Entfremdung und Verfremdung im DaF-Unterricht am Beispiel der Gattung Märchen


Seminararbeit, 2012
12 Seiten
Magdalena Hufler (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen Ent- und Verfremdung

3. Märchen und Verfremdung
3.1 Die Definition der Gattung Märchen
3.2 Märchen verfremden
3.3 Methodisch, didaktisches Potential der kreativen Verfremdungs- techniken

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturangaben
5.1 Nachschlagewerke
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetquellen

1. Einleitung

MARIA RISS, Dozierende für Deutsch und Deutschdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz gibt in einer Praxisbeilage 1 Ideen, wie mit Verfremdung der Gattung Märchen im Unterricht gearbeitet werden kann und geht auf den „Klassiker“ im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur ein.

„54 ausgewählte Märchen, von Janosch neu erzählt für Kinder von heute.“2...so heißt es im Titelzusatz von JANOSCH erzählt Grimm ’ s Märchen:

„Er fabuliert ungeniert und spart nicht mit lustigen Pointen. Einfallsreich und listig erzählt er vom Froschkönig und vom gestiefelten Kater, von der Prinzessin Mäusehaut, von Hans im Glück und wie das eigentlich war mit des Teufels drei goldenen Haaren. Das Lumpengesindel ärgert den Taxifahrer, gegen die schlaue Gans ist der Fuchs machtlos, und Hans mein Igel wird zum gefeierten Medienstar.“3

Die Geschichte JANOSCHs, wie auch allgemein die Gattung Märchen, eignen sich sehr gut für den DaF-Unterricht, da sie aufgrund ihrer erzähltechnisch geringen Komplexität und auch sprachlichen Einfachheit dem Anfangsniveau angemessen sind.4

Die vorliegende Hausarbeit zielt auf eine wissenschaftliche Betrachtung der Entfremdung und Verfremdung und welches Potential die Anwendung von Verfremdungsstrategien im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht hat.

2. Definitionen Ent- und Verfremdung

Ent- und Verfremdung lassen sich ebenfalls aus der Alltagssprache herleiten, ohne gleich die recht komplexen Definitionen heranzuziehen: „(sich) entfremden“ kann beispielsweise „(sich) distanzieren“ oder „nicht sich selbst sein“ heißen, wohingegen „verfremden“ etwas mit „verändern“ gemein hat.

Im literarischen Kontext wird der Terminus Entfremdung als in der marxistischen Literaturwissenschaft besonders gebräuchlicher Begriff definiert, der jedoch ursprünglich aus der Sozialphilosophie stammt und eine Störung im Prozess der Identitätsbildung eines Menschen beschreibt. Dies bezieht sich auf zwei Beziehungen, nämlich im Verhältnis zu sich selbst oder auch die zwischenmenschlichen Wechselseitigkeitsbeziehungen eines Menschen im Kollektiv.5 Die marxistische Literaturtheorie versteht sich als Sammelbegriff von unterschiedlichen allgemeinen literaturtheoretischen Ansätzen, die ihre Übereinstimmung in der Philosophie, Historie und Politik Marx findet.6 In der Literaturtheorie wird die Entfremdung in Bezug auf Literatur wissenschaftlich betrachtet, um herauszufinden inwieweit Literatur diese transformieren kann. Solche Änderungen können beispielsweise Reproduktionen einer oder mehrerer Störungen sein, oder auch das gänzliche Verschwinden von Utopien, die dieser Störung anknüpfen.7

Mit der Entfremdung hängt wiederum die Verfremdung eng zusammen. Schon in der Antike spielte die Verfremdung eine wichtige Rolle in der Politik, um das Interesse des Publikums zu wecken. Nun gewinnen die Verfremdung, der Verfremdungseffekt oder die Verfremdungsstrategien erst im 20. Jahrhundert einen vorbildlichen Charakter. Es ist eine Art der Neuschöpfung oder simpler ein Umschreiben. Es kann also ebenfalls als Strategie in der Literaturpädagogik gesehen werden, um die Entfremdung zu erreichen und somit Interesse an Literatur zu gewinnen. Im Nachschlagewerk wird die Verfremdung als „künstlerisches Prinzip, welches das Vertraute und Alltägliche durch bestimmte Darstellungstechniken […] fremd erscheinen lässt“8.

