Die Frage nach Martin Luthers Verdienst für die deutsche Sprache beschäftigte schon Generationen von Sprachwissenschaftlern. Inzwischen kann als einhellige Meinung betrachtet werden, dass niemand mehr Luther für den „Schöpfer“ der neuhochdeutschen Schriftsprache hält. Fest steht jedoch auch, dass der Reformator durch die Klarheit und Verständlichkeit seiner Texte ein Vorbild für viele Schreiber seiner Zeit war und die damaligen Grammatiker ihm große Wertschätzung entgegenbrachten (MEIß 1994: 16). Luthers Leistung besteht deshalb vor allem in der erfolgreichen Etablierung von Sprachvarianten zur Herstellung einer bis heute allgemein gültigen Norm. In mühevoller Arbeit und Beratung mit Fachkollegen überarbeitete er in mehreren Revisionen der Bibel verschiedene Varianten bis zur endgültigen Form. Und schließlich sorgte er als erster deutscher Autor dafür, dass Drucker, Setzer und Korrektoren ihrer Eigenmächtigkeit entledigt und zur gewissenhaften Wiedergabe der mit dem Autor vereinbarten Sprachgestalt angehalten wurden (POLENZ 1991: 249).
Die Kernfrage der vorliegenden Arbeit wird deshalb nicht sein, ob Luther tatsächlich als Erschaffer der neuhochdeutschen (nhd.) Schriftsprache zu betrachten sei (hierzu soll lediglich das erste Kapitel eine Übersicht verschiedener Meinungen liefern), sondern welche Konstruktionen der modernen Sprache er bereits verwendete und somit auch zu verbreiten und durchzusetzen half. Hierbei wird ausschließlich der Satzbau (Syntax) behandelt, der zahlreiche Phänomene zur sprachlichen Analyse bereithält. Alle untersuchungswürdigen Aspekte aufzunehmen hätte jedoch deutlich den Rahmen dieser Arbeit gesprengt, darum werden nur einige ausgewählte syntaktische Merkmale untersucht und mit Luthers zeitgenössischer sowie moderner Satzbildung verglichen. Als Grundlage hierfür dienen nicht nur Luthers Bibelübersetzungen, sondern auch seine Streitschriften, Fabeln und Briefe. Durch eine Fülle von Beispielen aus diesen Texten liefern Erwin ARNDT und Gisela BRANDT mit ihrem Werk die Basisliteratur für die syntaktischen Untersuchungen. Das Fazit dieser Arbeit fasst die gewonnenen Erkenntnisse zu einem Gesamteindruck zusammen, ohne sich ein Urteil über Luthers „Verdienst“ für die deutsche Sprache zu erlauben. Wichtiger ist die Analyse und Dokumentation der syntaktischen Entwicklungen aus einer Zeit des Übergangs und Umbruchs – sowohl innerhalb des sprachlichen als auch des gesellschaftlichen Lebens.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Luthers Verdienst für die deutsche Sprache – eine Meinungsübersicht
3 Luthers sprachliche Umgebung
4 Syntaktische Erscheinungen bei Luther
4.1 Genitivkonstruktionen
4.2 Rahmenkonstruktionen
4.2.1 Der nominale Rahmen
4.2.2 Der prädikative Rahmen
4.2.3 Neue Tempus- und Genusformen
4.2.4 Parataxe und Hypotaxe
5 Die Entwicklung des Nebensatzes
5.1 Pronominal- und Adverbialformen
5.2 Umfang der Nebensätze
6 Die Bedeutung der Interpunktion für die Analyse der Syntax
6.1 Revisionsprobleme bei der Lutherbibel
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Martin Luthers Einfluss auf die Entwicklung der neuhochdeutschen Syntax und analysiert, welche syntaktischen Merkmale er in seinen Werken verwendete und durch seine Vorbildfunktion verbreitete.
- Analyse ausgewählter syntaktischer Merkmale bei Martin Luther
- Untersuchung der Verwendung von Genitiv- und Rahmenkonstruktionen
- Entwicklung des Nebensatzgefüges und der Satzklammer
- Bedeutung der Interpunktion und Intonation für das Verständnis von Syntax
- Vergleich von Luthers Sprachgebrauch mit zeitgenössischen Entwicklungen
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Der prädikative Rahmen
Nach dem nominalen Rahmen wird im Folgenden Luthers Umgang mit dem prädikativen Rahmen vorgestellt. Zu Beginn soll eine kurze Definition für Klarheit über diese Form der Satzkonstruktion sorgen:
„Der prädikative Rahmen entsteht durch Expansion und Auseinanderrücken der trennbaren Teile des Prädikats, die damit für den Satz eine Klammer (prädikative Klammer, Satzklammer) bilden. Die finite Verbform, die häufig alle grammatischen Angaben (zu Person, Numerus, Tempus, Genus, Modus) auf sich zieht, steht nach dem ersten Satzglied. Der Rest des Prädikats tritt an das Satzende.“ (ARNDT/BRANDT 1987: 183)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage nach Luthers Rolle bei der Etablierung der neuhochdeutschen Schriftsprache und erläutert den Fokus auf die syntaktische Analyse.
