Zum Präteritumschwund im Ruhrdeutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

72 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Analyse von Präteritum und Präsensperfekt

3. Zum Präteritumschwund

4. Das Ruhrdeutsche

5. Der Gebrauch von Präteritum und Präsensperfekt im Ruhrdeutschen – Die Daten aus Der kleine Prinz / De kleene Prinz

6. Auswertung des Fragebogens zum Präteritum- und Perfektgebrauch

7. Fazit und Ausblick

8. Abbildungsverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang
Anhang 1 – Fragebogen - unausgefüllt
Anhang 2 – die bearbeiteten Fragebögen

1. Einleitung

„Gestern besuchte ich meine Großmutter.“ In einer Unterhaltung zwischen Einheimischen mitten im 'Ruhrpott' könnte dieser harmlose Satz durchaus Anstoß erregen. „Wat sachst du? Gestern hab' ich meine Omma besucht – so heißt dat!“ So könnte eine mögliche, hier natürlich überspitzt dargestellte Reaktion auf die hochdeutsche Aussage aussehen. Der hochdeutsche Satz würde von Sprechern des Ruhrdeutschen dabei keineswegs als ungrammatisch empfunden. Allerdings würde dieser Satz im informellen Rahmen in einer Unterhaltung zwischen zwei Sprechern mit Wurzeln im Ruhrgebiet ungewöhnlich und auffällig wirken. Dabei fällt jedoch nicht nur die Wortwahl für 'Großmutter' auf, sondern auch die Wahl des Tempus. Undokumentierten Unterhaltungen zwischen dem Verfasser und Sprechern des Ruhrdeutschen zufolge ist der Gebrauch des Präteritums für Erzählungen aus dem Alltagsleben sehr unüblich.[1]

Daher wird mit dieser Arbeit der Versuch unternommen, der Tempuswahl für Vergangenheitsbezüge im Ruhrdeutschen auf den Grund zu gehen. Die Daten dafür entnehme ich dem Roman De kleene Prinz von Antoine de Saint-Exupéry in der ruhrdeutschen Übertragung von Rainer Henselowsky.[2] Zum Vergleich ziehe ich die hochdeutsche Übersetzung des Romans durch Grete und Josef Leitgeb heran. Mir ist bewusst, dass diese Herangehensweise nicht unproblematisch ist. Immerhin ist die ruhrdeutsche Übertragung des Romans ein Kunstprodukt und spiegelt nur bedingt die Sprachwirklichkeit im Ruhrgebiet wider, nicht notwendig die tatsächlich mündlich realisierte Ruhrgebietssprache. Allerdings ergibt sich durch das Nebeneinanderstellen der hochdeutschen und der ruhrdeutschen Fassung die Möglichkeit des direkten Vergleichs des Gebrauchs von Perfekt und Präteritum. Mit authentischen Daten gesprochener Sprache wäre dies nicht oder nur mit erheblichen Umständen, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden, möglich. Zudem erfreuen sich Übertragungen von Erzählungen in verschiedenste Mundarten sowie Bücher, die humoristisch Mundarten besprechen, derzeit großer Beliebtheit.[3] Das Bewusstsein für die verschiedenen Varietäten des Deutschen scheint beim Laienlinguisten angekommen zu sein und die entsprechenden Werke werden angenommen. Dies lässt darauf schließen, dass sie trotz ihres Kunstproduktcharakters einen gewissen Authentizitätsanspruch haben.

Ehe ich mich den Daten widme, werde ich im zweiten Kapitel zunächst die Semantik des Präsensperfekts[4] und des Präteritums nach Rothstein (2007) analysieren. Darauf aufbauend folgt ein möglichst kurzer Überblick über das Phänomen des Präteritumschwundes anhand der Forschungen von Dentler (1997) und Abraham und Conradie (2001). Dentlers Forschungen gehen zwar zurück bis ins Mittelhoch- und Frühneuhochdeutsche, in der Einleitung zu ihrer Arbeit Zur Perfekterneuerung im Mittelhochdeutschen (1997) heißt es jedoch bereits: „Es ist ein noch nicht beendeter Prozess, dessen Auswirkungen in vielen Varietäten des heutigen Deutsch immer noch zu beobachten ist.“ (Dentler 1997, S. 4)[5] Dies akzeptierend werde ich mich nicht näher mit Dentlers Beobachtungen zur Perfekterneuerung in der Schriftlichkeit des oberdeutschen mittelhochdeutschen/frühneuhochdeutschen Sprachgebrauchs befassen, sondern direkt zum mündlichen Sprachgebrauch des Ruhrdeutschen übergehen.

Wie bereits angedeutet, widmet sich das darauf folgende vierte Kapitel dann dem Ruhrdeutschen an sich. Dabei wird es geografisch und sozial eingeordnet und seine Eigenarten (oder auch eben Uneigenarten) hervorgehoben.

Im Anschluss an diesen theoretischen Teil folgt dann die die quantitative und qualitative Auswertung der Daten aus den beiden Versionen des Kleinen Prinzen. Damit nicht schon die schiere Datenmenge den üblichen Umfang einer Seminararbeit wie dieser übersteigt, beschränke ich mich jeweils auf die ersten drei Kapitel des Romans. Dabei soll die Grundannahme, basierend auf intuitiven Beobachtungen des Alltagsruhrdeutschen, nämlich dass fast ausschließlich im Präsensperfekt erzählt, berichtet und 'gequatscht' wird, belegt werden, indem einzelne Aussagen der beiden Versionen gegenüber gestellt werden. Dies ist selten Satz für Satz möglich, da es sich bei der Übertragung ins Ruhrdeutsche keinesfalls um eine Wort-für-Wort-Übersetzung handelt. Vielmehr hat Henselowsky den Grundgehalt der hochdeutschen Aussage entnommen und ihn ins Ruhrdeutsche 'verpackt', was offenbar für einen natürlicheren Eindruck des Ruhrdeutschen nötig ist. Schon beim ersten Lesen der Fassung von Henselowsky erkennt jedoch wahrscheinlich selbst jeder Laienlinguist, dass das Präsensperfekt klar dominiert.[6] Daher habe ich es mir zur Aufgabe gemacht herauszufinden, in welchen Fällen im Ruhrdeutschen das Präteritum und in welchen das Präsensperfekt genutzt wird. Denn auch wenn das Präsensperfekt dominiert und weite Teile der Erzählung in diesem Tempus verfasst sind, tauchen doch immer wieder Präteritumsformen auf.

Um meine Ergebnisse aus der Analyse der beiden Romananfänge zu untermauern und zu prüfen, habe ich mich entschlossen eine Umfrage mittels eines Fragebogens unter Sprechern des Ruhrdeutschen zu machen. Dabei sollten die Befragten aus einzelnen Wörtern, allesamt unflektiert, einen sinnvollen Satz bilden. Als Hinweis für die Ereigniszeit findet sich in den Beispielen in den meisten Fällen ein Zeitadverbial mit Vergangenheitsbezug. Die Ergebnisse werde ich im Detail in Kapitel sechs auswerten und mit den Analyseergebnissen zu den Romananfängen vergleichen.

Abschließend erfolgt ein Fazit mit einem Ausblick auf mögliche Konsequenzen der Ergebnisse und Anreize für weitere Forschungen. Denn eine verhältnismäßig kleine Arbeit wie die vorliegende kann ein solch komplexes Thema mit Bezügen auf den Präteritumschwund, Varietäten des Deutschen und das Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit natürlich nur anreißen.

2. Die Analyse von Präteritum und Präsensperfekt

Um dem Präteritumschwund auf den Grund zu gehen, macht es Sinn sich zu verdeutlichen, wie Präteritum und Präsensperfekt überhaupt „funktionieren“. Damit ist allerdings nicht die Bildung dieser Tempora in einem Satz gemeint, sondern was sie eigentlich bedeuten und welche Bedeutungsbereiche sie abdecken (können). Dieses Kapitel stützt sich vollkommen auf Rothstein (2007). Erläuterungen und Beispiele sind fast alle dieser Arbeit entnommen. Daher wird lediglich bei wörtlichen Zitaten und Übernahmen auf detaillierte Quellennachweise zurückgegriffen. In seiner Arbeit werden nicht nur diese beiden, sondern alle Tempora des Deutschen ausführlich vorgestellt und ihre Bedeutungsbereiche sorgfältig dargestellt. Seine Ausführungen zu den Tempora des Deutschen stützen sich auf Klassiker der Tempusforschung wie Reichenbach (1947) und Klein (1994). Von den Grundlagen dieser Arbeiten ausgehend entwickelt Rothstein (2007) eine eigene Interpretation der Tempora und stellt diese nachvollziehbar, übersichtlich und vor allen Dingen handlich dar, sodass sich diese Arbeit hervorragend für einen einleitenden Teil wie dieses Kapitel eignet. Zudem lassen sich die Interpretationen des Präsensperfekts und des Präteritums sehr gut nebeneinander stellen und vergleichen, ein weiterer Vorteil für die vorliegende Arbeit.

Um der Semantik der beiden Tempora auf den Grund zu gehen, versuche ich an dieser Stelle der Argumentation von Rothstein (2007) zu folgen, nicht unmittelbar Bedeutsames für mein Thema auszulassen, ohne dabei lückenhaft zu werden.

Die Semantik des Präteritums erscheint auf den ersten Blick simpel. So lässt uns der Satz

(1) Paul war 1991 das erste Mal an der Nordsee.

wissen, dass eine Person namens Paul aus heutiger Perspektive, dem Sprechzeitpunkt (S), vor rund zwanzig Jahren das erste Mal in seinem Leben die Nordsee besucht hat, was wiederum die mit (E) bezeichnete Ereigniszeit darstellt. Der Satz lokalisiert das Ereignis, den Besuch an der Nordsee, eindeutig vor der Sprechzeit. Schwieriger wird es allerdings wenn die Sätze und dargestellten Inhalte komplexer werden, wie (2) zeigt:

(2) Wir kamen über die Autostrada nach Florenz, das in einem breiten Tal lag.

(Rothstein 2007: 37, wiederum nach Wunderlich 1970: 139)

Hier zeigt sich die Komplexität des Präteritums. Denn dieser vollkommen grammatische Satz beschreibt nicht nur das Ereignis der Fahrt über die Autobahn nach Florenz, sondern auch, dass die Stadt in einem Tal lag. Unser Weltwissen, d.h. unsere Kenntnisse von den Gesetzmäßigkeiten, nach denen das Leben und die Welt üblicherweise verläuft, sagt uns allerdings, dass Florenz sicherlich nicht nur zu diesem Zeitpunkt in einem breiten Tal lag, sondern es mit sehr großer Wahrscheinlichkeit immer noch tut und auch weiterhin tun wird. Schließlich wechseln Städte unter normalen Umständen nicht ihren Standort. Gemeint ist in diesem Nebensatz also nicht, dass Florenz lediglich zu dem Zeitpunkt, an dem die Autostrada befahren worden ist, in einem breiten Tal lag. Das Präteritum in (2) wird nicht nur durch den Umstand eines Ereignisses, das vor der Sprechzeit situiert ist, ermöglicht, sondern offenbar auch durch den Kontext. „Es ist in der Literatur oft die Meinung vertreten worden, das Präteritum lokalisiere eine Ereigniszeit (E) vor der Sprechzeit (S), die von einem bestimmten Zeitpunkt aus betrachtet werde […].“ (Rothstein 2007: 37) Für (2) ist demnach nicht ausschlaggebend, was es wirklich mit der lokalen Situierung von Florenz auf sich hat, sondern allein die Tatsache, dass das Bestehen von Florenz in einem breiten Tal zum Zeitpunkt des Befahrens der Autostrada festgehalten wird. Florenz lag, liegt und wird auch in Zukunft in einem Tal liegen. „Das Präteritum lag schneidet aus diesem Zeitspektrum einen bestimmten Zeitpunkt heraus, der in diesem Fall in der Vergangenheit liegt. Damit wird ein Beobachterzeitpunkt geliefert.“ (Rothstein 2007: 38) Nach einem kurzen Umweg drückt Rothstein (2007) diesen Beobachterzeitpunkt mit dem Reichenbachschen Terminus Referenzzeit (R) aus. Mit den eingeführten Termini (E), (S) und (R) ergibt sich für das Präteritum folgende Bedeutung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Rothstein 2007: 39

Zwar entspricht die Reichenbachsche Referenzzeit (R) hier nicht in vollem Umfang ihrer ursprünglichen Bedeutung, für unsere Zwecke soll die Deutung, dass (R) der Zeitpunkt ist, relativ zu dem (E) situiert wird, genügen.

Widmen wir uns mit diesen Termini nun dem Präsensperfekt. Grundlage für die folgenden Ausführungen bildet erneut Rothstein (2007), insbesondere die Seiten 48 bis 57. Da die Termini größtenteils bereits eingeführt sind, werde ich für die Analyse des Präsensperfekts gleich mit der Bedeutung des Präsensperfekts nach Rothstein (2007) beginnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Rothstein 2007: 55.

Neu ist in dieser Abbildung die Perfektzeit (PZ), die durch das Präsensperfekt an sich eingeführt wird. Dieses Zeitintervall, welches mit seit abfragbar ist, lässt sich an folgenden Beispielen gut verdeutlichen.

(3) a. *Wie lange entdeckte Hans die Formel (schon)?

b. Wie lange hat Hans die Formel (schon) entdeckt?

(nach Rothstein 2007: 50)

Während (3) a ungrammatisch ist, ist die Frage im Präsensperfekt vollkommen grammatisch. Denn das Präsensperfekt verändert die Aktionsart des Verbs und führt einem zeitlich andauernden Zustand ein, in dem der Endzustand, der durch das Verb erreicht worden ist, andauert. Hier ergibt sich nun allerdings ein Problem mit dem Reichenbachschen Ansatz, da „[s]eit-Adverbiale […] nämlich nur mit nicht-durativen Eventualitäten möglich [sind], wenn sie in einem der Perfekttempora verwendet werden. Im Präsens sind Achievements[7] im Gegensatz zu den anderen Aktionsarten nicht durch seit modifizierbar.“ (Rothstein 2007: 50)

Wie sich dies äußert, zeigen folgende Beispiele:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit einem Perfekttempus wie dem Präsensperfekt ist (7) allerdings grammatisch.

(8) Seit 1970 hat Hans fünf neue Formeln entdeckt. (ebd.)

Das Perfekt führt offensichtlich ein Zeitintervall ein, in dem die Entdeckungen stattgefunden haben. Denn „[ s ] eit muss sich auf einen Zeitraum beziehen, aber entdecken liefert keinen solchen. Seit kann sich also nicht auf auf die Ereigniszeit entdecken beziehen. Alternativ kann sich seit auf den Perfektzustand beziehen, der sich über einen gewissen Zeitraum erstreckt und somit durativ ist. Der Perfektzustand tritt ein, sobald die im Präsensperfekt ausgedrückte Eventualität zu Ende ist.“ (Rothstein 2007: 50f) Bezieht sich seit 1970 nun auf den Perfektzustand, müsste dieser beginnen, sobald das Ereignis endet, also sobald alle fünf Formeln entdeckt worden sind. Es ist allerdings sehr viel wahrscheinlicher, dass die fünf Entdeckungen in einem viel längeren Zeitraum stattfanden. Offenbar ist das durch das Perfekt eingeführte Zeitintervall anderer Natur als der Perfektzustand. Diesen bezeichnet Rothstein (2007) als Perfektzeit (PZ). Dieses Zeitintervall mit einer linken und rechten Grenze (LG und RG) ist losgelöst von (R ), da sonst Aussagen wie

(9) Ich habe dich immer geliebt. Aber nun geht es nicht länger mit uns.

(nach Rothstein 2007: 54)

nicht möglich wären. Zudem kann (E) unter derartigen Umständen (PZ) auch komplett ausfüllen. Der Pfeil in Abbildung 2 bedeutet lediglich, dass (R ) nach vorn verschoben werden kann, um futurale Bedeutungen wie in der Aussage

(10) Wenn Du (in zwei Wochen) aus der Klinik zurückkommst, haben wir Deine Wohnung bereits renoviert. (nach Rothstein 2007: 52)

ebenfalls abzudecken.

