Tot an der Innerdeutschen Grenze

Umgang und Sichtweise der SED-Diktatur mit den Opfern, eine Fallanalyse am Beispiel von zwei 15jährigen Jungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mauerbau und Errichtung der Innerdeutschen Grenze

3. Der Umgang mit den Opfern des DDR-Regimes
3.1 Die Ereignisse am Nachmittag des 08.12.19.79 bei Benneckenstein im Harz
3.2 Der Maßnahmenplan – Eine gezielte Anleitung zur Vertuschung
3.3 Täuschung, Vertuschung und Kriminalisierung

Der Kampf der SED-Diktatur gegen den Klassenfeind

4. Résumée

Literaturverzeichnis

Quellenangabe

Anhang

Selbständigkeitserklärung

1. Einleitung

„die grenzsoldaten zeichneten sich durch hohe wachsamkeit, entschluzkraft und konsequenz aus.“[1]

So heißt es im Untersuchungsbericht der BV Halle an das MfS Berlin zur Rechtfertigung für den Gebrauch der Schusswaffe, nachdem zwei 15 jähriger Jungen versuchten die Innerdeutsche Grenze zu überwinden, woraufhin einer von ihnen gezielt erschossen wurde.

Vom Gründungsdatum der DDR am 07.10.1949 bis zu ihrem Ende am 03.10.1990 kamen zahlreiche Menschen bei dem Versuch die Innerdeutsche Grenze oder die Berliner Mauer zu überwinden ums Leben. Allein in Berlin starben 136 Menschen, die Zahl der an der Innerdeutschen Grenze Getöteten dürfte weitaus höher liegen, ist jedoch nach jetzigem Stand der Forschung nicht hinreichend ermittelt. Unklar bleiben wird wahrscheinlich auch eine genaue Zahl der bei einem Fluchtversuch Verletzten oder Inhaftierten, wobei diese nach Schätzungen im sechsstelligen Bereich liege dürfte.[2]

Die ehemalige SED-Herrschaft polarisiert auch heute noch. Um den Opfern den nötigen Respekt zu zollen und um uns an diese in angemessener Form zu erinnern, ist es als Historiker unsere Aufgabe die historischen Ereignisse kritisch zu hinterfragen und in ihrer vollen Dimension aufzuklären.

Daher liegt das Ziel dieser Arbeit neben der Analyse der Motive der SED-Diktatur für die Verhinderung von Grenzdurchbrüchen, in der Darstellung des Umgangs der DDR-Führung mit Republikflüchtlingen. Dabei soll sowohl das Feindbild der DDR erläutert, als auch die Folgen eines ungesetzlichen Grenzdurchbruchs für die Betroffenen, ihre Familien und ihr gesellschaftliches Umfeld thematisiert werden. Zu diesem Zweck wird eine Akte des Ministeriums für Staatssicherheit herangezogen und bildet damit die zentrale Quellengrundlage dieser Arbeit. Die Akte umfasst den bereits erwähnten gescheiterten Fluchtversuch von zwei Jugendlichen.

Das wichtigste sekundärliterarische Werk, welches dieser Arbeit zu Grunde liegt, ist das von Klaus-Dietmar Henke 2011 herausgegebene Buch „Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung.“ Dieser Sammelband sollte als Grundlagenwerk angesehen werden, denn er enthält eine Vielzahl von Aufsätzen mit großer thematischer Spannweite. Ferner war zum besseren historischen Verständnis auch der Sammelband „Lernfeld DDR-Geschich-te“, welcher von Heidi Behrens, Paul Ciupke und Norbert Reichling herausgegeben wurde sowie die Monographie von Ehrhart Neubert „ Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989“, nützlich.

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass sich bei der vorliegenden Thematik, ein weites Forschungsfeld ausbreitet, welches hier nur unter den Bedingungen der quantitativen Anforderungen an die Arbeit erfasst werden kann.

Sehr interessant wäre es auch nach der Schuld der Grenzsoldaten oder nach den Auswirkungen auf die Erinnerungskultur zu fragen.

Der Gegenstand der Berliner Mauer wurde hier bewusst auf die Inndeutsche Grenze erweitert. Hintergrund ist die Brisanz und Detailliertheit der vorliegenden MfS-Akte, an der sich die Strukturen und der Umgang mit der Problematik der Fluchtverhinderung sehr deutlich nachzeichnen lassen.

2. Mauerbau und Errichtung der Innerdeutschen Grenze

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die drei alliierten Siegermächte (USA, Großbritannien und die Sowjetunion) auf der Konferenz in Jalta 1945 die Teilung Deutschlands in Besatzungszonen beschlossen. Die Grenzen der einzelnen Zonen orientierten sich an den Außengrenzen des Deutschen Reiches vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und den Binnengrenzen von 1942, welche auch Demarkationslinien genannt wurden. Entscheidend für die Entwicklung der Demarkationslinien zwischen der BRD und DDR war die im Frühjahr 1952 getroffene Erkenntnis, dass sich die BRD einem militärischen und politischen Bündnis mit den Westmächten anschließen werde, daher ordnete die Sowjetunion die Einbindung der DDR in den osteuropäischen Block ein. Die Demarkationslinie wurde als „gefährliche Grenze“ betrachtet und aufgrund der sowjetischen Initiative wurde ein Sperrgebiet an der Innerdeutschen Grenze geschaffen, welches sich von der Lübecker Bucht bis zum Dreiländereck bei Hof erstreckte. Mit der Flucht mehrerer hunderttausend DDR-Bürger rückte der „Kampf gegen die Republikflucht“ in den Focus. Mit dem Ausbau der innerdeutschen Grenze wurde diese Fluchtbewegung stark dezimiert. Zum Vergleich, während die Deutsche Grenzpolizei für die Jahre 1959 und 1960 „nur noch“ 4000 Grenzdurchbrüche an der Innerdeutschen Grenze zählte, verließen im selben Zeitraum 350.000 DDR-Bürger ihre Heimat über Westberlin. Auslöser für die schlussendliche Entscheidung die Grenze Berlins abzuriegeln, war die Berlin-Krise im Sommer 1961.[3]

Zunächst war der Mauerbau am 13. August 1961 nicht als Mauerbau an sich, sondern als Schließung der Sektorengrenze gedacht und erfolgte daher anfangs auch mit beweglichen Sperren, welche erst im Laufe der Zeit durch die eigentliche Mauer ersetzt wurden.[4] Die Abschottung der DDR durch die Innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer ermöglichten der SED-Führung, „den gesellschaftspolitischen Raum im Inneren dieses ‚Schutzwalls‘ auf spezifisch staatssozialistische Weise neu zu gestalten.“[5]

3. Der Umgang mit den Opfern des DDR-Regimes

Das nachfolgende Kapitel umfasst zunächst die Darstellung der Ereignisse am 08.12.1979 im Grenzgebiet Benneckenstein. In einem zweiten Punkt sollen die Maßnahmen der Vertuschung analysiert und interpretiert werden. Dabei werden der Umgang mit dem versuchten Grenzdurchbruch seitens der Politik und die daraus resultierenden Folgen für die Opfer und deren Familien sowie ihr gesellschaftliches Umfeld differenziert betrachtet. Der letzte Schwerpunkt legt den Focus besonders auf die Motive der SED-Diktatur für die Vertuschung des Vorfalls und versucht zu erklären, in welcher Art die SED ihren Herrschaftsanspruch stellte und worauf diese Geisteshaltung ruhte.

3.1 Die Ereignisse am Nachmittag des 08.12.19.79 bei Benneckenstein im Harz

Die beiden 15 jährigen Jungen Tom Meier und Olli Rübner hatten aufgrund von Problemen im Elternhaus und in der Schule beschlossen die DDR zu verlassen. Die näheren Umstände, die zu ihrem Fluchtversuch geführt hatten, sind dem Untersuchungsbericht des BV Halle an das MfS Berlin entnommen, welcher Bezug auf die in der Vernehmung von Olli genannten Gründe nimmt. Bereits mehrere Monate vor dem Versuch des Grenzdurchbruchs hatte sich zunächst Olli Gedanken gemacht, die DDR zu verlassen, ohne dieses Vorhaben zu konkretisieren. Nachdem am 28.11.1979 die Klassenlehrerin Olli’s mit seinen Eltern gesprochen und diese über seine ungenügenden Leistungen informiert hatte, war sowohl seine Abschlussprüfung, als auch seine künftige Lehre in Frage gestellt und Olli beschloss am 01.12.1979 die DDR allein zu verlassen. Da er die Grenzanlage Benneckenstein und den Verlauf der Staatsgrenze bei einer 1977 durchgeführten Familienfahrt mit der Harzquerbahn gesehen hatte, entschied er sich die Innerdeutsche Grenze in diesem Bereich zu überqueren. Zu diesem Zweck begab er sich mit dem Zug von Halle nach Nordhausen, wo jedoch kein Zug nach Benneckenstein mehr fuhr, daher gab er die Umsetzung seines Vorhabens erst einmal auf. Als Olli seinen Freund Tom über diesem Vorhaben am 07.12.1979 unterrichtete, einigten sich beide zügig darauf, den Grenzübertritt gemeinsam erneut zu versuchen. Bereits am Morgen des 08.12.1979 fuhren sie mit der Reichsbahn von Halle nach Benneckenstein und erreichten dieses in den frühen Nachmittagsstunden. Sie begaben sich zu Fuß zum Grenzgebiet, dort überwanden sie den Grenzsignalzaun[6] durch das Auseinanderbiegen der Drähte und lösten diesen damit aus. Durch ein Waldgebiet gelangten sie bis 60m an den gesicherten Grenzzaun heran und befanden sich damit gut 100m von der eigentlichen Staatsgrenze entfernt. Hier wurden sie durch die 30m entfernten Grenzposten zum Stehenbleiben aufgefordert. Sie flüchteten ins Hinterland, daraufhin wurden Warnschüsse abgegeben, Olli blieb stehen, Tom flüchtete jedoch weiter und wurde durch die gezielt abgegebenen Schüsse tödlich verletzt. Olli wurde verhaftet.[7]

3.2. Der Maßnahmenplan – Eine gezielte Anleitung zur Vertuschung

Bei näherer Betrachtung der Akte ist es evident, dass die Zuständigen die Verantwortung für den Tod des 15 Jährigen Tom nicht zu tragen bereit waren. Diese These lässt sich vor allem aus dem Maßnahmenplan[8] ziehen, welcher zwei Tage nach dem Tod des Jungen schriftlich fixiert wurde und das weitere Vorgehen in dieser Angelegenheit regeln sollte.

Auffällig dabei ist, dass die 15 Schritte dieses Plans – bis auf den ersten Schritt zur Information von Mutter und Schwester über den Tod des Jungen – darauf abgestimmt sind, die Begebenheit zu verheimlich. So regelt der Plan zum einen, dass die Kleidungsstücke des Jungen zu verbrennen sind und wohin die Leiche gebracht wird und wo diese „unter dem Vorwand einer gerichtlichen Sektion“[9] verbleibt, um Außenstehende an der Betrachtung der Leiche zu hindern. An dieser Stelle ist es fraglich, in welchem Zustand sich die Leiche befunden hat, da in keinem Bericht der Akte die Rede davon ist, mit wie vielen Kugeln der Junge wirklich zu Tode gebracht wurde, lediglich im Untersuchungsbericht der BV Halle an das MfS Berlin wird als Todesursache ein „brustkorbdurchschusz mit einschusz am ruecken rechts und ausschusz am brustkorb rechts vorne oben (festgestellt). der schuszkanal verlaeuft von unten nach oben, fast parallel zur koerpermittellinie.“[10] Ergänzend dazu findet sich in der Akte ein Protokoll über den Verbleib von Patronen M43 mit Stahlkern, welches das Fehlen 26 Patronen im Waffenmagazin eines Gefreiten und 25 Patronen im Magazin eines Soldaten konstatieren. Aus dem Protokoll geht zweifelsfrei hervor, dass die Patronen durch Schüsse auf die Jungen abgegeben worden waren.[11] Es kann nur vermutet werden, dass bei 51 Schuss Munition sehr viel mehr Patronen den Körper des Jungen trafen und die Kleidung dadurch verbrannt werden musste. Diese Vermutung wird ferner auch durch den in der Akte enthaltenen Vermerk der MfS-Sicherungskräfte genährt. Dieser Report beschreibt das Überführen des Sarges durch das Bestattungsinstitut Magdeburg zur Gerichtsmedizin der Medizinischen Akademie. Der Sarg wurde verschraubt und vernagelt und bei Ankunft am Zielort hinsichtlich dieser Vernagelung überprüft. Aus den Unterlagen geht ebenfalls hervor, dass sich das zuständige Personal darüber gewundert habe, den Sarg ohne Angabe jeglicher Personalien überführen zu müssen.[12]

[...]


[1] BstU, MfS, BV Halle, AP 302/80, S. 120.

[2] Vgl. Potratz, R.: Grenzen und Teilung. Schwalbach 2009. S. 128.

[3] Vgl. Potratz, R.: Grenzen und Teilung. Schwalbach 2009. S. 123 – 126.

[4] Vgl. Henke, K-D.: Die Berliner Mauer. München 2011. S. 25.

[5] Lindenberger, Th.: Grenzregime und Gesellschaftskonstruktion im SED-Staat. S.115.

[6] Siehe Anlage A1: Übersicht über die Grenzanlage zwischen der BRD und der DDR um 1980.

[7] Vgl. BStU, MfS, BV Halle, AP 302/80, S. 118-121.

[8] Siehe Anlage A2: Maßnahmeplan: BstU, MfS, BV Halle, AP 302/80, S.115-116. Die Quellenangabe steht für alle nachfolgend sich auf den Plan beziehenden indirekten Zitate. Da der Plan signifikant für die Analyse der der Handlungen seitens der Zuständi gen ist, wird besonderen Wert darauf gelegt ihn nicht nur inhaltlich zu zitieren, sondern dem Rezipienten in seiner Gesamtheit zur Betrachtung beizulegen.

[9] BstU, MfS, BV Halle, AP 302/80, S.116.

[10] BStU, MfS, BV Halle, AP 302/80. S. 119.

[11] Vgl. Ebd. S. 23.

[12] Vgl. Ebd. S. 135-136.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Tot an der Innerdeutschen Grenze
Untertitel
Umgang und Sichtweise der SED-Diktatur mit den Opfern, eine Fallanalyse am Beispiel von zwei 15jährigen Jungen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Geschichte)
Veranstaltung
Die Mauer. Errichtung. Überwindung. Erinnerung
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V205961
ISBN (eBook)
9783656328346
ISBN (Buch)
9783656329220
Dateigröße
4478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
innerdeutschen, grenze, umgang, sichtweise, sed-diktatur, opfern, fallanalyse, beispiel, jungen
Arbeit zitieren
Bachelor of Education Katja Neumann (Autor), 2012, Tot an der Innerdeutschen Grenze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205961

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