Die Darstellung des Holocaust in der KJL am Beispiel Gudrun Pausewangs "Reise im August"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung der KJL zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust in der BRD
2.1. Die Funktion der Darstellung des Holocaust

3. Die Darstellungsweise des Holocaust in der KJL
3.1. Aspekt der Wahrheit
3.2. Aspekt der Unterhaltsamkeit
3.3.Ästhetik des Grauens

4. Gudrun Pausewang: Reise im August
4.1. Autorin
4.2.Inhalt: Reise im August
4.3. Historischer Kontext
4.4. Charakterisierung der Hauptfiguren

5. Inhaltlic he Analyse des Werkes

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Online-Ressourcen:

1. Einleitung

Die Intensität mit der in den Medien auf Sarrazins Äußerungen zum Erbgut der Juden reagiert wurde, zeigt wie sensibel der Umgang mit der deutschen Geschichte, besonders im Hinblick auf den Nationalsozialismus und den Holocaust, heute immer noch ist. Der Zentralrat der Juden forderte anlässlich des Jahrestages der Reichsprogromnacht am 9. November 2010 ein verstärktes Vorgehen gegen Antisemitismus (http://www.welt.de, 09.11.2010). Die Debatte über die Thesen Sarrazins würde den Trend, dass Antisemitismus in der Gesellschaft wieder salonfähig geworden sei, bestätigen (http://www.welt.de, 09.11.2010).

Umso wichtiger erscheint es mir, dass sich die heutige Jugend mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust auseinandersetzt. Denn allein dadurch, kann laut Pretzl, das Bewusstsein für politische und gesellschaftliche Prozesse sensibilisiert werden (Pretzl 2005, 24). Auch Dahrendorf ist der Ansicht, dass ein „Abtrennen der Vergangenheit“ nicht möglich ist, da diese uns immer wieder einhole (Dahrendorf 1998, 35).

Ein Medium mit dem Kinder an diese Themen herangeführt werden können ist die Literatur. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob Nationalsozialismus und Holocaust literarisch, also ein Stück weit fiktional und sprachkünstlerisch gestaltet, überhaupt darstellbar sind. „Der Historiker Raul Hilberg […] hält den Holocaust […] für nicht erklärbar“ (Pretzl 2005, 19). Auch Dahrendorf ist der Ansicht, dass bei einer literarischen Darstellung die Gefahr besteht die „ganze Wahrheit“ über den Holocaust zu verschweigen oder zu verharmlosen (Dahrendorf 1998, 35). Es lässt sich also die Frage stellen, ob Kindern und Jugendlichen der Holocaust durch Literatur wahrheitsgetreu und ohne ihn zu verharmlosen, dargestellt werden kann?

Im ersten Teil dieser Arbeit sollen, nach einem kurzen historischen Abriss der KJL zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust, die Besonderheiten der Darstellungsweise dieser Themen in der KJL beschrieben werden.

Im zweiten Teil wird das Jugendbuch, die „Reise im August“ von Gudrun Pausewang unter Berücksichtigung der zuvor beschriebenen Darstellungsweise analysiert.

2. Entwicklung der KJL zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust in der BRD

Die KJL in der BRD begann erst in den 60er Jahren mit der Thematisierung des Nationalsozialismus und des Holocausts (Dahrendorf 1999, 22). Dahrendorf nennt als Gründe für die späte Thematisierung das Bildungssystem, welches dem gesellschaftlichen Trend „zu vergessen“ folgte, das Vermeiden politischer Themen und die Erwartungs- und Gewohnheitsmuster der KJL (Dahrendorf 1988, 69f.).

Um sich mit der eigenen Schuldfrage nicht beschäftigen zu müssen, wurde zunächst überwiegend das Thema Flucht und Nachkriegszeit behandelt (Lange 2000, 463).

Die Vorgeschichte der Judenverfolgung, der Widerstand der Jugendlichen im NS-System und die Emigration und das Exil während des Nationalsozialismus wurden erst in späteren Jahren thematisiert.

In den 80er Jahren hat ein wahrer Boom von Kinder- und Jugendbüchern zu dem Thema Nationalsozialismus eingesetzt (Dahrendorf 1999, 18). In Zahlen ausgedrückt ist bis 1979 im Jahr durchschnittlich ein Buch zu dem Thema veröffentlicht worden. In der Zeit danach sechs Bücher pro Jahr (Dahrendorf 1999, 19). Lange erklärt diese Entwicklung mit der damaligen Hitlerwelle sowie mit der Holocaust-Serie von Martin Chomsky, die 1979 im Fernsehen gesendet wurde und eine große Öffentlichkeitswirkung hatte (Lange 2000, 465). Neben der veränderten Thematisierung vollzog sich mit der Zeit auch eine Veränderung des literarischen Charakters. Darstellungen mit autobiographischem Charakter nahmen zu und somit auch die Anzahl der Buchübersetzungen (Sannes-Müller 1988, 49). Eine der wohl bekanntesten Übersetzungen ist Das Tagebuch der Anne Frank. Die Taschenbuchausgabe dieses Buches wurde im Jahre 1985 in der 21. Auflage 68600 mal verkauft (Sannes-Müller 1988, 64).

Und auch mit wachsendem Abstand zum Zeitgeschehen nimmt die Veröffentlichung von Kinder- und Jugendbüchern zum Thema Nationalsozialismus nicht ab. Dominierendes Thema bei Erscheinungen zwischen 1995 und 2003 ist der Holocaust mit einem Anteil von fast 75 % (Dahrendorf 2004, 142). Trotz zunehmender zeitlicher Distanz zum Zeitgeschehen besitzt das Thema unverminderte Aktualität.

2.1. Die Funktion der Darstellung des Holocaust

In der pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust wurde in den letzten Jahren der Begriff „Holocaust Education“ geprägt (Heyl 1999, 8). Adorno spricht wiederrum von „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno 1971, 88). Unter „Erziehung nach Auschwitz“ versteht er zwei Bereiche: „einmal Erziehung in der Kindheit […]; [und] dann allgemeine Aufklärung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft, dass eine Wiederholung nicht zulässt, ein Klima also, in dem die Motive, die zu dem Grauen geführt haben, einigermaßen bewusst werden.“ (Adorno 1971, 91). Kinder sollten demnach zur Autonomie erzogen werden, dass sie Kraft zur Reflexion und zur Selbstbestimmung entwickeln. Durch diese Erziehung könnte ein Mitmachen unterbunden werden (Adorno 1971, 93).

Ist dies der Fall, so kann die KJL ihren Beitrag dazu leisten, denn laut Lange ist die zeitgeschichtliche KJL angelegt, zur Aufklärung zum Nationalsozialismus beizutragen. Darüber hinaus könnte sie zur Erweiterung des eigenen Bewusstseins und zum reflektorischen Denken anregen (Lange 2000, 486).

Heyl schreibt in seinem Aufsatz „Holocaust-Erziehung“?, dass ein maßgebliches Ziel der „Erziehung über Auschwitz“ das Wachhalten der Erinnerungen an das Geschehen ist (Heyl 1999, 8). Erinnerung ist allerdings nur an selbst Erlebtes, selbst Erfahrenes oder selbst Gelerntes möglich. Die Kinder und Jugendlichen müssen folglich erst was über den Holocaust lernen, um ihn zu erinnern. Ein möglicher Zugang zu dem Thema ist auch hier die KJL. Ein bedeutender Aspekt der zeitgeschichtlichen KJL ist die Art und Weise wie die Geschehnisse dargestellt werden.

Eine besondere Rolle in der Darstellung des Holocaust wird hier dem Erzähler zuteil. Der Erzähler ist eine bewusst „vom Autor geschaffene Instanz“, die eine kindgerechte Versprachlichung des Holocaust erst ermöglicht (Pretzl 2005, 113). Ein Erzähler, der die Ereignisse in einer Geschichte kommentiert, lässt die Distanz zum Erzählten größer erscheinen (Pretzl 2005, 114). Durch die größere Distanz wird das Erzählte ertragbarer. Ein Erzähler, der in den Hintergrund tritt, auf Einmischungen und Kommentare verzichtet, die Geschehnisse aus der Sicht einer bestimmten Person schildert, legt den Schwerpunkt seiner Erzählung auf Bewussstseinsprozesse und Innenperspektive (Preztl 2005, 117). Mit einer personalen Erzählweise versucht der Autor die Gefühlslage von Kindern möglichst authentisch zu erfassen (Pretzl 2005, 117). Aus Gründen die jungen Leser nicht zu überfordern, wird laut Pretzl in der Holocaust-Literatur für Kinder und Jugendliche, die personalen Sichtweise nur selten verwendet (Pretz 2005, 119).

