Art und Funktion der Prozessdarstellung in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Biographischer und werkgeschichtlicher Kontext
2. Zur journalistischen und literaturwissenschaftlichen Rezeption
3. Figurenanalyse
4. Inhaltsanalyse
4.1 Themen des Romans
4.2 Raum- und Zeitkonzeption
5. Stilistik
6. Narrativik

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der Roman Der Vorleser reiht sich mit einem seiner Hauptstoffe, nämlich der Rechtsprechung und insbesondere der Darstellung eines Prozessverlaufs, in eine lange Tradition in der deutschen Literatur ein. Über die Jahrhunderte hinweg finden sich prominente Werke dieser Thematik in allen Gattungen und aus unterschiedlichsten Blickwinkeln. Häufig haben die Verfasser selbst ein Jurastudium absolviert oder sogar im Berufsfeld des Juristen praktiziert.[1] Goethe schreibt in seiner autobiographischen Erzählung Dichtung und Wahrheit über diese Affinität der Dichtung zur Jurisdiktion:

„Ging man […] in die Reichsverfassung und die von denselben handelnden Schriften zurück, so war es auffallend, wie der monströse Zustand dieses durchaus kranken Körpers […] gerade den Gelehrten am meisten zusagte. Denn der ehrwürdige deutsche Fleiß […] fand hier einen unversiegenden Anlass zu immer neuer Beschäftigung“.[2]

Franz Kafkas Prozess ist im aktuellen Bildungskanon sicher das bekannteste Werk, dessen Autor biographisch beide Professionen miteinander verknüpft . Auch der Autor Bernhard Schlink hat eine juristische Berufsbahn durchlaufen und Kenntnisse und Erfahrungen dieses Berufsfeldes in seiner Literatur verarbeitet. Der Vorleser nimmt innerhalb der themenverwandten Literatur und auch innerhalb von Schlinks eigenem Schaffen vor allem durch zwei Aspekte eine Sonderstellung ein: Zum Ersten gehört er zu den Werken der Postmoderne, die bereits nach wenigen Jahren der Rezeption in der Fachliteratur als kanonisch angesehen werden.[3] Zum Zweiten stellt Schlinks eindeutig fiktive, literarische Umsetzung des Themas Nationalsozialismus, eines bis dahin im deutschen Raum fast ausschließlich dokumentarisch verarbeiteten Stoffes, eine Besonderheit dar. Die fiktive Komposition hat zu Kritik am Roman geführt, eröffnet jedoch für die Literaturwissenschaft ein großes Arbeits- und Interpretationsfeld.

Unter der Fragestellung, auf welche Weise Schlink einen zentralen Apparat des Rechtssystems, nämlich den Prozess, literarisch umsetzt, und welche Funktionen dieser durch die Art der Darstellung für den Roman erfüllt, untersucht die vorliegende Arbeit den Zweiten Teil des Romans.[4] Dabei finden die Kapitel 1, 10, 12, 14 und 15 weniger Berücksichtigung, da sie nicht unmittelbar den Prozessverlauf schildern. Die den einzelnen Kapitelpunkten zugeordneten Untersuchungsaspekte orientieren sich an dem von Schneider in seinem Standartwerk vorgestellten analytischen Instrumentarium.[5] Da diese Aspekte häufig nicht völlig isoliert vom Gesamtroman betrachtet werden können, geht einer Analyse des Zweiten Teils in der Regel bei jedem Kapitelpunkt eine möglichst knappe, allgemeine Darstellung voraus. Es kann jedoch nicht Ziel dieser Arbeit sein, den Roman als Ganzes zu analysieren und zu interpretieren, da dieses Vorhaben aufgrund der Komplexität des Werks den Rahmen der Untersuchung bei weitem sprengen würde.

II. Hauptteil

1. Biographischer und werkgeschichtlicher Kontext

Betrachtet man den Vorleser im Kontext von Schlinks bisherigem Werk, so zeigen sich zahlreiche formale und inhaltliche Übereinstimmungen. Neben Essays, Reden und Sachtexten zu juristischen Fragestellungen beschränkt sich Schlinks literarisches Schaffen auf die Prosa und noch spezifischer fast ausschließlich auf den Roman.[6] Eine Ausnahme dieser starken Beschränkung stellt die Geschichtensammlung Liebesfluchten aus dem Jahr 2000 dar. Schlinks Autorenideal zeigt sich unter anderem in dieser Konzentration auf eine so populäre Gattung: „Deutsche Autoren schreiben weniger für ihre Leser als für ihre Kritiker. Was uns fehlt, […] sind spannende Geschichten, die den Leser zugleich mit wichtigen, interessanten Problemen konfrontieren“.[7]

Nahezu alle zentralen Themen der anderen großen Prosawerke Schlinks, nämlich des Gordischen Knoten (1988) und der Kriminalroman-Reihe um den Detektiv Gerhard Selb, lassen sich mit denen des Vorlesers in Beziehung setzen. Selbs Beruf aktiviert die juristische Dimension der Erzählung, die auch den zweiten Teil des Vorlesers bestimmt und im Hinblick auf Schlinks beruflichen Werdegang sicher auch autobiographisch bedingt ist.[8] Auch in Selbs Universum ist die NS-Zeit in der Vergangenheit des Protagonisten präsent und wie im Vorleser ist „[d]as eigentlich Aufregende […] nicht die Lösung des Falles, sondern der innere Konflikt“ der Hauptfigur.[9] Identitätsfindung, die Fragwürdigkeit tradierter Ansichten und das Problem der emotional nicht mehr fasslichen Vergangenheit finden sich als Thema im Kriminalroman wieder, wenn Selb sagt: „Die Vergangenheit war darüber zur Abstraktion geworden“.[10] Auch der Gedanke, Hannas Gewaltbereitschaft mit dem Lügen über ihren Analphabetismus zu verknüpfen, findet in Selbs Betrug bereits seine Entsprechung in der Frage der Hauptfigur, ob „alle Morde begangen werden, um Lebenslügen zu retten“.[11] Die gordische Schleife (1988) thematisiert bereits Verschriftlichung als Bewältigungs- und Lösungsversuch, und wie im Vorleser wird diese Technik vom Protagonisten in Frage gestellt: „Dann merkte ich, wie unsere Geschichte mir entglitt“.[12] Die im Vorleser in der Darstellung des Gerichtsapparates anklingende Kritik am Rechtssystem ist das zentrale Thema in Selbs Betrug, dem zweiten Roman der Krimi-Reihe. In diesem Band tritt auch bereits die Frage nach der Unterscheidung von Schuld nach ethischem und rechtlichem Maßstab auf, die ebenso im Vorleser von Bedeutung ist. Sie findet sich beispielsweise in der Gegenüberstellung von Hannas juristischer und moralischer Schuld mit der rein moralischen Schuld Michaels wieder, der sich als schuldig empfindet, „weil er Hanna durch sein Schweigen verraten hat“[Verweis finden].

2. Zur journalistischen und literaturwissenschaftlichen Rezeption

Die Aufnahme des Vorlesers in der Presse war beinahe ausschließlich positiv. Zahlreiche nationale und internationale Preisverleihungen bezeugen die Popularität des Romans in der Öffentlichkeit.[13] Demgegenüber hat sich die deutsche Literaturwissenschaft noch kaum mit dem Werk auseinandergesetzt. Heigenmoser weist darauf hin, dass die meisten Beiträge in kurzen Aufsätzen oder Passagen bestehen, eigene Monographien zum Roman jedoch selten seien. Die meisten der kurzen Beiträge äußerten sich „kritisch – oder auch nur polemisch“ zu Schlinks Werk, ohne jedoch diese Kritik literaturwissenschaftlich zu begründen.[14] Sehr ergiebig sind hingegen Kösters Untersuchung in der Reihe der Oldenburg-Interpretationen, Heigenmosers eigene Erläuterungen und Dokumente sowie Moraldos Beitrag im Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur.[15] Als wichtige, noch nicht ausreichend untersuchte literaturwissenschaftliche Aufgabenfelder sieht Heigenmoser die intertextuellen Bezüge des Werkes sowie die zum Ausdruck kommende Kritik an der Praxis der KZ-Prozesse an. Mit dem zweiten Punkt wird sich die vorliegende Arbeit unter anderem beschäftigen.

