Kurt Waldheim: Opfer oder Täter?

Der Opfer- und Schulddiskurs in Österreich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Was ist Diskurslinguistik? - Erläuterung der Untersuchungsmethode
1.1 Abgrenzung von anderen Disziplinen
1.1.1 Die vier methodische Grundprinzipien der Diskursanalyse nach Foucault
1.1.2 Dialektik von Sprechen und Schweigen

2. Der „Fall Waldheim“ - Vorstellung des Untersuchungsgegenstands
2.1 Frühe Gerüchte ohne Folgen
2.2 Der Opfer-Diskurs: Österreich als erstes Opfer der Hitlerschen Aggression
2.3 Der Wir-Diskurs - Waldheim als Spiegelbild des Landes
2.3.1 Der Wir-Diskurs der Waldheim-Anhänger
2.3.2 Der Wir-Diskurs der Waldheim-Gegner am Beispiel Milo Dors
2.4 Waldheims Umgang mit autobiografischen Daten

3. Zusammenfassung der Ergebnisse

Verwendete Literatur

0 Einleitung

Die Kandidatur Kurt Waldheims für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten war Anlass für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, von deren Heftigkeit nicht nur seine Unterstützer, sondern auch seine Gegner überrascht waren. Im Laufe der gesellschaftlichen Diskussion wurde immer deutlicher, dass es nicht ausschließlich und vielleicht noch nicht einmal vordergründig um die Person Waldheims ging, sondern um die Frage des Selbstverständnis des Landes selbst.

Diese Arbeit betrachtet in ihrem Hauptteil (2. Kapitel) diese Entwicklung aus diskursanalytischer Sicht, sie geht der Frage nach, wie - aus Sicht der Diskursanalyse - gesellschaftliche Entwicklungen in Gang kommen und wie sich im Wandel des Diskurses der gesellschaftliche Wandel widerspiegelt.

Zunächst (1. Kapitel) ist jedoch zu klären, was unter Diskurs, und vor allem: was unter Diskurs linguistik zu verstehen ist. Seit Foucault haben diskursanalytische Verfahren weite Verbreitung gefunden, wobei die große Bandbreite der Auslegungen des Diskurs- begriffs kein Zufall ist. Plumpe spricht in diesem Zusammenhang von der „semanti- schen Offenherzigkeit“ des Begriffs.1 Im Kern der Diskurstheorie steht der Gedanke, dass sprachliche Gegenstände nichts Abgeschlossenes sind: An die Stelle der Abge- schlossenheit tritt der Prozess, an die Stelle des klar definierten Begriffs tritt der Dis- kurs, der sich ständig verändert. Es ist verständlich, dass eine Theorie der Uneindeutig- keit die Eindeutigkeit zu vermeiden sucht, und so ist eine gewisse Unschärfe der Theo- rie durchaus gewollt.2

1 Was ist Diskurslinguistik? - Erläuterung der Untersuchungsmethode

Um den Forschungsgegenstand der Diskurslinguistik von Nachbardisziplinen abzugrenzen, lohnt es sich den Blick auf die beiden Bestandteile des Begriffs zu richten. Diskurslinguistik bedarf demnach einer Abgrenzung zu anderen linguistischen Untersuchungsfeldern, die sich nicht mit Diskursen im engeren Sinne befassen, sie ist aber auch von anderen Fragestellungen zu trennen, die sich mit Diskurs analyse befassen, dies aber nicht mit spezifisch linguistischem Impetus tun.3

1.1 Abgrenzung von anderen Disziplinen

Da Diskurse sich auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen und in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten manifestieren, ist es nicht immer einfach, eine klare Abgrenzung zu treffen. Berührungspunkte gibt es etwa mit Teilbereichen der Psycholo- gie, wenn es um individuelle Einstellungen zu gesellschaftlichen Themen geht. Noch deutlicher sind die Überschneidungen mit der Soziologie, da sprachliches Handeln immer im gesellschaftlichen Raum stattfindet und eine Untersuchung diskursspezifi- scher Fragen ohne Berücksichtigung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht möglich ist. Für die Diskurslinguistik sind sprachliche Äußerungen Teile sprachlicher Gemeinschaftshandlungen, woraus folgt, dass der gesellschaftliche Kontext (Wer spricht wann, wo mit wem wie und worüber?) immer als Teil der sprachlichen Äußerung mit- verstanden wird und damit auch Teil der Analyse ist.4 Die Abgrenzung zur Soziologie fällt somit besonders schwer.5

Eine Abgrenzung benötigt die Diskurslinguistik, wie oben erwähnt, auch zu linguisti- schen Nachbardisziplinen. Als solche sind etwa die Text- (Untersuchung von Texten) und die Pragmalinguistik (Untersuchung des Sprachgebrauchs, der parole) zu nennen, deren Gegenstände in die Diskurslinguistik hineinragen. Diskurse manifestieren sich in Texten und sind gleichzeitig Teil eines bestimmten historisch-gesellschaftlichen Sprach- gebrauchs einer Sprechergemeinschaft. Daraus folgt, dass Diskurse nicht isoliert von den Sprechern und von der Sprechsituation (gewissermaßen nur als Produktion von zu untersuchendem Sprachmaterial) betrachtet werden können.6

Diskurslinguistik kann als ein Teilbereich der Pragmalinguistik definiert werden und sie verwendet auch Methoden der Textlinguistik. Der gesellschaftliche Kontext, der in einer diskurslinguistischen Analyse immer mitzuberücksichtigen ist, macht aber deutlich, dass man es nicht bloß mit „einer einfachen Erweiterung der Textlinguistik“7 zu tun hat.

Bild 1: Abgrenzung der Diskurslinguistik von Nachbardisziplinen und deren Untersuchungsgegenständen8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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1.1.1 Die vier methodische Grundprinzipien der Diskursanalyse nach Foucault

Im Anschluss an Foucault nennt Warnke vier methodische Prinzipien der linguistischen Diskursanalyse. Dabei übernimmt er Foucaults Einteilung, präzisiert die Definitionen aber in Hinblick auf eine linguistische Untersuchung:9

[...]


1 Zit. b. Warnke, Ingo (Hrsg.): Diskurslinguistik nach Foucault. Theorie und Gegenstände. Berlin u.a.: de Gruyter 2007, S. 11.

2 Vgl. Warnke ebd. [Vorwort], S. 10 f.

3 Warnke spricht in diesem Zusammenhang von der Gefahr der „Unterspezifiertheit“, wenn Diskurs- linguistik von spezifisch sprachwissenschaftlichen Methoden abrückt, und der „Übergeneriertheit“, wenn der Begriff des Diskurses so weit gefasst wird, dass auch nicht-sprachliche Zeichensysteme (etwa Architektur, Kleidung) in Untersuchungen mit einbezogen werden. (Vgl. Warnke, Ingo [Hrsg.]: Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwissenschaftl. Zugänge zur transtextuellen Ebene. Berlin: de Gruyter 2008, S. 42 f.)

4 Vgl. ebd., S. 44 f.

5 Das Spannungsfeld zwischen individuellem Äußerungsakt und gesellschaftlichem Kontext, in dem die Äußerung getan wird, versucht Wodak in ihrer „sozio- und psycholinguistischen Theorie der Textproduktion“ aufzufangen. Wie der sperrige Titel bereits andeutet, ist diese Methode inhaltlich sehr weit gefasst. (Vgl. Wodak, Ruth: Wir sind alle unschuldige Täter. Diskurshistorische Studie zum Nachkriegsantisemitismus. Ffm: Suhrkamp 1990, S. 46 ff.)

6 Wodak grenzt die Diskursanalyse in diesem Sinne ausdrücklich vom Strukturalismus ab, in dem Spra- che als „ein abstraktes System, das quasi losgelöst von seinen Sprechern existiert“, betrachtet würde. (Wodak1990, S. 41.) Auch Foucault besteht darauf, dass seine diskursanalytischer Ansatz nichts mit dem Strukturalismus zu tun habe. (Vgl. Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Ffm: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft [Bd. 96] 1974b, S. 15 f.)

7 Warnke2008, S. 44.

8 Das Schaubild kann unmöglich sämtliche Bezüge der Diskurslinguistik zu Nachbardisziplinen wiedergeben, es soll lediglich veranschaulichen, wie schwierig wegen der großen Schnittmengen mit anderen Ansätzen eine Abgrenzung des Untersuchungsgegenstands ist. Die einzelnen Ebenen der Linguistik sind ebenfalls nicht ganz trennscharf. Die Ebene des Wortes kann unter morphosyntaktischen Gesichtspunkten als Teilbereich der langue (des Sprachsystems) angesehen, unter semantischen aber eher der parole (Sprachgebrauch) zugerechnet werden. Eine exakte Beschreibung sämtlicher Zusammenhänge würde an dieser Stelle aber zu weit führen.

9 Vgl. Warnke2008, S. 44 f. und Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. München: Hanser 1974a, S. 35 ff.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kurt Waldheim: Opfer oder Täter?
Untertitel
Der Opfer- und Schulddiskurs in Österreich
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V206723
ISBN (eBook)
9783656335986
ISBN (Buch)
9783656336181
Dateigröße
1187 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Waldheim, Diskurs, Diskursanalyse, Opfer-Täter
Arbeit zitieren
Tetyana Lysenko (Autor), 2010, Kurt Waldheim: Opfer oder Täter? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206723

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