Die Rolle des Erzählers in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ erstmals detailliert in den Blick seiner Forschungen genommen zu haben, war der Verdienst von Stefan Blessin. Seine Untersuchungen über das Verhältnis von Handlung und Erzählung im Roman brachten neue Aspekte in die Diskussion um dieses vielschichtige Werk. Möglich wurde seine Arbeit durch jene Entwicklung der Literaturwissenschaft, die die Erzählstruktur des Romans als Stilmittel begreift. Im Gegensatz zur älteren Forschung begreift sie die Instanz des Erzählers keineswegs als deckungsgleich mit dem Autor. Die vorliegende Hausarbeit bezieht sich in ihrer Fokussierung auf den Erzähler auf die Forschungen von Blessin. Dieser Ansatz ist bis jetzt keineswegs ausgeschöpft und bietet noch zahlreiche Erkenntnisse, die bei der Interpretation der Wahlverwandtschaften hilfreich sind. So ist die Konzentration auf die Erzähltechnik im Roman auch bei der Frage um seinen- in der Forschung stets kontrovers diskutierten- Schluss nützlich. Der erste Teil dieser Arbeit versucht ganz allgemein, die Position des Erzählers im Roman zu fassen. Es wird sich zeigen, dass der Text vielfach selbst die Problematik von Erzählung und Konstruktion metasprachlich aufnimmt. Die Rolle des Erzählers zwischen Berichterstatter und Kommentator wird genauer zu bestimmen sein. Der zweite Teil der Hausarbeit beschäftigt sich mit der Figur Ottilie. Ihre Rolle als ‚Heilige’ gibt der Forschung bis heute Rätsel auf. Bei der vielschichtigen Verklärung von Ottilie wird sich der Anteil des Erzählers als zentral herausstellen. An diesem Beispiel zeigt sich, wie der Blick auf die Erzählstruktur auch bei der Diskussion um ein ‚Einzelthema’ hilfreich ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Romanstruktur und Erzählerfunktion
1.1 Der Erzähler als Regisseur
1.2 Dialoge, Briefe, Tagebuch
1.3 Der wechselhafte Erzähler
1.4 Zusammenfassung
2 „Das herrliche Kind“. Ottilie und der Erzähler
2.1 Die vermittelte Figur
2.2 Ottilie, das gute Kind?
2.3 Stilisierung zur Heiligen
2.4 Zusammenfassung
Ergebnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Erzählers in Johann Wolfgang Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ und analysiert dessen Einfluss auf die Darstellung der Romanfiguren sowie die Sinnkonstruktion des Werkes. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie die Erzähltechnik – insbesondere der Wechsel zwischen neutralem Bericht und subjektiver Kommentierung – die Wahrnehmung des Lesers steuert und den Status der Figur Ottilie als „Heilige“ konstruiert.
- Analyse der Erzählerinstanz als „Regisseur“ und Konstrukteur der Handlung.
- Untersuchung der Funktion von Dialogen, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen für den Rückzug des Erzählers.
- Darstellung des wechselhaften Erzählverhaltens und der damit verbundenen Perspektivenvielfalt.
- Kritische Beleuchtung der Stilisierung Ottilies zur Heiligen durch den Erzähler.
- Deutung des Romanendes vor dem Hintergrund der Erzählstrategie.
Auszug aus dem Buch
1.1 Der Erzähler als Regisseur
Schon der erste Satz von Goethes Wahlverwandtschaften verweist auf die Konstruiertheit der Geschichte und rückt damit die Funktion des Erzählers kurz ins Blickfeld:
„Eduard- so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter“ (S. 3)¹
Mit diesen Worten hebt der Erzähler an. Der Vorgang des ‚Nennens’ bezeichnet im Grunde einen Akt der mehr oder willkürlichen Erfindung oder Konstruktion. Diese Stelle verweist darauf, dass Eduard eben nicht wirklich Eduard heißt. Er hat sich diesen Namen selbst gegeben. Das wird später im Dialog zwischen Eduard und dem Hauptmann deutlich:
„Als Kinder hießen wir beide so; doch als wir in der Pension zusammen lebten und manche Irrung daraus entstand, so trat ich ihm freiwillig diesen hübschen lakonischen Namen ab.
Wobei du denn doch nicht gar zu großmütig warst, sagte der Hauptmann. Denn ich erinnere mich recht wohl, daß dir der Name Eduard besser gefiel“ (S. 20)
Doch dieser erste Satz leistet mehr. Er führt- gleich zu Anfang- das Element der Konstruktion ein, und das durch den Erzähler selbst. Schon der erste Satz des Erzählers verweist auf den Erzählvorgang als solchen. So sieht es auch Jeremy Adler, der im Rahmen seiner Analyse des Chemie-Themas auch die Rolle des Erzählers kurz beleuchtet:
„Der Anfangssatz führt die erkenntniskritische Thematik in den Roman ein. Er unterscheidet, noch bevor die Erzählung beginnt, zwischen Wort und Gegenstand, zwischen Erzählung und Erzähltem […]. Im Augenblick des Benennens reflektiert der Satz auf das Nennen selbst. So macht der Erzähler auf sich selbst aufmerksam.“²
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsgeschichte ein und definiert den Fokus auf die Erzählstruktur als zentrales Stilmittel zur Interpretation des Romans.
1 Romanstruktur und Erzählerfunktion: Dieses Kapitel analysiert die Rolle des Erzählers als bewussten Konstrukteur, der zwischen Berichterstatter und Kommentator wechselt.
1.1 Der Erzähler als Regisseur: Hier wird anhand des Anfangssatzes verdeutlicht, wie der Erzähler den Prozess der Konstruktion und Selektion selbst thematisiert.
1.2 Dialoge, Briefe, Tagebuch: Dieses Kapitel untersucht, wie durch diese Stilmittel der Erzähler in den Hintergrund tritt und den Figuren Raum zur Selbstdarstellung gibt.
1.3 Der wechselhafte Erzähler: Hier wird der ständige Standort- und Perspektivenwechsel des Erzählers als elementarer Bestandteil der Romanstruktur herausgearbeitet.
1.4 Zusammenfassung: Diese Zusammenfassung reflektiert die Irritation des Lesers angesichts der Unfassbarkeit von Sinn und der wechselhaften Erzählweise.
2 „Das herrliche Kind“. Ottilie und der Erzähler: Das Kapitel widmet sich der zentralen Bedeutung des Erzählers für die Rezeption und Verklärung der Figur Ottilie.
2.1 Die vermittelte Figur: Hier wird dargelegt, wie die Sicht auf Ottilie primär durch die Perspektive anderer Figuren und des Erzählers gebrochen wird.
2.2 Ottilie, das gute Kind?: Dieses Kapitel kritisiert die Parteinahme des Erzählers, der durch bewertende Attribute eine objektive Beurteilung der Figur verhindert.
2.3 Stilisierung zur Heiligen: Hier wird die sakrale Inszenierung Ottilies durch den Erzähler und deren Wirkung als Heilerin nach dem Tod analysiert.
2.4 Zusammenfassung: Diese Zusammenfassung hinterfragt den Romanschluss als idyllische Auflösung und verdeutlicht die Orientierungslosigkeit, die der Erzähler beim Leser hinterlässt.
Ergebnis: Das Ergebnis resümiert, dass der Erzähler als Meinungsträger fungiert und die Erzählstruktur somit als Schlüssel zum modernen Verständnis des Textes dient.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang Goethe, Die Wahlverwandtschaften, Erzählstruktur, Erzählerrolle, Ottilie, Romananalyse, Perspektivenwechsel, Heiligenverklärung, Konstruiertheit, Literaturwissenschaft, Moderne, Leserlenkung, Sinnkonstitution, Erzähltechnik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Funktion und Rolle des Erzählers in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ und deren Bedeutung für die Textinterpretation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Analyse der Erzählstruktur, der wechselhafte Perspektivismus, die Rolle Ottilies sowie die Frage der Leserlenkung durch den Erzähler.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass der Erzähler nicht als neutrale Instanz, sondern als bewusster Regisseur fungiert, dessen Parteinahme die Wahrnehmung der Figuren maßgeblich beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textnahe literaturwissenschaftliche Analyse, die den Erzähler als stilistisches Mittel im Sinne der modernen Erzähltheorie begreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der allgemeinen Erzählerfunktion (Romanstruktur, Regie, Perspektivenwechsel) und die spezifische Analyse der Figur Ottilie (Vermittlung, Stilisierung zur Heiligen).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Erzählstruktur, Perspektivenwechsel, Ottilie, Konstruiertheit und Heiligenverklärung.
Wie beeinflusst der Erzähler das Bild der Figur Ottilie?
Der Erzähler färbt die Darstellung Ottilies durch affirmative Kommentare und durch die Beschränkung auf Fremdwahrnehmungen, wodurch sie für den Leser als ungreifbar und „heilig“ konstruiert wird.
Warum ist der Romanschluss für die Argumentation relevant?
Der Romanschluss dient als Beleg für die Parteinahme des Erzählers, da er die tragischen Ereignisse in ein idyllisches Wohlgefallen auflöst und damit die tatsächliche Sinnsuche der Figuren ignoriert.
- Quote paper
- Andrea Geiss (Author), 2003, Die Funktion des Erzählers in Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften"., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20675