Soziale Konstruktion des Geschlechts

Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied


Hausarbeit, 2012
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Grundlagen
2.1 Definition Gender
2.2 Definition Sex - das biologische Geschlecht
2.3 Soziale Konstruktion
2.4 Autorin Giulia Sissa

3 Geschlechterunterschied in der griechischen Antike
3.1 Das Bild der griechischen Frau
3.2 Das weibliche Paradigma
3.3 Die Frau als Gegenstand des Wissens
3.4 Das Mehr und das Weniger
3.5 In der Ehe geht die Frau den Weg des Selbst zum Geringeren

4 Geschlechteraspekte im Kontext des Seminars

5 Diskussion

6 Zusammenfassende Schlussbetrachtung und Fazit

Literaturverzeichnis

1 Problemstellung

Die Differenzierung des Geschlechterbegriffs in “Gender” und “Sex”, die eine begriffliche Unterscheidung von Geschlecht einerseits als biologisches Geschehen, anderseits als Effekt kultureller, historischer und sozialer Prozesse vornimmt, ermöglicht es, die Konstruktion von Geschlecht in kulturellen und historischen Kontexten verstehbar zu machen und die Legitimierung der beiden Geschlechter auf biologischer Grundlage in Frage zu stellen. Der Grund liegt in den wechselseitigen Entstehungsprozessen, die angenommen werden und die eine Grenzziehung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht ebenfalls als einen kulturellen Effekt verstehen (vgl. Bundesamt für Gesundheit 2004, online).

Die Trennung von ”Gender“ und „Sex“ richtet sich an die in der Gesellschaft, Politik und Wissenschaft verbreitete geschlechterspezifische Benachteiligung und ”Natur der Frau“ - Argumentation. Die historisch bedingten, sozial konstruierten Geschlechterunter-schiede und die soziale Ungleichheit der Geschlechter können nicht länger als Folge körperlicher Differenzen angesehen werden. Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist zu verdeutlichen, wie über den Geschlechterunterschied in der Antike gedacht wurde und wie sich dieses Denken auf die heutige Aktualität des Geschlechterdiskurses auswirkt. Hierzu wird ein Text von Giulia Sissa “Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied" vorgestellt und in den Gesamtkontext des Seminars MP 03 Gender und Ernährung gestellt. Hauptthema ist die soziale Konstruktion des Geschlechts und die damit verbundene Gender- und Ernährungsproblematik.

Im Seminar wurden die Themenschwerpunkte soziale Konstruktion des Geschlechts, soziale Funktion der Ernährung, Repräsentation und Reproduktion des Sozialen behandelt und bilden den theoretischen Rahmen. Nach der Problemstellung folgen im zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen. Es werden die Begriffe “Gender”, “Sex” und “soziale Konstruktion” erläutert, sowie die Autorin Giulia Sissa vorgestellt, woran sich die Textpräsentation von “PIaton, Aristoteles und der Geschlechterunterschied" im dritten Kapitel anschließt. Es werden die Hauptthesen des Textes herausgearbeitet, die dann im vierten Kapitel im Kontext des Seminars aufgegriffen und in ihrer Aktualität überprüft werden. Abschließend erfolgt eine zusammenfassende Schlussbetrachtung, die ein kurzes Fazit enthält.

Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Text die männliche Sprachform gewählt. Es sind jedoch stets beide Geschlechter gemeint.

2 Grundlagen

In den fünfziger Jahren wurden in der angelsächsischen Sexualwissenschaft mit der Tren- nung von “Gender“ und “Sex“ erste Schritte unternommen, die einfache Verkoppelung von Geschlecht mit Natur und Biologie zu durchbrechen (vgl. Kessler, McKenna, 1978, S. 7 f). Im Gegensatz zum Deutschen wird im Englischen das Geschlecht mit zwei Begriffen um- schrieben. Zum Einen mit dem Wort “Gender“ zum Anderen mit dem Begriff “Sex“. Diese Differenzierung aus dem Englischen ermöglicht eine Fokussierung auf nichtbiologische Di- mensionen und soziale Einflussfaktoren (vgl. Bundesamt für Gesundheit 2004, online).

