Der Kindsmord entwickelte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einem beliebten literarischen Motiv. So findet sich zu keiner anderen Zeit eine größere Anzahl an Texten, die sich mit dem Kindsmordmotiv auseinandersetzen.
Das besondere Interesse der Stürmer und Dränger lässt sich auf verschiedene Aspekte zurückführen. Zum einen hatte das Kindsmorddelikt im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts auch innerhalb der Gesellschaft eine starke Präsenz. Zum anderen entwickelte sich im Sturm und Drang, einhergehend mit der Ablehnung einer strengen Regelpoetik, eine Vorliebe für die Gestaltung komplexerer Figuren. Die Verwendung des Kindsmordmotivs bot sich somit an, da die fatale Umkehrung der ursprünglichen Beziehung zwischen Mutter und Kind eine tiefergehende psychologische Erklärung verlangt.
Das Kindsmordmotiv bildet jedoch keine literarische Neuheit der Epoche, sondern es handelt sich vielmehr um ein immer wiederkehrendes Motiv. Schon in Euripides im Jahre 431 vor Christus erschienenen Tragödie „Medea“ tötet ebendiese ihre Söhne, um sich am Kindsvater zu rächen. Dabei ist der Kindsmord allerdings Teil eines detaillierten Racheplans, welchen Medea gezielt verfolgt. Sie tötet nicht im Affekt, sondern plant ihre Handlung im Voraus, was sie besonders grausam erscheinen lässt. Konträr zur Literatur der Antike oder des Mittelalters geschieht der Kindsmord im Sturm und Drang im Rahmen einer Affekthandlung. Der Tat liegt ein vorübergehender Zustand der Unzurechnungsfähigkeit zugrunde, in den die Kindsmutter durch äußere Umstände getrieben wird. Demnach ist die Kindsmörderin im Sturm und Drang stets auch Opfer. Das Bild der Rächerin, welches noch in „Medea“ zum Tragen kommt, wird zugunsten des Bildes der Verzweifelten, die eine psychologisch nachvollziehbare Tat begeht, abgelöst.
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht das Motiv des Kindsmords in ausgewählten Werken des Sturm und Drang. So werden „Die Kindermörderin“ von Wagner, „Ida“ von Sprickmann, „Die Kindsmörderin“ von Schiller und „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Bürger sowie die Gretchen-Tragödie in Goethes „Urfaust“, der zur Zeit des Sturm und Drang entstand, im Hinblick auf die Darstellung der Frau, das Tatmotiv, den Tötungsakt und den Kindsvater untersucht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Kindsmord im 18. Jahrhundert
1.1. Der historische Kindsmord
1.2. Literarische Abweichungen
2. Analyse des Kindsmordmotivs in ausgewählten Werken des Sturm und Drang
2.1. Die Darstellung der Frau
2.2. Der Tötungsakt
2.3. Das Tatmotiv
2.4. Der Verführer
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, das literarische Motiv des Kindsmords in ausgewählten Werken der Epoche des Sturm und Drang zu untersuchen und miteinander zu vergleichen. Dabei steht die Analyse der gesellschaftlichen sowie individuellen Rahmenbedingungen im Vordergrund, um die psychologische Darstellung der Kindsmörderin im Kontrast zur historischen Realität zu beleuchten.
- Vergleich der historischen Realität des Kindsmords mit dessen literarischer Verarbeitung.
- Analyse der Frauenbilder und der sozialen Rollenzuschreibungen im 18. Jahrhundert.
- Untersuchung der Tatmotive und der Rolle des Verführers in den gewählten Werken.
- Betrachtung der Darstellung des Tötungsaktes und der psychologischen Verfassung der Protagonistinnen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Ständegesellschaft und den moralischen Normen der Zeit.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Darstellung der Frau
Peters konstatiert, dass die literarischen Frauenfiguren des 18. Jahrhunderts weniger differenzierte poetische Gestalten als ein ideales Tugendbild darstellen. So ergeben sich viele Charaktereigenschaften von Wagners Protagonistin Evchen schon aus der Zugehörigkeit zum bürgerlichen Stand. Evchen übernimmt ihre im Rahmen des Beziehungssystems ‚Kleinfamilie‘ vorgesehene Rolle der tugendhaften, passiven und ihrem Vater Gehorsam schuldigen Tochter. Dabei hat sie die Moralvorstellungen ihres Vaters vollständig internalisiert. Ihre Tugendhaftigkeit kommt insbesondere durch ihr Verhalten im ersten Akt zum Ausdruck. So kann sie von Gröningsecks zudringliche Blicke nicht ertragen, sagt ihm in aller Deutlichkeit „-ich will nicht.-“ und flüchtet vor seinen Küssen in die Kammer. Bei keiner anderen der in dieser Arbeit behandelten Kindsmordtragödien zeigt die Frau bei der ‚Verführung‘ einen solch deutlichen Widerstand.