Nebeneinander gestellt zeigen die Bedeutungen von Präteritum und Präsensperfekt, wie nahe sich die beiden Tempora semantisch sind. Der eigentliche Unterschied besteht lediglich darin, dass die Referenzzeit im Präsensperfekt nicht vor (S) liegt. Hinzu kommen die nicht zu unterschätzenden Vorteile, dass das Präsensperfekt mit einer grammatischen Form gleich mehrere Bedeutungsbereiche (temporal als auch perfektiv) abdecken kann. Daher erscheint es nur logisch und ökonomisch[8], gerade in der gesprochenen Sprache vermehrt auf die Formen des Präsensperfekts zurück zu greifen. Nun, da die semantische Nähe von Präteritum und Präsensperfekt dargestellt ist, widme ich mich dem Phänomen des Präteritumschwundes, das in Rothstein (2007) lediglich kurz angerissen wird, ehe ich zum Ruhrdeutschen übergehe

3. Zum Präteritumschwund

Der Präteritumschwund im Deutschen (Oberdeutschen) und anderen Sprachen ist ein sehr komplexes und in der Forschung kontrovers diskutiertes Phänomen, das Linguisten bereits seit langer Zeit und andauernd beschäftigt. Aufgrund der Komplexität der Thematik und den unterschiedlichen Forschungsansätzen beschränkt sich dieses Kapitel der Arbeit auf die Ergebnisse (inklusive Herleitungen soweit nötig) von Dentler (1997) und Abraham und Conradie (2001), wobei das Hauptaugenmerk auf den Ergebnissen von Abraham und Conradie (2001) liegt, da Dentler (1997) sich ausschließlich auf Schriftdokumente des Alt- und Mittelhochdeutschen bezieht und nur wenig Bezug zur gegenwärtigen Sprechsprache des Gesamtdeutschen hat.

Dentler (1997) geht zu Beginn ihrer Arbeit von folgenden Hypothesen aus:

- 1b. Es handelt sich um einen durch grammatische Entlehnung ausgelösten Prozess, der vor allem durch den engen und kulturell kontinuierlichen Kontakt der Bevölkerung des bairischen Sprachraums mit ihren romanischen Nachbarn im Süden zustandekommt. (Dentler 1997: 15)
- 2b. Der Prozess nimmt bereits zu Beginn der mhd. Periode seinen Anfang in der gesprochenen Sprache, obwohl der Präteritumgebrauch in der Schreibsprache durch die Macht der Tradition davon nur wenig beeinflusst wird. […] Es ist ein gradueller Prozess, bei dem Perfektformen, die bereits zu Anfang der mhd. Periode einem voll ausgebildeten Anterioritätstempus angehören, ganz allmählich und unauffälig in für das Präteritum typische Funktionsbereiche einsickern. Gefördert wird dieser Prozess durch [die analytische und regelmässig-durchsichtige Bildungsweise des Perfekts und die „zweckmäßige Einsparung“ einer funktionell weniger leistungsfähigen Verbform, wie dies das Präteritum aufgrund von Homonymien und Verworrenheit im Konjugationssystem der starken Flexion geworden ist.] (ebd., Einfügung entnommen aus 2a. derselben Seite.)