Jedoch ist gerade eine Konfrontation mit der Grausamkeit von Bedeutung, denn „Kinder, die gar nichts von der Grausamkeit und der Härte des Lebens ahnen, sind, einmal aus dem Geschützten entlassen, erst recht der Barbarei ausgesetzt.“ (Adorno 1971, 102).

3. Die Darstellungsweise des Holocaust in der KJL

Christine Pretzl formuliert in ihrem Werk „Sprache der Angst“ die Frage, ob man bei jedweder Art der Thematisierung dem Phänomen Holocaust auch nur annähernd gerecht werden kann bzw. ob dieser überhaupt versteh- und erklärbar ist (Pretzl 2005, 19). So wenig sich der Holocaust nachvollziehen lässt, so unzureichend lässt er sich beschreiben (Pretzl 2005, 23).

Klar ist, dass die Darstellung des Holocaust für die Kinder- und Jugendbuchautoren eine große Herausforderung darstellt. Ob aus der Täterperspektive oder aus der Opferperspektive, für beide Seiten ist es schwierig über den Holocaust zu sprechen und zu schreiben. Es ist es wichtig beide Seiten zu hören, um zu erfahren wie die Angehörigen des „Tätervolks“ mit dem Nationalsozialismus umgehen und wie dessen „Opfer“ (Dahrendorf 2004, 147). Für die Kinder- und Jugendbuchautoren stellt sich die Thematisierung des Holocaust zudem als schwierig dar, da

„das Erzählmuster „Kinder- und Jugendbuch“ in seiner „bürgerlichen“ Tradition wegen dessen Ausrichtung auf „heile Welt“ und Schonraumdenken wenig vorbereitet war, einen Gegenstand wie den Holocaust aufzunehmen“ (Dahrendorf 1999, 22).

Die Autoren haben somit zum einen die schwierige Aufgabe, wahrheitsgetreu über den Holocaust zu schreiben und zum anderen den Kindern nur Fakten zu präsentieren, die sie bereits verarbeiten können. Mit der Problematik wahrheitsgetreu über den Holocaust zu schreiben, beschäftigt sich der nun folgende Punkt.

3.1. Aspekt der Wahrheit

Oft wird an deutschen Kinder- und Jugendbüchern zum Thema Holocaust kritisiert, dass sie die Tatsachen über eben diesen verharmlosen (Shavit 1988, 23). Laut Shavit ist es jedoch wichtig, dass literarische Texte zu dem Thema einen Realitätswert inne haben (Shavit 1988, 15). Es geht nicht darum die Wahrheit eins zu eins wiederzugeben, sondern vielmehr darum, ob sich ein Ereignis in der beschriebenen Form hätte abspielen können. Werden Ereignisse gewählt, die der damaligen Zeit entsprechen, erscheint die Geschichte glaubwürdiger (Shavit 1988, 15).

Die Charakterzeichnungen in den Geschichten über den Holocaust entsprechen beispielsweise selten der Realität. Häufig gibt es stereotype Charakterzeichnungen und die Darstellung von Juden und Nicht-Juden ist fehlerhaft (Shavit 1988, 23).

In den zahlreich entstandenen Freundschaftgeschichten zu dem Thema lässt sich dieser Aspekt gut erkennen. In diesen Erzählungen werden Freundschaften eines Angehörigen der Minderheit mit einem Angehörigen des Feindes geschildert.

Den Angehörigen der Minderheit wird stets geholfen, was nicht der Wahrheit, dass die meisten im Stich gelassen wurden, entspricht (Dahrendorf 1996, 339). Die Juden hingegen haben laut Shavit in den Erzählungen meistens Geld, mehr Geld als die Deutschen. Sie werden selten als „normale“ Menschen mit guten und schlechten Charaktereigenschaften beschrieben, sondern als großzügiger, gastlicher, hübscher usw. (Shavit 1988, 25).

Hingegen werden die Nazis in den meisten Büchern quasi dämonisiert. Sie sind nicht nur unsympathisch, sondern sadistisch, hässlich, tyrannisch, körperlich und geistig deformiert und teilweise oder ganz zurückgebliebene Leute (Shavit 1988, 30). Damit wird suggeriert, dass es sich bei den Nazis nicht um „normale“ Menschen gehandelt hat, sondern dass es Menschen aus gesellschaftlichen Randgruppen waren. Teilweise wird der Nazismus als eine Krankheit dargestellt, an der Hitler allein schuldig gewesen ist (Shavit 1988, 30).

Die meisten Bücher enden mit der Deportation der Juden. Über das Leben bzw. das Sterben in den Konzentrationslagern wird fast nie geschrieben (Shavit 1988, 17).

Die Geschehnisse werden verharmlost und „was wirklich dunkel war, bleibt im Dunkeln“ (Shavit 1988, 17).

Der Autor muss entscheiden wie viel Wahrheit er den jungen Lesern darbieten kann. Mit einer Art „Schockpädagogik“ läuft er Gefahr, bei den Kindern die eventuell bereits vorhandene Abwehr gegen das Thema noch zu verstärken (Heyl 1999, 9). Damit der kindliche bzw. jugendliche Leser ein Buch liest, ist es wichtig, dass die Texte „über die Berücksichtigung ihrer Fassungskraft hinaus auch gewisse Interessen von Kindern und Jugendlichen entgegenkommen […]“ (Ewers 2000, 201). Bestimmte literarische Vorlieben der Kinder, wie beispielsweise Spannung, Nervenkitzel, Humor oder ´Action` können eine Anziehungskraft auslösen, die sie zum Weiterlesen animieren (Ewers 2000, 201). Das bedeutet, dass die Darstellung des Holocaust in gewisser Weise auch unterhalten kann.

Laut Lange wird dadurch ein Sich-Hineinversetzten in die dargestellte Situation gefördert und die historische Distanz verkürzt (Lange 2000, 485f.). Mit der Frage wie etwas so Grauenhaftes unterhaltsam dargestellt werden kann befasst sich der folgende Abschnitt.

3.2. Aspekt der Unterhaltsamkeit

Wie bereits beschrieben, sollte KJL für ihre Leserschaft unter anderem unterhaltsam sein, da dies Textattraktivität entstehen lässt und die jungen Leser zum Weiterlesen animiert. Die Gültigkeit dieser Aussage im Hinblick auf den Inhalt und die Darstellung der KJL über den Holocaust ist fraglich.

Unterhaltung ist in diesem Themenbereich nicht mit der Lust oder dem Spaß am Lesen gleichzusetzten, denn das Bedrohliche darf nicht aus dieser Lektüre ausgeblendet werden (Kliewer 2002, 53). Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage, was die Lektüre bei den Lesern auslöst und ob eine reflektorische Auseinandersetzung mit eben dieser möglich ist (Kliewer 2002, 53f.)? Damit aber ein Text Reflexivität vollends zulässt, ist dessen ästhetische Wirkung von Bedeutung (Kliewer 2002, 56).

„Darin wird immer wieder deutlich, dass es nicht um moralisierende Inhalte geht, sondern um die ästhetische Wirkung, die Reflexivität nicht nur zulässt, sondern geradezu provoziert.“ (Kliewer 2002, 56)

Ebenso spielen literarische Mittel wie Spannung und Entspannung, bei der Darstellung von Holocaust in Kinder-und Jugendbüchern eine wichtige Rolle. Da bei vielen Holocaustgeschichten die Flucht eine Rolle spielt, ist dadurch bereits Spannung gegeben. Bietet der Text zusätzliche Identifikationsmöglichkeiten für den jungen Leser, kann das Lesen zudem Spaß bereiten, also unterhaltsam sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Holocaust in der KJL am Beispiel Gudrun Pausewangs "Reise im August"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Aktuelle KJL zum Thema Holocaust und Nationalsozialismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V205306
ISBN (eBook)
9783656316886
ISBN (Buch)
9783656318385
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
KJL, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Christine Kemper (Autor), 2010, Die Darstellung des Holocaust in der KJL am Beispiel Gudrun Pausewangs "Reise im August", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205306

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Darstellung des Holocaust in der KJL am Beispiel Gudrun Pausewangs "Reise im August"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden