Leute machen Kleider

Beschäftigung in der Textil- und Bekleidungsindustrie 1984 bis 2010


Wissenschaftliche Studie, 2012

63 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Verzeichnisse
Abkürzungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis

Ausgangslage
Bekleidung und Mode
Zur Lage der Bekleidungswirtschaft
Perspektiven der Bekleidungswirtschaft
Beschäftigung in der Bekleidungsindustrie

Methode und Quellen

Merkmale der Beschäftigung
Vorbemerkungen
Beschäftigungsstatus und Stellung im Beruf sowie Betriebsgröße
Geschlecht, Alter und Migrationshintergrund sowie Stichprobenregion
Erforderliche Qualifikation
Arbeitszeit und Einkommen
Arbeitsbedingungen und Autonomie am Arbeitsplatz
Berufliche Erwartungen und Mobilität
Zufriedenheiten
Gewerkschaftlicher Organisationsgrad

Fazit

Quellenverzeichnis

Anlagen

Abbildungen

Tabellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Fallzahlen „Bekleidungsindustrie“ SOEP 1984 bis 2010

Tabelle 2: ungewichtete, gewichtete und hochgerechnete Fallzahlen (1984 bis 2010)

Tabelle 3: Erwerbstätige 1984 bis 2010 (SOEP)

Tabelle 4: Merkmale der Beschäftigung

Tabelle 5: Gewerkschaftlicher Organisationsgrad

Tabelle 6: Wochenarbeitszeit und Entgelte

Tabelle 7: Arbeitsbedingungen

Tabelle 8: Berufliche Erwartungen im Vergleich

Tabelle 9: Zufriedenheiten

Tabelle 10: Determinanten des Entgeltes

Tabelle 11: Determinanten der Arbeitsplatzunsicherheit

Tabelle 12: Determinanten der Arbeitszufriedenheit

Tabelle 13: Faktoranalyse berufliche Erwartungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Fragen im SOEP zu Arbeitsbedingungen (2001)

Abbildung 2: Fragen im SOEP zu berufliche Erwartungen (2009)

Abbildung 3: Fragen im SOEP zu Zufriedenheiten (2010)

Zusammenfassung

Die Bekleidungswirtschaft umfasst nicht nur die Textil- und Bekleidungsindustrie, sondern auch Teile des Handels und der Kreativwirtschaft. Bekleidung zählt zu den Gütern der Grundversorgung, deren Konsum rückläufig ist. Infolge der Verlagerung der Bekleidungsproduktion ins Ausland hat die Beschäftigung in der Bekleidungsindustrie abgenommen. Die Industrie ist überaltert, bildet kaum aus und ist durch zum Teil problematische Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen gekennzeichnet, wobei ein branchenspezifischer (negativer) Einfluss auf Einkommen, berufliche Erwartungen und Arbeitszufriedenheit nicht nachweisbar ist. Angesichts dieser schwierigen Situation kann davon ausgegangen werden, dass die Bekleidungsindustrie personell nicht über Ressourcen verfügt, um im Falle einer Veränderung der internationalen Rahmenbedingungen infolge Lohnkostensteigerung, steigender Transportkosten und Verlagerung der Nachfrage in Schwellenländer zu reagieren. Trotz Innovationspotenziale fehlen vor allem Innovationen im produktiven Bereich, die angesichts der personellen Situation und der Nachfrageentwicklung im Inland eher unwahrscheinlich sind. Es ist zu befürchten, dass bei einem weiteren Abbau von Kapazitäten in der Bekleidungsindustrie der Kreativwirtschaft die notwendige personelle Basis fehlt (z.B. bei Kollektionsentwicklung und Musterproduktion). Gegenwirkende Momente sind eine stärkere Konzentration auf den Absatz im Ausland (vor allem bei Premiummarken), eine sich verändernde Nachfrage (durch Single-Haushalte und Besserverdienende) und Product-Lifecycle-Management (inklusive Open Innovation) sowie Nischenproduktion (z.B. Green Fashion). Damit diese greifen, bedarf es eines personellen und qualitativen Unterbaus, der in diesem Beitrag kritisch beleuchtet wird.

Ausgangslage

Bekleidung und Mode

Gegenstand der folgenden Untersuchung ist die Entwicklung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in der Textil- und Bekleidungsindustrie (kurz: Bekleidungsindustrie) in Deutschland von 1984 bis 2010. Hierzu ist die Bekleidungsindustrie (siehe unten zu NACE) begrifflich von der Bekleidungswirtschaft abzugrenzen. Die Bekleidungswirtschaft ist ein Sammelbegriff, der über das Bekleidungsgewerbe oder die Bekleidungsindustrie hinausgeht. Er bezeichnet neben der Produktion von Bekleidung die übergreifenden wirtschaftlichen Tätigkeiten, sowie den Textileinzelhandel, das Design, die Kollektionsentwicklung und die dazu gehörige Kreativwirtschaft.[1] Ein wichtiges Merkmal der Beschäftigung in der Bekleidungswirtschaft ist die Unterschiedlichkeit der Beschäftigungsbedingungen.[2] Hinzu kommen Herausforderungen, die sich aus der Globalisierung hinsichtlich Design und Produktion auf der einen Seite und Lokalität von Modetrends und Konsumtion auf der anderen Seite ergeben.

Die Bekleidungswirtschaft ist nicht mit der „Modeindustrie“ zu verwechseln, da Mode sowohl Bekleidung und Schuhe als auch andere Güter betrifft und Bekleidung nicht notwendigerweise der Mode unterliegt. Mode ist ein gesellschaftlicher Code, der bestimmt, was unsere Aufmerksamkeit verdienen soll, Distinktionsgewinne verspricht und Anschlussmöglichkeiten verkörpert.[3] Das Medium der Kleidermode verknüpft die Subsysteme des Modesystems bzw. der Modegenese: Modekreation (Design, Kollektionsentwicklung, Produktion, Marketing und Vertrieb) und Modeadoption (Rezeption, Konsum und Kleidungspraxis) sowie die Intermediäre der Modekommunikation und der Kommunikation über Mode.[4] In der Modekommunikation werden verschiedene Medien eingesetzt, wie Modeobjekte, Modebilder und -texte (die Modeobjekte abbildend und beschreibend konstruieren) sowie Modemarken.[5] Der Modecode ist der Primärcode des Modesystems und ein Sekundärcode anderer gesellschaftlicher Funktionssysteme, die der Nachahmungsmode unterliegen.

Zur Lage der Bekleidungswirtschaft

Die Bekleidungswirtschaft hinterlässt in ihrem gegenwärtigen Zustand einen zwiespältigen Eindruck: Seit 20 Jahren ist der Konsum von Bekleidung und Schuhen rückläufig (Schlese 2012a). Das betrifft sowohl den Anteil der Ausgaben für Bekleidung an den Konsumausgaben insgesamt (die objektive Konsumneigung) als auch die preisbereinigten Konsumausgaben im Zeitverlauf. Zudem stellt Bekleidung eher ein Gut der Grundversorgung als ein luxusaffines Gut dar (Schlese 2012b). Die objektive Konsumneigung bei Bekleidung und Schuhen ist in vielen entwickelten europäischen Staaten rückläufig. Auch steigende HH-Nettoeinkommen führen zu einer sinkenden Konsumneigung.[6] Die Folge ist ein intensiver Preis- und Wettbewerbsdruck, der nicht nur zu einer stärkeren Konzentration – insbesondere im Textil- und Bekleidungshandel – führt, sondern auch dazu, dass im Bemühen, das Moderisiko zu begrenzen, die Variabilität und Originalität des Bekleidungsangebotes beschränkt wird.[7] Demgegenüber wirkt die zunehmende Aufmerksamkeit für Mode und Design auf den europäischen Märkten fast schon unwirklich. Der offensichtliche Widerspruch zwischen der volkswirtschaftlich geringen Bedeutung der Bekleidungswirtschaft und der Entwicklung des Systems der Kleidermode[8] stellt eine Herausforderung nicht nur für die Beobachtung der „konsumkapitalistischen“ Moderne, sondern auch für die Gestaltung der Bekleidungswirtschaft dar.

Wenn wir von Textil- und Bekleidungsindustrie sprechen, dann meinen wir – wie oben ausgeführt - die Herstellung von Textilien, Bekleidung und Schuhen in Abgrenzung von einem weiteren Verständnis, das den Handel bzw. die Kreativ- und Medienwirtschaft mit einbezieht. Die Bekleidungswirtschaft umfasst nicht nur die so genannte „Textile Kette“.[9] Sie umfasst unterschiedliche Bereiche und „Funktionslogiken“, sowohl was die konkrete Tätigkeit, die eingesetzte Technik, die notwendigen Qualifikationen als auch was die Kultur und die betriebswirtschaftlichen Konzepte anbetrifft. Dabei bestehen kreative Prozesse (Design und Kollektionsentwicklung) und restriktive Produktionsorganisation (z.B. in der Lohnfertigung) nebeneinander. Eine globalisierte Produktion wird mit lokalen Märkten kombiniert. Das setzt international verteilte Strukturen und Prozesse voraus. Insbesondere aufgrund der Personalkosten, die infolge der auf lebendige Arbeit angewiesenen Verarbeitung „biegeschlaffer Materialien“ wesentliche Kostentreiber sind, wurde die Bekleidungsproduktion schon im letzten Jahrhundert in Länder verlagert, die niedrige Lohnkosten aufweisen.

Damit sinkt die Zahl der Beschäftigten der Textil- und Bekleidungsindustrie in Deutschland kontinuierlich (Tabelle 2). Durch mangelnde personelle Ausstattung und berufliche Ausbildung (Tabelle 4) fehlt dieser Industrie bis auf weiteres die Kraft der Erneuerung. Einerseits hat die Verlagerung der Bekleidungsproduktion ins Ausland den Beschäftigungsabbau und die Vergreisung der Branche verursacht, anderseits fehlen die personellen Ressourcen, um eine Rückverlagerung der Produktion (selbst im Falle technischer Basisinnovationen) ins Auge zu fassen; die Defizite in der beruflichen Ausbildung in den letzten fünf Jahren zeigen dies deutlich.[10] Es ist eine Frage der Zeit, wann sich das auf die Kreativbranche auswirkt, die auf einen Kern qualifizierter Fachkräfte angewiesen ist, welche Design und Kollektionsentwicklung durch Musterproduktion unterstützen. Selbst Nischenproduzenten dürften angesichts der Alters- und Qualifikationsstruktur ihrer Mitarbeiter/innen und fehlender Ausbildung zukünftig Probleme haben. Zudem steht einer denkbaren Verteuerung der Produktion (z.B. um die Arbeitsplätze attraktiver zu machen) eine sinkende „Konsumneigung“ bei Bekleidung und Schuhen gegenüber, so dass selbst steigende Haushaltseinkommen nicht notwendigerweise auch zu steigenden Umsätzen führen müssen (Schlese 2012a).

Die Bekleidungswirtschaft zieht nicht nur einen Vorteil aus der Verlagerung der Produktion, sie ist auch darauf angewiesen. Hierbei ergibt sich über kurz oder lang das Problem, dass in den Produktionsländern z.B. die Personalkosten steigen, die Transportkosten zunehmend zu Buche schlagen und sich infolge der weltwirtschaftlichen und demografischen Entwicklung die Nachfrage verlagert.

„Vor dreißig Jahren gab es auch in Nordeuropa noch Bekleidungshersteller. Wegen zu hoher Lohnkosten verlagerten die Unternehmen ihre Standorte jedoch nach und nach in Niedriglohnländer, statt die Produktionstechnik in der Heimat weiterzuentwickeln. Zunächst wurde die europäische Bekleidungsproduktion nach Spanien, Portugal und Italien verlegt, heute findet sie vor allem in Asien und Osteuropa statt.“ (Aspers 2010, S. 68)

Der Schlüssel für diesen Prozess ist der Anreiz, durch Niedriglöhne die Herstellungskosten auf einem Niveau zu halten, dass der kauffähigen Nachfrage entspricht, wobei diese Nachfrage in den letzten 20 Jahren wertmäßig gesunken ist (Schlese 2012b). Fällt dieser Anreiz weg z.B. durch steigende Lohnkosten in den Schwellenländern, hohe Transportkosten, zusätzliche finanzielle Belastungen wie regionale Abgaben oder durch eine Verlagerung des Interesses der Lohnproduzenten auf eigene Märkte (z.B. in China) und stehen nicht mehr genügend Alternativen zur Verfügung (z.B. Vietnam, Bangladesch, Sri Lanka, Burma etc.), so ist es nicht ausgeschlossen, dass der Alternativpfad einer Weiterentwicklung der Produktionstechnik in das Zentrum des Interesses rückt. Die personellen Voraussetzungen dafür sind allerdings schlecht, da mit der Verlagerung der Produktion ins Ausland auch die Zahl der Beschäftigten sank und sich zugleich die Alters- und Ausbildungsstruktur nachteilig entwickelt hat. Das ist Gegenstand dieser Untersuchung.

Perspektiven der Bekleidungswirtschaft

Die Bekleidungswirtschaft ist durch einen strukturellen Wandel gekennzeichnet. Das betrifft zum einen das Verhältnis zwischen Entwicklung, Produktion und Vertrieb und zum anderen den Einsatz von Techniken und betriebswirtschaftlichen Konzepten. Es lassen sich verschiedene Trends benennen. Bei der Beurteilung der Perspektiven der Bekleidungswirtschaft sind internationale Verflechtungen (im Design und in der Modekreation) und ein ausgeprägtes Maß internationaler Arbeitsteilung (zwischen „Systemköpfen“ und Lohnproduzenten) zu berücksichtigen. In Systemköpfen werden Teilbereiche der Fertigungsorganisation an einem deutschen Standort konzentriert, während andere Bereiche ausgelagert oder fremd vergeben werden.[11] Die Form der Produktion hat Einfluss auf die Beschäftigtenentwicklung und die betriebswirtschaftlichen Merkmale der Unternehmen im Inland. So führt die Verlagerung von Teilen der Fertigungskette ins Ausland wie gesagt dazu, dass die Beschäftigtenzahlen im Inland sinken, während die Umsätze durchaus auch steigen können, ebenso wie die Umsatzrentabilität bzw. Umsatzproduktivität.[12]

Einige Trends in der Bekleidungswirtschaft seien stichwortartig genannt:

1. Hierzu gehört die Verschmelzung von Produktion und Handel in gegenläufige Richtungen (Vertikalisierung), wobei Unternehmen der Textilproduktion mit eigenen Handelsaktivitäten auftreten und ihre Produkte unter Herstellermarken selbst vertreiben (Vorwärtsvertikalisierung) oder Unternehmen des Einzelhandels, insbesondere des Bekleidungshandels, eine eigene Produktion unter Handelsmarken vertreiben (Rückwärtsvertikalisierung).
2. Im Allgemeinen gilt wie oben ausgeführt für die Bekleidungsproduktion eine Arbeitsteilung zwischen den Systemköpfen im Inland und der Produktion im Ausland, vorzugsweise in Ländern mit geringeren Lohnkosten. Es stellt sich die Frage, ob zukünftig auch Systemkopffunktionen verlagert werden.[13] Andererseits können steigende Kosten in Schwellenländern und eine Verlagerung der Nachfrage dazu führen, dass die Produktion in Industrieländern wieder interessant wird. Damit steigt der Anreiz zur technischen Innovation, was die Systemköpfe vor Ort stärken dürfte.
3. Veränderungen vollziehen sich zur Zeit nicht so sehr in der Produktion, sondern vor allem im Vertrieb und Verkauf. Cross Shopping, die Kombination verschiedener Vertriebswege seitens der Kunden wird an Bedeutung zunehmen. Damit wandeln sich die Vertriebswege selbst. Stores werden zu Show Rooms, der Internethandel wird durch Präsenzangebote (in speziellen Shops oder auf Publikumsmessen) ergänzt und mit dem Einsatz von Smartphones und Tablets „mobilisiert“. Neben den traditionellen Handel treten Formen des Direktvertriebs mittels Maklern, welche als Intermediäre zwischen Kunden und Produktion treten.
4. Auf der einen Seite werden die Entwurfs- und Produktionszyklen kürzer, auf der anderen Seite verlängern sich diese im Lichte nachhaltiger Produktionskonzepte (z.B. Green Fashion). Für Mode- und Handelsketten erzeugt Fast Fashion eine Economy by Scale und führt zu höheren Umsätzen (zu Lasten kleinerer Produzenten und Händler). Das Konzept der Slow Fashion beinhaltet dagegen einen Fokus auf Qualität, statt Quantität, verknüpft mit „bewusstem und verantwortungsvollem“ Konsum.
5. Hinsichtlich des Konsumentenverhaltens und bei der Markenbildung spielen – neben sozialstrukturellen Merkmalen[14] – Merkmale des Lebensstils eine wichtige Rolle, wobei wir davon ausgehen können, dass die Varianz von Lebensstilen und deren Bedeutung bei Kaufentscheidungen zunehmen werden. Das gilt in den Grenzen des Budgets der Haushalte, die durch Haushaltseinkommen, Haushaltsgröße, Sparneigung und im Kontext anderer Ausgaben gesetzt sind (Schlese 2012b).
6. Ähnlich der Differenzierung von Fast und Slow Fashion differenzieren sich die eingesetzten Materialien. Bewusst eingesetzte traditionelle und „natürliche“ Materialien stehen Hightech-Stoffe gegenüber, die auf bestimmte Trageeigenschaften hin entworfen werden (z.B. in Funktionstextilien). Automatisierung und Robotik spielen in der Verarbeitung „biegeschlaffer Materialen“, um die es sich im Falle der Textilien handelt, noch eine untergeordnete Rolle verglichen mit anderen Zweigen des verarbeitenden Gewerbes. Das könnte sich in Zukunft ändern.
7. Im Prinzip lassen sich Design und Kollektionsentwicklung, Marketing und Vertrieb bzw. Verkauf sowie die eigentliche Produktion im Sinne von Open Innovation verknüpfen. Das Stichwort hierfür ist zur Zeit „industrielle Maßkonfektion“. Hierbei handelt es sich um ein Produktions- und Vertriebskonzept, in welchem einerseits die Vorzüge der Massenproduktion genutzt werden, andererseits dem Wunsch der Kund/innen nach Individualisierung der Produkte Rechnung getragen wird.[15]
8. Mit Hilfe zeitgemäßer Verfahren der Marktbeobachtung, die direkt an die computergestützte Konfiguration von Bekleidung und Schuhen und das Online Shopping bzw. hybride Shopping ansetzt (Data Mining), lassen sich den Kunden maßgeschneiderte Angebote machen und die Wirkung von Entwicklungstrends im Vorfeld simulieren.

[...]


[1] Die Bekleidungswirtschaft umfasst die Entwicklung und Produktion von Materialien, die zur Bekleidung geeignet sind (z.B. textile Stoffe und Leder), die Entwicklung und Produktion, sowie den Vertrieb von Bekleidung, Schuhen und Accessoires, und darüber hinaus den Einsatz von Medien beim Design, beim Vertrieb und bei der Modekreation bzw. Kollektionsentwicklung. Hinzu kommen Dienstleistungsunternehmen, welche die Entwicklung, Produktion, Präsentation und Vertrieb bzw. Verkauf unterstützen.

[2] Gemeint sind die Unterschiede zwischen Textil- und Bekleidungsproduktion im Inland und im Ausland, Einzelhandel und Kreativwirtschaft.

[3] Der Modecode (in/Out) ist die Einheit der Differenz von Irritation, Distinktion und Imitation. Er kodiert ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium „Mode“ als Teil des Sozialsystems „Kleidermode“.

[4] Zugleich koppelt die Mode Bewusstseinssysteme an das Modesystem mittels Gegenstände. Die Modeobjekte sind hybride, semantisch und emotional „aufgeladene“ Gegenstände bestehend aus dem Modekörper, dem modischen Artefakt (das am Körper drapiert wird) und dem (physischen und sozialen) Moderaum.

[5] Modetheoretisch sind zu unterscheiden: (1) Nachahmungsmoden von der Kleidermode (als System) sowie (2) Modeobjekte, Modekommunikation (mittels Modecode und Modemedium) und Kommunikation über Mode. Medientheoretisch sind zu unterscheiden: (1) das Modemedium (Wandel und Vorbild), (2) Mode als Medium der strukturellen Kopplung, (3) Medien der Modekommunikation sowie (4) Medien der Kommunikation über Mode. Bei letzteren handelt es sich um Verbreitungsmedien wie Buchdruck, Film und Internet als Massemedien, aber auch um neuartige, über die Funktion der Massenmedien hinausgehende Kommunikationsmedien (wie Modeblogs), die eine stärkere Partizipation des Modepublikums an der Modekreation ermöglichen als z.B. Printmedien oder die Onlinepräsenzen von Modezeitschriften oder Modehäusern.

[6] Lediglich die steigende Anzahl von Single-HH wird sich zukünftig befördernd auf den Konsum auswirken. Dem entgegen steht jedoch die Tatsache, dass in den nächsten Jahrzehnten die Bevölkerung abnehmen und im Mittel älter werden wird, was unweigerlich Auswirkungen auf den Konsum hat.

[7] Zumindest gilt das für die Massenmode, die in immer kürzeren Zyklen produziert wird.

[8] Die – verglichen mit der volkswirtschaftlichen Bedeutung – starke öffentliche Präsenz der Kleidermode ist möglicherweise ein Zeichen für einen semantischen Strukturwandel, durch den Nachahmungsmoden, d.h. der auf Dauer gestellte, periodische Wandel eines Gegenstandes und seiner Wahrnehmung, eine wichtige gesellschaftliche Funktion haben. Das weist bestimmte Parallelelen zur starken Präsenz der Mode im Europa des 18. Jahrhunderts auf, wobei sich die Gewichte von Wandel und Distinktion bzw. Imitation im Zeitverlauf verschoben haben, was mit dem Wandel von der primär stratifikatorisch differenzierten zur primär funktional differenzierten Gesellschaft korreliert.

[9] Textile Faserstoffe, Spinnstoffaufbereitung, Spinnstoffverarbeitung, Garnverarbeitung, Textile Flächen, Textilveredelung, Bekleidungsherstellung, Konfektionierung, Handel, Verbraucher, Entsorgung.

[10] Sollte es zu einer Verknappung des Angebotes im Ausland kommen, wäre die Branche dieser ohne eigene Ressourcen ausgeliefert.

[11] Damit bestehen grundsätzlich unterschiedliche Möglichkeiten, die Produktion zu organisieren: Eigenfertigung oder Lohnfertigung im Inland, Eigenfertigung im Ausland, Lohnfertigung im Ausland (passive Veredelung) bzw. Zukauf von Fertigware (Vollimport).