Der dazugehörige Forschungsstand, auf den sie sich stützt, ist zu weiten Teilen mit der Ausgangslage der Arbeit von Abraham und Conradie (2001) identisch, die diese in einem Nachtrag ab Seite 127 auflisten. Die folgende Tabelle zeigt den Forschungsstand sehr übersichtlich. Es wird in dieser Arbeit jedoch nicht genauer auf die einzelnen Erscheinungen eingegangen, da diese lediglich Begleiterscheinungen und/oder den Präteritumschwund fördernde, jedoch nicht allein ihn auslösende Faktoren sind. Beispielhaft dafür ist die Schwaapokope, die von Dentler (1997) und weiteren Vorläufern in der Forschung als nicht unwesentlichen Auslöser des Präteritumschwundes gewertet wird. Abraham und Conradie (2001) zeigen gleich zu Beginn ihrer Arbeit, wie diese Apokope und der daraus resultierende Zusammenfall von Präsens- und Präteritumsformen des Mittelhochdeutschen keineswegs dafür sorgten, dass Schreiber des Mittelhochdeutschen sich in die Perfektperiphrase flüchteten, um Verständnisprobleme durch identische Formen in Präteritum und Präsens zu vermeiden. (s. Abraham & Conradie 2001: 4f) Dennoch tun sie dieses und die in der Übersicht erwähnten Phänomene nicht als unbedeutend für den Präteritumschwund ab. Trotz ihres ganz eigenen Ansatzes, zu dem ich gleich kommen werde, werten sie sie als für den Präteritumschwund im Oberdeutschen förderliche Erscheinungen im Sprachsystem.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Abraham & Conradie: 128.

Abraham und Conradie (2001) verfolgen mit ihrem Ansatz, der auch das südafrikanische Afrikaans und das Jiddische miteinbezieht, eine Theorie des Präteritumschwundes auch im Oberdeutschen, der unabhängig von slawischen und romanischen Spracheinflüssen ist, wie er teilweise noch von Dentler (1997) verfolgt wird. Stattdessen wenden sie sich von rein syntaktischen und phonologischen möglichen Auslösern ab und der Diskursgrammatik zu. Einig sind sie sich jedoch darin, dass es Verbformen gibt, bei denen der Präteritumschwund eine Ausnahme zu machen scheint. Dazu gehören vorwiegend die Auxiliar- und Modalverben, wie auch Rothstein (2007) resümierend festhält. (s. Rothstein 2007: 48) Dies ist jedoch gerade bei den Modalverben nicht verwunderlich. Schließlich bildet das Prädikat in einem Satz mit Modalverb wie

(11) Er möchte sie besuchen.

bereits eine periphrasistische Klammer, die der Form des Präsensperfekts nicht unähnlich ist. Inwiefern dies bedeutend ist, zeigen die folgenden Ausführungen zur Arbeit von Abraham und Conradie (2001).

Um die Tragweite des Präteritumschwundes im Deutschen zu verdeutlichen, thematisieren sie zunächst das Parsing, die „analytische Verarbeitung sprachlichens Materials in dessen linearer Abfolge – d.h. so wie die einzelnen Wörter mit ihrer morphosyntaktischen Befrachtung das Ohr oder das Auge (bzw. den fühlenden Finger) erreichen.“ (Abraham & Conradie 2001: 60) Dafür bedienen sie sich des Kartenstapelmodells, das die Informationsverarbeitung anhand von drei Kartenstapeln symbolisiert. Auf dem ersten Stapel landen bei der linearen Informationsaufnahme und -verarbeitung bereits identifizierte und zugeordnete Themata. Auf dem zweiten Stapel werden noch nicht identifizierte Rhemata abgelegt. Der dritte Stapel dient zur Zwischenlagerung aufgenommener, aber aufgrund fehlender grammatischer Schlüssel noch nicht auf Stapel I ablegbare Informationen. (s. Abraham & Conradie 2001: 61f für detailliertere Erläuterungen dieses Modells) Schlüsselpunkt dieses Modells sind der zweite und dritte Stapel. Denn je eher Rhemata identifiziert und Themata mit den nötigen grammatischen Schlüsselwörtern in Verbindung gebracht sind, um beides auf Stapel I „ablegen zu können“, desto schneller und unkomplizierter ist die Informationsverarbeitung. Je eher im Satz also das vollständige Prädikat, das zumeist Dreh- und Angelpunkt der Bedeutung eines Satzes ist, bekannt ist, desto einfacher das Verständnis. Dies gilt besonders für die gesprochene, bzw. gehörte Sprache, da diese im Gegensatz zur geschriebenen Sprache nicht jederzeit erneut gelesen werden kann. Nun bevorzugt aber insbesondere die gesprochene Sprache das periphrasistische Perfekt (vgl. Abraham & Conradie 2001: 58 unter Bezugnahme auf Gersbach). Dies ist eigentlich eine Erschwernis für die Informationsverarbeitung, daher unpraktisch und wenig ökonomisch. Daher muss der aus dem Präsensperfekt resultierenden Satzstruktur eine besondere Bedeutung zukommen.

Diese sehen Abraham und Conradie durch die Diskursprominenz des Deutschen bedingt. (s. Abraham & Conradie 2001: 78) Laut Abraham und Conradie lassen sich die Thema-Rhema-Identifikation und somit die Diskursfunktionalität direkt aus der Satzstruktur ablesen. (s. Ebd: 75) Dabei liegt „[d]er Normalakzent im deutschen Satz auf dem tiefsten eingebetteten Satzglied in VP; dies muß das Satzglied unmittelbar vor V0 sein. […] Der Normalakzent im Satz identifiziert das Rhema […].“ (ebd.) Da das bedeutungstragende Verb zumeist das Rhema trägt, ist die Satzstruktur des Präsensperfekts SVfinOVinfin für die Thema-Rhema-Identifikation funktionaler als bei der Satzstruktur zum Beispiel des Präteritums SVO. Und „es ist gerade die Öffnung zwischen Vfin und Vinfin, welche die Unterscheidbarkeit zwischen TH- und RH-Information sichert. Bei SVO ist dies erst gar nicht möglich.“ (Abraham und Conradie 2001: 77) Denn in diesem neu eröffneten Raum können wortartabhängige und akzentuelle Unterscheidungen zwischen Thema und Rhema eingebracht werden.

Demnach ist der Präteritumschwund also gar nicht wirklich eine Vorliebe der gesprochenen Sprache für das Präsensperfekt an sich, sondern ist der Vorliebe zur Diskursfunktionalität geschuldet. Zur Stützung ihres Ansatzes verweisen Abraham und Conradie (2001) darauf, dass das Deutsche mit der tun- Periphrase diesen Mechanismus ebenfalls realisiert. Und selbst im Afrikaans, das sie ähnlich diskursdominiert sehen wie das Deutsche, finden sich starke Parallelen. (s. Abraham und Conradie 2001: 79) Auch die oben erwähnten Modalverben, die vom Präteritumschwund nicht oder kaum betroffen sind, können als Greifen dieses Mechanismus gewertet werden. Dabei betonen sie jedoch wiederholt, dass nicht auszuschließen ist, dass auch soziolinguistische Faktoren den Präteritumschwund speziell im Oberdeutschen mitbestimmt haben.

Nun da geklärt ist, wie ein Eindringen des Präsensperfekts in vormals nur dem Präteritum mögliche semantische Bereiche möglich ist und das Themenfeld der Gründe für den Präteritumschwund zumindest angerissen und vielleicht grob umrissen worden ist, wende ich mich dem Ruhrdeutschen zu – zunächst allgemein auf Grundlage von Arend Mihm (1997), im Anschluss speziell mit dem ruhrdeutschen Text De kleene Prinz (2008) und der Umfrage.

4. Das Ruhrdeutsche

Nach landläufiger Meinung ist das Ruhrdeutsche

noch immer das rauhe, aber herzliche Idiom, das von den einfachen Menschen in Hütte und Bergbau gesprochen wird und das sich von anderen Regionalsprachen dadurch unterscheidet, daß es nicht aus einer einheitlichen Wurzel stammt, sondern durch die Sprachvermischung der einwandernden Völkerscharen hervorging. (Mihm 1997: 19)