2.1 Definition Gender

Der Begriff “Gender“ bezieht sich auf psychologische, soziale und kulturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern und der Geschlechtsidentität. Diese Dimensionen können die sozialen Rollen, persönliche Eigenschaften, Verhalten, Macht oder Einfluss etc. sein und werden den Geschlechtern unterschiedlich zugeschrieben. Die genannten Aspekte geben darüber Auskunft, was es heißt, in einer Gesellschaft eine Frau oder ein Mann zu sein (vgl. Bundesamt für Gesundheit 2004, online). Dabei steht die kulturelle Variabilität der an Frauen und Männer gerichteten Verhaltenserwartungen, Eigenschaftszuschreibungen und sozialen Positionierungen sowie eine typische Arbeitsteilung zwischen den jeweiligen Geschlechtern im Mittelpunkt (vgl. Gildemeister 2012 online).

2.2 Definition Sex - das biologische Geschlecht

Der Begriff “Sex“ bezieht sich auf biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie z.B. Gene, Anatomie, Physiologie, Immunologie, oder des Stoffwechsels (vgl. Bundesamt für Gesundheit 2004, online).

2.3 Soziale Konstruktion

Im Kontext der Geschlechterforschung ist unter Konstruktivismus eine Perspektive zu verstehen, die davon ausgeht, dass das Geschlecht keine natürliche oder ontologische Tatsache darstellt, sondern vielmehr als Produkt des sozialen Handelns begriffen werden muss (vgl. Villa 2004, S. 141 ff.). Der Begriff soziale Konstruktion beinhaltet somit ein gesellschaftlich gemachtes Geschlecht, dessen soziale Bedeutung als variabel beschrieben wird. Vor allem die Bewertung des Geschlechts hängt von den gesellschaftlich vorherrschenden Strukturen und kulturellen Gegebenheiten ab.

2.4 Autorin Giulia Sissa

Die Autorin des Textes “Platon, Aristoteles und der Geschlechtsunterschied“ Guila Sissa ist eine italienische Historikerin und Philosophin. Sie wurde 1954 in Italien geboren und studier- te Alte Geschichte an der Universität Pavia und promovierte 1983 an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris. Anschließend beschäftigte sie sich mit der anthropo- logischen Forschung und unterrichtete als Professorin an der Johns Hopkins University in Baltimore. Heute lehrt sie an der University of California in Los Angeles und ihre Arbeitsge- biete umfassen den Feminismus, die Sexualforschung, die Demokratie und das utopische Denken. Sissa befasst sich hauptsächlich mit der Geschichte, Anthropologie und Philosophie der Antike. In ihren Werken stellt sie eine Korrelation zwischen der antiken Geschichte und der zeitgenossischen geschlechtspezifischen Problemlage her (vgl. Department of Political Science 2012, online). Diese zeigt sich auch in der hier vorliegenden Ausarbeitung.

3 Geschlechterunterschied in der griechischen Antike

Das Schriftstück “Platon, Aristoteles und der Geschlechtsunterschied“ erschien 1993 in dem 1. Band “Antike“, herausgegeben von Pauline Schmitt Pantel, der Gesamtreihe “Geschichte der Frauen" von Duby und Perrot. Es beschreibt das Denken in der griechischen Antike über den Geschlechterunterschied.

Beschäftigt man sich mit dem Text, so drängt sich die Frage auf, ob sich das Denken der Antike ausschließlich auf das männliche Überlegenheitsgefühl bezieht oder inwiefern das Bild der Frau als Diskriminierung zu verstehen ist, denn es fällt auf, dass Platon und Aristote- les bei dem Vergleich der Geschlechter die Unterschiede verdeutlichen indem die angebliche Schwäche und Unfähigkeit der Frauen hervorgehoben wird, anstatt den Frauen einen eben- bürtigen Rang zuzubilligen.

3.1 Das Bild der griechischen Frau

Die Frau wird in der griechischen Antike zum Einen als fesselndes Objekt aber sehr unauffäl- lig dargestellt und zum Anderen als theoretisch exemplarisches Subjekt. Wird von der Frau als Objekt gesprochen, so ist ein lebendiges Etwas gemeint. Aus der Sicht der Mediziner ist die Frau ein Körper, der in seine Einzelteile zerlegt werden kann und aus Sicht der Philoso- phen eine soziale Figur.

Als Subjekt wird die Frau von den Philosophen, Medizinern oder in der Literatur nur spora- disch erwähnt, um die Exklusivität des Mannes zu betonen. Ihre geschlechtliche Bestimmung ist es, zu empfangen und in sich aufzunehmen. Ihr werden nur wenige Kompetenzen und Geschicke zugeschrieben, wie bspw. das Weben, die Hausarbeit und die Erziehung und Versorgung der Kinder. Die Frau als Subjekt des Wissens wird daher nur im Zusammenhang mit Empfänglichkeit, unbegrenzter Zugänglichkeit oder Durchlässigkeit thematisiert. In diesem Kontext sind die Philosophen fasziniert von der Eigenschaft der Frau in sich aufzunehmen. Die Vorstellung, dass die Seele des Philosophen sich befruchten lassen muss, um die Rede hervorzubringen, zeigt, dass die Frau auch zur Inspiration notwendig war (vgl. Sissa 1993, S. 66 ff.). Dies führt zu der These des weiblichen Paradigmas.

3.2 Das weibliche Paradigma

Platon unterscheidet in diesem Zusammenhang die Analogie zwischen geistiger (intellektuel- ler) Empfängnis, Äußerung und Entbindung. Er bezeichnet die Dynamik des Denkens als eine Art des Gebärens, die gleich einer Schwangerschaft eine lange und schmerzhafte Er- fahrung ist und zur Entbindung führt. In dem Moment, in dem ein Widerstand überwunden wird, wird das Denken als Entbinden bezeichnet. Für Platon bedeutet das Gebären demnach sprechen und unsere verborgenen Gedanken zu enthüllen. Dazu ist eine äußere Kraft not- wendig, wie beispielsweise die Intervention eines Geburtshelfers oder die Schönheit, um die Seele zu zwingen oder ihr zu helfen, ihren Inhalt preiszugeben. Die Idee der Schönheit nach Platon besagt, dass der liebende Blick sich von anderen unzähligen Körpern abwendet und bei einem verbleibt. Diese Betrachtung beschreibt eine Vereinigung der Schönheit mit der Seele und Dank dieser Vereinigung gebärt sie nicht nur Einsicht, sondern auch die Wahrheit selbst, die sie nicht aufhört zu nähren. Die Schönheit ist also quasi der Schlüssel für die See- le zu gebären (vgl. ebd. S. 68 ff.).

Sokrates vergleicht das Aussprechen der Gedanken mit einer Entbindung und den Gang der Befragung mit der Technik einer Hebamme. Der männliche Geburtsakt schafft somit Erleichterung, indem der Mann sich von einem möglicherweise trügerischen Gedanken befreit. Gebären wird in diesem Kontext so verstanden, dass der Mann einen wohl formulierten Ausdruck findet, für das, was er in sich trägt (vgl. ebd. S. 70 ff.).

Sokrates bekennt sich zu der Theorie des Eros. Diese Theorie hebt die Liebe von der unmittelbaren Ebene des erotischen Begehrens oder erotischer Lust auf eine höhere Ebene. Dadurch wird eine Verbindung der Schönheit sowohl des Körpers als auch der Seele, wie es bei der ästhetischen Anziehung der Fall ist, ermöglicht. In diesem Fall erweckt der Anblick der Schönheit eines einzelnen Körpers die Seele (vgl. ebd. S. 68).

3.3 Die Frau als Gegenstand des Wissens

Die Frau als Objekt wird von Ärzten, Philosophen und Dichtern in gleicher Weise betrachtet. Grundlegend gilt die Frau als passiv und wird im Vergleich zum Mann als unterlegen ange- sehen. Dieser wird als das anatomische, physiologische und psychologische Urmaß be- zeichnet. Platon ist der Auffassung, was auch immer Frauen tun, sie machen es weniger gut als Männer. Von Seiten der Ärzte wurde behauptet, dass die weibliche Samensubstanz we- niger stark sei als die männliche. Aristoteles hingegen betonte die Minderwertigkeit der Frau auf allen Ebenen. Die Vorstellung über die Frau war geprägt durch eine geringe Qualität des Weiblichen, gekennzeichnet durch Unfähigkeiten, Mängel, Verstümmelung und Unvollkom- menheit. Allerdings nimmt Aristoteles bereits eine Unterscheidung des biologischen Ge- schlechts, des Körpers und des sozialen Verhaltens der Frau vor (vgl. ebd. S. 72 f.).

Zu den Aufgaben der Frauen und ihrer individuellen Begabung gehören Kochen und Weberei, dennoch dürfen diesen Fähigkeiten und Kompetenzen von den Männern nicht als positiv gewertet werden. In den Augen der Männer sind diese Kompetenzen lächerlich, da sie von Frauen beherrscht werden. Nur Platon wundert sich über diesen Widerspruch und fragt sich wie es sein kann, dass die Erziehung künftiger Bürger Menschen in die Hand gelegt wird, die selbst schlecht erzogen sind (vgl. ebd. S. 68).

Die geschilderte Geringschätzung dient dazu, die Leistung der Frauen herabzusetzen. Die Abwertung der Frau auf allen Ebenen stammt ursprünglich aus dem Glauben, dass in der ersten Zeit nur Männer existierten und das Geschlecht der Frauen durch eine Art degenerative Mutation in die Welt trat. Die Geburt eines Mädchens bezeichnet Aristoteles als eine fehlerhafte Abweichung vom männlichen Modell (vgl. ebd. S. 81).

Zur Vererbungslehre und Fortpflanzung schreibt Platon, dass die Frau ein menschliches Wesen weiblicher Art sei. Er definiert als Erster die Begriffe “Genos“ (Gattung) und “Eidos“ (Art), welche von Aristoteles übernommen wurden. Eidos meint die sichtbare Form und Ge- nos bedeutet eine Gruppe mit zwei artspezifischen Formen die sich fortpflanzen kann. Eine eindeutige Trennung liegt zwischen den beiden Worten allerdings nicht vor (vgl. ebd. S. 77). Aristoteles stellt die Theorie auf, dass die Gattung nur eine Identität hat und diese zwei Ge- schlechter enthält. Die beiden Abstammungsarten, einer männlichen oder weiblichen Gat- tung, sind also wie durch ein Wunder in der Lage sich fortzupflanzen (vgl. ebd. S. 86).

Das Weibliche ist das Gegenteil des Männlichen und zugleich Teil der menschlichen Gattung. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft wurde widerlegt, dass das Männliche und das Weibliche je einer Art entsprechen, da die Art sich durch die Fähigkeit definiert, Individuen beiderlei Geschlechts zu zeugen. Daher kann die sexuelle Differenz nicht artbildend sein. Platon sieht die geschlechtliche Ungleichheit und bezeichnet das Geschlecht als eine individuelle Variante, bei dem jedes Individuum, ob männlich oder weiblich, zu einer bestimmten Betätigung mehr oder weniger fähig ist (vgl. ebd. S. 73 ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Soziale Konstruktion des Geschlechts
Untertitel
Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung)
Veranstaltung
Haushalts- und Dienstleistungswissenschaften
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V206501
ISBN (eBook)
9783656335658
ISBN (Buch)
9783656336402
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, konstruktion, geschlechts, aristoteles, geschlechterunterschied
Arbeit zitieren
B.sc Kira Knechtel (Autor), 2012, Soziale Konstruktion des Geschlechts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206501

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Soziale Konstruktion des Geschlechts


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden