Auch über 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung lässt sich in den alten und neuen Bundesländern hinsichtlich verschiedener familiensoziologischer Parameter keine völlige Angleichung feststellen; teilweise ist sogar eine zunehmende Divergenz zu beobachten. Diskrepanzen sind beispielsweise noch immer in der Müttererwerbstätigkeit zu beobachten.
Doch welche Determinanten stehen hinter der Müttererwerbstätigkeit und inwieweit sind Variationen in solchen Einflussfaktoren in der Lage, andauernde Differenzen zwischen dem ursprünglichen Bundesgebiet und den neuen Ländern zu erklären? Die bisherige Forschung zu diesem Thema legt nahe, dass sowohl institutionelle als auch kulturelle Aspekte einbezogen werden sollten, um Einflüsse auf die Müttererwerbstätigkeit sowie interregionale Unterschiede angemessen untersuchen und erklären zu können (z.B. Steiber/Haas 2009). Dies sollte gerade auch für einen Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland gelten, denn erstens hat eine jahrzehntelange Sozialisation in getrennten politischen und ideologischen Systemen zu unterschiedlichen Entwicklungen von Werten und Einstellungen geführt, die auch nach der Wiedervereinigung weiterbestehen. Zweitens wurden mit der Wiedervereinigung zwar die politischen Rahmenbedingungen angeglichen, dennoch blieben institutionelle Unterschiede teilweise bestehen. Als Erbe der DDR kann ein gut ausgebautes Netz an Kindertageseinrichtungen für alle Altersstufen mit vielen Ganztagsplätzen angesehen werden, das nur allmählich abgebaut wird, sodass noch heute mehr als dreimal so viele ostdeutsche Kinder unter drei Jahren eine Betreuungseinrichtung besuchen wie westdeutsche Kinder (Goldstein et al. 2010). Im Osten Deutschlands wird somit eine wesentlich bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht.
In dieser Arbeit wird dementsprechend ermittelt, ob individuelle Einstellungen sowie das regionale Kinderbetreuungsangebot die Erwerbsentscheidung von Müttern junger Kinder beeinflussen. Zusätzlich soll geprüft werden, inwieweit Variationen in diesen Faktoren Unterschiede bzgl. Müttererwerbstätigkeit zwischen Ost- und Westdeutschland erklären können. Dies soll Hinweise darauf geben, wie effektiv politische Maßnahmen wie der Ausbau des Kinderbetreuungssystems zur Erwerbsförderung von Müttern sein könnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie und Forschungsstand
2.1 Theoretische Überlegungen
2.2 Bisherige Studien
3. Daten und Methoden
4. Ergebnisse
4.1 Bivariate Analysen
4.2 Multivariate Analysen: das allgemeine Modell
4.3 Multivariate Analysen: spezifische Modelle nach Altersstufe des jüngsten Kindes
5. Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der regionalen Verfügbarkeit institutioneller Kinderbetreuung, individuellen Einstellungen und der Erwerbsentscheidung von Müttern junger Kinder in Deutschland, um insbesondere die anhaltenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zu erklären.
- Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen auf die Müttererwerbstätigkeit
- Bedeutung individueller Einstellungen zu Ehe und Familie
- Analyse der Ost-West-Unterschiede bei der Erwerbsbeteiligung von Müttern
- Anwendung des familienökonomischen Modells nach Becker
- Untersuchung der Erwerbsneigung nach Altersstufen der Kinder
Auszug aus dem Buch
2.1 Theoretische Überlegungen
Als theoretische Grundlage dient in dieser Arbeit das familienökonomische Modell nach Becker (1965), in dessen Rahmen institutionelle und einstellungsbezogene Einflüsse auf die Entscheidungen und das Handeln von Müttern hinsichtlich ihrer Erwerbstätigkeit modelliert werden. Es handelt sich hierbei um einen Spezialfall der Rational-Choice-Theorie, der von rationalen Akteuren ausgeht und sich auf familiales Handeln bezieht. Die Familienökonomische Theorie nimmt an, dass – unter Ressourcenknappheit und Zeitbeschränkung – nach Nutzenmaximierung des Haushaltes und nicht der Einzelperson gestrebt wird (Becker 1965). Dabei gelten Haushalte als Produktionsgemeinschaften, die durch den Einsatz von Zeit und Marktgütern sowie unter bestimmten Umweltbedingungen sogenannte „commodities“ (Basisgüter) erzeugen, also Güter und Zustände, die direkt Nutzen stiften, wie z.B. Wertschätzung und Gesundheit. Diese sind auf dem Markt nicht erhältlich, besitzen aber einen Schattenpreis, der den Produktionskosten entspricht (Becker 1991).
Bezogen aufs Thema Müttererwerbstätigkeit lässt sich mithilfe der familienökonomischen Theorie zunächst erklären, warum Kindererziehung verstärkt ausgelagert werden sollte. Im Zuge des wachsenden wirtschaftlichen Wohlstands im 20. Jahrhundert haben Frauen eine zunehmend höhere Bildung erhalten und sind immer öfter erwerbstätig. Der damit einhergehende Anstieg des Einkommens erhöht der Theorie zufolge die Opportunitätskosten der Nichterwerbstätigkeit für Frauen. Um diese höheren Kosten zu reduzieren, muss der Umfang an unbezahlter Arbeit durch Externalisierung verringert werden, sodass die so gesparte Zeit in Erwerbsarbeit investiert werden kann: „an increase in the value of a mother’s time may induce her to enter the labour force and spend less time [...] on child-care by using nurseries, camps or baby-sitter“ (Becker 1965: 514).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die anhaltenden Unterschiede in der Müttererwerbstätigkeit zwischen Ost- und Westdeutschland und führt die Forschungsfrage sowie die Zielsetzung der Arbeit ein.
2. Theorie und Forschungsstand: Dieses Kapitel erläutert das familienökonomische Modell nach Becker als theoretische Basis und fasst den aktuellen Forschungsstand zu Determinanten der Müttererwerbstätigkeit zusammen.
3. Daten und Methoden: Hier wird die Datengrundlage der Pairfam-Studie beschrieben, die Auswahlkriterien für die Stichprobe dargelegt und die methodische Vorgehensweise bei der Operationalisierung der Variablen erläutert.
4. Ergebnisse: Dieses Kapitel präsentiert die bivariaten und multivariaten Analysen, die prüfen, inwiefern Kinderbetreuung und Einstellungen die Erwerbsentscheidung von Müttern beeinflussen.
5. Diskussion: Abschließend werden die Ergebnisse kritisch reflektiert, die Hypothesen bewertet sowie Limitationen der Studie und Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungen diskutiert.
Schlüsselwörter
Müttererwerbstätigkeit, Familienökonomie, Kinderbetreuung, Ost-West-Unterschiede, Pairfam, Einstellungen, Erwerbsneigung, Rational-Choice-Theorie, Vereinbarkeit, Kleinkinder, Arbeitsmarkt, Opportunitätskosten, Humankapital, Erwerbsentscheidung, Institutionalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Faktoren, die beeinflussen, ob Mütter junger Kinder in Deutschland erwerbstätig sind, mit einem speziellen Fokus auf die Unterschiede zwischen den neuen und alten Bundesländern.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von lokalem Kinderbetreuungsangebot, individuellen Einstellungen zu Geschlechterrollen sowie strukturellen Rahmenbedingungen auf die Erwerbsentscheidung von Müttern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu ermitteln, ob Unterschiede in den individuellen Einstellungen und im regionalen Kinderbetreuungsangebot erklären können, warum ostdeutsche Mütter häufiger erwerbstätig sind als westdeutsche.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Autorin nutzt multivariate logistische Regressionsmodelle auf Basis der Pairfam-Längsschnittdaten, um die Effekte verschiedener Variablen unter Kontrolle anderer Faktoren zu isolieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretische Fundierung durch das Modell von Becker, die Operationalisierung der Variablen, die bivariate Deskription der Stichprobe sowie die multivariate statistische Auswertung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Typische Begriffe sind Müttererwerbstätigkeit, Familienökonomie, Kinderbetreuungsangebot, Ost-West-Differenzen und die Rolle individueller Einstellungen.
Welche Rolle spielt die Verfügbarkeit von Krippenplätzen für Mütter mit Kleinkindern?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Verfügbarkeit von Krippenplätzen die Erwerbswahrscheinlichkeit für Mütter von Kindern unter drei Jahren positiv beeinflusst, wobei ab einer gewissen Sättigung abnehmende Effekte beobachtet werden.
Inwieweit beeinflussen Einstellungen das Erwerbsverhalten?
Es zeigt sich, dass konservativere Einstellungen zu Ehe und Familie die Erwerbswahrscheinlichkeit senken, während eine hohe persönliche Wertschätzung der eigenen Berufstätigkeit die Erwerbsneigung signifikant erhöht.
- Citation du texte
- Juliane Stahl (Auteur), 2011, Müttererwerbstätigkeit in Ost- und Westdeutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206790