Die intermedialen Bezüge zwischen Gottfried von Straßburgs Tristan-Stoff und der musikalischen Umsetzung von Richard Wagner


Hausarbeit, 2011

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Faszination für das Werk Wagners und das Ausblenden von Bezügen zwischen dem Stoff und der musikalisch-dramatischenForm

2. Zur Entstehung und stofflicher Herkunft von Richard Wagners Oper Tristan und Isolde

3. Das theoretische Liebesideal im Tristan-Roman Gottfrieds von Straßburg und in Richard Wagners Oper Tristan und Isolde

4. Zur Rolle der musikalischen Gestaltung am Beispiel des Todesmotivs

5. Das Wagner‘sche Gesamtkunstwerk – Kein Platz für intermediale Bezüge?

6. Literaturverzeichnis

1. Die Faszination für das Werk Wagners und das Ausblenden von Bezügen zwischen dem Stoff und der musikalisch-dramatischen Form

An Richard Wagners Werk Tristan und Isolde ist schon vieles herausgearbeitet worden, viele Interpretationen und Meinungen wurden in den annähernd 150 Jahren seit der Uraufführung des Werks in München 1865 geäußert. Nietzsche spottete vielfach über den „[…] vorgeblich ‚tiefen‘ mythischen Gehalt der Wagner’sche Musikdramen“[1], während Freud von einem „ozeanischen Gefühl“ spricht.[2] Andreas Dorschel beschreibt den Tristan als ein Werk, indem es „am wenigsten […] um Charakteristik der Personen […]“[3] geht sondern in welchem die Musik im Vordergrund steht. Die Musik wiederum ziele auf die Auflösung der Individualität – der Tristan ist für Dorschel kein „Psychogramm“, sondern nur „Gleichniss der alluniversalsten Thatsachen“[4]. Ausgehend von diesen Zitaten – alle schon mehr als hundert Jahre alt – lässt sich zweifelsohne feststellen, dass über eine Besonderheit des Wagner’sche Tristans eine gewisse Einigkeit besteht; sei es nun im eher kritisierenden, negativen Ton wie bei Nietzsche oder in Anerkennung besonderer Verdienste um Musik und Kunst, wie bei Adorno und anderen zu hören beziehungsweise zu lesen. Überraschend ist angesichts der unvorstellbaren Textmengen, die über Wagner und seine Werke publiziert wurden und publiziert werden aber der Befund, dass die Auseinandersetzung mit Wagners Bezugsquellen, mit seinen Quellen, nicht überall erschöpfend stattgefunden hat. So finden sich zu Tristan zwar ganze Sammlungen von Aufsätzen und Monographien, die die musikalische Seite in den Fokus rücken. Auch die Textseite, das Zusammenspiel von Stoff und Wagner’sche Text werden berücksichtigt: Doris Rosenband hat bereits in den 70ern einzelne Motive und Textstellen des Gottfriedstoffs, der Wagner vorlag, mit Stellen des Musikdramas verglichen. Von Peter Wapnewski gibt es essayistische Auseinandersetzungen mit der Entstehungsgeschichte, die Parallelen zwischen Wagners Biographie und dem literarischen Leben von Tristan und Isolde aufzeigen können. Hingegen ergibt eine Nachfrage nach den intermedialen Beziehungen, nach dem warum und wie der Übertragung in musikalische Form und noch mehr nach der Qualität und der Beschaffenheit dieser Tristan-Transformation unter Berücksichtigung seiner stofflichen Quelle, kaum eine befriedigende Antwort.