Diese Definition zeigt noch einmal die enge Konnexion zur Entfremdung. Um die Entfremdung, sozusagen die Distanz zu sich oder dem gewohnten Umfeld, zu schaffen, finden sich in der Literaturgeschichte mehrere Beispiele von Darstellungstechniken: Das Groteske, welches besonders in der Romantik eine besondere Rolle spielte, oder die Parodie, die in mehreren Epochen der Literaturgeschichte Erwähnung findet. Zurückgeführt wird das Konzept der Verfremdung auf den russischen Formalismus, besonders VIKTOR ŠKLOVSKIJS Artikel „Die Kunst als Verfahren“, welches 1917 publiziert wurde, wird diesbezüglich oftmals zitiert. ŠKLOVSKIJ sieht Verfremdung (russ. ostranenie, dt. Seltsammachung) als Prozess, der mit den Mitteln der Kunst 9 angetrieben werden kann.10 Auch Berthold Brechts „Kleines Organon für das Theater“, welches 1949 publiziert wurde, nimmt Bezug auf ŠKLOVSKIJS Verfremdungstheorie und überträgt die Verfremdung und den Verfremdungseffekt auf das epische Theater. Er geht von der Entfremdung des Menschen aus, d.h. von der Distanz zu sich oder dem Kollektiv, und integriert es in das Theaterstück, um gesellschaftliche Missstände zu entlarven und somit Verfremdung zu erreichen, was wiederum meint, eine kritische Haltung auszubilden. Verfremdungstechniken bei BRECHT sind zum Beispiel das Historieren, das konkrete Zeigen oder auch das Spiel im Spiel, was sich gut eignet, um Missstände in der Gesellschaft aufzuzeigen, man denke an SHAKESPEARES Tragödie „Hamlet“. Man kann also sagen, dass bei BRECHT die Charaktere eines Theaterstücks durch den Verfremdungseffekt nicht mehr traditionsgemäß wirken, der Leser oder das Publikum die Handlung oder die Personen nicht mehr vollständig durchdringen kann, da es nicht mehr einem traditionell, schon bekannten Muster folgt. Es wird undurchsichtig (opak) und weckt im Idealfall das Interesse und die Neugier der Zuschauer.11 Auch Brechts Theorie der Verfremdung wird wiederum weiterentwickelt, so z.B. von Bloch, Barthes und Adorno.12

Als aktuelleres Beispiel, in diesem Fall aus der Pädagogik, lässt sich HILBERT MEYER nennen, der ebenfalls eine Art der Verfremdungsstrategie, nämlich die sogenannte „Lolationsstrategie“, erläutert. HILBERT MEYERS kompakte Definition der Lolationsstrategien als „permissiv-opake13 Handlungsmuster zur Instrumentisierung schülerorientierter Alltagsinszenierungen des Unterrichts“14 beschreibt im Kern den Effekt der Entfremdung und der gezielten Verfremdung. Nun lässt diese Definition Raum zur Interpretation und man stellt sich die Frage, welche permissiv-opaken Handlungsmuster konkret gemeint sein könnten. So sind Figuren-, Schauplatz-, Zeit- und Gegenstandsverfremdung konkrete Beispiele aus der Praxis.

Dieser Teil hat nur einen kurzen Einblick geben können, es finden sich natürlich weitere Anregungen und Definitionen der Ver- und Entfremdung in anderen wissenschaftlichen Disziplinen (Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Philosophie), die bei einer ausführlicheren Beschäftigung mit dem Thema zu Rate gezogen werden könnten und sollten.

3. Märchen und Verfremdung

Das folgende Kapitel geht zunächst auf die Gattung Märchen an sich ein. Dabei soll auf die wichtigsten Gattungsmerkmale eingegangen werden, um daraus im nächsten Schritt das methodische und didaktische Potential der Verfremdung für die Gattung Märchen im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht zu klären.

Dabei ist zu beachten, dass die Sekundärliteratur mehrere Blickwinkel auf die Gattung Märchen bietet, die im Folgenden Beachtung finden.

3.1 Die Definition der Gattung Märchen

Begriffsursprung und -bedeutung:

Der deutsche Begriff „Märchen“ ist die Diminutivform zu „Mär“ und vom Mittelhochdeutschen m œ re, was ursprünglich Botschaft, Nachricht und Kunde bedeutete, abgeleitet. Es handelt sich bei einem Märchen um eine kurze, fiktionale Prosaerzählung.15 Nach PANZER ist ein Märchen „eine kurze, ausschließlich der Unterhaltung dienende Erzählung von phantastisch- wunderbaren Begebenheiten, die sich in Wahrheit nicht ereignet haben und nie ereignen konnten, weil sie, in wechselndem Umfange, Naturgesetzen widerstreiten.”16 Zudem sollen Märchen moralisieren und einen erzieherischen Auftrag, vor allem gegenüber der Kinder, erfüllen.

Gattungsmerkmale:

Zunächst ist die Formelhaftigkeit typisch für ein Märchen. Wir finden meist die typische

Eingangs- und Schlussformulierung, „Es war einmal…“ „…und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, die das Märchen einrahmt. Zudem gibt ein volkstümliches Märchen keine konkreten Angabenüber Raum und Zeit der Handlung. Wie auch schon die Definition von FRIEDRICH PANZER (s.o.) besagt, können auf der Erde herrschende Gesetze aufgehoben werden, so können Tiere sprechen und Fabelwesen wie Zwerge, Riesen oder Hexen existieren ganz normal neben Menschen. Es ist ebenso wenig unüblich, dass Tiere sich in Menschen verwandeln und sich mit einem Mensch verheiraten. Des Weiteren werden die handelnden Personen stark typisiert und polarisieren die Leser dadurch sehr stark. Dies meint, dass man in Märchen kaum Abstufungen in den Eigenschaften der Personen findet: Sie sind entweder gut oder böse, arm oder reich, schön oder hässlich etc.17

Weitere Gattungsmerkmale finden sich in MAX LÜTHIS Werk „Märchen“, der auf aktuellem Forschungsstand die Gattung Märchen im Wandel der Diachronizität betrachtet und somit auch den Wandel vom traditionellen zum modernen Märchen aufzeigt. „Je selbstverständlicher uns heutzutage ein Begriff vorkommt, umso wichtiger ist es, ihn zu klären“18 Mit diesem Zitat möchte STEFAN NEUHAUS die Bedeutung des Terminus Märchen definieren, obgleich es für die Mehrheit schon bekannt ist, sei es ob durch Vorlesen im Kindesalter oder aber auch im schulischen Kontext. Es ist jedoch nicht immer einfach eine allgemeine und noch heute gültige Gattungsdefinition zu formulieren, da der Wandel zu berücksichtigen ist und sich die Märchenforschung selbst uneinig ist.

NEUHAUS legt in seiner Gattungsbeschreibung großen Wert auf die Allgemeingültigkeit einer Definition. So ist es seiner Meinung nach beispielsweise nicht immer angebracht ein Märchen, das im 21. Jahrhundert verfasst wurde, unter den traditionellen Aspekten zu beschreiben.19

[...]


1 vgl. Riss, Maria: Märchen verfremden, Praxisbeilage 2 (2011), in: http://blogs.fhnw.ch/zl/files/2012/03/MaerchenVerfremden_Rundschreiben_ZL_Nov_2011.pdf

2 s. Janosch: Janosch erzählt Grimm’s Märchen: 54 ausgewählte Märchen, neu erzählt für Kinder (2010).

3 vgl. ebd. (Klappentext).

4 Das Alter der Anfangslerner wird an dieser Stelle absichtlich nicht eingegrenzt. Natürlich sollte die Wahl der literarischen Textgattung und des Inhaltes auf die Lerner angepasst werden. Trotzdem schließt dies nicht das Benutzen eines JANOSCH-Märchens aus.

5 vgl. Metzler Literatur Lexikon (2004), S.457-460.

6 vgl. Metzler Literatur Lexikon (2008), S.457.

7 vgl. Metzler Literatur Lexikon (2004), S. 191.

8 s. ebd., S. 801.

9 In der Sekundärliteratur findet man die folgende Hauptthese Šklovskijs: „Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstandes zu vermitteln, als Sehen, und nicht als Wiedererkennen; das Verfahren der Kunst ist das Verfahren der „Verfremdung“ der Dinge und das Verfahren der erschwerten Form, ein Verfahren, das die Schwierigkeit und Länge der Wahrnehmung steigert, denn der Wahrnehmungsprozess ist in der Kunst Selbstzweck und muss verlängert werden; die Kunst ist ein Mittel, das Machen einer Sache zu erleben; das Gemachte hingegen ist in der Kunst unwichtig.“ (vgl. Seemann, K.D., s.u.).

10 vgl. Metzler Lexikon Literatur (2004) & Seemann, K.D.: Verfremdung bei Lev Tolstoj, in: Russian Literature X (1981), S. 49-66.

11 vgl. http://hajer.com/unterricht/deutsch/gattungen/drama/episches_theater.htm für weitere konkrete Handlungsmuster der Verfremdung, z.B. Austauschbarkeit der Szenen oder offener Schluss in der Textvorlage, auch direkte Zuschaueransprache, Gebrauch von Masken uvm.

12 vgl. Metzler Lexikon Literatur (2007), S. 801.

13 Opak kommt aus dem Lateinischen, opacus (=beschattet) und bedeutet im heutigen Gebrauch je nach Kontext undurchsichtig oder lichtundurchlässig.

14 s. Meyer, Hilbert, in: http://www.member.uni-oldenburg.de/hilbert.meyer/5407.html

15 s. Metzler Lexikon Literatur (2007), S. 472 ff.

16 s. Panzer (1988), S. 24.

17 vgl. Projekt der Friedrich-Schiller-Universität Jena: Ein Märchen in 1001 Textsorte - Schneewittchen18 s. Neuhaus: Märchen (2005), S.1.

19 vgl. ebd., S.43-56.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Entfremdung und Verfremdung im DaF-Unterricht am Beispiel der Gattung Märchen
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Kurzprosa im Deutsch als Fremdsprache Unterricht
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V206050
ISBN (eBook)
9783656332954
ISBN (Buch)
9783656333012
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entfremdung, verfremdung, daf-unterricht, beispiel, gattung, märchen
Arbeit zitieren
Magdalena Hufler (Autor), 2012, Entfremdung und Verfremdung im DaF-Unterricht am Beispiel der Gattung Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206050

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