2 Luthers Verdienst für die deutsche Sprache – eine Meinungsübersicht: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene wissenschaftliche Meinungen zur sprachgeschichtlichen Bedeutung Luthers und betont seine Rolle als „Sprachmeister“ innerhalb einer Übergangszeit.
3 Luthers sprachliche Umgebung: Der Text beleuchtet Luthers sprachliche Prägung durch das Ostmitteldeutsche sowie seinen bewussten Umgang mit anderen Dialekten, um eine möglichst breite Verständlichkeit zu erreichen.
4 Syntaktische Erscheinungen bei Luther: Hier werden spezifische grammatikalische Phänomene analysiert, darunter der Genitivgebrauch, verschiedene Rahmenkonstruktionen, neue Tempusformen sowie die Anwendung von Parataxe und Hypotaxe.
5 Die Entwicklung des Nebensatzes: Das Kapitel befasst sich mit der Entstehung der Satzfügung, der Verwendung von Pronominal- und Adverbialformen sowie dem Umfang und der Struktur von Nebensätzen in Luthers Texten.
6 Die Bedeutung der Interpunktion für die Analyse der Syntax: Es wird dargelegt, warum eine Analyse von Luthers Syntax ohne Berücksichtigung der Interpunktion und rhetorischer Aspekte problematisch ist, wobei besonders auf Revisionsprobleme moderner Ausgaben eingegangen wird.
7 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Luther kein Neuschöpfer der Sprache war, aber durch sein Gespür für Verständlichkeit maßgeblich zur Etablierung und Entwicklung der neuhochdeutschen Syntax beitrug.
Schlüsselwörter
Martin Luther, neuhochdeutsche Syntax, Sprachgeschichte, Schriftsprache, Rahmenkonstruktion, Genitiv, Nebensatzentwicklung, Interpunktion, Sprachwandel, Bibelübersetzung, Satzklammer, Sprachgebrauch, Linguistik, Stilistik, Reformator.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Rolle von Martin Luther bei der Entwicklung der neuhochdeutschen Syntax und untersucht, welche syntaktischen Strukturen der Reformator in seinen Texten verwendete.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf Genitiv- und Rahmenkonstruktionen, der Entwicklung des Nebensatzes, der Interpunktion sowie der sprachgeschichtlichen Einordnung von Luthers Werk.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Luthers tatsächlichen Beitrag zur Syntax zu dokumentieren, ohne ihn als alleinigen „Schöpfer“ der deutschen Sprache zu glorifizieren, und dabei seine Bedeutung für die Entwicklung der neuhochdeutschen Norm herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine sprachwissenschaftliche Analyse syntaktischer Merkmale unter Einbeziehung von Basisliteratur wie der Arbeiten von Arndt, Brandt und anderen Sprachforschern sowie Luthers Originaltexten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Syntax, analysiert Nominal- und Prädikatsrahmen, die Verwendung von Hypotaxe und Parataxe sowie die Bedeutung von Zeichensetzung für das Textverständnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Martin Luther, neuhochdeutsche Syntax, Rahmenkonstruktion, Satzklammer, Sprachgeschichte und Interpunktion.
Warum ist die Interpunktion für die Analyse von Luthers Syntax wichtig?
Da Luthers Satzbau oft von modernen Regeln abweicht und rhetorisch für das laute Lesen konzipiert war, dienen die damaligen Zeichen als wichtige Orientierungshilfe für das Verständnis der Informationsstruktur.
Welche Probleme ergeben sich bei der Revision der Lutherbibel?
Moderne Anpassungen der Wortstellung verstoßen oft gegen Luthers musikalische Prinzipien der Prosagestaltung, was dazu führt, dass sich der Rhythmus und der Informationsfluss in modernen Ausgaben verschlechtern.
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- Wiebke Hugen (Autor), 2009, Die Rolle Martin Luthers in der Entwicklung der neuhochdeutschen Syntax, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205722