Wie lässt sich mit John L. Austins „Theorie der Sprechakte“ sprachliche Gewalt verstehen?


Ausarbeitung, 2012

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprechakttheorie
2.1. Der „frühe“ Austin – Performativität und deren Gelingenheitsbedingungen
2.2. Der „frühe“ Austin- Konstativa und deren Wahrheitsbedingungen
2.3. Probleme bei der Unterscheidung von konstativ und performativ
2.4. Der „späte“ Austin – allgemeine Theorie der Sprechakte
2.5. Zusammenhang vom „frühen“ Austin mit dem „späten“ Austin

3. Formen sprachlicher Gewalt
3.1. sprachliche Gewalt in Form von sexistischer Sprache
3.2. Repräsentation als sprachliche Gewalt über Subalterne

4. Wie kann mit Austin sprachliche Gewalt gedacht werden?
4.1. Perlokution, Illokution und die Möglichkeiten sprachlicher Gewalt
4.2. Performative und die Möglichkeiten sprachlicher Gewalt

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Abbildungen
7.1. Abbildung

1. Einleitung

Wie funktioniert Sprache? Dies untersuchen Philosophen schon seit Jahrhunderten, und doch blieb die Gewalt in der Sprache unbeachtet. „Sprache blieb auf ihre konstatierende Dimension beschränkt“ (Herrmann, 2007, 9). Mit der Philosophie der normalen Sprache konnte im Sprechen ein Tun entdeckt werden, jedoch wurde dies noch nicht als ein An-tun analysiert. Vermutungen legen nahe, dass das Bild der Sprache in der Philosophie als etwas Vernünftiges gesehen wurde. Aus diesem Grund wurde das Zerstörerische an der Sprache unbeachtet gelassen. (Vgl. Herrmann, 2007, 10)

Auch John L. Austin (1911-1960) hat in seinen Untersuchungen die Gewalt von Sprache weitestgehend unbeachtet gelassen, allerdings eröffnet seine Theorie die Möglichkeit dies nachzuholen.

Austin beginnt seine Vorlesung „How to do things with words“ („Zur Theorie der Sprechakte“) mit der These, dass Aussagen nicht nur „wahr“ oder „falsch“ sein können, sondern dass es eine Vielzahl von Fällen gibt, in denen durch Aussagen etwas getan wird, also „gelingen“ oder „misslingen“ kann. Somit beginnt er seine Unterscheidung von Konstativa und Performativa aufzuschlüsseln, indem er aufzeigt, wie Performativa verunglücken können. Im zweiten Schritt stellt er fest, dass auch Konstativa an bestimmte (Wahrheits-) Bedingungen geknüpft sind, sodass beide Arten von Äußerungen scheitern können. Auch andere Kriterien der Unterscheidung in performativ und konstativ scheitern nach Austins Prüfung. Dies wird in Punkt 2.1 bis 2.3 näher erläutert. Da er die Unterscheidung konstativ/ performativ nach deren Prüfung wieder verwirft, soll im Folgenden seine neu untersuchte Theorie der Sprechakte und deren Unterscheidung in Lokution, Illokution und Perlokution aufgezeigt werden (2.4). Im letzten Abschnitt des zweiten Teils sollen die Ideen des „frühen“ Austin noch einmal mit den Ideen des „späten“ Austin zusammengeführt werden, um auf mögliche Überschneidungen, Ähnlichkeiten und Unterschiede hinzuweisen.

Im nächsten Schritt sollen zwei Inhalte, Sprache als Gewalt zu verstehen, kurz erläutert werden. Zum einen soll es um sexistische Sprechakte gehen. An dieser Stelle soll aus Platzgründen ausschließlich das Herrschaftsverhältnis Geschlecht betrachtet werden, da die Analyse weiterer Herrschaftsverhältnisse und deren sprachliche Gewalt den Rahmen sprengen würde. Sprachliche Gewalt wird im zweiten Schritt über Spivaks Essay „Can the Subaltern speak?“ als Repräsentation und Nicht-gehört werden verstanden.

Im letzten Schritt soll nun der „frühe“ und der „späte“ Austin mit den beiden Möglichkeiten sprachlicher Gewalt zusammengedacht werden. Hier soll untersucht werden, inwiefern sprachliche Gewalt mit den Theorien des „frühen“ Austin oder mit den Theorien des „späten“ Austin funktioniert und welche Probleme dabei entstehen.

