Die Entwicklung der Schreibkompetenz ist eine Abfolge von Problemlöseschritten und eine durch das Medium geprägte kommunikative Problemlösefähigkeit. Sprachliche und kommunikative Kompetenzen, die bereits vor dem Beginn des Schreiberwerbs erlernt wurden, müssen vom Individuum nun reorganisiert, rekonstruiert und erweitert werden.
Im Prozess der Schreibentwicklung wird nicht einfach die zusätzliche Kompetenz des Schreibenkönnens erlernt und hinzugefügt, sondern es entsteht ein sprachliches und soziales Wissen ganz eigener Art: Der Schreiber muss lernen, die verschiedenen Ebenen und Möglichkeiten, die der direkten Kommunikation von Angesicht zu Angesicht eigen sind, im Schreiben durch andere Techniken und Strategien zu ersetzen.
Entscheidende Differenzen zwischen Schriftsprache und direkter mündlicher Kommunikation:
-Mimik und Gestik, Intonation, Sprechrhythmus und -geschwindigkeit (zumeist unbewusst genutzt) entfallen beim Schreiben als Übertragungsebenen und Kodierungsmöglichkeit. Der Schreiber muss lernen, seinen Ausdruck symbolisch durchzustrukturieren, die Syntax wird so komplexer und die Lexik vielschichtiger.
-Der beim Sprechen von den Kommunikationspartnern immer mit wahrgenommene Situationskontext fehlt beim Scheiben. Die räumlich-zeitlichen Verschiebungen müssen vom Schreiber durch Kontextualisierung, also durch den Aufbau einer in sich geschlossenen Textwelt ersetzt werden. Somit wird das textorientierte Schreibwissen zentral für die Entwicklung von Schreibfähigkeit.
-Beim Schreiben wird das Kurzzeitgedächtnis überlastet, da der Schreibvorgang langsamer vor sich geht als die Ideengenerierung, somit leiten Textpläne die Textproduktion. Zusätzlich bleiben die Schreiber mit ihrem eigenen Produkt konfrontiert und es muss eine ständige Anpassung des vorläufigen Resultats mit dem Kommunikationsziel vorgenommen werden, der Text wird also überarbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1 Theoretischer Hintergrund (Helmut Feilke)
1.1 Forschungsentwicklung
1.1.1 bis in die 70er Jahre
1.1.2 ab den 70er Jahren
1.1.3 ab 1985
1.1.4 Forschungsmethoden
1.2 Merkmale der Schreibentwicklung
1.3 Syntaktische Schreibfähigkeiten
1.3.1 Drei Entwicklungsstränge des Schreibfähigkeitserwerbs
1.4 Textbezogene Schreibkompetenz
1.4.1 Kategorien der Analyse
1.4.2 Kohärenzbegriff
1.4.3 Der Ausbau von Kohärenzstrategien
1.4.4 Vierstufenmodell für die Ausbildung der Kohärenzprinzipien
2 Praktische Untersuchung (Gerhard Augst und Peter Faigel)
2.1 Entwicklung schriftsprachlicher Teilfähigkeiten im Alter von 13 bis 23 Jahren
2.1.1 Erwerbsprozess schriftsprachlicher Kommunikationsfähigkeit
2.1.2 Die Untersuchung
2.1.2.1 Untersuchungsaufbau
2.1.3 Ergebnisse der Teilgebiete Lexik und Syntax
2.1.3.1 Adjektivgebrauch
2.1.3.2 Formulierungsfehler
2.1.3.3 Satzkomplexität
2.1.3.4 Grammatikfehler
2.1.3.5 Konjunktionen
2.1.4 Schlussbetrachtung
2.1.4.1 Konzeptionsebene
2.1.4.2 Realisierungsebene
3 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der Schreibfähigkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ziel ist es, die kognitiven und kommunikativen Prozesse des Schriftspracherwerbs zu analysieren und zu bestimmen, wie sich Schreibkompetenz von einer subjektiven, ereignisorientierten Darstellung hin zu einer objektiven, adressatenorientierten und sprachlich komplexen Textproduktion entwickelt.
- Entwicklungsstufen der Schreibfähigkeit vom 7. Schuljahr bis zum Studium
- Die Bedeutung von Kohärenzstrategien und deren Ausbau
- Syntaktische Veränderungen und die Rolle des Konjunktionsgebrauchs
- Der Einfluss von kognitiver Dezentrierung und Perspektivwechsel auf die Textqualität
Auszug aus dem Buch
1.3.1 Drei Entwicklungsstränge des Schreibfähigkeitserwerbs
Feilke verweist auf drei Verläufe in der Entwicklung von Schreibfähigkeit:
1. Je älter der Schreiber ist, desto mehr syntaktisiert er Bedeutungen. Zunehmend mehr inhaltliche Informationen werden im gleichen Satz aufeinander bezogen und die Satzlänge steigt dadurch kontinuierlich an.
2. Mit der Zeit werden eine immer eindeutigere funktionale Differenzierung der syntaktischen Möglichkeiten vorgenommen und die syntaktische Einbettungstiefe in verschiedenen Stufen gesteigert: Von der Satzkoordination geht die Entwicklung über die Subordination bis hin zur Integration.
3. Die syntaktischen Fähigkeiten werden zunehmend pragmatisch gehandhabt. Zunächst werden syntaktisch explizit Einzelpropositionen verknüpft, später steigt die Fähigkeit zu einer textgesteuerten Aktivierung von Schemata. Die syntaktische Konnexion und Kohäsion verändert sich in Richtung semantischer und pragmatischer Kohärenz.
Am Anfang des Schreiberwerbs stehen also deutlich koordinative Sequenzen. Die Sätze sind durch Interpunktion formal markiert und koordinierende Konjunktionen machen die Verknüpfungsrelationen explizit. Bis zum ca. 14. Lebensjahr geht die Koordination zurück und kontinuierlich steigen die Subordinationen; die Schwierigkeit Subordinationen im Weltwissen (z. B. Begründungen) syntaktisch zu integrieren, kann zunehmend gemeistert werden. So schreibt zum Beispiel eine Schülerin (10 Jahre alt), sie sei dafür, dass Hausaufgaben abgeschafft werden: „Begründung: Weil wir in der Schule schon genug lernen“ (Augst und Faigel, Von der Reihung zur Gestaltung, Text 4.39). Auf der Textebene realisiert die Schülerin mit der weil-Konstruktion zwar die Subordination, aber syntaktisch findet die Integration der Begründung nicht statt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Theoretischer Hintergrund (Helmut Feilke): Dieses Kapitel bietet eine Übersicht über die historische Forschungsentwicklung zur Schreibkompetenz und erläutert theoretische Merkmale sowie Modelle der Schreibentwicklung, insbesondere im Hinblick auf Kohärenz.
2 Praktische Untersuchung (Gerhard Augst und Peter Faigel): Hier wird eine empirische Studie vorgestellt, die schriftsprachliche Teilfähigkeiten bei Schülern und Studenten analysiert, wobei Lexik, Syntax und Fehlertypen im Fokus stehen.
Schlüsselwörter
Schreibfähigkeit, Schreibkompetenz, Kohärenz, Schriftspracherwerb, Syntax, Textproduktion, kognitive Entwicklung, Dezentrierung, Schreibentwicklung, Sprachwissenschaft, Konjunktionen, Kohäsion, Schreibprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung der Schreibfähigkeit von der Mittelstufe bis hin zum akademischen Bereich, wobei der Fokus auf den kognitiven und sprachlichen Veränderungen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Schreibentwicklung nach Helmut Feilke sowie eine praktische Analyse von Lexik und Syntax in Texten von Schülern unterschiedlicher Jahrgangsstufen und Studenten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Stadien der schriftlichen Kommunikation zu identifizieren, die den Übergang von einer mündlich geprägten Ausdrucksweise zu einer autonomen, schriftsprachlichen Textproduktion beschreiben.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es werden sowohl theoretische Ansätze der Textlinguistik und Entwicklungspsychologie herangezogen als auch eine empirische Untersuchung durchgeführt, die Texte von Gymnasiasten und Studenten vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Überlegungen zur Kohärenzerzeugung (Vierstufenmodell) und die empirische Auswertung von Briefen zu einer spezifischen Aufgabenstellung bezüglich des Themas Hausaufgaben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Schreibkompetenz, Kohärenz, syntaktische Entwicklung, kognitive Dezentrierung und Schriftspracherwerb.
Warum ist der Adjektivgebrauch ein Indikator für Schreibkompetenz?
Der Adjektivgebrauch zeigt die Fähigkeit zur Dekontextualisierung und zur Konstruktion einer präzisen Textwelt, die für einen abwesenden Leser verständlich ist, was mit zunehmendem Alter der Schreiber an Komplexität gewinnt.
Wie verändert sich die Satzkomplexität im Laufe der Schreibentwicklung?
Mit zunehmendem Alter findet eine Entwicklung vom Sequentiellen zum Integrativen statt, wobei vermehrt komplexe Nebensätze, Partizipialsätze und Nominalisierungen genutzt werden, um Informationen zu verdichten.
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- Katharina von Lingen (Author), 2001, Entwicklung von Schreibfähigkeit. Theorie nach Helmut Feilke sowie Praxis nach Gerhard Augst und Peter Faigl, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20621