Die Differenzierung des Geschlechterbegriffs in “Gender” und “Sex”, die eine begriffliche Unterscheidung von Geschlecht einerseits als biologisches Geschehen, anderseits als Effekt kultureller, historischer und sozialer Prozesse vornimmt, ermöglicht es, die Konstruktion von Geschlecht in kulturellen und historischen Kontexten verstehbar zu machen und die Legitimierung der beiden Geschlechter auf biologischer Grundlage in Frage zu stellen. Der Grund liegt in den wechselseitigen Entstehungsprozessen, die angenommen werden und die eine Grenzziehung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht ebenfalls als einen kulturellen Effekt verstehen (vgl. Bundesamt für Gesundheit 2004, online).
Die Trennung von ”Gender“ und „Sex“ richtet sich an die in der Gesellschaft, Politik und Wissenschaft verbreitete geschlechterspezifische Benachteiligung und ”Natur der Frau“ - Argumentation. Die historisch bedingten, sozial konstruierten Geschlechterunter-schiede und die soziale Ungleichheit der Geschlechter können nicht länger als Folge körperlicher Differenzen angesehen werden. Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist zu verdeutlichen, wie über den Geschlechterunterschied in der Antike gedacht wurde und wie sich dieses Denken auf die heutige Aktualität des Geschlechterdiskurses auswirkt. Hierzu wird ein Text von Giulia Sissa “Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied" vorgestellt und in den Gesamtkontext des Seminars MP 03 Gender und Ernährung gestellt. Hauptthema ist die soziale Konstruktion des Geschlechts und die damit verbundene Gender- und Ernährungsproblematik.
Im Seminar wurden die Themenschwerpunkte soziale Konstruktion des Geschlechts, soziale Funktion der Ernährung, Repräsentation und Reproduktion des Sozialen behandelt und bilden den theoretischen Rahmen. Nach der Problemstellung folgen im zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen. Es werden die Begriffe “Gender”, “Sex” und “soziale Konstruktion” erläutert, sowie die Autorin Giulia Sissa vorgestellt, woran sich die Textpräsentation von “PIaton, Aristoteles und der Geschlechterunterschied" im dritten Kapitel anschließt. Es werden die Hauptthesen des Textes herausgearbeitet, die dann im vierten Kapitel im Kontext des Seminars aufgegriffen und in ihrer Aktualität überprüft werden. Abschließend erfolgt eine zusammenfassende Schlussbetrachtung, die ein kurzes Fazit enthält.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Grundlagen
2.1 Definition Gender
2.2 Definition Sex – das biologische Geschlecht
2.3 Soziale Konstruktion
2.4 Autorin Giulia Sissa
3 Geschlechterunterschied in der griechischen Antike
3.1 Das Bild der griechischen Frau
3.2 Das weibliche Paradigma
3.3 Die Frau als Gegenstand des Wissens
3.4 Das Mehr und das Weniger
3.5 In der Ehe geht die Frau den Weg des Selbst zum Geringeren
4 Geschlechteraspekte im Kontext des Seminars
5 Diskussion
6 Zusammenfassende Schlussbetrachtung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht die soziale Konstruktion von Geschlecht, wobei ein besonderer Fokus auf dem antiken Geschlechterverständnis nach Platon und Aristoteles sowie dessen Auswirkungen auf moderne Gender- und Ernährungsdiskurse liegt. Ziel ist es, die historischen Wurzeln der binären Geschlechterordnung kritisch zu hinterfragen und mit aktuellen soziologischen Ansätzen zu verknüpfen.
- Soziale Konstruktion von Geschlecht
- Geschlechterbilder in der griechischen Antike
- Gender- und Ernährungsproblematik
- Einfluss von Medien auf Geschlechterrollen
- Historischer Vergleich von Ein- und Zwei-Geschlechter-Modellen
Auszug aus dem Buch
3.2 Das weibliche Paradigma
Platon unterscheidet in diesem Zusammenhang die Analogie zwischen geistiger (intellektueller) Empfängnis, Äußerung und Entbindung. Er bezeichnet die Dynamik des Denkens als eine Art des Gebärens, die gleich einer Schwangerschaft eine lange und schmerzhafte Erfahrung ist und zur Entbindung führt. In dem Moment, in dem ein Widerstand überwunden wird, wird das Denken als Entbinden bezeichnet. Für Platon bedeutet das Gebären demnach sprechen und unsere verborgenen Gedanken zu enthüllen. Dazu ist eine äußere Kraft notwendig, wie beispielsweise die Intervention eines Geburtshelfers oder die Schönheit, um die Seele zu zwingen oder ihr zu helfen, ihren Inhalt preiszugeben. Die Idee der Schönheit nach Platon besagt, dass der liebende Blick sich von anderen unzähligen Körpern abwendet und bei einem verbleibt. Diese Betrachtung beschreibt eine Vereinigung der Schönheit mit der Seele und Dank dieser Vereinigung gebärt sie nicht nur Einsicht, sondern auch die Wahrheit selbst, die sie nicht aufhört zu nähren. Die Schönheit ist also quasi der Schlüssel für die Seele zu gebären (vgl. ebd. S. 68 ff.).
Sokrates vergleicht das Aussprechen der Gedanken mit einer Entbindung und den Gang der Befragung mit der Technik einer Hebamme. Der männliche Geburtsakt schafft somit Erleichterung, indem der Mann sich von einem möglicherweise trügerischen Gedanken befreit. Gebären wird in diesem Kontext so verstanden, dass der Mann einen wohl formulierten Ausdruck findet, für das, was er in sich trägt (vgl. ebd. S. 70 ff.).
Sokrates bekennt sich zu der Theorie des Eros. Diese Theorie hebt die Liebe von der unmittelbaren Ebene des erotischen Begehrens oder erotischer Lust auf eine höhere Ebene. Dadurch wird eine Verbindung der Schönheit sowohl des Körpers als auch der Seele, wie es bei der ästhetischen Anziehung der Fall ist, ermöglicht. In diesem Fall erweckt der Anblick der Schönheit eines einzelnen Körpers die Seele (vgl. ebd. S. 68).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Einleitung in die Differenzierung von Gender und Sex sowie Erläuterung des Ziels, antikes Denken auf moderne Geschlechterdiskurse zu beziehen.
2 Grundlagen: Definition der zentralen Begriffe Gender, Sex und Soziale Konstruktion sowie Vorstellung der Autorin Giulia Sissa.
3 Geschlechterunterschied in der griechischen Antike: Analyse des antiken Frauenbildes und der philosophischen Konzepte von Platon und Aristoteles hinsichtlich biologischer und sozialer Unterschiede.
4 Geschlechteraspekte im Kontext des Seminars: Verknüpfung der antiken Überlegenheitstheorien mit modernen Feminismus-Theorien und ernährungssoziologischen Beobachtungen.
5 Diskussion: Kritische Reflexion der Seminarergebnisse zur rechtlichen Gleichheit, zur geschlechtsspezifischen Ernährung und zur politischen Repräsentation von Frauen.
6 Zusammenfassende Schlussbetrachtung und Fazit: Synthese der wesentlichen Erkenntnisse über die historische und soziale Konstruktion von Geschlecht und deren Bedeutung für die Gegenwart.
Schlüsselwörter
Soziale Konstruktion, Gender, Sex, Platon, Aristoteles, Geschlechterunterschied, Feminismus, Ernährung, Rollenbilder, Antike, Geschlechterrollen, Sozialisation, Identität, Machtverhältnisse, Gleichstellung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziale Konstruktion von Geschlecht, indem sie antike philosophische Vorstellungen mit heutigen gesellschaftlichen und ernährungsbezogenen Rollenbildern vergleicht.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Genese der Geschlechterdifferenz bei Platon und Aristoteles, die Unterscheidung von Gender und Sex sowie die soziologische Analyse von Ernährungspraxen als Ausdruck von Geschlechterrollen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu verdeutlichen, wie antike Konzepte über den Geschlechterunterschied das heutige Denken beeinflussen und ob die soziale Ungleichheit der Geschlechter weiterhin als konstruiertes Phänomen betrachtet werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse, um philosophische Texte (insb. von Giulia Sissa) mit soziologischen Theorien (z.B. Judith Butler) und empirischen Studien zur Ernährung zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Bild der griechischen Frau, das sogenannte weibliche Paradigma, die Interpretation der Frau als „unvollkommen“ durch Aristoteles sowie die moderne Reproduktion dieser Stereotypen durch Medien und Sozialisation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Soziale Konstruktion, Gender, Sex, Geschlechterrollen, Antike, Feminismus und Ernährungssouveränität charakterisieren.
Wie begründete Aristoteles die Unterlegenheit der Frau?
Aristoteles argumentierte vorwiegend physiologisch und bezeichnete die Frau als eine Art „Fehlkonstruktion“ oder „degenerative Mutation“, da sie in seinen Augen biologisch weniger vollkommen sei als der Mann.
Welche Bedeutung kommt der Ernährung in der Geschlechterdebatte zu?
Ernährung wird als Ausdrucksform der jeweiligen Geschlechterrolle interpretiert; so wurde Fleisch historisch dem männlichen „starken“ Geschlecht zugeordnet, während pflanzliche Kost mit weiblicher Milde assoziiert wurde.
Welchen Einfluss haben Medien auf heutige Geschlechterbilder?
Medien, sowohl Fernsehwerbung als auch Frauen- und Männermagazine, festigen laut der Analyse bestehende Rollenbilder, indem sie Ernährung und Konsumverhalten geschlechtsspezifisch markieren und so die soziale Konstruktion von Geschlecht reproduzieren.
Was schlussfolgert die Autorin hinsichtlich der Gleichstellung?
Die Autorin folgert, dass eine echte Anerkennung der Würde von Frauen erst möglich ist, wenn die Fixierung auf das männliche Modell als Maßstab aufgegeben wird und die soziale Konstruktion von Geschlecht als veränderbarer Prozess anerkannt wird.
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- B.sc Kira Knechtel (Autor), 2012, Soziale Konstruktion des Geschlechts, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206501