2. Sprechakttheorie

2.1. Der „frühe“ Austin – Performativität und deren Gelingenheitsbedingungen

Die Existenz performativer Äußerungen wurde zum ersten Mal von Austin explizit benannt in seiner verschriftlichten Vorlesungsreihe „How to do things with words“. Der Neologismus „Performativa“ wurde von Austin als Ableitung vom englischen Verb „to perform“ bezeichnet. Es bedeutet: „eine Handlung vollziehen“ und ist eine „Anlehnung an grammatische Termini wie z.B. Imperativ“ (Villers, 2011, 37). Mit dieser Erkenntnis kritisiert Austin die Ansicht, dass die einzige Funktion von Sprache das Feststellen von dem was ist sei und betitelt dies als „deskriptiven Fehlschluß“ (Austin, 1972, 25). Beim Lesen von Austin´s „Theorie der Sprachakte“ merkt der/die Leser_in schnell, dass das Aufstellen von Thesen, wie auch das wiederlegen von Thesen seine bevorzugte Form wissenschaftlich zu arbeiten darstellt. (Vgl. Rolf, 2009, 22)

Konstatierende Äußerungen sind, anders als performative Äußerungen wahr oder falsch. Im Gegensatz dazu haben performative Äußerungen die Eigenschaft „zum Vollzug einer Handlung gebraucht zu werden, bzw. eine Handlung zu sein“ (Rolf, 2009, 23). Beispielhaft können hier genannt werden; die Worte „Ich will“ bei der Heiratszeremonie, „Ich taufe …“, „Ich vermache…“ und „Ich wette…“ (vgl. Austin, 1972, 26f und Villers, 2011, 37). Hierbei wird jeweils die Handlung der Wette, des Beerbens, des Taufens und der Vermählung vollzogen.

Performative Äußerungen wurden von Austin über „Verunglückungsarten“ (vgl. Rolf, 2009, 26) untersucht (siehe Abbildung 1). Nachfolgend wird hierfür beispielhaft erläutert, was bei einer Forderung zum Duell alles schiefgehen kann. Die Fehlberufungen (A.1) passieren, wenn z.B. heute jemand einen anderen zum Duell auffordert. Die Institution bzw. Konvention des Duells existiert nicht mehr, da der kollektive Glaube an das Duell nicht weiter existiert. Somit beruft sich der/die Sprecher_in auf eine Konvention, welche nicht mehr existiert. (vgl. Austin, 1972, 46)

„Es muss ein übliches konventionales Verfahren mit einem bestimmten konventionalen Ergebnis geben; zum Verfahren gehört, daß bestimmte Personen unter bestimmten Umständen bestimmte Wörter äußern“ (Austin, 1972, 45).

Fehlanwendungen (A.2) sind, bezogen auf das Duell, in einer Zeit in welcher die Institution noch existierte, die Teilnahme einer falschen Person. Das bedeutet, dass die Personen welche am Duell teilnehmen auch dazu berechtigt sein mussten (vgl. Rolf, 2009, 28). Zum Beispiel konnten Frauen nicht zum Duell aufgefordert werden.

„Die betroffenen Personen und Umstände müssen im gegebenen Fall für die Berufung auf das besondere Verfahren passen, auf welches man sich beruft“ (Austin, 1972, 52).

Wenn das Verfahren besagt, dass die Forderung zum Duell in einem bestimmten Zeitraum eintreffen muss, dann ist das Verfahren bei zu spätem Eintreffen der Forderung eine Trübung. In diesem Fall wird die performative Äußerung im Bezug auf das Verfahren nicht korrekt durchgeführt (vgl. Austin, 1972, 53). Es kommt zu einer Fehlausführung (B.1).

Wenn die Beteiligten das Verfahren nicht vollständig durchführen, kommt es zu Lücken, welche die Nichtausführung (B.2) zur Folge haben. Bei der Forderung zum Duell, wobei jedoch die Sekundanten nicht geschickt werden (vgl. Austin, 1972, 54), kommt es dadurch zu keiner Ausführung des Verfahrens. Die bereits genannten Verunglückungsfälle wurden der Gruppe der Versager zugeteilt. Die zweite Form stellen die Missbräuche dar. Zum einen Dissimulationen (T.1) die Unaufrichtigkeiten darstellen und zum anderen Nichterfüllungen (T.2).

„T.1 […] dann muß, wer am Verfahren teilnimmt und sich so darauf beruft, diese Meinungen und Gefühle wirklich haben, und die Teilnehmer müssen die Absicht haben, sich so und nicht anders zu verhalten, T.2 und sie müssen sich dann auch so verhalten“ (Austin, 1972, 56).

Beim Duell passiert dies, wenn der Fordernde gar nicht vorhat zum Duell zu erscheinen (T.1) und schließlich auch nicht erscheint (T.2) (vgl. Rolf, 2009, 30).

2.2. Der „frühe“ Austin- Konstativa und deren Wahrheitsbedingungen

Doch nicht nur performative Äußerungen sind (Gelingenheits-) Bedingungen unterlegen, auch konstative Äußerungen sind (Wahrheits-) Bedingungen unterlegen. Wahrheitsbedingungen von konstativen Äußerungen sind Entailment (a), Implication (b) und Presupposition (c).

(a) „A hat B zur Folge“. Die Wahrheit konstativer Äußerungen beinhaltet die logische Voraussetzung der Widerspruchsfreiheit. „Die Katze ist auf der Matte hat zur Folge, dass die Matte unter der Katze ist“ (vgl. Villers, 2011, 48).
(b) „A gibt B zu verstehen“. Konstative Äußerungen implizieren eine Sprecher_innen-Intention, welche daraus besteht, dass der/die Sprecherin auch das glaubt, was er/sie sagt bzw. Absichten mit der Aussage verfolgt. „Die Katze ist auf der Matte“ (dann muss der/die Sprecher_in dies auch glauben). (Vgl. Villers, 2011, 48)
(c) „A setzt B voraus“. Die konstativen Aussagen können weiterin misslingen, wenn die Gegenstände, auf die sich der/die Sprecher_in bezieht nicht existieren. „Die Katze ist auf der Matte setzt voraus, dass die Matte existiert“ (vgl. Villers, 2011, 49).