2. Zur Entstehung und stofflicher Herkunft von Richard Wagners Oper Tristan und Isolde

Peter Wapnewski weißt ganz zu Beginn seiner Monographie über „Tristan“ als Held Richard Wagners darauf hin, dass Wagner selbst gegenüber Mathilde Wesendonck gesagt haben soll, dass „die Kunst ein großer Frevel“[5] sei. Kunst als Frevel – verkürzt auf diese Formel erscheint der Tristan in seiner Entstehungs- und Aufführungsgeschichte als Beispiel dafür, wie Wagners künstlerisches Streben keineswegs über Frevel erhaben ist. Frevel erkennt Wapnewski in seinen essayistischen Ausführungen auch in der versuchten Erneuerung des Mythos durch Wagner. Will sagen: Die „neue Tragödie“[6] Wagners, die durch Konzentration auf den privaten Raum nach kurzer Beschreibung der Entfaltung von zwei Menschen vor allem deren Zerstörung beschreibt.[7] Der Tristan-Stoff mit der „Elementargewalt Liebe“[8], die den Helden nebst seiner Frau aus der Welt treibt, hinein in eine andere – wobei die wirkliche Welt weiterhin besteht. Für Wapnewski ist der Tristan-Roman des Mittelalter „der Versuch […] die Grenzen seiner selbst zu erkunden und sich aufzuheben“[9]. Statt den Forderungen ihrer Zeit und Gesellschaft gerecht zu werden, entscheiden sich die Liebenden für ein Leben in einer anderen Welt und für den Tod in der Welt, an die sie sich nicht anpassen wollen und können.[10] Die ausführliche und, laut Wapnewski, vollendete Darstellung dieses im mittelalterlichen Tristan-Stoff angelegten Deutens von Liebe als Tod und Tod als Erlösung und Rettung hat erst Wagner dargestellt.

Nach Danielle Buschinger bedient sich Wagner zwar germanischer wie nordischer Mythologie – aber „er geht mit frei um“.[11] Die Grundlagen für seine Bearbeitungen hat Wagner aber schon frühzeitig geschaffen. Zwischen 1842 und 1849, also sogar vor jenen Berührungen mit befreundeten und bekannten Literaten und Komponisten wie Schumann, die oftmals als Befruchter Wagners gelten, hat Wagner in Dresden die mittelalterlichen Quellen gesammelt.[12] In seiner Bibliothek besaß er die Editionen von Gottfrieds Roman von von der Hagen und von Maßmann, die mittelalterlichen Fortsetzungen von Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg sowie englische und französische Werke aus dem Kreis des Tristan-Stoffs. Zudem lag Wagner die Übersetzung von Hermann Kurtz vor.[13] Konkrete Motivation für den Beginn am Tristan ist 1854 die Feststellung Wagners, „im Leben nie das eigentliche Glück der Liebe genossen [zu haben].“[14]„Diesem schönsten aller Träume noch ein Denkmal zu setzen“ ist also der Antrieb Wagners – und nicht etwa ein auf dem Stoff selbst basierendes mediävistisches Interesse.

[...]


[1] Andreas Dorschel: Die Idee der Einswerdung in Wagners Tristan. In: Heinz-Klaus Metzger, Rainer Riehn (Hrsg.): Richard Wagner. Tristan und Isolde (= Musik-Konzepte 57/58, 1987). S. 3-45, hier: S. 3.

[2] Ebd.

[3] A. a. O. S. 5.

[4] Nietzsche zitiert nach Dorschel, S. 5.

[5] Peter Wapnewski: Tristan der Held Richard Wagners. Berlin 1981. S. 9.

[6] A. a. O., S. 25.

[7] Vgl. a. a. O., S. 25.

[8] A. a. O., S. 66.

[9] A. a. O., S. 67.

[10] Vgl. a. a. O., S. 67.

[11] Danielle Buschinger: Das Mittelalter Richard Wagners. Würzburg 2007. S. 98.

[12] Vgl. a. a. O., S. 98f.

[13] Vgl. Ulrich Müller: „Er sah mir in die Augen“. Tristan und Isolde, Götterdämmerung. In: Ulrich Müller, Oswald Panagl (Hrsg.): Ring und Gral. Texte, Kommentare und Interpretationen zu Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, „Tristan und Isolde“, „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Parsifal“. Würzburg 2002. S.332 – 338, hier S. 332.

[14] Vgl. Buschinger, S. 100.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die intermedialen Bezüge zwischen Gottfried von Straßburgs Tristan-Stoff und der musikalischen Umsetzung von Richard Wagner
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Literaturgeschichte 2: Tristan-Dichtungen des deutschen Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V205411
ISBN (eBook)
9783656320234
ISBN (Buch)
9783656327042
Dateigröße
752 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tristan, Gottfried von Straßburg, Gottfried, Wagner, Richard Wagner, Tristan und Isolde, Intermedialität, Tristan-akkord
Arbeit zitieren
Maximilian Frisch (Autor), 2011, Die intermedialen Bezüge zwischen Gottfried von Straßburgs Tristan-Stoff und der musikalischen Umsetzung von Richard Wagner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205411

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die intermedialen Bezüge zwischen Gottfried von Straßburgs Tristan-Stoff und der musikalischen Umsetzung von Richard Wagner



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden