Erziehungsstile und Bindungstheorie

Intergenerationale Stabilität von Bindungsmustern


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einführung in die Sozialisation
1. Begriff Sozialisation

II) Hauptteil
1. Erziehung
a). Begriff Erziehung
b). Erziehung als methodische Sozialisation
c). Erziehungsstile
2. Bindungstheorie nach John C. Bowlby
a). Begriff Bindung
b). Inneres Arbeitsmodell
c). Grundannahmen der Theorie
d). Entwicklung von Bindungsverhalten
e). Bindungsmuster
3. Ergebnisse der Felderkundung
a). Fragestellung meiner Felderkundung
b). Ergebnisse
c). Kritische Einschätzung und Interpretation
d). Vergleich mit anderen Forschungsergebnissen

III) Schlusswort

I) Einführung in die Sozialisation

1. Begriff Sozialisation

Wird von Sozialisation gesprochen, so gestaltet es sich schwer, eine knappe und präzise Definition des Begriffes zu erfassen. Das liegt daran, dass derlei viele Aspekte in das Spektrum der Sozialisationstheorie fallen, die nicht ausgeschlossen werden dürfen. Demnach bezieht sich diese Thematik mehrerer Bezugstheorien, die zu einer einheitlichen Definierung des Begriffes beitragen sollen. Peter Zimmermann stellt in seiner Monographie „Grundwissen Sozialisation“ einige dieser Bezugstheorien dar und leistet ebenfalls einen Beitrag zur Bestimmung des Begriffes.

Grundannahmen Zimmermanns sind, dass jedem Menschen von Geburt an undefinierte, jedoch plastizierbare Anlagen gegeben sind. Diese entwickeln sich in der aktiven Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt. Es wird hier besonders betont, dass Kinder nicht nur passiv Reize und Informationen aus der Umwelt aufnehmen, sondern ein aktiver Entscheidungs-, Wahrnehmungs- und Deutungsprozess stattfindet. Zimmermann sagt hierzu: „Kinder sind nicht eine Art Schwamm, der alles aufsaugt, was an Milieueinflüssen anfällt, sondern aktive, veränderungsfähige Subjekte […]“, (Zimmermann 2006: 13). In Anlehnung an Klaus Hurrelmann spricht Zimmermann zudem von einer „Inneren“ und „Äußeren“ Realität. Die „Innere Realität“ sind die körperlichen und psychischen Bedingungen, mit denen ein Mensch von Natur aus ausgestattet ist. Die „Äußere Realität“ hingegen meint die Umwelteinflüsse, denen ein Mensch in seiner Lebenswelt ausgesetzt ist. Sozialisation findet nach Hurrelmann in der aktiven Verarbeitung von Innerer und Äußerer Realität statt. Die Äußere Realität wird gemäß der Inneren Realität wahrgenommen und gedeutet, wodurch es zu einer einmaligen Persönlichkeitsentwicklung kommt. Die Persönlichkeitsentwicklung steht bei der Sozialisation im Vordergrund. Durch sie wird der Mensch im Idealfall zu einem gesellschaftlich angepassten Wesen (vgl. Hurrelmann 2006: 26 ff). Die Persönlichkeitsentwicklung findet innerhalb verschiedener Teilsysteme statt. Unter Berücksichtigung des „Strukturmodell[s] von Sozialisationsbedingungen“ nach Tillmann, stellt Zimmermann Sozialisation anhand dreier Perspektiven dar - der Subjektbezogenen, der Institutionenbezogenen und der Kulturbezogenen. Hurrelmann benennt diese Teilsysteme als „primäre“, „sekundäre“ und „tertiäre“ Sozialisationsinstanzen. Die Subjektbezogene Perspektive nach Zimmermann beschreibt, dass der Mensch seine Umwelt aktiv verarbeitet und mitgestaltet. Die institutionenbezogene Ebene handelt von den Einrichtung, die als sozialisationsunterstützende- und vermittelnde Instanzen errichtet wurden und das kulturbezogene System meint den Umgang des Individuums mit den in der Gesellschaft geltenden Deutungs- und Bedeutungsmustern (vgl. Zimmermann 2006: 15). Auf der Basis dieses Modells stößt das Individuum im Laufe seiner Entwicklung immer wieder auf neue Entwicklungsaufgaben, die es für eine erfolgreiche Persönlichkeitsbildung zu bewältigen gilt. Dazu ist nach Hurrelmann ein „reflektiertes Selbstbild“ voraussetzend (vgl. Hurrelmann 2006: 38 f).

II) Hauptteil

1. Erziehung

a) Begriff Erziehung

Erziehung ist ein Begriff, der oft mit der Sozialisation in Zusammenhang gebracht wird. Trotz einiger Gemeinsamkeiten weist Erziehung wesentliche Unterschiede auf. Erziehung lässt sich nach zwei Gesichtspunkten untergliedern, der Erziehungspraxis und der Erziehungswissenschaft. Die Erziehungspraxis meint das tatsächliche erzieherische Handeln der erziehenden Personen und Erziehungswissenschaft die wissenschaftliche Erhellung der erzieherischen Wirklichkeit, der Erziehungspraxis.

Erziehung, im Sinne von Erziehungspraxis, beruht auf der Interaktion zwischen Erzieher und Zu-Erziehendem. Ziel des Erziehers ist es, dem Zu-Erziehenden anhand der durch Erfahrung und gesellschaftlichen Zusammenlebens entstandenen Erziehungsziele, Verhaltensweisen und Einstellungen beizubringen. Der Zu-Erziehende soll die vermittelten Einstellungen und Verhaltensweisen ausüben und erlernen, was zu einer dauerhaften Veränderung oder Stabilisierung des Verhaltens führen soll. Erziehungsziele sind demnach bewusst gesetzte Wert- und Normvorstellungen, die durch die Erfahrungen des Erziehers und durch gesellschaftliches Agieren zustande kommen und ein Bild dessen wiederspiegeln, was für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes als wichtig erachtet wird. Erziehung ist immer geprägt von einer wechselseitigen Beeinflussung beider Parteien.

b) Erziehung als methodische Sozialisation

Was aber macht jetzt genau den Unterschied zwischen Erziehung und Sozialisation aus? Erziehung spielt sich immer nur in konkret erzieherischen Situationen ab, das heißt in diesen Momenten, in denen eine Interaktion zwischen Erzieher und der zu-erziehenden Personen stattfindet. Erziehung findet größtenteils innerhalb der Familie oder speziellen Einrichtungen statt. Sozialisation hingegen ist als fortwährender Prozess zu verstehen, der in jeder Lebenssituation wiederzufinden ist. Sie ereignet sich nicht nur innerhalb der Person selbst, seiner Familie oder speziellen Einrichtungen, sondern umfasst die gesamte Kultur mitsamt ihrer Deutungs- und Bedeutungssysteme.

Dennoch wirkt sich Erziehung signifikant auf die Sozialisation aus. Es liegt in der Verantwortung der erziehenden Person, mit Hilfe erzieherischer Einflussnahme den Zu-Erziehenden zu einem pädagogisch mündigen Menschen heranzuziehen. Das bedeutet nach Heinrich Roth zum Einen, dass das Kind im Laufe der Zeit erlernt, mit sich selbst zurechtzukommen, für sein eigenes Handeln Verantwortung zu übernehmen und autonom handeln zu können. Es bedeutet auch, sich in der sozialen Umwelt zurechtzufinden und mit den sich daraus ergebenden Beziehungen umgehen zu können. Das zieht ein Erlernen der gesellschaftlich geltenden Norm- und Wertvorstellungen nach sich, nach denen - aus normativer Sicht - alles menschliche Zusammenleben geregelt ist. Es bedeutet zuletzt auch aus pragmatischer Perspektive, sich mit den Aufgaben der Zeit auseinanderzusetzen und sie bewältigen zu können (Detjen 2005: 80 f). Die bewusste, geplante und gesteuerte Vermittlung dieser Fähigkeiten auf der Basis erzieherischer Methoden beschreibt die Bezeichnung „Erziehung als methodische Sozialisation“ nach Durkheim. Zimmermann sagt hierzu auch: „Erziehung ist nicht gleich Sozialisation, aber Sozialisation ist das, was unter anderem durch Erziehung ermöglicht wird, nämlich die Aneignung von gesellschaftlichen Erfahrungen.“ (Zimmermann 2006: 13).

c) Erziehungsstile

Die Gesamtheit der erzieherischen Verhaltensweisen wird anhand verschiedener Merkmale in Erziehungsstile eingeteilt. „Unter Erziehungsstilen werden die beobachtbaren und verhältnismäßig überdauernden tatsächlichen Praktiken der Eltern verstanden, mit ihren Kindern umzugehen.“ (Hurrelmann 2006: 157). Hier lässt sich die Erziehungswissenschaft aufgreifen. Es wird versucht, die Erziehungspraxis in einen wissenschaftlichen Kontext zu stellen, indem Verhaltensweisen der Erzieher in verschiedene Stile eingeteilt werden. Nach Baumrind ließ sich erzieherisches Verhalten in den 1960er- und 1970er- Jahren in den „autoritären“ und „permissiven“ Erziehungsstil kategorisieren. Anhänger des „permissiven“ oder auch „Laisser-faire“-Erziehungsstils vertraten die Ansicht, so wenig Einflussnahme wie möglich auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes auszuüben. Der Hintergedanke war, die Kinder in einer freien Entfaltung nicht zu hemmen oder zu blockieren. Erziehung wurde nicht im Sinne einer Rangfolge, sondern Ebenbürtigkeit interpretiert. Die Folge war, dass kaum bzw. keinerlei feste Regelungen herrschten. Der „autoritäre“ oder auch „autokratische“ Erziehungsstil war von dem Grundgedanken gekennzeichnet, dass nur eine Vielzahl strenger Regeln das Kind zu einem gesellschaftlichen Menschen voranbringen kann und ihn für die Anforderungen des Lebens wappnen. Erziehung im autoritären Sinne basiert demnach auf einer starken hierarchischen Ordnung zwischen Erzieher und Zu-Erziehendem. Der Erziehungsstil ist durch schwere Sanktionen gekennzeichnet.

Dieses Grundmodell von Baumrind entwickelte Hurrelmann unter der Annahme zweiter Faktoren weiter. Je nach Ausprägung des Einsatzes elterlicher Autorität und je nach Berücksichtigung kindlicher Bedürfnisse entstanden zwei weitere Erziehungsstile - der Überbehütende und der Vernachlässigende. Bei Ersterem sind sowohl die elterliche Autorität als auch die Berücksichtigung kindlicher Bedürfnisse stark ausgeprägt. Bei Letzerem sind beide Faktoren stets niedrig angesiedelt. Trotz der Erweiterung der Erziehungsziele um zwei Charakteristika konnte kein Stil gefunden werden, der eine Persönlichkeitsentwicklung des Kindes zur pädagogischen Mündigkeit beherbergt. Stattdessen wurde erkannt, dass eine Kombination aller vier Erziehungsstile den erwünschten Erfolg liefert. Die Mischform nennt sich autoritativ-partizipativer, kurz „autoritativer“ Stil. Während die autoritären und permissiven Ausprägungen eher unterwürfiges oder aufsässiges, aggressives und leistungsschwaches oder opportunistisches Verhalten und wenig soziales Engagement fördern, nimmt sich das autoritativ erzogene Kind als volles Mitglied des Systems wahr, dass eigenständig und reflexiv Handeln kann. Das hat ein positives Selbstwertgefühl zur Folge.

2. Bindungstheorie nach John C. Bowlby

a) Begriff Bindung

Im Laufe des Lebens knüpft der Mensch auf unterschiedlichste Weise etliche Kontakte. Inwieweit aus solchen Kontakten Bindungen heranwachsen, hängt von dem Bindungsverhalten der Personen ab. Auch die Art und Weise, wie Bindungen gelebt werden, ist abhängig vom Bindungsverhalten. Was genau ist aber Bindung? „Bindung wird neben körperlichen Bedürfnissen als ein eigenständiges, naturgegebenes menschliches Grundbedürfnis angesehen, enge und gefühlvolle Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen.“ (Zimmermann 2006: 42). Diese Aussage spiegelt die Annahme wieder, dass der Mensch von Natur aus sozial und auf die Gemeinschaft von anderen Menschen angewiesen ist. Bindung ist also ein Grundbedürfnis, welches zum Überleben der Menschen befriedigt werden muss.

b) Inneres Arbeitsmodell

Aus dem Grundbedürfnis heraus, Bindungen mit anderen Personen einzugehen, entwickelt das Kind anhand seiner Bindungserfahrungen ein Bindungssystem. Das Bindungsverhaltenssystem ist eine Reihe von Verhaltensweisen die gezeigt werden, um Bindungen zu anderen Menschen und der Bezugsperson aufzunehmen und aufrechtzuerhalten. Die mentale Komponente dieses Bindungssystems wird als „internales Arbeitsmodell“ bezeichnet. Das internale Arbeitsmodell ist ausschlaggebend dafür, wie bestimmte Erfahrungen wahrgenommen und interpretiert werden. Kinder entwickeln dadurch auch „kognitiv-affektive“ Konstrukte, die Aussagen über die Verfügbarkeit und Zuwendung einer Bezugsperson geben. Sie liefern aber nicht nur Informationen über Personen aus der Umwelt, sondern auch über die eigene. Es wird das eigene Wesen sowohl aber aus eigener, als auch aus fremder Perspektive interpretiert. Hat sich das internale Arbeitsmodell erst einmal gebildet, weißt es, wenn auch unbewusst, eine relative Beständigkeit auf. Es ist vergleichbar mit dem von Carl Rogers aufgeführtem „Selbstkonzept“. Ein sicheres Arbeitsmodell ist wichtig für den Aufbau stabiler Beziehungen und Flexibilität innerhalb dieser (vgl. Zimmermann 2006: 42).

[...]

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Details

Titel
Erziehungsstile und Bindungstheorie
Untertitel
Intergenerationale Stabilität von Bindungsmustern
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main  (Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Modul 3 - Gesellschaft und Persönlichkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V206355
ISBN (eBook)
9783656335528
ISBN (Buch)
9783656335917
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit baut auf einer eigenenDatenerhebung mittels eines durch den Dozenten vorgegebenen Fragebogens auf sowie auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zur intergenerationalen Stabilität von Bindungsmustern.
Schlagworte
erziehungsstile, bindungstheorie, intergenerationale, stabilität, bindungsmustern
Arbeit zitieren
Nicole Lindner (Autor), 2009, Erziehungsstile und Bindungstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206355

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