Die Rolle Martin Luthers in der Entwicklung der neuhochdeutschen Syntax


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Luthers Verdienst für die deutsche Sprache – eine Meinungsübersicht

3 Luthers sprachliche Umgebung

4 Syntaktische Erscheinungen bei Luther
4.1 Genitivkonstruktionen
4.2 Rahmenkonstruktionen
4.2.1 Der nominale Rahmen
4.2.2 Der prädikative Rahmen
4.2.3 Neue Tempus- und Genusformen
4.2.4 Parataxe und Hypotaxe

5 Die Entwicklung des Nebensatzes
5.1 Pronominal- und Adverbialformen
5.2 Umfang der Nebensätze

6 Die Bedeutung der Interpunktion für die Analyse der Syntax
6.1 Revisionsprobleme bei der Lutherbibel

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Frage nach Martin Luthers Verdienst für die deutsche Sprache beschäftigte schon Generationen von Sprachwissenschaftlern. Inzwischen kann als einhellige Meinung betrachtet werden, dass niemand mehr Luther für den „Schöpfer“ der neuhochdeutschen[1] Schriftsprache hält. Fest steht jedoch auch, dass der Reformator durch die Klarheit und Verständlichkeit seiner Texte ein Vorbild für viele Schreiber seiner Zeit war und die damaligen Grammatiker ihm große Wertschätzung entgegenbrachten (Meiß 1994: 16). Luthers Leistung besteht deshalb vor allem in der erfolgreichen Etablierung von Sprachvarianten zur Herstellung einer bis heute allgemein gültigen Norm. In mühevoller Arbeit und Beratung mit Fachkollegen überarbeitete er in mehreren Revisionen der Bibel verschiedene Varianten bis zur endgültigen Form. Und schließlich sorgte er als erster deutscher Autor dafür, dass Drucker, Setzer und Korrektoren ihrer Eigenmächtigkeit entledigt und zur gewissenhaften Wiedergabe der mit dem Autor vereinbarten Sprachgestalt angehalten wurden (Polenz 1991: 249).

Die Kernfrage der vorliegenden Arbeit wird deshalb nicht sein, ob Luther tatsächlich als Erschaffer der neuhochdeutschen (nhd.) Schriftsprache zu betrachten sei (hierzu soll lediglich das erste Kapitel eine Übersicht verschiedener Meinungen liefern), sondern welche Konstruktionen der modernen Sprache er bereits verwendete und somit auch zu verbreiten und durchzusetzen half. Hierbei wird ausschließlich der Satzbau (Syntax) behandelt, der zahlreiche Phänomene zur sprachlichen Analyse bereithält. Alle untersuchungswürdigen Aspekte aufzunehmen hätte jedoch deutlich den Rahmen dieser Arbeit gesprengt, darum werden nur einige ausgewählte syntaktische Merkmale untersucht und mit Luthers zeitgenössischer sowie moderner Satzbildung verglichen. Als Grundlage hierfür dienen nicht nur Luthers Bibelübersetzungen, sondern auch seine Streitschriften, Fabeln und Briefe. Durch eine Fülle von Beispielen aus diesen Texten liefern Erwin Arndt und Gisela Brandt mit ihrem Werk die Basisliteratur für die syntaktischen Untersuchungen. Das Fazit dieser Arbeit fasst die gewonnenen Erkenntnisse zu einem Gesamteindruck zusammen, ohne sich ein Urteil über Luthers „Verdienst“ für die deutsche Sprache zu erlauben. Wichtiger ist die Analyse und Dokumentation der syntaktischen Entwicklungen aus einer Zeit des Übergangs und Umbruchs – sowohl innerhalb des sprachlichen, als auch des gesellschaftlichen Lebens.

2 Luthers Verdienst für die deutsche Sprache – eine Meinungsübersicht

Wie bereits angedeutet, wird der Einfluss Martin Luthers auf die Formung der neuhochdeutschen Sprache heute deutlich geringer eingestuft als noch im 18. Jahrhundert.

„Unter nahezu jedem Aspekt verbietet es sich, Luther zum Vater der nhd. Schriftsprache zu machen; er steht in Entwicklungszügen, die Jahrhunderte vor ihm eingesetzt, ein Jahrhundert nach ihm einen gewissen Abschluss gefunden haben, doch unter sehr erheblichen Abweichungen von der ‚Luthersprache‘“,

schreibt etwa Schirokauer (1996: 14). Konrad Burdach betont: „In der Formenlehre, in der Wortbildung, in der Syntax (Wortstellung) und im Wortschatz hat Luther keine neue Sprache geschaffen. […] Nur konfessionelle, gutgemeinte, aber kurzsichtige Übertreibung kann Luther den Vater oder Schöpfer der neuhochdeutschen Gemeinsprache nennen.“ (Burdach 1996: 43) Und trotzdem: die sprachliche Wirkung des Reformators auf seine Zeitgenossen gilt als unbestritten (Meiß 1994: 16). Denn besonders in Stilfragen zeichnete sich Luther durch eine Klarheit und Verständlichkeit aus, die selbst seine Kritiker nachzuahmen versuchten.

