Gemeinsam aus Konflikten lernen

Peer-Mediation zur Aufarbeitung von Vorurteilen gegen Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund


Forschungsarbeit, 2009

58 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einführung

3. Definitionen
3.1. Vorurteil, Stereotyp
3.2. Ethnisches Vorurteil
3.3. Ausländerfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus

4. Fallstudie im Bezirk Linz-Land
4.1. Datenerhebung
4.1.1. Auswahl der Schulen, Schülerinnen und Schüler
4.1.2. Auswahl der Fragen
4.1.3. Untersuchungszeitraum
4.1.4. Auswertung
4.1.5. Repräsentativität
4.2. „Rassismus“ bzw. „ethnische Vorureile“ in den Schulen im Bezirk Linz-Land
4.2.1. Staatsangehörigkeit
4.2.2. Freundeskreis
4.2.3. Beziehung
4.2.4. Stereotyp „Österreicher“
4.2.1. Gedanken über eine multikulturelle Gesellschaft
4.2.2. Gedanken über die Grundrechte in einer multikulturellen Gesellschaft
4.2.3. Recht auf Arbeit
4.2.4. Fazit

5. Interkulturelles Lernen im Unterricht in Form der „Peer-Mediation“
5.1. Entstehung von Konflikten
5.1.1. „Störfall“ Stereotype
5.1.2. „Störfall“ Kommunikation
5.2. Interkulturelles Lernen
5.3. Mediation
5.3.1. Das Ziel der Mediation
5.3.2. Grundprinzipien der Mediation

6. Peer-Mediation in der Schule
6.1. „Die Peers“
6.2. Aufgaben der Peers
6.2.1. Konfliktregelung
6.2.2. Multiplikation
6.2.3. Schulungsaktivitäten
6.2.4. Fortbildung
6.3. Interkulturelle Peer-Mediation
6.4. Projektverlauf
6.4.1. Summary
6.5. Zusammenfassung

7. Evaluation
7.1. Veränderungen in der Einstellung der Jugendlichen durch das Peer-Mediations-Programm
7.1.1. Ich habe nichts von einem Land, in dem Menschen aus allen Teilen der Welt zusammenleben und ihre verschiedene Lebensart pflegen
7.1.2. Was verstehst du unter einem „normalen Österreicher“, einer normalen Österreicherin?
7.1.3. Menschen, die anders sind als ich und meine Freunde (z.B. andere Hautfarbe, behindert, andere Sprache, etc.)
7.1.4. Wer sind deiner Meinung nach diejenigen, die nichts leisten?
7.1.5. Wer ist wichtig für unsere Gesellschaft?
7.1.6. Wer sollte bei uns zuerst Arbeit bekommen?

8. Resümee

9. Abbildungsverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Am Beginn möchte ich mich vorweg besonders für die Mitarbeit folgender Personen und Stellen bedanken, ohne die diese Arbeit in der Form nicht zustande gekommen wäre.

Mein Dank gilt den Direktorinnen und Direktoren der teilnehmenden Schulen, den teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrern, den Schülerinnen und Schülern. Nur durch die Unterstützung dieser Personen konnte eine derartig hohe Rücklaufquote bei der durch­geführten regionalen Studie erreicht werden. Weiters möchte ich der Schulaufsichtsbehörde des Bezirkes Linz-Land danken, die das Projekt nicht nur genehmigt sondern auch tatkräftig unterstützt hat. Nicht nur die Umfrage im Bezirk Linz Land konnte so verwirklicht werden, auch der praktische Teil der Arbeit in Form der Peer-Mediation konnte so durchgeführt werden.

Schließlich geht ein herzliches Dankeschön an meine Projektpartner Hans Bauer und Andreas Hotea-Mayrhofer, sie waren inhaltlich und organisatorisch eine große Hilfe.

2. Einführung

Die Veränderungen an den Schulen durch den immer weiter steigenden Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund beschäftigen mich als Lehrer der Grundschule im Besonderen. Zu lange wurden die auftretenden Probleme beiseitegeschoben. Im Sog dieser Verdrängung wurden leider auch die Chancen, die durch diese neue Situation an Schulen entstehen, übersehen bzw. unverzeihlich vernachlässigt.

