Die Frage nach dem „Guten“ und „Bösen“, nach „Richtig“ und „Falsch“, kurz: die moralische Wertung spielt zweifelsohne eine große Rolle, wenn man den Menschen an sich und sein Verhalten untersuchen möchte. Große Philosophen von der Antike bis in die Neuzeit behandelten in ihrem Denken vor allem ethische Fragen nach der Moral; und immer schon liegt diesen Gedanken das Ziel zugrunde, eine möglichst objektive Regel für die Unterscheidung von Gutem und Bösen zu finden. Es scheint so, als würde der Mensch in seinem Innersten von dem tiefen Wunsch der Orientierung und der Bestätigung, dass das, was er tut, „richtig“ oder „gut“ ist, getrieben.
Es stellt sich auch diese jahrtausendealte Frage nach dem Guten und Richtigen, wenn das Handeln von politischen Akteuren betrachtet wird. Diesem normativen Charakter von Politikwissenschaft, der heute häufig von der deskriptiven Dimension in den Hintergrund gedrückt zu werden scheint, könnte man daher eigentlich sogar eine primäre Position zusprechen; nicht umsonst ist die moderne Politikwissenschaft schließlich direkt nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, als der Schrecken und die Fassungslosigkeit über die Verbrechen der Nazi-Diktatur kaum eine sozialwissenschaftliche Disziplin unverändert ließ. Im Folgenden soll dieser Tradition nachgekommen werden und die Problematik der Bewertbarkeit von politischen Bewegungen anhand eines vieldiskutierten Beispiels untersucht werden: dem kubanischen Revolutionär Ernesto Che Guevara und der M-26-7. Ferner soll überprüft werden, ob eine solche Bewertung überhaupt durch eine objektive Methode erfolgen kann und was dies sowohl für die Politikwissenschaft als auch für die Politik selbst bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
1. Warum bewerten? Die Bedeutung des Normativen für Politik und Politikwissenschaft
2. Methodische Annäherung an die Themenfrage: Der Kategorische Imperativ bei Kant und Marx
2.1 Grenzen wissenschaftlicher Begriffsdefinitionen
2.2 Sinnvoller: Findung eines Maßstabs für Moral – der Kategorische Imperativ
2.2.1 bei Kant: Formaler und intersubjektiver Weg zur Moral
2.2.2 bei Marx: Übertragung des Prinzips auf gesellschaftliche Veränderungen
3. Terrorismus oder Freiheitskampf? - Zur Problematik der Bewertung revolutionärer Bewegungen anhand des Beispiels Che Guevaras und der M-26-7 in Kuba
3.1 Öffentlich vorherrschende Rezeptionen der Kubanischen Revolution
3.1.1 Che Guevara als Person: Mythologisiertes Pop-Idol
3.1.2 Kubanische Revolution bzw. postrevolutionäres Kuba: „Umsturz statt Befreiung“
3.2 Schaffung des „neuen Menschen“: Die revolutionäre Theorie Che Guevaras
3.2.1 Warum Revolution? – Übertragung des marxistischen Klassenkampfes auf die Situation in Lateinamerika
3.2.2 Humanistischer Anspruch Guevaras
3.3 Die „praktische Seite“ der Revolution: Ausgangslage, Umsturz, postrevolutionäres Kuba
3.3.1 Die Ausgangslage: Der „Neokolonialismus“ der USA und das Batista-Regime
3.3.2 Der Verlauf der Revolution unter Anleitung Fidel Castros
3.3.3 Sozialismus als Entwicklungsmotor: Das postrevolutionäre Kuba
3.4 Versuch einer moralischen Bewertung gemäß der Ausgangsfrage: „Terrorismus oder Freiheitskampf?“
3.4.1 Handeln der Revolutionäre: Maxime für ein allgemeingültiges Gesetz?
3.4.2 Schaffung von freiheitlichen Verhältnissen? – Beurteilung gemäß des Marx'schen Kategorischen Imperatives
3.4.3 Zusammenfassung: Komparatistische Perspektive auf die kubanische Revolution
4. Konsequenzen für Politik und Politikwissenschaft
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Problematik der moralischen Bewertung revolutionärer Bewegungen am Beispiel von Che Guevara und der M-26-7 in Kuba. Dabei wird analysiert, ob eine objektive normative Beurteilung anhand des Kategorischen Imperativs von Kant und Marx möglich ist.
- Die moralische Dimension politischer Handlungen
- Die theoretische Anwendung des Kategorischen Imperativs
- Die Rezeption der Kubanischen Revolution
- Die revolutionäre Theorie und Praxis von Che Guevara
- Die Wechselwirkung zwischen Ideologie und Moral
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Che Guevara als Person: Mythologisiertes Pop-Idol
Kaum ein politischer Akteur hat es geschafft, eine solch generationsübergreifende Berühmtheit zu erlangen wie Ernesto „Che“ Guevara, der zwischen 1956 und 1959 gemeinsam mit dem späteren kubanischen „höchsten Führer“ Fidel Castro die kubanische Revolution anführte. Dabei ist aus dem marxistischen Strategen schnell ein schillernder Star der Pop-Kultur geworden, der erstaunlicherweise gerade in den westlich-kapitalistischen Staaten als Werbeikone und „eindimensional positiv konnotiert“14 gilt. „Che“ bzw. sein berühmtes von Alberto Korda fotografiertes Konterfei ist Sinnbild der Befreiung, des kompromisslosen Idealismus und des Eintretens für eine bessere Welt.15 „Jesus Christus mit der Knarre“16 - das ist heute eine durchaus treffende Schlagphrase für die popkulturelle Rezeption Guevaras.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Warum bewerten? Die Bedeutung des Normativen für Politik und Politikwissenschaft: Diese Einleitung thematisiert die moralische Komponente politischer Handlungen und verdeutlicht die Schwierigkeit, objektive ethische Maßstäbe für politisch relevante Ereignisse zu definieren.
2. Methodische Annäherung an die Themenfrage: Der Kategorische Imperativ bei Kant und Marx: Das Kapitel erläutert den theoretischen Rahmen, indem es den Kant'schen Kategorischen Imperativ als Instrument zur moralischen Beurteilung vorstellt und durch Marx auf gesellschaftliche Verhältnisse erweitert.
3. Terrorismus oder Freiheitskampf? - Zur Problematik der Bewertung revolutionärer Bewegungen anhand des Beispiels Che Guevaras und der M-26-7 in Kuba: Dieser umfangreiche Hauptteil untersucht die Rezeption und Theorie der kubanischen Revolution sowie die praktische Umsetzung durch die M-26-7 unter Berücksichtigung moralischer Kriterien.
4. Konsequenzen für Politik und Politikwissenschaft: Der Schlussteil reflektiert die Ergebnisse der Untersuchung und betont, dass die Einstufung als Terrorismus oder Freiheitskampf primär ideologisch motiviert ist und der Politikwissenschaft ein Verständnis der divergenten Hintergründe abverlangt.
Schlüsselwörter
Politikwissenschaft, Kubanische Revolution, Che Guevara, M-26-7, Kategorischer Imperativ, Immanuel Kant, Karl Marx, Terrorismus, Freiheitskampf, politische Moral, Ethik, Neokolonialismus, Fidel Castro, politische Gewalt, normative Bewertung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die moralische Bewertung von revolutionären Bewegungen und untersucht, ob eine objektive Beurteilung mittels philosophischer Standards möglich ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themen umfassen die Philosophie Kants und Marx', die historische Untersuchung der kubanischen Revolution sowie die kritische Auseinandersetzung mit den Begriffen "Terrorismus" und "Freiheitskampf".
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage ist, ob das Handeln von Revolutionären, am Beispiel von Che Guevara, moralisch als "gut" oder "schlecht" bewertet werden kann oder ob diese Begriffe rein ideologisch geprägt sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine komparatistische und ethisch-theoretische Methode angewandt, bei der der Kategorische Imperativ in der Kant'schen und Marx'schen Interpretation als Analyseraster dient.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die öffentliche Rezeption der Revolution, Guevaras Theorien zur Schaffung eines "neuen Menschen" und die praktische Geschichte des kubanischen Umsturzes gegen das Batista-Regime.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Politische Moral, Revolution, Kategorischer Imperativ, Kuba-Krise, Marxismus und Normativität geprägt.
Inwiefern beeinflusst das US-Embargo die moralische Bewertung?
Der Autor argumentiert, dass das US-Wirtschaftsembargo die soziale Situation in Kuba erschwert und somit die Handlungsspielräume der revolutionären Regierung sowie die Lebensqualität der Bevölkerung negativ beeinflusst.
Warum kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass ein "absolutes" moralisches Urteil unmöglich ist?
Da zu viele kulturelle, historische und ideologische Faktoren in die Bewertung einfließen, lässt sich nach Ansicht des Autors lediglich ein relatives Urteil treffen, jedoch keine objektive moralische Klassifizierung vornehmen.
- Citation du texte
- B.A. David Liese (Auteur), 2011, Terrorismus oder Freiheitskampf? – Zur Problematik der Bewertung revolutionärer Bewegungen am Beispiel Che Guevaras und der M-26-7 in Kuba, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206178