„Luther ist in der muttersprachlichen Stilistik des 16. Jahrhunderts ein Glücksfall. […] ‚Rhythmus und Klangfarbe seiner Sprache; Assonanz und Alliteration; Auflösung der Abstracta in ihre gegenständlichen Inhalte; die unglaubliche Leichtigkeit, mit der ihm aus einem Begriff gedankliche und sprachliche Assoziationen hervorsprühen; der überwältigende Reichtum der Bilder […]‘; diese rühmende Aufzählung ließe sich […] noch weiter fortsetzen“ (Besch 1999: 22f.)

Auch Meiß schreibt: „Luthers Stellung als Reformator von Kirche und Gesellschaft und seine unumstrittene Sprachkunst verschaffen seiner Sprachniederlegung ein hohes Sozialprestige; das erklärt die hohe Wertschätzung der Luthersprache bei den Grammatikern der Zeit“ (Meiß 1994: 16).

Zu unterscheiden ist jedoch zwischen dem, was er lediglich vermittelte und dem, was er selbst schuf. So war er an der Entwicklung des modernen Lautstandes selbst kaum beteiligt, förderte diese jedoch später durch die Verwendung der neuen Formen in seinen Werken. Im Bereich der Morphologie wird Luther als „Repräsentant einer sprachlichen Übergangszeit“ bezeichnet. So ist eine Reihe von Wortbildungen auf ihn zurückzuführen, gleichzeitig bleibt er etwa im Bereich der Nominalflexion hinter dem modernen Sprachstand zurück (Meiß 1994: 17). In der Syntax strebte Luther vor allem ein festes Regelwerk an, das seinen Zeitgenossen als Vorbild diente. Aber: „Alle syntaktischen Erscheinungen der Luthersprache sind auch im Sprachgebrauch der Vor- und Mitzeit Luthers nachweisbar.“ (Erben 1996: 181). Dies schmälert nach Ansicht Johannes Erbens keinesfalls die sprachgeschichtliche Bedeutung Luthers. Er steht mit den syntaktischen Grundzügen seiner Sprache nicht am Anfang, sondern mitten „in der zur Gemeinsprache drängenden Tradition“: Ich habe keine gewisse, sonderliche, eigene Sprache im Deutschen, sondern brauche der gemeinen deutschen Sprache, daß mich beide, Ober- und Niederländer, verstehen mögen. – so Luther in einer seiner Tischreden. Und dies macht ihn zum „großen Sprachmeister an der Wiege unserer – freilich vor ihm geborenen und nach ihm weiterentwickelten – deutschen Hochsprache“ (Erben 1996: 189).

3 Luthers sprachliche Umgebung

Der in Eisenach geborene Reformator orientierte sich vor allem an der sprachlichen Umgebung, in der er selbst aufwuchs, also am Ostmitteldeutschen[2]. Später lernte er jedoch auch Dialekte aus anderen Gebieten kennen, woraus sich schließen lässt, dass er sich der regionalen Differenzierung innerhalb des deutschen Sprachraumes bewusst war.

„Seine Schreibe wird vor allem vom Omd. geprägt, wobei er aber gegenüber obd. [oberdeutschen] Spracherscheinungen offen bleibt, um in möglichst vielen Teilen des deutschen Sprachraumes verstanden zu werden.“ (Meiß 1994: 17)

In einigen Merkmalen unterschied sich Luther stark von zeitgenössischen Vertretern anderer Mundartlandschaften, etwa der schwäbisch-alemannischen, in denen bei Luther nachgewiesene Flexionstypen wie zum ewigen Recht und die gute Christen nicht gebräuchlich waren (Korhonen 1996: 192). In anderen Bereichen, wie etwa im Gebrauch der Tempusformen, sind Parallelen zwischen den Dialekten nachzuweisen: „Wiewohl Steinhöwel[3] ein Schwabe, Luther ein nach der kursächsischen Kanzlei schreibender Thüringer war, stehen sich doch beide im Gebrauch der Tempusformen sehr nahe“ (Erben 1996: 177). So etwa in der Verwendung des lateinischen Perfekts, zu der eine Untersuchung Frankes (zit. von Erben) mit folgendem Ergebnis vorliegt:

„Nach alledem besteht zwischen St. [Steinhöwel] und L. [Luther] beim Gebrauche der Tempusformen nur der wesentliche Unterschied, daß [sic!] dieser das historische Präsens öfter als jener anwendet. Das aber entspricht ganz Luthers lebhafter Darstellungsweise.“ (Erben 1996: 178)

Daneben sind große Übereinstimmungen der Texte von Luther und dem Nürnberger Meistersinger Hans Sachs nachzuweisen, die auf enge Beziehungen zwischen dem omd. und dem nürnbergischen Raum hindeuten. Aus jenen Parallelen sind noch größere Zusammenhänge zu erkennen. So sieht Erben hierin den Hinweis auf eine sprachgeschichtliche Entwicklung, die im gesamten (zumindest hochdeutschen) Sprachraum zu einem ähnlichen Grundbestand an syntaktischen Erscheinungen geführt hat (Erben 1996: 187).