Ist ein Miteinander unterschiedlicher Kulturen nicht eine höchst belebende, interessante, bereichernde und zukunftsweisende Gegebenheit, denn eine Bedrohung der Bildung und im Weiteren der ganzen „heimischen“ Gesellschaft? Einer Heimat, die geschichtlich so monokulturell (Gott sei Dank) gar nicht ist und sein kann? In der Realität ist es ja so, dass eine homogene Gesellschaft schlichtweg nicht existieren kann. Somit erübrigt sich der Begriff “Multikulturelle Gesellschaft”, da eine Gesellschaft per Definition multikulturell ist.

Die Probleme mit der Multikulturalität zeichnen sich natürlicherweise insbesondere auch in den Schulen ab. Das „Miteinanderleben“ und „Miteinanderlernen“ der Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher kultureller Herkunft wird einerseits zur Normalität und andererseits zur großen mit Rückschlägen und Spannungen begleiteten Herausforderung für alle Beteiligten.

Woher kommen also die Vorurteile gegenüber einer Gruppe von Menschen? Warum schreiben Menschen anderen Gruppen negative Eigenschaften zu, obwohl sie damit ein System fördern, das sie selbst in variablen Situationen in eine diskriminierende Lage versetzt? Wir alle kennen Situationen, in denen wir Vorurteilen ausgesetzt sind und diese uns bedrücken und diskriminieren. Trotzdem agieren wir, sobald wir wieder ein Teil der Mehrheitsgesellschaft sind, immer und immer wieder auf die gleiche herabsetzende Art und Weise.

Ziel dieser Arbeit ist, das Wesen ethnischer Vorurteile anhand einschlägiger Literatur zu durchleuchten und darzulegen. Ob sich die ethnischen Vorurteile gegen Minderheiten in weiterer Folge auch auf institutioneller Ebene diskriminierend auswirken, ist ein weiterer Aspekt, den es zu erforschen gilt.

Als nächsten Schritt werde ich mit Hilfe der Auswertung der Daten der von Hans Bauer, Andreas Hotea-Mayrhofer und mir durchgeführten regionalen Studie im Schulbezirk Linz-Land untersuchen, ob und in welcher Form ethnische Vorurteile in den betreffenden Schulen auftreten.

Die forschungsleitende Fragestellung lautet daher:

Gibt es ethnische Vorurteile in den Schulen des Bezirkes Linz-Land und wie äußern sich diese?

Im praktischen Teil dieser Arbeit werde ich das Programm der Peer-Mediation vorstellen. Anschließend wird festgestellt, ob sich dieses spezielle Programm positiv auf die Aufarbeitung von Vorurteilen auswirkt. Dies wird anhand einer kleineren Studie in einer Schule des Bezirkes überprüft, die nach der Teilnahme der Schülerinnen und Schüler am Programm „Peer-Mediation“ mit einigen ausgewählten Fragen der großen Fallstudie durch­geführt wurde.

Die forschungsleitende Fragestellung dieses zweiten Teiles lautet:

Kann Peer-Mediation helfen, ethnische Vorurteile gegenüber Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund an Schulen aufzuarbeiten?

3. Definitionen

3.1. Vorurteil, Stereotyp

Allgemein wird im Brockhaus unter Vorurteilen, die „kritiklos, ohne persönliche Urteilsbildung oder Erfahrung übernommene Meinung, die einer sachlichen Argumentation nicht standhalten“, verstanden. (2009).

Davis (1964, S. 78) kommt 1964 zu folgender Definition, die noch immer ihre Berechtigung in der heutigen wissenschaftlichen Diskussion findet, indem er sagt, dass Vorurteile „negative oder ablehnende Einstellungen einem Menschen oder einer Menschengruppe gegenüber“ sind, „wobei dieser Gruppe infolge stereotyper Vorstellungen bestimmte Eigenschaften von vornherein zugeschrieben werden, die sich aufgrund von Starrheit und gefühlsmäßiger Ladung selbst bei widersprechender Erfahrung schwer korrigieren lassen“.

Saße (2007, S. 7) untermauert diese Definition und stellt fest, „dass von Vorurteilen nur die Rede sein kann, wenn die affektive Orientierung bzw. Einstellung gegenüber einer Gruppe auf einem falschen Stereotyp basiert, der resistent gegenüber Änderungen ist.“ Demnach zeigen sich Vorurteile durch negative Bewertung der Gruppenzugehörigkeit (z.B.: Staatsbürgerschaft, soziale Schicht usw.) von Personen, gegen die sich die Vorurteile richten. Sie richten sich nicht nach deren persönlichen Qualitäten (Saße, 2007).

Zu beachten ist, dass Vorurteile als negative Einstellungen definiert werden. Beim sozialen Vorurteil wird auf Grund äußerer Merkmale (z.B.: Hautfarbe, Sprechweise, Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen, Kleidung usw.) auf Charaktereigenschaften geschlossen, die ein Stereotyp, ein Klischee, bilden (Saße, 2007).

Sowohl Davis als auch Saße verwenden in ihrer Definition den Begriff „Vorurteil“ und „Stereotyp“. Die Ausarbeitung der Unterschiede dieser Begriffe in der klassischen Vorurteilsforschung wird oftmals unternommen. Dem Vorurteil werden dabei eher affektive, dem Stereotyp kognitive Komponenten zugeordnet. Weiters handelt es sich bei Stereotypen im Gegensatz zu Vorurteilen nicht um Einstellungen, sondern um Wahrnehmungsunterschiede (Allport, 1971).

Vorurteile und Stereotype unterscheiden sich außerdem dadurch, dass Vorurteile durch eine „negative, evaluative Dimension gekennzeichnet“ sind, während Stereotype auch positiv sein können. Vorurteile bilden demnach „eine Auswertung von Erfahrungen durch eine oder mehrere Personen“ (Brockhaus, 2009).

Obwohl man sich also um eine Abgrenzung bemüht, fällt eine Unterscheidung schwer. So schreibt Aboud (1988, S. 5): „It is helpful to distinguish conceptually between prejudice and stereotypes even though in reality the two may often occur together. Stereotypes are rigid, overgeneralized beliefs about the attributes of ethnic group members whereas prejudice is a negative attitude“.

Für diese Arbeit treten diese Unterscheidungen in den Definitionen eher in den Hintergrund. Wichtiger ist es, die Ethnizität miteinzubinden, um in Folge mit dem Bereich des „ethnischen Vorurteils“ arbeiten zu können.

3.2. Ethnisches Vorurteil

Um den Begriff „ethnisches Vorurteil“ zu definieren, benötigt es eine Auseinandersetzung mit Ethnizität. Heckmann (1992, S. 46) bezeichnet Ethnizität „als allgemeines soziologisches Konzept (…) die für individuelles und kollektives Handeln bedeutsame Tatsache, daß eine relativ große Gruppe von Menschen durch den Glauben an eine gemeinsame Herkunft, durch Gemeinsamkeiten von Kultur, Geschichte und aktuellen Erfahrungen verbunden ist und ein bestimmtes Identitäts- und Zusammengehörigkeitsbewusstsein besitzt“.

Gemeinsame geographische Herkunft, der Einwandererstatus, die Literatur, die Sprache, der Glaube, die Musik usw. sind wichtige Charakteristika für eine Ethnie, aber zum Beispiel auch ein inneres Gefühl und äußeres Urteil der Zusammengehörigkeit oder Unterschiedlichkeit können eine Ethnie abgrenzen (Elschenbroich, 1985).

Nach der Klärung des Begriffs „Ethnie“ bzw. „Ethnizität“ kann nun auf den Begriff „ethnisches Vorurteil“ durch eine Definition von Zick (1997, S. 39) eingegangen werden, der schreibt, dass „negative ethnische Vorurteile“ die „Tendenz eines Individuums“ bezeichnen, „ein Mitglied einer Outgroup oder die Outgroup als ganze negativ zu beurteilen und damit die Ingroup, zu der sich das Individuum zugehörig fühlt, positiv zu beurteilen. Ethnische Vorurteile sind negative Einstellungen, die stabil und konsistent sind. Diese Einstellungen werden gegenüber Mitgliedern einer ethnischen Outgroup geäußert“.

Laut Zick fühlt sich also eine Person, ein Individuum, zuerst einer Gruppe zugehörig, die er als „normal“ (Aussehen, Herkunft, Beruf, Ansichten, Moral, …), und vor allem als „positiv“ beurteilt. In weiterer Folge untersucht diese Person die Unterschiede der eigenen Gruppe, der „Ingroup“, zu der anderen Gruppe von Menschen, der „Outgroup“. Nach dieser klaren Grenzziehung zwischen der Eigen- und Fremdgruppe werden der „Outgroup“ verallgemeinerbare Verhaltensweisen, Eigenschaften oder auch körperliche Eigenschaften zugeschrieben, die sich von der Eigengruppe unterscheiden und diese anschließend moralisch gewertet (gut-böse, schön-hässlich, fleißig-faul, …). Diese moralisch negative Beurteilung der Fremdgruppe ist stabil und konsistent. Selbst wenn die Vorurteilsträger mit einzelnen Personen der Outgroup positive Erfahrungen machen konnten, werden diese als Ausnahme eingestuft und sie verändern in keinster Weise die Vorurteile gegen die Fremdgruppe.

Durch die öffentliche Äußerung der Ansichten über die Outgroup werden diese Menschen massiv an den Rand der Gesellschaft gedrängt, wodurch sich die Vorurteile durch den fehlenden Kontakt mit „angesehenen Gesellschaftsgruppen“ verfestigen und in sich selbst verstärken.

Osterkamp kritisiert die Definition von Zick, da die Entstehung und Anwendung von Vorurteilen darin als persönliches Phänomen festgelegt wird. Das führt dazu, dass einzelne Personen als schwarze Schafe hingestellt werden und die Öffentlichkeit, die Gesamtgesellschaft entlastet wird.

Osterkamp (1996, S. 87) stellt fest, dass „die traditionelle Psychologie/ Psychoanalyse, die aufgrund ihrer ,arbeitsteiligen‘ Gegenstandszuweisung gehalten ist, das Individuum ,aus sich heraus‘ zu erklären“, „in besonderer Weise auf die personalisierende Sichtweise festgelegt“ ist. „Eine solche Konzentration auf das Individuum, die von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Voraussetzungen des jeweiligen Verhaltens weitgehend absieht, hat zur Folge, daß man die Individuen gemäß den herrschenden Normen bewertet bzw. zu trimmen sucht, ohne diese Norm auf ihre Berechtigung bzw. die dahinterliegenden Interessen zu hinterfragen. (…) Die Konzentration auf das Individuum entzieht so den gesellschaftlichen status quo weitgehend der Kritik und erspart einem selbst die negativen Folgen, die eine solche Kritik für die eigene Praxis und das eigene Fortkommen haben könnte“.

Meiner Meinung nach darf auf keinen Fall verdrängt werden, dass ethnische Vorurteile besonders auch auf institutioneller Ebene existieren, nicht nur als individuelle, personenzentrierte Einstellung. Ethnische Vorurteile findet man in Gesetzestexten, Schulbüchern und literarischen Werken. Diese Omnipräsenz von ethnischen Vorurteilen in der Gesellschaft unterstreicht auch Osterkamp. Sie äußert sich in Fremdenfeindlichkeit, auf die ich im folgenden Kapitel noch eingehen möchte, stellt eine massive Bedrohung des gesellschaftlichen Gefüges dar, führt zu Spannungen und beinahe unüberwindbaren Konflikten mit rassistischen Zügen (Osterkamp, 1992).

3.3. Ausländerfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus

Im vorigen Kapitel wurden die Begriffe „Fremdenfeindlichkeit“ und „Rassismus“ erwähnt. Auch der Terminus „Ausländerfeindlichkeit“ ist geläufig und wird in der öffentlichen Debatte oft verwendet. Meines Erachtens ist allerdings der Begriff Ausländerfeindlichkeit längst überholt. Er bezieht sich lediglich auf eine bestimmte Gruppe von Ausländern, denn Engländern wird zum Beispiel weniger Ablehnung entgegengebracht als zum Beispiel Türken. Weiters wird mit „Ausländer­feindlichkeit“ auf jene Gruppen vergessen, die wegen ihrer Kleidung, ihres Aus­sehens, ihrer religiösen Zugehörigkeit, ihres Berufes, ihrer sozialen Stellung usw. diskriminiert werden. Mit diesen Gruppen kommt der Begriff „Fremdenfeindlich­keit“ besser zurecht. Er schließt all diese Bereiche ein.

In der wissenschaftlichen Diskussion geht man einen Schritt weiter. Hier spricht man vermehrt von „Rassismus“. So schreibt Rommelspacher (2002, S. 132):

„Rassismus ist ein System kollektiver Bilder, Erzählungen und gesellschaftlicher Institutionen, die historisch entwickelte und aktuelle Machtverhältnisse legitimieren und reproduzieren. Rassis­mus im modernen westlichen Sinn basiert auf der ,Theorie‘ der Unter­schiedlichkeit menschlicher ,Rassen‘ aufgrund biolo­gi­scher Merk­male. Unterschiede in der sozialen Hierarchie können so mit dem unterschiedlichen ,Wesen‘ der Menschen erklärt werden. Allerdings wurde die biologische Argumentation im Laufe der Zeit zunehmend ergänzt durch eine kulturalistische Variante, die Kulturunterschiede als quasibiologische Unterscheidungsmerkmale zwischen Gruppen unterstellt. Dazu werden die jeweiligen Gruppen homogenisiert, indem ihnen eine einheitliche und unveränderliche Wesenheit zugeschrieben wird; sie werden polarisiert, indem im Sinne der Differenzverstärkung vor allem die Unterschiede und Unvereinbarkeiten herausgestellt werden, und sie werden hierarchisiert, d. h. in eine Rangordnung gebracht“.

Um in Gedanken nicht sofort an die jüngere Geschichte erinnert zu werden, an eine Zeit, der wir den „Rassismus“ zuschreiben und welche wir als vergangen und abgeschlossen betrachten, wird die Definition erweitert und in Folge von „Neorassismus“ (Balibar, 1992) oder von „Rassismus ohne Rassen“ (Hall, 1989) gesprochen, was für mich den Kern der Sache noch besser trifft.

Auch hier muss wie beim Vorurteilsbegriff betont werden, dass das Phänomen „Rassismus ohne Rassen“ nicht als persönliches, individuelles Problem eines Menschen gesehen werden darf. Vielmehr findet „Rassmismus“ auch auf institutioneller Ebene statt. Menschen, die in der Gesellschaft miteinander verbunden sind und diese zu organisieren haben, privilegieren ihre Gemeinschaft systematisch gegenüber den Nicht-Dazugehörigen (Osterkamp, 1997). „Indem man sich solchen Bedingungen anpasst, die einen gegenüber anderen bevorzugen, beteiligt man sich an deren Diskriminierung, ohne daß persönliche Vorurteile im Spiel sein müssen“, stellt Osterkamp (1997, S. 95) fest

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass „Rassismus“ sowie „institutioneller Rassismus“, welche beide auf Vorurteilen basieren, grundlegende Probleme in der heutigen multikulturellen Gesellschaft darstellen. Probleme, die sich aufgrund der Bevölkerungs­entwicklung nicht einfach von selbst lösen werden.

Nun gilt es zu untersuchen, wie stark und in welcher Form das Leben in der Schule im Schulbezirk Linz-Land von Vorurteilen und Rassismus geprägt ist.

4. Fallstudie im Bezirk Linz-Land

Aufgrund des Studiums der Forschungsprojekte über Einstellungen zu Multikulturalität, Demokratie und Gewalt in Deutschland von PD Dr. Bernd Overwien et al. (2005), in Österreich von Dr. Reinhard Zuba und Iris Schirl (2006) und in Liechtenstein von Maga. Ingrid Kromer et al. (2007) beschlossen wir, Hans Bauer, Klemens Ecker und Andreas Hotea-Mayrhofer, uns zu einem Projektteam zusammenzuschließen, um eine regionale Studie im Schulbezirk Linz-Land durchzuführen. In Anlehnung an die oben erwähnten Studien wollten wir die Einstellungen der Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 Jahren zu Multikulturalität, Demokratie und Gewalt prüfen.

4.1. Datenerhebung

4.1.1. Auswahl der Schulen, Schülerinnen und Schüler

In dieser groß angelegten Studie wurden etwa 300 Schülerinnen und Schüler aus dem Schulbezirk Linz-Land befragt. Alle teilnehmenden Jugendlichen besuchten zu diesem Zeitpunkt eine vierte Klasse (8. Schulstufe) einer Hauptschule.

In der Studie wurden Schüler und Schülerinnen von drei städtischen und zwei ländlichen Regelhauptschulklassen befragt. Je nach Schulgröße variierte die Zahl der teilnehmenden Klassen zwischen einer Klasse und drei Klassen.

Um eine hohe Repräsentativität für den Schulbezirk Linz-Land zu erreichen, wurden möglichst unterschiedliche Schultypen für die Umfrage ausgewählt (siehe Abbildung 0). Es handelt sich dabei um fünf Hauptschulklassen mit ländlichem Umfeld. Davon führte eine Klasse den Schulversuch „Klasse mit musikalischem Schwerpunkt“ durch. Eine weitere Klasse ist Teil einer Ganztagsschule mit Nachmittagsbetreuung. Zwei Klassen sind aus einer „gut situierten“ Hauptschule, eine Klasse davon mit musikalischem Schwerpunkt und eine Regelklasse. Als „gut situierte“ Hauptschule bezeichne ich diese Schule, weil sie aufgrund ihres Umfeldes (hohe Bildungs­schicht) ein hohes Leistungsniveau bieten kann. Diese Schule ist oft der Hafen für jene Kinder, die die Berechtigung für ein Gymnasium aufgrund ihrer Leistung nicht erreichen konnten und deren Eltern trotzdem eine zu den anderen Hauptschulen „höherwertige“ Ausbildung ihrer Kinder anstreben. Die Lern- und Förderbereitschaft und das Engagement der Eltern sind in dieser Schule überdurchschnittlich hoch. Die restlichen teilnehmenden Schülerinnen und Schüler stammen aus Regelklassen aus dem urbanen Raum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 0: Verteilung nach Klassen- und Schultyp

Die befragten Schüler und Schülerinnen sind zu 53% aus einer städtischen Regelklasse, zu 24% aus einer ländlichen Regelklasse, zu 6% aus der ländlichen Klasse mit musikalischem Schwerpunkt, zu 7% aus der städtischen Klasse mit musikalischem Schwerpunkt und zu 9% aus der ländlichen Schule mit Ganztagesbetreuung. Diese Zahlen repräsentieren die verschiedenen Klassen- und Schultypen aus diesem Schulbezirk in einem guten Verhältnis und lassen somit keine Verzerrung zu Ungunsten oder Zugunsten einer befragten Klasse befürchten.

Durch die gleichmäßige Verteilung des Geschlechterverhältnisses muss auch in diesem Bereich keine Verzerrung des Ergebnisses befürchtet werden (siehe Ab­bil­dung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Verteilung Mädchen-Knaben

4.1.2. Auswahl der Fragen

Der Fragebogen umfasste 59 Fragen. Für diesen Forschungsbericht wurde eine Auswahl aus der Gesamtzahl der Fragen verwendet, weil nur diese für die Untersuchung von „Rassismus und Vorurteile an Schulen“ relevant ist.

Im Rahmen dieser ersten Auswertung der Studie lautet meine forschungsleitende Fragestellung, wie schon in Kapitel 2 erwähnt:

Gibt es ethnische Vorurteile in den Schulen des Bezirkes Linz-Land und wie äußern sich diese?

4.1.3. Untersuchungszeitraum

Der Untersuchungszeitraum war äußerst knapp bemessen. Es ergab sich ein Untersuchungszeitraum von Anfang Mai bis Ende Juni 2008. In dieser kurzen Zeit konnte nur aus dem Grund eine 100%-ige Rücklaufquote erreicht werden, weil ein Mitarbeiter des Bezirksschulrates Linz-Land die Erlaubnis erhielt, die Schulen persönlich anzufahren, um jeweils eigenhändig die einzelnen Klassen zu befragen.

Mein Dank gilt hier noch einmal Herrn Andreas Hotea-Mayrhofer, dem Bezirksschulrat, insbesondere der Bezirksschulinspektorin Frau Doris Hofer-Saxinger und den Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern, die bei den Terminvereinbarungen trotz des ungünstigen Zeitpunktes der Studie am Ende des Schuljahres äußerst flexibel und entgegenkommend agierten.

4.1.4. Auswertung

Die Daten dieser Studie wurden mit Hilfe von Excel 2007 ausgewertet. Zuerst mussten die Daten erfasst und in ein numerisches System übertragen werden. Dazu traf ich mich im Juli 2008 mit meinen Mitarbeitern Andreas Hotea-Mayrhofer und Hans Bauer. Dort wurden die Kriterien für die freien Auswahlantworten und die Ziffernbelegung für die einzelnen Antworten vereinbart und im Anschluss eingegeben. Bei der Eingabe unterstützten uns die Mitarbeiter des Bezirksschulrates Linz-Land.

Im Anschluss wurden die Ergebnisse erstmals gemeinsam mit Prof. Dr. Clemens Seyfried besprochen, ausgewertet und auf eventuelle Fehler oder statistische Mängel untersucht.

Die restlichen Diagramme, Berechnungen und statistischen Untersuchungen wurden ausschließlich mit Excel 2007 durchgeführt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Gemeinsam aus Konflikten lernen
Untertitel
Peer-Mediation zur Aufarbeitung von Vorurteilen gegen Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
58
Katalognummer
V205072
ISBN (eBook)
9783656314110
ISBN (Buch)
9783656315490
Dateigröße
3500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Peermediation, Mediation, Gewalt, Vorurteil, Streit, Konflikt, Konfliktlösung, Migrationshintergrund
Arbeit zitieren
Klemens Ecker (Autor), 2009, Gemeinsam aus Konflikten lernen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205072

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