Dialektik und Synthese in Friedrich Schillers anthropologischer Ästhetik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. DER DIALEKTISCHE KERN DER VORSTELLUNG VON NATURSCHÖNHEIT ALS FREIHEIT IN DER ERSCHEINUNG

III. SCHÖNHEIT ALS FREIHEIT AUS MENSCHLICHER DIALEKTIK
1. Schönheit in der Erfahrung als Mediatorin persönlichen Temperaments
2. Qua Synthese gattungsspezifischer Wesenheiten durch das Idealschöne zur Freiheit

I. Einleitung

„Der Mensch“, so lautet die populäre, zum scheinbar leichtverdaulichen Apho- rismus verkürzte Formulierung eines Satzes aus der Feder von Friedrich Schiller, „ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“[1]. Man wird davon ausgehen dürfen, dass der hieran geknüpfte Gedanke Schillers nahezu ebenso häufig missverstanden wird, wie er sich in dieser Form auffinden lässt. Die Ursache hierfür hängt eng mit der zwar sprachlich eleganten, jedoch inhaltlich ganz unbotmäßigen Ver- knappung des Original-Zitates zusammen. Während die populäre Fassung den Gedanken nämlich in Richtung der Möglichkeit zu öffnen scheint, das Konzept ‚Mensch‘ ganz über den Begriff des ‚Spiels‘ zu definieren, und auf diese Weise unterschiedlichste Spielarten als menschlichen Zweck zu kennzeichnen und dergestalt zu adeln - und zu dieser Funktion wird er nur allzu häufig von feuille- tonsbeauftragten Lokalredakteuren in sicherlich bester Absicht, zugleich jedoch bedauerlicher Ignoranz korrumpiert -, würde schon ein kurzer Blick auf den genetisch-syntaktischen Zusammenhang genügen, um zumindest die Einsicht zu offenbaren, dass die Beziehung, in die Schiller die beiden Begriffe ‚Mensch‘ und ‚Spiel‘ zueinander setzt, keine derart einseitig legitimierende ist. Ganz im Ge- genteil: In Schillers System ist es zunächst der Begriff des ‚Menschen‘, von dem aus definiert wird, was in seinem Sinne überhaupt richtigerweise ‚Spiel‘ genannt werden kann:

„Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“[2]

Wenn der Begriff des ‚Spiels‘ in Friedrich Schillers ästhetischen Schriften über- haupt eine so zentrale Rolle spielte, wie es ihre populäre Zuspitzung suggeriert, dann handelte es sich dabei keineswegs um eine ludologische Anthropologie, sondern um eine anthropologische Ludologie. Tatsächlich aber verdeckt der zumindest in der populären Rezeption dominante ‚Spiel‘-Begriff das Spannungsfeld zwischen zwei Konzepten, die als Grenzpfosten den Kern der schillerschen Ästhetik markieren, und aus denen im schönen Prozess des Spiels menschliche Freiheit hervorgehen kann. Es sind die gegeneinander positionierbaren Konzepte von heteronomer ‚Natur‘ und autonomer ‚Vernunft‘.

Anliegen, Aufgabe und Ziel dieser Arbeit ist es, exegetisch nachzuvollziehen, wie die Spannungsverhältnisse zwischen diesen beiden Konzepten von Schiller innerhalb seines Systems der Ästhetik ausgeleuchtet, entwickelt und philosophisch nutzbar gemacht werden, wie sie bereits innerhalb seines naturästhetischen Konzeptes auftauchen, und wie sich zwischen ihnen schließlich jenes gegenseitige Geflecht verbindet, das in dezidiert anthropologischem Kontext den Gedanken des Idealschönen gebiert.

Der Untersuchungsgegenstand, auf diese Weise begriffen, ist vorrangig formalistischer Art. Einen besonderen Raum räumt diese Arbeit deshalb auch dem Bemühen ein, die gedanklichen Strukturen des schillerschen ästhetischen Modells nachzuvollziehen, offenzulegen, oder zu rekonstruieren.

Ausdrücklich nur am Rande soll in diesem Zusammenhang auf die kantische Provenienz des gedanklichen Materials eingegangen werden. Dies ist dadurch gerechtfertigt, dass zwar besonders zu Beginn der schillerschen Überlegungen eine, und hier explizite Auseinandersetzung mit der Ästhetik Immanuel Kants stattfindet, diese Auseinandersetzung aber schon von ihrem Beginn an sowohl als Weiterentwicklung wie als kritischer Gegenentwurf angelegt ist. Freilich: Stets bleiben auch im Fortgang kantische Unterscheidungen und Kategorien im ‚Spiel‘ und im Wortsinne fundamental für das ästhetische Gebäude Schillers. Doch je intensiver Schiller sich mit der Frage nach der Ästhetik auseinander- setzt, und je stärker die Bedeutung eines holistischen Menschenbild für die Be- antwortung dieser Frage wird, desto deutlicher tritt die Emanzipation vom äs- thetischen Entwurf Kants zu Tage. Dieser Umstand soll sogleich in der ersten Annäherung an den naturästhetischen Entwurf Schillers erhellen.

II. Der dialektische Kern der Vorstellung von Natur- schönheit als Freiheit in der Erscheinung

An den Anfang seiner Untersuchungen zu Ästhetik stellt Schiller den - nach sei- nem eigenen Urteil gesprochen, sicherlich geglückten - Versuch der Objektivie- rung des ästhetischen Urteils am Gegenstand der Natur[3] -Schönheit. Dieser Ver- such ist einer, der sich explizit gegen das kantische Urteil von der reinen Subjek- tivität des Geschmacksurteiles darüber, was als der Schönheit zugehörig be- trachtet werden könne, absetzen, die Ästhetik in den Raum des Sinnlich- Objektiven verlagern will.[4] ‚Schönheit‘ liegt nach Schiller deshalb nicht etwa schon dann vor, wenn das Subjekt ein „uninteressiertes Wohlgefallen“[5] bei der tatsächlichen oder gedanklichen Vorstellung eines Objektes empfindet. Schön- heit ist, phänomenologisch betrachtet, vielmehr ein durch die Sinne wahr- nehmbares Merkmal eines Objektes, das sich in einer ausdeutenden Vermitt- lung zwischen Rezipient und Gegenstand als sinnlicher Eindruck niederschlägt. Schon in diesem frühen Stadium der schillerschen Ästhetik finden sich, wie es sich für Grundmauern gehört, zwar gut vergraben, die Fundamente jener dia- lektalen Bestimmung der Natur, auf denen auch sein späteres Konzept der anthropologischen Idealschönheit ruht.

Bei der Suche nach dem objektiven Merkmal der Schönheit sind explizit kanti- sche Strukturen anzutreffen, die sich Schiller jedoch umdeutend zu eigen macht und die deshalb auch nach dessen Terminologie und Vorstellung rekonstruiert werden sollen.

Ausgangspunkt des zentralen schillerschen Gedankens ist die Referenzialisie- rung der Natur als dem Erkenntnissubjekt zumindest implizit behauptet Entge- gengesetzes.[6] Unter den möglichen Arten der Bezugnahme des Subjektes auf die Natur ist die Größe ‚Schönheit‘ dort anzusiedeln, wo ein gegenseitiges Ver- hältnis zwischen beiden besteht: wie das Subjekt die Natur leidet, indem es sie vermittels der Sinne wahrnimmt, so verhält es sich der gegenüber der Natur als Rezeptionsinhalt seines sinnlichen Bewusstseins tätig, indem es sie in der Weise ordnet, dass der rezeptive Bewusstseinsinhalt, sofern seine Natur es erlaubt, vermittels vernünftiger Strukturierung unter ein Abstraktum (bei Schiller namentlich das der ‚Verbindungsweise‘) subsummiert wird.[7] Als von der natürlichen Beschaffenheit des Gegenstandes abhängiges Urteil ist ‚Schönheit‘ kein Begriff,[8] sondern dem Bereich der Anschauung zugehörig[9].

Die Grundlage dieser Unterscheidung deutlich zu machen, ist mit Blick auf den weiteren Gang der Argumentation hilfreich: Die Bildung eines Begriffes liegt dort vor, wo die zu begutachtenden Inhalte der Vernunft, wie auch die den Be- griff durch den Stimulus dieser Inhalte aus sich selbst evozierende Vernunft notwendig, d.i. gesetzmäßig statt zufällig mit der Form der Vernunft selbst übereinstimmen.[10] Wäre ‚Schönheit‘ ein Begriff, ließe sich also sagen, dass die sinnliche Wahrnehmung dessen, was am Ende des Prozesses als der ‚Schönheit‘ zugehörig beurteilt wird, die Tätigkeit der Vernunft in der Weise stimuliere, dass der in ihr bereits enthaltene Begriff der ‚Schönheit‘ durch die tätige Verarbei- tung der Rezeption evoziert werde.

Als von natürlicher Beschaffenheit abhängiges Urteil ist ‚Schönheit‘ jedoch kein Begriff, sondern, zumindest was ihre Repräsentanz im Bereich der Vernunft angeht, Gegenstand der Anschauung. Anschauung findet im Gegensatz zur Be- griffsbildung dort statt, wo rezeptive Bewusstseinsinhalte gerade aufgrund ihrer sinnlichen Zugänglichkeit und damit ihrer Zugehörigkeit zum Reich der Natur nur vernünftig begutachtet werden.[11] Finden sich bei einer solchen Begutach- tung Übereinstimmungen der Bewusstseinsinhalte mit der Form der Vernunft, sind diese Übereinstimmungen lediglich zufälliger Art.[12] Einer solchen Überein- stimmung mit der Form der Vernunft bedürfte ein Gegenstand jedoch, wenn er vermittels theoretischer Vernunft als der ‚Schönheit‘ zugehörig beurteilt wer- den sollte.

In der Weise, in der im Bereich der theoretischen Vernunft zufällige Kongruen- zen zur vernünftigen Form angetroffen werden, in der Weise also, in der eine Anschauuung zwar nicht zwar nicht Vernunftmäßigkeit, aber doch Vernunftähn- lichkeit aufweisen kann[13], könne ein sinnlicher Gegenstand ebenfalls der Form der Vernunft ähneln. Für ‚Schönheit’, als dem Bereich der reinen theoretischen Vernunft entrücktes Urteil bedeutet das, dass der natürliche Gegenstand, über den dieses Urteil gesprochen wird, eine solche Beschaffenheit aufweist, die ihn dazu geeignet macht, beim betrachtenden Subjekt den Anschein zu erwecken, er habe seinen Ursprung in der praktischen Vernunft, oder anders gewendet: dass er durch praktische Vernunft bestimmt sei.[14]

Bestimmung durch praktische Vernunft liegt dann vor, wenn lediglich die Form der praktischen Vernunft die Form des Gegenstandes ihrer Bestimmung be- stimmt, alle anderen Arten der Abhängigkeit des Gegenstandes also ausge- schlossen werden können.[15] Dass das zumindest nach kantischer und schiller- scher Vorstellung für den Willen seinen Möglichkeiten entspricht, bedarf eben- so wenig kaum der Erwähnung, wie die Tatsache, dass auch nach allgemeiner Vorstellung eine solche Bestimmung, von einer ausschließlichen ganz zu schweigen, natürlicher Gegenstände durch die praktische Vernunft gänzlich unmöglich ist, weil schon die Tatsache der Zugehörigkeit zur natürlichen (als der materiellen) Welt Heteronomie im Sinne des Satzes vom zureichenden Grunde bedeutet.[16]

[...]


[1] Einzelpublikationen aufzuführen, die diesen Satz in dieser Form verzeichnen, wäre an dieser Stelle ebenso wenig erschöpfend möglich, wie es sinnvoll oder notwendig ist. Es mag deshalb ausreichen, darauf zu verweisen, dass eine einfache Internet-Recherche nach genau diesem Wortlaut zahllose Ergebnisse zu Tage fördert, darunter Seiten, die Werbematerial für Kinderspiele, Artikel über die Entwicklung von Computerspielen, Ankündigungen von Schachturnieren oder Reklame für Ferienhäuser, an die ein Kinderspielplatz angebaut sind, enthalten.

[2] F. Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, S. 62f.

[3] Das von Schiller in seinen Kallias-Briefen verwendete „Natur“-Konzept trägt die eindeutige Konnotation des ausschließlich Materiellen in sich. Das erhellt auch aus F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 37.

[4] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 6.

[5] I. Kant, Kritik der Urteilskraft, [205] B7.

[6] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 12.

[7] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 13.

[8] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 12 u. S. 15

[9] Das lässt sich aus dem unter anderem in F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 13 Gesagten schließen.

[10] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 14f.

[11] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 13.

[12] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 13.

[13] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 15.

[14] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 17.

[15] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 16.

[16] F. Schiller, in: Kallias oder über die Schönheit, S. 17. Das an dieser Stelle bei Schiller zur Autonomie des Naturgegenstandes Gesagte, die gerade in gänzlicher Übereinstimmung mit seiner durch notwendigerweise materiell-heteronomen Natur bestehen soll, wird an dieser Stelle der Arbeit nicht diskutiert, gibt aber, in letzter Konsequenz durchdacht, einen Ausblick auf das axiomatische Problem der Schillerschen Naturästhetik, auf das im Anschluss an die Darstellung des eigentlichen Systems noch eingegangen werden wird.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Dialektik und Synthese in Friedrich Schillers anthropologischer Ästhetik
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Das Schöne und das Gute. Zum Verhältnis von Ästhetik und Ethik bei Kant und Schiller.
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V205344
ISBN (eBook)
9783656316299
ISBN (Buch)
9783656319382
Dateigröße
1086 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dialektik, synthese, friedrich, schillers, ästhetik
Arbeit zitieren
Lukas Rieger (Autor), 2012, Dialektik und Synthese in Friedrich Schillers anthropologischer Ästhetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205344

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