Platon hat sich in seinen Werken intensiv mit der Frage nach
der Gerechtigkeit beschäftigt. So kündigt sich seine Politeia
zwar im Titel nur als ein Beitrag zur politischen Philosophie
oder Staatsphilosophie an, aber ihr wurde später der
Untertitel „Über das Gerechte“ (peri tou dikaiou) hinzugefügt.
„Die Politeia ist Platons philosophisches und politisches
Hauptwerk“ 1.
Sie behandelt neben der Gerechtigkeit viele Teilgebiete: sie
befaßt sich mit einer Erziehungslehre, sie vertritt die
Gleichberechtigung von Mann und Frau, sie entfaltet eine
Kritik der Dichtung sowie auch eine Theorie der Musik.
Nicht zuletzt ist der Höhepunkt der Politeia die Idee des
Guten. Die Gerechtigkeit ist allerdings der rote Faden, der
sich durch das ganze Werk zieht.
Diese Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit Platons
Definition der Gerechtigkeit. Deswegen werde ich nicht auf
alle Teilgebiete eingehen, sondern mich hauptsächlich auf die
Bücher I bis V beschränken. Diese beinhalten das Problem der
Gerechtigkeit und ihres Nutzens und die Darstellung der
Gerechtigkeit an einem Modell der gerechten Stadt. Ich möchte
mich dabei eng an die Struktur halten, die Platon in seinem
Werk verwendet, um an seine Definition der Gerechtigkeit
hinzuführen.
Gängige Vorstellungen der Gerechtigkeit
Die Politeia beginnt mit mehreren Dialogen, wobei Sokrates von
unterschiedlichen Gesprächspartnern deren Vorstellung von
Gerechtigkeit erzählt bekommt. Diese ersten Versuche einer
Gerechtigkeitsdefinition sind geläufige Vorstellungen der
Gerechtigkeit, die auch meist bei der Allgemeinheit zu finden
sind. Sokrates erster Gesprächspartner ist Kephalos. Dieser Dialog
bildet die Ausgangslage einer philosophischen
Gerechtigkeitsuntersuchung. Über Sokrates` Frage nach dem
Reichtum Kephalos und seinem Nutzen daraus, gelangen sie
schnell zum Hauptthema. Nach Kephalos sind wir unseren
Mitmenschen Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit schuldig.
„Wahrhaftigkeit heißt dabei soviel wie, ein ehrlicher
Geschäftsmann sein, niemanden betrügen, niemanden etwas
schuldig bleiben“.2 [...]
1 Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Band 1 / 2, S.22
2 Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Band 1 / 2, S.26
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Entstehung der Definition der Gerechtigkeit bei Platon
I. Gängige Vorstellungen der Gerechtigkeit
1. Das Gespräch mit Kephalos – Gerechtigkeit ist Wahrhaftigkeit und Wiedergeben, was man empfangen Hat
2. Das Gespräch mit Polemarchos – Gerechtigkeit ist Freunden zu nützen und Feinden zu schaden
3. Das Gespräch mit Thrasymachos – Gerechtigkeit ist der Vorteil des Stärkeren
4. Das Gespräch mit Glaukon – Fortführung vom „Lob der Ungerechtigkeit
II. Die Entstehung der Polis
1. Vom Urstaat zum aufgedunsenen Staat
2. Vom aufgedunsenen Staat zum vollkommenen Staat
3. Die vollkommene Polis
III. Platons Stände
1. Die Wächter und Regenten
2. Der Mythos als Legitimation der Ungleichheit
3. Weitere Funktionen der Wächter und Regenten
IV. Platons Kardinaltugenden
1. Die Weisheit
2. Die Tapferkeit
3. Die Besonnenheit
4. Die Gerechtigkeit
a) Die Gerechtigkeit im Staat
b) Die Gerechtigkeit in der Seele
C) Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Platons Verständnis des Gerechtigkeitsbegriffs in seinem Werk "Politeia" und analysiert, wie er dieses Konzept anhand seines Modells der "gerechten Stadt" veranschaulicht und theoretisch begründet.