Dass es sich hierbei um einen Mythos handelt, erscheint recht eindeutig. Schließlich ist das Ruhrdeutsche immer noch präsent, obwohl Stahlindustrie und Bergbau nicht mehr die zentralen Arbeitgeber der Region sind. Hinzu kommt, dass als typisch angesehene und großräumig verbreitete Sprachmerkmale nicht mit dem punktuellen Zuzug von Gastarbeitern begründet werden können. (vgl. Mihm 1997: 23) Zudem lässt sich das Ruhrgebiet weder geographisch noch politisch genau einordnen. Es ist viel mehr „eine zusammenhängende städtische Siedlungszone des 19. und 20. [und auch 21.] Jahrhunderts mit hohem Industrialisierungsgrad und interner Mobilität, in der sich allmählich ein überstädtisches Bewußtsein für die gemeinsame Geschichte und Kultur entwickelt.“ (Mihm 1997: 21) Meiner Meinung nach hat sich besonders das überstädtische Bewusstsein der Region weiterentwickelt, was sich in dem gemeinsamen Kulturhauptstadtjahr, Institutionen wie dem Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum und Autoren wie Frank Goosen zeigt, die in vielen ihrer Werke eine Art Lebensgefühl des Ruhrgebiets repräsentieren (möchten). Dennoch ist es problematisch, für solch eine schwierig zu definierende Region eine gemeinsame Mundart zu definieren. Denn bereits zwischen der gesprochenen Sprache des westlichen und des östlichen Ruhrgebiets gibt es Unterschiede. Mihm (1997) zeigt mit seiner Auflistung ausgewählter Merkmale des Ruhrdeutschen im westlichen Ruhrgebiet jedoch recht deutlich, was dem Ruhrdeutschen zu eigen ist und was nicht.

[...]


[1] Das bedeutet allerdings nicht, dass sie das Präteritum überhaupt nicht nutzen. Im Gegenteil, viele Sprecher sind sich ihrer sprachlichen Register bewusst und setzen sie, mit all ihren Unterschieden in Lexik, Syntax und Tempuswahl, gezielt ein. Im vierten Kapitel werde ich unter Bezugnahme auf Arend Mihm (1997) genauer auf diesen Aspekt eingehen.

[2] Rainer Henselowsky ist in Essen geboren und lebt immer noch dort. Es ist daher davon auszugehen, dass er das Ruhrdeutsche wirklich verinnerlicht hat und es vermutlich auch pflegt. Siehe Henselowskys Kurz-Vita: http://www.mundartverlag.de/verlag/autoren/henselowsky.html

[3] Siehe zum Beispiel die mundartlichen Versionen der Asterix-Comics oder Komma lecker bei mich bei: Kleines Ruhrpott-Lexikon (2009) von Hennes Bender.

[4] Mit diesem Begriff werde ich das Tempus, das allgemeinsprachlich als Perfekt bekannt ist, bezeichnen, um es vom perfektiven Zustand eines Ereignisses, wie er für die späteren Analysen notwendig sein wird, abzugrenzen.

[5] Perfekterneuerung und Präteritumschwund beschreiben in gewisser Weise zwar unterschiedliche Prozesse, im Grunde genommen aber das selbe Resultat, nämlich, dass das Präsensperfekt nach und nach das Präteritum als Erzähltempus verdrängt/ersetzt. Im folgenden werde ich dem Begriff Präteritumschwund den Vorzug geben.

[6] Die Zahlen der quantitativen Auswertung der Daten sprechen da eine sehr deutliche Sprache. Siehe dazu Kapitel 5.

[7] Für gewöhnlich werden vier Aktionsarten festgehalten, nach denen Verben kategorisiert werden können: Zustand, Aktivität, Accomplishment und Achievement. Diese lassen sich durch eine Fragenbatterie unterscheiden. Siehe Rothstein 2007: 8 – 14 für eine detailliertere Einführung in die Aktionsarten des Deutschen.

[8] Ökonomie ist hier nicht im Sinne von Sprachokönomie zu verstehen. Es geht nicht darum artikulatorischen Aufwand zu minimieren oder Ähnliches. Es ist eine rein logische Überlegung, dass Sprecher des Deutschen sich die grammatischen Formen des Präteritums weitestgehend „sparen“ können, wenn sie dafür und noch vieles mehr die Formen des Präsensperfekts nutzen können.

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Zum Präteritumschwund im Ruhrdeutschen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Temporalität
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
72
Katalognummer
V205405
ISBN (eBook)
9783656329831
ISBN (Buch)
9783656334989
Dateigröße
1699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Präteritumschwund, Perfektexpansion, Ruhrdeutsch, Tempus, Aspekt
Arbeit zitieren
Tim Stobbe (Autor), 2011, Zum Präteritumschwund im Ruhrdeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205405

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zum Präteritumschwund im Ruhrdeutschen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden