0 Einleitung
Die Kandidatur Kurt Waldheims für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten war Anlass für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, von deren Heftigkeit nicht nur seine Unterstützer, sondern auch seine Gegner überrascht waren. Im Laufe der gesellschaftlichen Diskussion wurde immer deutlicher, dass es nicht ausschließlich und vielleicht noch nicht einmal vordergründig um die Person Waldheims ging, sondern um die Frage des Selbstverständnis des Landes selbst. Diese Arbeit betrachtet in ihrem Hauptteil (2. Kapitel) diese Entwicklung aus diskursanalytischer
Sicht, sie geht der Frage nach, wie – aus Sicht der Diskursanalyse – gesellschaftliche Entwicklungen in Gang kommen und wie sich im Wandel des Diskurses der gesellschaftliche Wandel widerspiegelt.
Zunächst (1. Kapitel) ist jedoch zu klären, was unter Diskurs, und vor allem: was unter Diskurslinguistik zu verstehen ist. Seit Foucault haben diskursanalytische Verfahren weite Verbreitung gefunden, wobei die große Bandbreite der Auslegungen des Diskursbegriffs kein Zufall ist. Plumpe spricht in diesem Zusammenhang von der „semantischen Offenherzigkeit“ des Begriffs.1 Im Kern der Diskurstheorie steht der Gedanke,dass sprachliche Gegenstände nichts Abgeschlossenes sind: An die Stelle der Abgeschlossenheit
tritt der Prozess, an die Stelle des klar definierten Begriffs tritt der Diskurs,der sich ständig verändert. Es ist verständlich, dass eine Theorie der Uneindeutigkeit die Eindeutigkeit zu vermeiden sucht, und so ist eine gewisse Unschärfe der Theorie durchaus gewollt.2
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Was ist Diskurslinguistik? – Erläuterung der Untersuchungsmethode
1.1 Abgrenzung von anderen Disziplinen
1.1.1 Die vier methodische Grundprinzipien der Diskursanalyse nach Foucault
1.1.2 Dialektik von Sprechen und Schweigen
2. Der „Fall Waldheim“ – Vorstellung des Untersuchungsgegenstands
2.1 Frühe Gerüchte ohne Folgen
2.2 Der Opfer-Diskurs: Österreich als erstes Opfer der Hitlerschen Aggression
2.3 Der Wir-Diskurs – Waldheim als Spiegelbild des Landes
2.3.1 Der Wir-Diskurs der Waldheim-Anhänger
2.3.2 Der Wir-Diskurs der Waldheim-Gegner am Beispiel Milo Dors
2.4 Waldheims Umgang mit autobiografischen Daten
3. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den „Fall Waldheim“ aus diskursanalytischer Perspektive, um zu analysieren, wie gesellschaftlicher Wandel durch Verschiebungen im Diskurs sichtbar wird und wie der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich konstruiert wurde.
- Grundlagen der Diskurslinguistik nach Foucault
- Analyse des österreichischen „Opfer-Diskurses“
- Untersuchung von Identitätskonstruktionen („Wir-Diskurs“) bei Anhängern und Gegnern Waldheims
- Dekonstruktion autobiografischer Selbstdarstellungen Kurt Waldheims
- Verhältnis zwischen sprachlicher Kommunikation, Schweigen und gesellschaftlichem Wandel
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Der Wir-Diskurs der Waldheim-Anhänger
Eine Zusammenfassung des „Wir-Gefühls“ der Waldheim-Anhänger bietet die Aufschrift eines Wahlplakats (s.u.). In stilisierter Handschrift findet sich dort in Blockbuchstaben die Aussage: „Wir / Österreicher / wählen / wen wir / wollen!“. Neben der sehr auffälligen Alliteration der Wörter mit w-Anlaut (wie „Waldheim“) und dem Ausrufezeichen fällt an der Headline weiterhin die grafische Gliederung auf, durch die die Nationalbezeichnung „Österreicher“ in eine eigene Zeile gerückt ist und optisch hervorgehoben wird. Durch die stilisierte Handschrift und die etwas schiefen Zeilen wirkt die Aussage wie ein persönliches Bekenntnis eines einfachen Österreichers. Das „Wir“-Gefühl soll auch noch durch die Unterstreichung des zweiten „wir“ verstärkt werden. Gleichzeitig enthält dieser Satz auch eine Absage an den Wunsch einer (nicht genannten!) Outgroup, deren Mitglieder nach dieser Aussage keine Österreicher sind bzw. sein können.
Unter der Headline steht als trotziges Bekenntnis in Druckschrift der Slogan: „JETZT ERST RECHT / WALDHEIM“, wobei der Name des Kandidaten durch eine größere Schrifttype hervorgehoben wird. Der Slogan fällt durch die stakkatoartige Reihung dreisilbiger Wörter („jetzt erst recht“) auf, die durch Assonanz verbunden sind. Rechts unterhalb des Namens „Waldheim“ befindet sich wie auf einem Wahlzettel ein Kreis, durch den ein Haken gezeichnet ist. Dieser Haken ist als stilisierte österreichischen Nationalflagge ausgeführt, was so viel heißen soll wie: „Ganz Österreich steht hinter dem Kandidaten Waldheim“.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung erläutert den Anlass der Arbeit – die gesellschaftliche Auseinandersetzung um die Präsidentschaftskandidatur Waldheims – und führt in die diskursanalytische Fragestellung ein.
1 Was ist Diskurslinguistik? – Erläuterung der Untersuchungsmethode: Dieses Kapitel definiert den theoretischen Rahmen der Diskurslinguistik, grenzt diese von Nachbardisziplinen ab und erläutert die methodischen Prinzipien nach Foucault.
2. Der „Fall Waldheim“ – Vorstellung des Untersuchungsgegenstands: Das Hauptkapitel analysiert den Fall Waldheim durch die Linse des Opfer-Diskurses, des Wir-Diskurses und untersucht kritisch Waldheims autobiografische Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit.
3. Zusammenfassung der Ergebnisse: Das Fazit resümiert, dass der gesellschaftliche Wandel im Umgang mit der NS-Vergangenheit durch einen Wandel des Diskurses erklärbar ist, wobei Waldheims Selbstdarstellung als apologetisch entlarvt wird.
Schlüsselwörter
Diskurslinguistik, Michel Foucault, Fall Waldheim, Österreich, Opfer-Diskurs, Wir-Diskurs, Nationalsozialismus, Diskursanalyse, Identität, Geschichtspolitik, Autobiografie, Kommunikation, Schuld, Widerstand, Sprachgebrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert aus diskurslinguistischer Sicht, wie die gesellschaftliche Debatte um Kurt Waldheim und seine NS-Vergangenheit in Österreich geführt wurde und welche Identitätskonstruktionen dabei eine Rolle spielten.
Welche thematischen Felder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die Diskursanalyse als Methode, der österreichische „Opfer-Mythos“, die Identitätsbildung durch „Wir-Diskurse“ sowie die Analyse von Waldheims autobiografischen Schriften.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich gesellschaftlicher Wandel im Wandel des Diskurses widerspiegelt und warum bestimmte Informationen über Waldheims NS-Vergangenheit lange Zeit nicht öffentlich kommuniziert wurden.
Welche methodischen Ansätze werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf diskursanalytische Verfahren nach Michel Foucault und integriert sozio- sowie psycholinguistische Ansätze, um sprachliche Äußerungen in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu verorten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung des Falls, die Analyse des Opfer-Diskurses, die Untersuchung gegensätzlicher „Wir-Diskurse“ (Anhänger vs. Gegner) sowie eine detaillierte Textanalyse der autobiografischen Eigendarstellung Waldheims.
Welche zentralen Begriffe prägen die Untersuchung?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Diskurslinguistik, Opfer-Diskurs, Wir-Diskurs, Identitätskonstruktion und NS-Vergangenheit charakterisiert.
Inwiefern spielt der „Opfer-Diskurs“ eine Rolle für das Verständnis des Falls Waldheim?
Der Opfer-Diskurs war in Österreich Staatsraison; die Arbeit zeigt auf, dass kritische Stimmen zu Waldheims NS-Vergangenheit erst dann breiteren Raum einnehmen konnten, als dieser Diskurs der „Unschuld“ durch einen neuen Schuld-Diskurs herausgefordert wurde.
Wie bewertet die Arbeit Waldheims autobiografische Texte?
Die Arbeit analysiert Waldheims Autobiografie als gezielte Konstruktion, in der durch Auslassungen und kontextuelle Einbettungen der Eindruck einer oppositionellen Haltung gegenüber dem NS-Regime erweckt werden soll, obwohl der Text keine Belege dafür liefert.
- Quote paper
- Tetyana Lysenko (Author), 2010, Kurt Waldheim: Opfer oder Täter? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206723