- Philosophische Diskursanalyse der Gerechtigkeitsdefinitionen
- Strukturanalyse der "gerechten Stadt" (Polis) und ihrer Stände
- Untersuchung der Kardinaltugenden im staatlichen und seelischen Kontext
- Kritische Reflexion der politischen Utopie Platons
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung der Polis
Um die Bedeutung der Gerechtigkeit im Inneren zu verdeutlichen, benutzt Sokrates das Modell einer ´gerechten Stadt`, basierend auf der Analogie von Seele und Stadt. „Seele und Stadt stehen zueinander wie kleiner und großer Mensch. Ist die Seele geordnet, ist es die Stadt auch. Gerät die Seele in Unordnung, wird auch die Stadt ungeordnet und ungerecht sein“.
Dieses Modell soll zum besseren Verständnis führen, so meint Sokrates „[v]ielleicht (...) ist wohl mehr Gerechtigkeit in dem Größeren und leichter zu erkennen. Wenn ihr also wollt, so untersuchen wir zuerst an den Staaten, was sie wohl ist, und dann wollen wir sie so auch an den einzelnen betrachten, indem wir an der Gestalt des Kleineren die Ähnlichkeit mit dem Größeren aufsuchen“. Sokrates will es also seinen Zuhörern einfacher machen ihm zu folgen, indem er ihnen ein „Vergrößerungsglas“ zur Hilfe gibt. „Die Seele muß sich im Staat erkennen und der Staat in der Seele; der Staat wird zu einem großen Menschen, und die Seele wird zu einem kleinen Gemeinwesen“. Man kann die Gerechtigkeit viel besser erkennen, wenn man die Polis wachsen sieht.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Gängige Vorstellungen der Gerechtigkeit: Sokrates prüft durch den Dialog mit Zeitgenossen verschiedene populäre Ansätze zur Gerechtigkeit und weist deren Unzulänglichkeit nach.
II. Die Entstehung der Polis: Die Entwicklung des Staates wird als ökonomische Notwendigkeit dargestellt, wobei die Arbeitsteilung als grundlegendes Prinzip der staatlichen Ordnung identifiziert wird.
III. Platons Stände: Die Gesellschaft wird in eine strikte hierarchische Ordnung unterteilt, legitimiert durch natürliche Begabungen und den Mythos, um die Stabilität des Gemeinwesens zu sichern.
IV. Platons Kardinaltugenden: Die Tugenden Weisheit, Tapferkeit und Besonnenheit werden definiert, um schließlich die Gerechtigkeit als das Prinzip zu isolieren, bei dem jeder Stand seine spezifische Aufgabe erfüllt.
Schlüsselwörter
Platon, Politeia, Gerechtigkeit, gerechte Stadt, Polis, Sokrates, Kardinaltugenden, Ständestaat, Arbeitsteilung, Philosophie, politische Philosophie, Staatsphilosophie, Utopie, Kooperation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Gerechtigkeitsverständnis Platons in seinem Hauptwerk, der Politeia.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Definition von Gerechtigkeit, die Konzeption der Polis, die soziale Schichtung in Stände und die Anwendung der Kardinaltugenden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Platons Gerechtigkeitsbegriff zu erläutern und darzulegen, wie er diese Gerechtigkeit am Modell der "gerechten Stadt" verdeutlicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse und Werkinterpretation, die sich eng an die Struktur der Politeia hält.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Dialoge des ersten Buches, die Entstehungsgeschichte der Polis, die Ständegliederung und die vier Kardinaltugenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Platon, Politeia, Gerechtigkeit, Polis, Ständestaat, Kardinaltugenden und die philosophische Analogie von Seele und Staat.
Was bedeutet der "Ring des Gyges" im Kontext der Argumentation?
Er dient als Gedankenexperiment von Glaukon, um zu hinterfragen, ob Menschen nur aus Zwang der Gesellschaft heraus gerecht handeln.
Wie definiert Platon die Gerechtigkeit im Staat?
Gerechtigkeit ist für Platon erreicht, wenn jeder der drei Stände seine ihm natürlich zugewiesene Aufgabe erfüllt und nicht in die Kompetenzen anderer Stände eingreift.
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- Claudia Lorenz (Author), 2003, Was versteht Platon unter dem Begriff "Gerechtigkeit" und wie verdeutlicht er dies an seinem Modell der gerechten Stadt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20600