[12] Diese Steigerung lässt sich nicht auf eine Produktivitätserhöhung zurückführen, sondern liegt im Wandel des Verhältnisses von Produktion und Beschaffung in der Bekleidungswirtschaft begründet. Auslandsverlagerung und Vollimporte führen zu starken Rückgängen bei der Eigenfertigung, beim Umsatz der Unternehmen fließen die importierten Waren jedoch voll ein.

[13] Vor allem die Nähe zu den lokalen Märkten spricht dagegen. Das Argument relativiert sich aber im Lichte einer internationalen Massenmode. Auch die Vorstellung, qualifizierte Fachkräfte seien nur in Deutschland vorhanden, ist natürlich nicht unbedingt stichhaltig. Eher lassen sich unterschiedliche Mentalitäten und nationale Produktionsstrategien ins Feld führen.

[14] Es lässt sich zeigen, dass die Konsumneigung zu einem bestimmten Produkt mit dem Haushaltseinkommen, der Haushaltsgröße und der Sparneigung, sowie im Kontext aller Konsumausgaben eines Haushaltes variiert. Hierbei lassen sich Güter der Grundversorgungen von luxusaffinen Gütern unterscheiden, für die jeweils unterschiedliche Verteilungen des Konsums nach Haushaltsgröße und Haushaltseinkommen gelten. Interessant ist, dass sich die Nachfrage nach einen modeaffinen Gut wie Bekleidung wie die Nachfrage nach Gütern der Grundversorgung verhält, d.h. – bei einer relativ geringen gesamtwirtschaftlichen Bedeutung – stark von Haushaltsgröße, Haushaltseinkommen und Sparneigung abhängt (wobei letztere mit dem Haushalseinkommen variiert). 50% bis 60% der Nachfrage werden dabei von Single-Haushalten und Besserverdienenden verantwortet.

[15] Kunden haben die Möglichkeit – mit oder ohne externe Unterstützung – ausgewählte Produkte mit Hilfe eines Baukastens selbst zusammenzustellen, welche dann nach Kundenwünschen produziert werden können. Individuelle Maßgrößen und eine PC gestützte Größenerfassung zur Individualisierung können die Maßkonfektion aber auch den Kauf im Rahmen eher traditioneller Angebote unterstützen. Hierbei kommen spezielle Software und Webcams zum Einsatz, um die Kunden zu „vermessen“. Die ermittelten Daten können in ein vorhandenes Größensystem eingefügt werden oder dieses durch individuelle Maße ergänzen bzw. auch ersetzen. Zudem lassen sich Bausteine des Systems nach Kundenwüschen gestalten und Expertensysteme integrieren. Die Kreativität liegt also zum einen in der Kombination vorhandener Angebote (Bausteine) und zum anderen darin, die Konsumenten in die Kreation der Bausteine einzubeziehen. Damit verlagert sich die Verantwortung für das Outfit vom Designer bzw. Kollektionsentwickler zum Kunden, was historisch betrachtet einer frühen Entwicklungsstufe der Mode entspricht. Fraglich bleibt allerdings, ob die Kundin oder der Kunde diese Verantwortung auch annimmt und den damit verbundenen Aufwand akzeptiert. Außerdem entsteht das Problem, dass eine individuelle Anpassung am Köper der Kunden (wie in der Schneiderei noch möglich) fehlt. Hierfür müsste eine technische und preisgünstige Lösung gefunden werden.

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Leute machen Kleider
Untertitel
Beschäftigung in der Textil- und Bekleidungsindustrie 1984 bis 2010
Hochschule
AMD Akademie Mode & Design GmbH
Autor
Jahr
2012
Seiten
63
Katalognummer
V205332
ISBN (eBook)
9783656322917
ISBN (Buch)
9783656325321
Dateigröße
1930 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bekleidungsindustrie, Beschäftigung, Verarbeitendes Gewerbe, Textilindustrie, Mode
Arbeit zitieren
Dr. Michael Schlese (Autor), 2012, Leute machen Kleider, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205332

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