3. Figurenanalyse

Das Figurengeflecht des Romans zeigt eine klare Fokussierung auf die beiden Protagonisten Michael Berg und Hanna Schmitz. Das Gefälle zwischen Haupt- und Nebenfiguren ist daher hoch und einige der Nebenfiguren, vor allem im familiären Bereich, weisen typisierte Züge auf, beispielsweise der ernste, distanzierte Vater, die fürsorgliche Mutter, oder der streitsüchtige Bruder.[16] Da die Hauptfiguren im Gegensatz dazu jedoch sehr ausführlich charakterisiert werden, nehmen Handlung und Figurengestaltung einen annähernd gleich wichtigen Status ein, es handelt sich also weder um eine eindeutige novel of character noch um eine eindeutige novel of action.[17] Drei Punkte sollen durch die Figurenanalyse herausgestellt werden: (1) Die ungleiche Kapitalstruktur Hannas und Michaels, die sich jedoch durch die Folgen der Verurteilung überraschenderweise annähert. (2) Die in der Komposition implizierte Gerichtskritik, sowie (3) die Faktoren der Sympathielenkung im Bezug auf Hannas Figur.

Pierre Bourdieu nennt fünf Kategorien des Kapitals, die die Position des Individuums im sozialen Raum bestimmen. Wichtig im Bezug auf Hanna und Michael sind vor allem die des kulturellen und sozialen Kapitals.[18] Das kulturelle Kapital tritt in drei Erscheinungsformen auf. In objektivierter Form zeigt es sich in den Einrichtungsgegenständen und der Bibliothek der Familie Berg: „Ihr Blick tastete alles ab, die Biedermeiermöbel, den Flügel, die alte Standuhr, die Bilder, die Regale mit den Büchern“.[19] Im Gegensatz dazu steht Hannas Wohnung ohne Gegenstände von künstlerischem, literarischem oder ästhetischem Wert. Michaels kulturelles Kapital in institutionalisierter Form besteht in seinem erfolgreichen Besuch eines humanistischen Gymnasiums, sowie der Aufnahme eines Studiums der Rechtswissenschaften. Hannas Bildungsgang in Siebenbürgen wird nicht näher beschrieben, kann jedoch nicht von hoher Qualität gewesen sein, da sie Analphabetin ist, obwohl sie – wie sich im Lauf des Romans zeigt – die Anlagen besitzt, Lesen und Schreiben zu lernen. Im Bezug auf die inkorporierte Form kulturellen Kapitals - der Kategorie, die sämtliche Erfahrungs- und Erkenntnisbereiche vereint - weisen beide Hauptfiguren Defizite auf: Hanna hat sich infolge ihres Analphabetismus keine umfassende Allgemeinbildung aneignen können, Michael konnte keine Einsichten in die unmittelbare deutsche Vergangenheit erhalten, da ihm sein Umfeld die Kommunikation hierzu verweigert. Beide Figuren bekommen durch den Prozess und seine Folgen die Möglichkeit, diese Defizite auf dem Bereich des inkorporierten Kapitals auszugleichen. Michael schlägt, nach der Auflösung seines Schockzustandes, einen beruflichen Weg ein, bei dem er sich auf eine identitätsfördernde Weise mit der Vergangenheit auseinandersetzen kann; Hanna lernt im Schutz und der Isolation der Gefangenschaft Lesen und Schreiben. Überraschenderweise ermöglicht Hannas Verurteilung, eigentlich ein Anlass zur Abnahme ihres symbolischen Kapitals (Ehre, Ansehen und Autorität in der Gesellschaft) also die Möglichkeit zur Erarbeitung kulturellen Kapitals. Und auch das symbolische Kapital Hannas nimmt in der Gefangenschaft paradoxerweise zu, da sie, wie die Wärterin berichtet, unter den Gefangenen „besonderes Ansehen“ und Autorität besitzt.[20] Trotz dieser Annäherung der beiden Kapitalstrukturen erinnert die Komposition an das historische und populäre Thema der Mesalliance, den „herkunfts- bzw. habitusbedingten Liebeskonflikt“. Dieser entstünde dann im Fall von Hanna und Michael aus den Gegensatzpaaren jung-alt, wohlhabend-ärmlich, klassischer Bildungsgang-ungewisse und dürftige Bildung.

Auch die Unterschiede in Bezug auf das soziale Kapital der Hauptfiguren sind im Ersten und Zweiten Teil des Romans stärker als zu der Zeit von Hannas Gefangenschaft. Bei der Betrachtung des Figurengeflechts zu Beginn der Erzählung fällt auf, dass der starken sozialen Einbindung Michaels durch Familie, Schule und später Universität Hanna ohne enges Umfeld gegenübersteht. Die einzigen geschilderten Verbindungen Hannas sind das Gespräch mit ihrem Arbeitskollegen in der Straßenbahn sowie ihr Auftreten im Kreis der Mitangeklagten vor Gericht. Über die Art des Gesprächs in der Straßenbahn erfährt der Leser nichts, da der Kollege jedoch nicht mehr auftaucht, liegt es nahe, dass diese Beziehung nicht über den kollegialen Bereich hinausgeht. Hannas Verhalten vor Gericht bewirkt ihre Ablehnung durch die anderen Angeklagten: „hochmütig wirkte [...], daß sie nicht mit den anderen Angeklagten und kaum mit ihrem Anwalt sprach.“[21] Daraus resultiert das Verhalten der Frauen, Hanna im folgenden Prozessverlauf gerne als Hauptverantwortliche für die Verbrechen darzustellen und dadurch sozial zu stigmatisieren: „Sie ist an allem schuld, sie allein, und mit dem Bericht hat sie das vertuschen und uns reinziehen wollen.“[22] Hanna tritt also im Gegensatz zu Michael ohne sozialen Kontext auf, was natürlich inhaltlich aus ihrem Analphabetismus und den Abwehrmechanismen, die sie entwickelt hat, um diesen zu verheimlichen, begründet ist. Michael beschreibt diese Strategien mehrfach und in verschiedenen Ausprägungen, in ausweichender und aggressiver Form.[23] Durch das Lernen von Lesen und Schreiben während ihrer Gefangenschaft wäre es Hanna nach ihrer Freilassung möglich, ohne die Angst vor der Bloßstellung als Analphabetin soziale Kontakte einzugehen. Die Aufarbeitung des Analphabetismus geht jedoch einher mit dem Bewusstwerden ihrer moralischen Schuld, die zu ihrem Selbstmord führt.

[...]


[1] Z.B. Christoph Martin Wieland „Der Prozess um des Esels Schatten“.

[2] Johann Wolfgang Goethe: Dichtung und Wahrheit. Frankfurt a. M. 2010. S. 550.

[3] Vgl.: Ralf Georg Bogner: Deutsche Literatur auf einen Blick. 400 Werke aus 1200 Jahren. Darmstadt 2009. S. 10.

[4] Bernhard Schlink: Der Vorleser. Zürich 1997. S. 83-157.

[5] Jost Schneider: Einführung in die Roman-Analyse. 2. Auflage. Darmstadt 2006.

[6] Vgl. Moraldo, Sandro: Bernhard Schlink. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG). Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. München 2002. S. 20.

[7] Moraldo (2002), S. 2.

[8] Studium der Rechtsmissenschaften in Heidelberg und Berlin; Promotion und Habilitation; Professuren für öffentliches Recht in Bonn, Frankfurt und Berlin sowie zwischenzeitlich Richter am Verfassungsgerichtshof Nordrhein-Westfalen.

[9] Moraldo (2002), S. 4.

[10] Ebd.

[11] Moraldo (2002), S. 11.

[12] Schlink (1997), S. 206.

[13] 1997: Premio Grinzane Cavour, Prix Laure Battaillon, Hans-Fallada-Preis. 2000: Evangelischer Buchpreis, Sonderkulturpreis der japanischen Tageszeitung Mainichi Shibun. Vgl. Heigenmoser, Manfred: Erläuterungen und Dokumente. Berhard Schlink Der Vorleser. S. 111

[14] Ebd., S. 113.

[15] Köster, Juliane: Bernhard Schlink, Der Vorleser. In: Oldenbourg Interpretationen, Band 98. Hg. v. Klaus-Michael Bogdal, Clemens Kammler. München 2000. Heigenmoser (2005). Moraldo (2002).

[16] Vgl. Schlink (1997), S. 28-32.

[17] Schneider (2006), S. 20.

[18] Ebd., S. 21.

[19] Schlink (1997), S. 60.

[20] Schlink (1997), S. 196.

[21] Ebd., S. 95.

[22] Ebd., S. 121.

[23] Ebd., S. 40, 54.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Art und Funktion der Prozessdarstellung in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser"
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
HS Seltsame Gerichtshändel
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V205428
ISBN (eBook)
9783656327462
ISBN (Buch)
9783656328001
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
funktion, prozessdarstellung, bernhard, schlinks, roman, vorleser
Arbeit zitieren
Britta Baier (Autor), 2011, Art und Funktion der Prozessdarstellung in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205428

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