Der französische Philosoph Jacques Derrida war einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Beeinflusst wurde er insbesondere von Edmund Husserl und Martin Heidegger, Emmanuel Levinas, Hegel, Nietzsche, Lévi-Strauss und Ferdinand de Saussure. Sein Denken wurzelt, somit schon angedeutet, vorrangig in der Phänomenologie und dem Strukturalismus. Gerne wird er auch dem Poststrukturalismus zugerechnet. Im Laufe seiner Karriere erstreckten sich seine Tätigkeitsfelder von Sprachphilosophie, Ethik und Politik bis hin zu Literatur- und Kulturwissenschaften. Grundlage all seiner Philosophie ist sein Konzept der différance.
Ziel dieser Arbeit ist es, dieses Konzept aus seiner Entwicklung heraus zu erklären. Dies soll geschehen, indem in erster Linie auf die Zeichen- und Sprachtheorie von Ferdinand de Saus-sure eingegangen wird, dem Mitbegründer der modernen Sprachwissenschaft und des Struk-turalismus. Sie ist Hauptgrundlage und wesentlich für die Entstehung und das Verständnis der différance. Das Modell von Signifikat und Signifikant als zweiseitige untrennbare Zeicheneinheit, einer differenziellen Verweisstruktur, zeigt zugleich die „Einheit“ von Sprache und Denken an und damit seine Relevanz für die Philosophie.
Dabei soll deutlich werden, dass Derridas Aussagen weder, wie oft angenommen, ein Gegen-entwurf, noch eine schlichte Weiterführung zu Saussure sind, sondern zu einer eigenständi-gen, letztlich transzendentalphilosophischen Position führen, die Subjektivität und damit In-telligibilität und Sensibilität erst ermöglicht. Mit der différance, abgeleitet von fr. différence, kreiert Derrida einen Neologismus, der das Verständnis der Differenz radikalisiert und als Bedeutungs- mithin Wahrheitsvoraussetzung erkennen lässt.
Damit bietet sie sich besonders für die Metaphysikkritik an, die Derrida vehement betrieb. Deren Irrtümer und Gewalt prangert Derrida in seinen Werken an und entwickelt, angeregt durch Heidegger, mittels der différance eine Art Anti-Methode: die Dekonstruktion. Auf diese soll aber nur am Rande verwiesen sein. So möchte ich mit vorliegender Arbeit streng bei der Erklärung und Entstehungsgeschichte der différance bleiben, ihren Weg aus der Sprachwissenschaft über die Sprachphilosophie bis hin zu einer Transzendentalphilosophie nachzeichnen und dabei jene Fragen aufwerfen, die mir augenfällig erscheinen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Grundannahmen des Saussureschen Sprachmodells
3. Die Bedeutung der Sprache bei Derrida
3.1. Die Beweglichkeit von Bedeutung
3.2. Beliebigkeit und Zeitlichkeit sprachlicher Zeichen
3.3. Der lineare Charakter des Zeichens
3.4. Die Bedeutung der Sprache für das Subjekt
3.5. Sprache und Schrift
3.6. Die Identität des Zeichens
3.7. Zusammenfassung: Derrida und die Semiologie von Saussure
4. Die différance
4.1. Schrift und Zeichen
4.2. Das Konzept der „Spuren“
4.3. Zeitlichkeit der différance
4.4. Die différance als Instrument der Metaphysikkritik
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und Bedeutung des Konzepts der différance bei Jacques Derrida, indem sie dieses in einen direkten Bezug zur strukturalistischen Zeichen- und Sprachtheorie von Ferdinand de Saussure setzt. Das primäre Ziel besteht darin, Derridas philosophische Position als eine radikale, transzendentalphilosophische Weiterentwicklung des Saussureschen Modells darzustellen und aufzuzeigen, wie die différance als Basis einer Metaphysikkritik fungiert.
- Die semiologische Basis nach Ferdinand de Saussure.
- Die Dekonstruktion der Zeichenidentität und die Bedeutung der „Spur“.
- Die raumzeitliche Dimension der différance als Möglichkeitsbedingung von Denken und Sinn.
- Die Auseinandersetzung mit der abendländischen Metaphysik und der Rolle der Schrift.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Beweglichkeit von Bedeutung
Worum es Derrida konkret geht ist, die Beweglichkeit von Bedeutung. Nach Saussure und seinem strukturalistischen Entwurf erhält ein Zeichen seine Bedeutung immer nur durch die Opposition zu anderen Zeichen, innerhalb eines Systems. Doch Zeichen und Bedeutung ändern sich. Sprache ist lebendig. Sie unterliegt jedoch als System Regeln, die als konstante Rahmen dienen.
Saussure vergleicht die Sprache diesbezüglich mit Schach, denn auch das Schachspiel verfügt über so etwas wie eine Grammatik. Sprache und Schach basieren auf einem System von Regeln. Die Spielfiguren beispielsweise sind Einheiten eines Reglements, eines eigenen Systems, d.h. Gesetzen unterworfen und können nur bestimmte Züge tun. Ändert man nun auch nur eine einzige Regel, ändert sich gleich das ganze System. Analog dazu verhält es sich mit der Sprache: Ändert sich ein einzelnes Zeichen, ändert sich das ganze Zeichensystem.
Man mag den Vergleich wie alle Vergleiche für problematisch halten, für Saussure ist er „am schlagendsten“.
„Hier wie dort hat man vor sich ein System von Werten, und wenn man ist bei ihren Modifikationen zugegen. [...] Zunächst entspricht ein Zustand beim Spiel sehr wohl einem Zustand der Sprache. Der Wert der einzelnen Figuren hängt von ihrer jeweiligen Stellung auf dem Schachbrett ab, ebenso wie in der Sprache jedes Glied seinen Wert durch sein Stellungsverhältnis zu den anderen Gliedern hat. Zweitens ist das System immer ein augenblickliches; es verändert sich von einer Stellung zur anderen. Allerdings hängen die Werte auch und ganz besonders von einer unveränderlichen Übereinkunft ab: nämlich der Spielregel, welche vor Beginn der Partie besteht und nach jedem Zug bestehen bleibt. Diese ein- für allemal anerkannte Regel besteht auch in sprachlichen Dingen; es sind die feststehenden Grundsätze der Semeologie.“[7]
Diese Grundsätze der Semeologie wird Derrida für seine Zwecke radikalisieren, gewissermaßen aufbrechen. Bei seiner Idee der différance wird er über die Entwicklung einer Semeologie hinaus gehen. Auch ihn interessiert das „Zusammenspiel der sprachlichen Einzelheiten“, auch er operiert dabei mit dem Begriff des Spiels, allerdings ist sein Ziel nicht Regel und System von Sprache zu erklären, sondern deren Entstehung zu ergründen, die Bewegung und die Veränderlichkeit von Regeln und das Zusammenspiel des augenblicklichen Systems in seiner ganzen Tragweite aufzudecken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den philosophischen Hintergrund von Jacques Derrida und formuliert das Ziel, die différance als transzendentalphilosophisches Konzept aus der Saussureschen Sprachtheorie herzuleiten.
2. Die Grundannahmen des Saussureschen Sprachmodells: Dieses Kapitel erläutert Saussures Definition der Sprache als zeichenbasiertes System, bestehend aus Signifikant und Signifikat, sowie die Unterscheidung zwischen langue, parole und langage.
3. Die Bedeutung der Sprache bei Derrida: Hier wird die kritische Auseinandersetzung Derridas mit Saussure vertieft, insbesondere im Hinblick auf die Unmöglichkeit einer festen, naturgegebenen Zeichenbedeutung.
3.1. Die Beweglichkeit von Bedeutung: Dieses Kapitel thematisiert die dynamische Natur des Sprachsystems anhand des Schachvergleichs und bereitet die Grundlage für Derridas radikales Verständnis von Bedeutung.
3.2. Beliebigkeit und Zeitlichkeit sprachlicher Zeichen: Fokus auf die prozessuale Qualität der Sprache, in der Zeichen durch ihre Zeitlichkeit und die Abwesenheit eines letzten Ursprungs definiert sind.
3.3. Der lineare Charakter des Zeichens: Analyse der Linearität als Grundsatz der Sprache und deren Konsequenzen für die Struktur syntagmatischer Beziehungen.
3.4. Die Bedeutung der Sprache für das Subjekt: Untersuchung der wechselseitigen Abhängigkeit von Sprache und Subjekt, wobei das Subjekt als Effekt der sprachlichen Struktur verstanden wird.
3.5. Sprache und Schrift: Reflexion über das Spannungsfeld zwischen gesprochener Sprache und Schriftsprache sowie die dekonstruktive Aufwertung der Schrift bei Derrida.
3.6. Die Identität des Zeichens: Erläuterung des sprachlichen Wertbegriffs, der sich rein negativ durch Differenzen innerhalb des Systems konstituiert.
3.7. Zusammenfassung: Derrida und die Semiologie von Saussure: Synthese der kritischen Distanz zwischen der Saussureschen Semiologie und Derridas radikalem Spiel der Differenzen.
4. Die différance: Das Hauptkapitel widmet sich detailliert der Konzeption der différance als systematischem Spiel, das Präsenz und Absenz überschreitet.
4.1. Schrift und Zeichen: Darstellung des neuen Schriftbegriffs (Grammatologie) und der Bedeutung der graphischen Differenz für die Dekonstruktion der Stimmen-Präsenz.
4.2. Das Konzept der „Spuren“: Analyse der Spur als Verweisstruktur, die auf keinen originären Ursprung zurückführbar ist.
4.3. Zeitlichkeit der différance: Untersuchung der raumzeitlichen Struktur (Verräumlichung und Temporisation) der différance als Bedingung der Möglichkeit von Denken und Erfahrung.
4.4. Die différance als Instrument der Metaphysikkritik: Erörterung der différance als Werkzeug, um metaphysische Dichotomien (wie Aktiv/Passiv) zu unterlaufen.
5. Resümee: Zusammenfassende Reflexion über die Ergebnisse der Arbeit, die die différance als notwendigen Schritt zur Überwindung klassischer Metaphysik würdigt.
Schlüsselwörter
différance, Jacques Derrida, Ferdinand de Saussure, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Zeichen, Signifikant, Signifikat, Dekonstruktion, Metaphysikkritik, Spur, Sprache, Schrift, Grammatologie, Transzendentalphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit untersucht das philosophische Konzept der différance bei Jacques Derrida und analysiert dessen Entstehungsgeschichte, insbesondere vor dem Hintergrund der strukturalistischen Sprachtheorie von Ferdinand de Saussure.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Sprachphilosophie, Semiotik, Dekonstruktion, die Kritik der abendländischen Metaphysik sowie die Konzepte von Zeitlichkeit und Differenz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die différance nicht als bloße Weiterführung, sondern als radikale transzendentalphilosophische Umdeutung von Saussures Zeichenmodell zu explizieren und ihre Funktion als „Anti-Methode“ in der Dekonstruktion aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische und komparative Methode, um Derridas theoretische Ansätze gegen die Positionen von Saussure zu spiegeln und dessen philosophische Argumentation nachzuvollziehen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Grundannahmen der Saussureschen Linguistik, die Kritik der Zeichenidentität, das Konzept der „Spur“, die Bedeutung der Schrift gegenüber dem gesprochenen Wort sowie die raumzeitliche Dimension der différance.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind différance, Dekonstruktion, Zeichen, Spur, Metaphysikkritik, Signifikant, Signifikat und Transzendentalphilosophie.
Inwiefern unterscheidet sich Derridas Verständnis von Sprache von dem Saussures?
Während Saussure das Sprachsystem als System von Unterschieden zwar deskriptiv erfasst, postuliert Derrida mit der différance ein dynamisches, ursprungsloses Spiel, das die vermeintliche Stabilität und positive Identität der Zeichen bei Saussure dekonstruiert.
Warum bezeichnet Derrida die différance als „Nicht-Begriff“?
Er tut dies, weil jeder klassische Begriff voraussetzt, dass er innerhalb eines Systems fest definiert ist. Die différance hingegen ist die Bedingung, die solche Begrifflichkeit und Sinnkonstitution erst ermöglicht, sich aber selbst jedem abschließenden Zugriff entzieht.
- Arbeit zitieren
- Marc Niendorf (Autor:in), 2012, Die Genealogie der différance aus dem Saussureschen Zeichenmodell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205372