4 Syntaktische Erscheinungen bei Luther

4.1 Genitivkonstruktionen

Luther stand in der Wahl seines Satzbaus zwischen mittelalterlichem und neuzeitlichem Deutsch. Während einige seiner Konstruktionen bereits sehr modern erscheinen, folgen andere noch dem älteren Sprachgebrauch. Besonders auffällig ist nach Arndt/Brandt die „häufige und vielseitige Verwendung des Genitivs als Objekts- und Attributskasus.“ (Arndt/Brandt 1987: 175). In der Sprachform des 16. Jahrhunderts verlangten bzw. erlaubten wesentlich mehr Verben und Adjektive als heute einen Genitiv, so etwa begern (darin jhr meines berichts begert), lachen (Sondern habe da der großen weisheit mussen lachen), brauchen (so braucht man des worts) oder gefleyßen („Ich hab mich des geflissen jm dolmetschen).

Ebenso regierten den Genitiv die heute nicht mehr gebräuchlichen Verben benugen, gewonen, geschweigen usw., daneben antzeygen brauchen, mißbrauchen, erwartten, gestatten, jamern, mangeln, spotten, vberheben, vergessen, verleugen und die reflexiven Verben sich äußern, sich annehmen, sich vortzeyhen, sich vnterwinden. In Bezug auf die Adjektive sind reich, schuld, schuldig, teilhafftig, vnleydig, wirdig und …sein zu nennen (Arndt/Brandt 1987: 175). Heute wird der Genitiv als Objekt meist durch ein Präpositionalobjekt vertreten. Schon zu Luthers Zeiten deutete sich ein Wandlungsprozess an, in dem der Genitiv mehr und mehr verdrängt wurde. Der Reformator besetzte die damit einhergehenden Leerstellen sowohl mit einem Kasus- als auch mit einem Präpositionalobjekt. Zwischen Genitiv- und Präpositionalobjekt trat dabei in einigen Fällen, wie etwa bei den Verben gedenken und sich erbarmen, eine Konkurrenzsituation auf, bevor sich das Präpositionalobjekt schließlich durchsetzen konnte.

Luthers Schriften dokumentieren daneben die Verdrängung des Genitivs als Attributskasus bei Mengenangaben. Im Sendbrief vom Dolmetschen findet sich neben der alten Form auch die heutige: Er mus dencken an ein fas vol bier / odder beutel vol geldes. Die neuartige semantische Struktur der Mengenangabe, in der die Maßangabe (fas vol,…) als Attribut fungiert und nicht mehr die Stoffbezeichnung (geld, hertz, weyn,…), war Luther durchaus geläufig (Arndt/Brandt 1987: 176).

Im Allgemeinen bevorzugte Luther noch das vorangestellte Genitivattribut, wie in aller welt gewalt, zu yhres redlichen stands erhaltung; und noch ordnung geystlichs rechts [WA[4] 6, 405; 452; 423] oder bei der auch heute noch geläufigen Namensnennung mit Genitiv vor dem semantischen Kernglied, wie in des Luthers buch [WA 30]. Doch auch das nachgestellte Genitivattribut schien ihm eine angemessene Alternative zu sein, wie die Beispiele On des gesetzes werck und Nicht durch die werck des gesetzes [WA 30, 641] zeigen. Die Variante mit von als präpositionale Fügung (das Buch von Luther) findet sich bei ihm jedoch noch nicht. Aus diesem Nebeneinander von alten und neuen syntaktischen Fügungen wuchs erst im Laufe mehrerer Jahrhunderte die neue Form heraus. Das sprachgeschichtliche Verdienst Luthers besteht nicht zuletzt in seiner Aufgeschlossenheit gegenüber allen Neuerungen und dem Mut, diese auch anzuwenden – und somit zu etablieren (Arndt/Brandt 1987: 177).

[...]


[1] im Folgenden mit nhd. abgekürzt

[2] wird im Folgenden mit omd. abgekürzt

[3] gemeint ist Heinrich Steinhöwel (1412-1482/83), deutscher Schriftsteller und Übersetzer u.a. der Fabeln des Äsop, um die es hier geht

[4] Weimarer Ausgabe

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Rolle Martin Luthers in der Entwicklung der neuhochdeutschen Syntax
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Sprachwandeltheorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V205722
ISBN (eBook)
9783656323600
ISBN (Buch)
9783656325673
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachstruktur, Sprachwandel, Sprachgebrauch, Luther, Syntax
Arbeit zitieren
Wiebke Hugen (Autor), 2009, Die Rolle Martin Luthers in der Entwicklung der neuhochdeutschen Syntax, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205722

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