Bis zum heutigen Tage bewerten viele Bürger der neuen Bundesländer die Sozialpolitik als die beste Errungenschaft der ehemaligen DDR und zugleich als richtungsweisend für die Politik im vereinigten Deutschland (vgl. z.B. Grundmann 1993). Neben der Arbeitsplatzsicherheit wurde insbesondere die Familienpolitik des SED-Staates mehrfach als besonders wirksam eingestuft, wobei das Lob keineswegs nur von DDR-Autoren oder westdeutschen Befürworten des ostdeutschen Sicherungssystems geäußert wurde (vgl. Schmidt 2004: 98). So lobt beispielsweise Lampert die DDR-Familienpolitik dafür, dass sie „umfassender und differenzierter ausgebaut war und in der Summe sowie gemessen an der ökonomischen Leistungsfähigkeit der DDR positiver zu bewerten ist als die Familienpolitik der Bundesrepublik“ (Lampert 1996: 106) und ist der Meinung, dass sie mit ihrem „gut abgestimmten Mittelsystem“ (Lampert 1990: 78) ihre Ziele weitgehend erreicht habe. Doch trifft die positive Bewertung der DDR-Sozialpolitik tatsächlich zu oder entstammt sie eher einem verklärten Blick auf die Vergangenheit?
Um diese Frage zu beantworten, werden in der vorliegenden Arbeit die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik hinsichtlich ihrer jeweiligen Sozialpolitik gegenübergestellt. Da ein vollständiger Vergleich den Rahmen der Arbeit sprengen würde, wird mit der Familienpolitik ein prominentes Teilgebiet der Sozialpolitik herausgegriffen, das anhand der beiden Staaten exemplarisch miteinander verglichen wird. Die Wahl für dieses Teilgebiet bietet sich an, da sich die DDR-Familienpolitik einer weit verbreiteten Sichtweise zufolge vor allem durch die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf auszeichnete – ein auch in den aktuellen politischen Debatten stets präsentes Thema, da der Politik in der Bundesrepublik häufig vorgeworfen wird, sie würde zu wenig für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf tun.
In Kapitel 2 werden zunächst der Begriff „Sozialpolitik“ kurz definiert und anschließend die – unterschiedlichen – Grundprinzipien der Sozialpolitik in den beiden deutschen Staaten vorgestellt. Kapitel 3 rückt mit der Familienpolitik einen speziellen Teilbereich der Sozialpolitik in den Mittelpunkt und versucht, die spezifischen Merkmale der Familienpolitik in der Bundesrepublik und der DDR einander gegenüberzustellen. In Kapitel 4 werden die gewonnenen Erkenntnisse kritisch betrachtet und diskutiert, bevor schließlich ein Fazit gezogen und ein kurzer Ausblick gegeben wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundzüge und Grundprinzipien der Sozialpolitik
2.1 Definition des Begriffs „Sozialpolitik“
2.2 Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland
2.3 Sozialpolitik in der Deutschen Demokratischen Republik
3. Politikfeldanalyse: Familienpolitik
3.1 Familienpolitik der Bundesrepublik Deutschland
3.2 Familienpolitik der Deutschen Demokratischen Republik
4. Diskussion, Fazit und Ausblick
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Sozialpolitik der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Zeitraum von 1949 bis 1990. Der Fokus liegt dabei auf der Familienpolitik, um zu analysieren, inwiefern die oft als vorbildlich wahrgenommene Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der DDR empirisch haltbar war und wie sich die jeweiligen familienpolitischen Leitbilder in den beiden Staaten unterschieden.
- Vergleich der sozialpolitischen Grundkonzepte von BRD und DDR
- Analyse familienpolitischer Leitbilder (Ernährerehe vs. Doppelernährerehe)
- Untersuchung der institutionellen Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
- Kritische Reflexion der DDR-Sozialpolitik hinsichtlich ökonomischer und gesellschaftspolitischer Wirkungen
- Diskussion über das Fortbestehen von Familienleitbildern nach der Wiedervereinigung
Auszug aus dem Buch
3.1 Familienpolitik der Bundesrepublik Deutschland
Die Leitlinien der bundesdeutschen Familienpolitik wurden in der Gründungsphase der Bundesrepublik in Abgrenzung zum Dritten Reich und zur DDR festgesetzt, wobei die Abgrenzung zur DDR und zum gesamten Ostblock von zentraler Bedeutung war (vgl. Niephaus 2003: 40). Die ausschließliche Aktivität der Frau war innerhalb des Haushalts vorgesehen, die männliche Vormundschaft über die Familie wurde rechtlich festgesetzt: „Anders als in der NS-Zeit, anders als in der DDR sollten Ehe und Familie als eigenlogische, in ihrem Innern nicht durchgeregelte, staatsferne Privatsphäre institutionalisiert werden, indem der Mann als Ehemann und Vater (...) zur ersten Regelungsinstanz für innereheliche und familiale Angelegenheiten bestellt wurde“ (Bast/Ostner 1992: 251). Die Leitidee der bundesdeutschen Familienpolitik sah somit den „Haushaltsbürger auf der einen, die Haushaltsbürgerin auf der anderen Seite“ (Lessenich 1996: 757) vor, womit das Leitbild der männlichen Ernährerehe begründet wurde (vgl. Niephaus 2003: 40).
Gemäß dieser Leitidee war es das oberste Ziel der familienpolitischen Maßnahmen in der Bundesrepublik, Frauen den Rückzug aus der Erwerbstätigkeit im Falle einer Mutterschaft zu erleichtern (z.B. durch die Zahlung von Mutterschaftsgeld in den Wochen vor und nach der Geburt), ihnen dagegen jedoch keinesfalls eine kontinuierliche Erwerbstätigkeit zu ermöglichen (vgl. Niephaus 2003: 42). Deutlichste Anzeichen für diese Bestrebungen waren das Fehlen öffentlich finanzierter und flächendeckender Betreuungsmöglichkeiten für Kinder sowie die Honorierung von Erziehungsleistungen bei Aufgabe der Erwerbstätigkeit, die zwar sowohl Müttern als auch Vätern gewährt wurde, allerdings vorwiegend von Frauen in Anspruch genommen wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Debatte um die DDR-Sozialpolitik ein und begründet die Wahl der Familienpolitik als Vergleichsgegenstand zwischen der BRD und der DDR.
2. Grundzüge und Grundprinzipien der Sozialpolitik: Das Kapitel definiert den Begriff der Sozialpolitik und skizziert die unterschiedlichen ideologischen Fundamente sowie die historischen Entwicklungen der Sozialsysteme in beiden deutschen Staaten zwischen 1949 und 1990.
2.1 Definition des Begriffs „Sozialpolitik“: Hier wird der theoretische Rahmen gesteckt und erklärt, wie Sozialpolitik als staatliches Instrument zur Absicherung von Lebensrisiken funktioniert.
2.2 Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland: Dieser Abschnitt analysiert den Aufbau eines demokratischen, sozialstaatlich orientierten Sicherungssystems, das sich nach 1949 von den Strukturen der NS-Zeit distanzierte.
2.3 Sozialpolitik in der Deutschen Demokratischen Republik: Es wird dargelegt, wie die DDR-Sozialpolitik als „sozialistische Sozialpolitik“ mit ökonomischen und legitimatorischen Zielen definiert und umgesetzt wurde.
3. Politikfeldanalyse: Familienpolitik: Eine Einführung in die Zielsetzungen staatlicher Familienpolitik und eine erste Einordnung der unterschiedlichen Ansätze in West und Ost.
3.1 Familienpolitik der Bundesrepublik Deutschland: Dieser Teil beleuchtet das Leitbild der männlichen Ernährerehe und die darauf ausgerichteten familienpolitischen Maßnahmen in der alten Bundesrepublik.
3.2 Familienpolitik der Deutschen Demokratischen Republik: Hier werden die Instrumente der DDR-Familienpolitik, wie z.B. staatliche Kinderbetreuung, im Hinblick auf das Ziel der Erwerbsbeteiligung von Frauen analysiert.
4. Diskussion, Fazit und Ausblick: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Effektivität beider Systeme und ein Ausblick auf die fortbestehenden Rollenbilder im vereinigten Deutschland.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Publikationen zur Sozialpolitik.
Schlüsselwörter
Sozialpolitik, DDR, Bundesrepublik Deutschland, Familienpolitik, Ernährerehe, Doppelernährerehe, Vereinbarkeit, Sozialstaat, DDR-Sozialpolitik, Sozialversicherungen, Frauenerwerbstätigkeit, Wohlfahrtsstaat, Kinderbetreuung, Sozialstruktur, Wiedervereinigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die Sozialpolitik der Bundesrepublik Deutschland und der DDR im Zeitraum von 1949 bis 1990, um deren unterschiedliche gesellschaftspolitische Ansätze aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Grundprinzipien der Sozialpolitik und der spezifischen Analyse der Familienpolitik beider Staaten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die häufig idealisierte Wahrnehmung der DDR-Familienpolitik kritisch zu hinterfragen und ihr tatsächliches Funktionieren dem der BRD gegenüberzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Politikfeldanalyse, die auf einer umfassenden Literaturrecherche und der Gegenüberstellung historischer Gegebenheiten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definitionen und Strukturen der Sozialpolitik sowie vertieft die familienpolitischen Maßnahmen und die zugrunde liegenden Leitbilder in beiden Staaten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Sozialpolitik, Familienpolitik, Ernährerehe, Doppelernährerehe, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der Ost-West-Vergleich der beiden deutschen Staaten.
Wie unterscheidet sich das Familienbild der BRD von dem der DDR?
Die BRD verfolgte lange das Leitbild der männlichen Ernährerehe, während die DDR durch die Mobilisierung von Frauen zur Erwerbstätigkeit auf eine egalitäre Doppelernährerehe abzielte.
Welche Kritik übt der Autor an der DDR-Familienpolitik?
Der Autor weist darauf hin, dass die Familienpolitik primär als Instrument zur Geburtenförderung und ökonomischen Stabilisierung diente und die Frauen oft einer Doppelbelastung aussetzte, ohne die grundlegende Geschlechterordnung nachhaltig zu verändern.
- Quote paper
- Christian Rohm (Author), 2010, Bürgerlich oder sozialistisch? – Ein Vergleich der Sozialpolitik von BRD und DDR am Beispiel der Familienpolitik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205013