Auch das bürgerliche Mädchen Gretchen in Goethes „Urfaust“ ist durch ihre gesellschaftliche Stellung geprägt. Sie reagiert auf Fausts Annäherungsversuch auf der Straße erst einmal mit Abwehr. Danach kommt es motiviert durch Fausts bzw. Mephistos Geschenke zu einer allmählichen Veränderung in ihrem Verhalten und in ihrem Denken. Der Schmuck löst in ihr einen Wunsch nach materiellen Gütern und sozialem Aufstieg aus. Jacobs beschreibt in diesem Zusammenhang „Gretchens schrittweises Sichlösen von bislang fraglos akezptierten Normen“. Wagners Drama, das erst mit Evchens Verführung beginnt, legt das Augenmerk stärker auf die darauffolgenden Ereignisse, wohingegen Goethe die Entstehung der Leidenschaft zwischen den Hauptfiguren darstellt. Gretchen ist nicht wie Evchen vollständig unschuldig verführt worden. Als Faust sie in der Szene „Ein Gartenhäuschen“ küsst, beschreibt die Regieanweisung ihr Verhalten mit „ihn fassend und den Kuß zurückgebend“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einführung erläutert die Relevanz des Kindsmordmotivs im Sturm und Drang und grenzt die literarische Darstellung von historischen Tatsachen ab.
1. Der Kindsmord im 18. Jahrhundert: Das Kapitel beleuchtet die historischen Umstände, die soziale Situation der Mägde und die rechtliche Einordnung des Delikts in der damaligen Zeit.
2. Analyse des Kindsmordmotivs in ausgewählten Werken des Sturm und Drang: Hier werden zentrale Aspekte wie die Rollenbilder der Frau, der Tötungsakt, die Motive der Täterinnen und das Verhalten der Verführer in den ausgewählten literarischen Werken detailliert untersucht.
Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und betont, dass die Literatur zwar Missstände aufzeigt, aber keine Generalisierung der Epoche zulässt.
Schlüsselwörter
Kindsmord, Sturm und Drang, Literaturanalyse, Frauenbild, Kindsmörderin, Verführer, 18. Jahrhundert, Sozialer Status, Moralvorstellungen, Affekthandlung, Tugendhaftigkeit, Gretchen-Tragödie, historische Realität, Motivgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv des Kindsmords innerhalb der Epoche des Sturm und Drang durch eine vergleichende Analyse bedeutender Werke.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die soziale Stellung der Frau, der gesellschaftliche Druck, die Rolle des Mannes als Verführer und die psychologische Darstellung von Schuld und Verzweiflung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Autoren des Sturm und Drang den Kindsmord verarbeiteten und inwieweit diese literarischen Darstellungen von der historischen Realität der Zeit abweichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine motivgeschichtliche und vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, gestützt auf zeitgenössische Quellen und Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung und eine thematische Analyse der literarischen Werke hinsichtlich Frauenbild, Tatmotiven, Tötungsakt und dem Verhalten der Verführer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kindsmord, Sturm und Drang, Literaturanalyse, Frauenbild, Tugendhaftigkeit und soziale Ächtung.
Inwiefern unterscheidet sich die literarische Darstellung des Kindsmords von der historischen Realität?
Während historisch oft soziale Not und Armut die Hauptmotive waren, betonen literarische Werke häufiger das "unschuldige Opfer" und die psychische Ausnahmesituation der Frau.
Welche Rolle spielt das Motiv des "Verführers" in den untersuchten Werken?
Der Verführer wird in der Regel als egoistischer Vertreter einer höheren sozialen Schicht dargestellt, dessen Handeln die soziale Katastrophe der Frau erst auslöst.
- Citar trabajo
- Larissa Benner (Autor), 2012, Das Motiv des Kindsmords in ausgewählten Werken des Sturm und Drang, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206432