Kann es einen Patriotismus ohne Nebenwirkungen geben?
Vorliegendes Essay beleuchtet den heutigen Verfassungspatriotismus und seine vermeintlich moralische Überlegenheit gegenüber dem "traditionellen Nationalismus".
Essay
Nationalismus und Verfassungspatriotismus
In einem vor kurzem auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung veröffentlichen Artikel[1] mit dem Titel „Party-Patriotismus ist Nationalismus“ wird der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer zitiert. Dieser unterscheidet zwischen Patrioten und Nationalisten.
Gestützt wird seine Aussage durch Forscher der Universität Marburg, denen es gelang diesen Unterschied „empirisch zu belegen“.
Im Artikel erfolgt eine Differenzierung: Der Begriff Nationalismus erfährt eine negative Konnotation. Der von ihm getrennte Patriotismus dagegen wird ausdrücklich als positiv angesehen, laut den Sozialwissenschaftlern jedoch nur, wenn seinem jeweiligen Vertreter demokratische Prinzipien wichtig sind. Der genannte, abstrakte Verfassungspatriotismus weicht in der Realität jedoch eher dem neuen „Partypatriotismus“ seit der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006, der im Allgemeinen begrüßt wird.[2] Laut einer Befragung von Fußballfans scheinen nationalistische Motive wie Vaterlandsliebe und Nationalstolz bei diesem durchaus im Vordergrund zu stehen. Einen expliziten Bezug zur demokratischen Staatsordnung der Bundesrepublik gibt es hierbei nicht. Bloße Sportbegeisterung ist das, was rund um den Fußballplatz zu beobachten ist, auch nicht.
Es stellt sich die Frage ob die Trennung der Ismen tatsächlich sinnvoll ist. Der Übergang zwischen beiden Formen der „Vaterlandsliebe“ erscheint, was seine Inhalte und Ergebnisse betrifft, fließend, manchmal ist überhaupt keine Trennlinie mehr erkennbar. Die vermeintliche Gefahr hierbei ist Folgende:
Was in einem Augenblick den Zusammenhalt innerhalb des Nation stärkt, kann im nächsten in einen offenen Konflikt mit außenstehenden Gruppen münden. Eine Mutation der „Patrioten“ zu aggressiven „Nationalisten“, eine Wandlung vom Guten zum Schlechten sozusagen, ist jederzeit möglich. Einem (übersteigertem) Nationalismus wird u. a. angelastet, dass er Fremdenfeindlichkeit fördert.
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[1] Von Drach, Marcus C. Schulte: Fahnenmeere zur EM. „Party-Patriotismus ist Nationalimus“, SZ, URL: http://www.sueddeutsche.de/wissen/fahnenmeere-zur-em-party-patriotismus-ist-nationalismus-1.1394854, Stand: 01.07.2012.
[2] Knobloch, Charlotte: Deutschland braucht einen neuen Patriotismus, ZEIT, URL: http://www.zeit.de/online/2006/40/dlf-schwarzrotgold-knobloch, Stand: 09.09.2012.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus?
Patriotismus wird oft positiv als Liebe zum Vaterland und demokratischen Prinzipien gesehen, während Nationalismus negativ konnotiert ist und oft mit Fremdenfeindlichkeit assoziiert wird.
Was versteht man unter Verfassungspatriotismus?
Es ist eine Form des Patriotismus, die sich nicht auf ethnische Merkmale, sondern auf die Identifikation mit den demokratischen Werten und Prinzipien der Verfassung stützt.
Was ist mit dem Begriff „Partypatriotismus“ gemeint?
Dieser Begriff entstand vor allem während der Fußball-WM 2006 und beschreibt eine lockere, feierorientierte Form des Nationalstolzes ohne expliziten politischen Bezug.
Kann Patriotismus in aggressiven Nationalismus umschlagen?
Ja, das Essay diskutiert die Gefahr, dass der Zusammenhalt nach innen jederzeit in einen Konflikt mit außenstehenden Gruppen münden und in aggressiven Nationalismus mutieren kann.
Ist die Trennung dieser Begriffe in der Realität sinnvoll?
Kritiker argumentieren, dass die Übergänge fließend sind und eine klare Trennlinie zwischen Vaterlandsliebe und Nationalstolz oft kaum erkennbar bleibt.
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- Nils Wöhnl (Author), 2012, Nationalismus und Verfassungspatriotismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205032