Diese Arbeit untersucht, ob der oft als oberdeutsch bezeichnete Präteritumschwund auch im gesprochenen Deutsch des Ruhrgebiets zu finden ist. Dafür vergleicht sie die hochdeutsche und die ruhrdeutsch-dialektale Fassung des Romans "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Analyse von Präteritum und Präsensperfekt
3. Zum Präteritumschwund
4. Das Ruhrdeutsche
5. Der Gebrauch von Präteritum und Präsensperfekt im Ruhrdeutschen – Die Daten aus Der kleine Prinz / De kleene Prinz
6. Auswertung des Fragebogens zum Präteritum- und Perfektgebrauch
7. Fazit und Ausblick
10. Anhang
Anhang 1 – Fragebogen - unausgefüllt
Anhang 2 – die bearbeiteten Fragebögen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Präteritumschwunds im Ruhrdeutschen, insbesondere das Verhältnis zwischen dem Präteritum und dem Präsensperfekt als Erzähltempus. Anhand eines Vergleichs zwischen der hochdeutschen Fassung und der ruhrdeutschen Übersetzung des Romans "Der kleine Prinz" sowie einer begleitenden Umfrage wird analysiert, inwieweit das Präsensperfekt das Präteritum in der gesprochenen Sprache der Region verdrängt hat.
- Semantische Analyse von Präteritum und Präsensperfekt
- Theoretische Grundlagen des Präteritumschwunds
- Soziolinguistische Einordnung des Ruhrdeutschen
- Quantitative Auswertung von Romanübersetzungen
- Empirische Untersuchung des Sprachgefühls mittels Fragebögen
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Gestern besuchte ich meine Großmutter.“ In einer Unterhaltung zwischen Einheimischen mitten im 'Ruhrpott' könnte dieser harmlose Satz durchaus Anstoß erregen. „Wat sachst du? Gestern hab' ich meine Omma besucht – so heißt dat!“ So könnte eine mögliche, hier natürlich überspitzt dargestellte Reaktion auf die hochdeutsche Aussage aussehen. Der hochdeutsche Satz würde von Sprechern des Ruhrdeutschen dabei keineswegs als ungrammatisch empfunden. Allerdings würde dieser Satz im informellen Rahmen in einer Unterhaltung zwischen zwei Sprechern mit Wurzeln im Ruhrgebiet ungewöhnlich und auffällig wirken. Dabei fällt jedoch nicht nur die Wortwahl für 'Großmutter' auf, sondern auch die Wahl des Tempus. Undokumentierten Unterhaltungen zwischen dem Verfasser und Sprechern des Ruhrdeutschen zufolge ist der Gebrauch des Präteritums für Erzählungen aus dem Alltagsleben sehr unüblich.
Daher wird mit dieser Arbeit der Versuch unternommen, der Tempuswahl für Vergangenheitsbezüge im Ruhrdeutschen auf den Grund zu gehen. Die Daten dafür entnehme ich dem Roman De kleene Prinz von Antoine de Saint-Exupéry in der ruhrdeutschen Übertragung von Rainer Henselowsky. Zum Vergleich ziehe ich die hochdeutsche Übersetzung des Romans durch Grete und Josef Leitgeb heran. Mir ist bewusst, dass diese Herangehensweise nicht unproblematisch ist. Immerhin ist die ruhrdeutsche Übertragung des Romans ein Kunstprodukt und spiegelt nur bedingt die Sprachwirklichkeit im Ruhrgebiet wider, nicht notwendig die tatsächlich mündlich realisierte Ruhrgebietssprache. Allerdings ergibt sich durch das Nebeneinanderstellen der hochdeutschen und der ruhrdeutschen Fassung die Möglichkeit des direkten Vergleichs des Gebrauchs von Perfekt und Präteritum. Mit authentischen Daten gesprochener Sprache wäre dies nicht oder nur mit erheblichen Umständen, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden, möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Tempuswahl im Ruhrdeutschen und Darlegung der methodischen Vorgehensweise anhand von Romanvergleichen.
2. Die Analyse von Präteritum und Präsensperfekt: Darstellung der semantischen Bedeutungen von Präteritum und Präsensperfekt auf Basis theoretischer Grundlagen der Tempusforschung.
3. Zum Präteritumschwund: Erörterung der sprachwissenschaftlichen Diskussion über den Präteritumschwund, insbesondere mit Fokus auf Ansätze von Dentler sowie Abraham und Conradie.
4. Das Ruhrdeutsche: Geografische und soziale Einordnung der Mundart sowie Beschreibung charakteristischer Sprachmerkmale.
5. Der Gebrauch von Präteritum und Präsensperfekt im Ruhrdeutschen – Die Daten aus Der kleine Prinz / De kleene Prinz: Quantitative und qualitative Analyse der Tempusverwendung in den ersten drei Kapiteln der beiden Romanfassungen.
6. Auswertung des Fragebogens zum Präteritum- und Perfektgebrauch: Präsentation und Diskussion der Ergebnisse der durchgeführten Umfrage zur Tempuswahl unter Sprechern des Ruhrdeutschen.
7. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Identifikation von Ansätzen für weiterführende Forschungsarbeiten.
10. Anhang: Sammlung des für die Untersuchung verwendeten Fragebogens sowie der ausgefüllten Exemplare durch die Probanden.
Schlüsselwörter
Ruhrdeutsch, Präteritumschwund, Präsensperfekt, Präteritum, Sprachwandel, Tempus, Diskursprominenz, Sprachwirklichkeit, Romanübersetzung, Empirische Untersuchung, Sprachgebrauch, Mundart, Sprachökonomie, Verbformen, Sprachgefühl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des sogenannten Präteritumschwunds innerhalb der ruhrdeutschen Sprachvarietät und erforscht, wie Sprecher Vergangenheitsbezüge bilden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der Semantik der deutschen Zeitformen, den theoretischen Erklärungsansätzen für den Präteritumschwund sowie einer empirischen Analyse des Sprachgebrauchs im Ruhrgebiet.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, ob und in welchem Ausmaß das Präsensperfekt das Präteritum als Erzähltempus im Ruhrdeutschen ersetzt hat.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit verwendet einen korpusbasierten Vergleich zwischen zwei Romanversionen sowie eine empirische Befragung mittels eines Fragebogens unter 19 Sprechern des Ruhrdeutschen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Tempora und des Präteritumschwunds erörtert, gefolgt von einer linguistischen Einordnung des Ruhrdeutschen und der konkreten Datenauswertung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Kernbegriffe sind Ruhrdeutsch, Präteritumschwund, Präsensperfekt, Sprachwandel, empirische Untersuchung und Diskursprominenz.
Gibt es Ausnahmen bei der Verwendung des Präteritums im Ruhrdeutschen?
Ja, die Untersuchung zeigt, dass das Verb "sein" auch im Ruhrdeutschen weiterhin bevorzugt im Präteritum verwendet wird, was im Gegensatz zum Präteritumschwund bei anderen Verben steht.
Inwiefern beeinflusst der "Kunstcharakter" des untersuchten Romans die Ergebnisse?
Der Autor merkt an, dass die ruhrdeutsche Romanfassung ein bewusstes Produkt ist und daher nicht zwingend die spontane, mündliche Umgangssprache vollständig repräsentiert, was durch die begleitende Umfrage validiert werden soll.
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- Tim Stobbe (Author), 2011, Zum Präteritumschwund im Ruhrdeutschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205405