognitive Werkzeuge in Fachtexten und Sachbüchern zur Vermittlung von Web-2.0-Konzepten eingesetzt werden, wobei der Fokus auf dem Vergleich zwischen fachinterner (Experte zu Experte) und fachexterner (Experte zu Laie) Wissensvermittlung liegt.
- Analyse von Metaphernkonzepten in wirtschaftsinformatischen Texten zum Web 2.0.
- Untersuchung der Rolle von Metaphern in kognitiven Prozessen des Wissenserwerbs.
- Kontrastiver Vergleich verschiedener Textsorten (Lehrbücher, Artikel, Sachbücher).
- Methodische Erfassung und Kategorisierung von Metaphern nach konzeptuellen und konventionalisierten Mustern.
- Diskussion der heuristischen und didaktischen Funktionen von Metaphern.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Ursprungs- und Zielbereich der konzeptuellen Metapher
Bei der erneuten Betrachtung des bereits erwähnten Satzes „Wir stehen am Scheideweg“ und der korrespondierenden konzeptuellen Metapher LIEBE IST EINE REISE werden der Ursprungsbereich (Reise) und der Zielbereich (Liebe) der Metapher leicht erkennbar. Bestimmte Aspekte, die konzeptuell unter dem Begriff „Reise“ gespeichert sind, werden auf den Bereich „Liebe“ übertragen, da dieser schwer fassbar, abstrakt und nicht genau abgrenzbar ist. Ursprungs- und Zielbereich sind grundsätzlich konzeptuell repräsentiert, sodass auch von „konzeptuellen Domänen“ gesprochen wird (Jäkel, 2003, S. 22).
Der Ursprungsbereich ist nach Lakoff und Johnson in den meisten Fällen ein „konkreter, sinnlich erfahrbarer und verifizierbarer Gegenstandsbereich“ (Jäkel, 1998, S. 100). Es sind damit meist die erfahrungs- und körpernahen Bereiche, die als Ursprung für eine Metapher dienen. Hier spielt vor allem die sinnliche Wahrnehmung der Umwelt des Menschen eine wichtige Rolle. Die Sprachgemeinschaft und so auch der individuelle Sprecher verfügen über sogenannte „ganzheitliche Wissensbestände“ zu diesem Bereich. Strukturen des Ursprungsbereichs werden dann mithilfe der Metapher auf den Zielbereich projiziert. Die kognitive Metapher ist in Jäkels (2003, S. 32) Sinne eine „X ist Y“-Relation, wobei X den Herkunftsbereich und Y den Zielbereich darstellt. Nach dem Linguisten Kövecses (2002, S. 6) besteht das Wissen um eine Metapher daraus, dass jene Menge von festen Übereinstimmungen zwischen einem Ziel- und Ursprungsbereich einer konzeptuellen Metapher bewusst ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung von Metaphern in der Wissensvermittlung vor und definiert die Grundlage der kognitiven Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson.
2 Theoretische Annäherung an die Metapher: Begriffsbestimmung, Typen und Funktionen: Dieses Kapitel erläutert klassische und kognitive Theorien der Metapher und ihre rhetorischen sowie kognitiven Funktionen.
3 Metaphern und Kognition: Das Kapitel skizziert die Herkunft der kognitiven Metapherntheorie, deren Kernannahmen sowie Prozesse wie das Mapping zwischen Ursprungs- und Zielbereichen.
4 Metaphern und Wissensvermittlung: Hier werden Wissensmodelle, Konzepte und Schemata analysiert, um die Rolle der Metapher bei der Wissensvermittlung in Fach- und Sachliteratur einzuordnen.
5 Metaphernkonzepte in der fachinternen und fachexternen Wissensvermittlung: Dieses Kapitel definiert die Fragestellung der Arbeit, beschreibt das Korpus der analysierten Texte und legt die methodischen Schritte für die Metaphernanalyse fest.
6 Darstellung der Ergebnisse: Das Kapitel präsentiert die Analyseergebnisse hinsichtlich quantitativer Aspekte und identifizierter Metaphernkonzepte sowie deren Diskussion.
7 Zusammenfassung und Ausblick: Diese Zusammenfassung resümiert die wesentlichen Erkenntnisse zur Metaphorik im Bereich Web 2.0 und deutet Potenziale für zukünftige Forschung an.
Schlüsselwörter
Metapherntheorie, Web 2.0, kognitive Linguistik, Wissensvermittlung, konzeptuelle Metapher, Mapping, Ursprungsbereich, Zielbereich, fachinterner Wissenstransfer, fachexterner Wissenstransfer, Konstellationsmetapher, Wissensorganisation, Wissensrepräsentation, Metaphernanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Nutzung und Funktion von Metaphern in Texten über das Web 2.0, wobei ein Fokus auf dem Vergleich zwischen Expertenkommunikation und der Kommunikation von Experten an Laien liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die kognitive Metapherntheorie, Wissensvermittlungsprozesse und die praktische Analyse von Lehrbüchern, wissenschaftlichen Artikeln und Sachbüchern zum Thema Web 2.0.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, ob korrespondierende Metaphernkonzepte in verschiedenen Textsorten eingesetzt werden, um Wissen zielgruppengerecht zu vermitteln und welche kognitiven Funktionen diese Metaphern dabei erfüllen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine onomasiologische Metaphernanalyse in Anlehnung an Jäkel und Drewer durchgeführt, bei der Metaphern identifiziert, systematisiert und nach ihrem Konventionalitätsgrad und Kategorien klassifiziert werden.
Was wird im Hauptteil des Buches behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zur kognitiven Metapherntheorie, die Rolle von Metaphern bei der Wissensvermittlung sowie die empirische Analyse und Diskussion der identifizierten Metaphern im Korpus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den zentralen Begriffen gehören Metapherntheorie, kognitive Linguistik, Web 2.0, Wissenstransfer, konzeptuelle Metaphern und Mapping.
Was zeichnet die Lagerhaus-Metapher in diesem Kontext aus?
Die Lagerhaus-Metapher ist eine der identifizierten kreativen Metaphern, die explizit genutzt wird, um die Speicherung und Bereitstellung von Informationen in sozialen Web-Anwendungen zu veranschaulichen.
Wie unterscheidet sich die Theater-Metapher in der Verwendung?
Die Theater-Metapher, die das Web 2.0 als Bühne darstellt, wird in allen Textsorten verwendet, wobei sie in Sachtexten stärker auf den individuellen Nutzer als Akteur fokussiert, während in fachinternen Texten die Anwendung selbst mehr im Vordergrund steht.
- Arbeit zitieren
- Ulrike Hager (Autor:in), 2012, Zur Metaphorik im Wissenstransfer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204907