2.3. Probleme bei der Unterscheidung von konstativ und performativ

Im nächsten Schritt soll gezeigt werden, dass die strikte Trennung konstativ und performativ nicht aufrecht erhalten werden kann,

„weil auch Konstativa verunglücken können (also Handlungscharakter zeigen) und Performativa in gewissen logischen Beziehungen zu Tatsachen stehen“ (Villers, 2011, 73).

Außerdem soll aufgezeigt werden, dass Austin neben den Verunglückungsfällen andere Kriterien der Unterscheidung sucht, doch keine finden kann. Die Vermutung, dass sich performative Äußerungen immer in eine explizite Form bringen lassen, wohingegen dies für Konstative nicht gilt, enttarnt Austin als nicht haltbar. „Ich werde kommen“, muss nicht unbedingt gleichbedeutend sein mit „Ich verspreche, ich werde kommen“. Die explizite Form ist hier „Ich verspreche, …“ da dies eine explizite sprachliche Handlung ist.

Die explizite Form „Ich stelle fest, dass…“ erfüllt performative Ansprüche, wie auch konstative Ansprüche. Des Weiteren lassen sich nicht alle performativen Äußerungen in eine explizite Form bringen. Die Formen „ich beleidige Sie“ oder „Ich drohe Ihnen“ existieren nicht.

Somit kann die Wahrheit von konstativen Äußerungen abhängig sein von dem „Erfülltsein der performativen Gelingenheitsbedingungen“ (Villers, 2011, 63) und das Gelingen von Performativa kann von der Wahrheit der konstativen Äußerung abhängen.

Die Grenzen zwischen Konstativa und Performativa sind fließend, sodass es manchmal nicht gelingt sie genau zuzuordnen, „da man sehr häufig denselben Satz in zwei verschiedenen Äußerungen einmal performativ, einmal konstativ benutzen kann“ (Austin, 1972, 86).

Konstative Äußerungen sind Fehlschlägen ausgesetzt, bei der Aussage „Udos Kinder spielen alle Gitarre“, wenn Udo keine Kinder hat. (Vgl. Austin 1972, 59)

Außerdem können im Gegenzug performative Äußerungen als „wahr“ oder „falsch“ beurteilt werden, wenn zum Beispiel der Schiedsrichter beim Volleyball „Aus“ sagt (performative Äußerung), kann dies im Nachhinein „falsch“ sein (konstativen Charakter haben). (Vgl. Austin, 1072, 77)

2.4. Der „späte“ Austin – allgemeine Theorie der Sprechakte

Da Austin die Unterscheidung von konstativen Äußerungen und performativen Äußerungen im zweiten Teil von „How to do things with words“ verworfen hat, soll im Folgenden ein neuer Blick auf Sprechhandlungen geworfen werden. Die Handlungen einer Äußerung untergliedern sich nun in die Lokution, die Illokution und die Perlokution. Diese drei Arten von Sprechhandlungen sind alle in einer Aussage zu finden. Somit existieren mehrere Performative, die bei einer Äußerung vollzogen werden. Das Konstativum wird als selbstständiger Äußerungstyp aufgegeben und durch die performative Lokution im Sinne von „etwas sagen“ ersetzt. Die Handlung des „etwas sagen“ als Lokution erfolgt über den semantischen Gehalt einer Äußerung (vgl. Villers, 2011, 81). Weiterhin unterscheidet Austin zwischen Illokution und Perlokution.

Wenn die lokutionäre Bedeutung bestimmt wurde, ist noch nicht klar, welche Rolle sie spielen soll, also was das Ziel dieser Äußerung sein soll. Die Illokution bezieht sich somit auf die „eigentliche Handlungsmacht von Äußerungen“ (Kuch, 2010, 221). Es geht um die „Rolle einer Frage [und] ob sie als Beurteilung aufzufassen war, wie man sie zu nehmen hatte und so weiter“ (Austin, 1972, 115). Die gezielte Bedeutung könnte ein Zwang, Befehl, eine Frage, Aufforderung, Warnung, Mitteilung, Antwort oder eine Feststellung sein. Somit kann zusammengefasst werden, dass es um das Verständnis des Sinns, bzw. der Sprecher_innen-Intention geht.

Der dritte Aspekt sprachlichen Handelns beinhaltet die Perlokution. Hierbei geht es um die folgenden Wirkungen des Gesagten auf den/die Hörer_in, den/die Sprecher_in oder andere beteiligte Personen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wie lässt sich mit John L. Austins „Theorie der Sprechakte“ sprachliche Gewalt verstehen?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V206844
ISBN (eBook)
9783656337034
ISBN (Buch)
9783656337331
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
john, austins, theorie, sprechakte, gewalt
Arbeit zitieren
Maria Jahn (Autor), 2012, Wie lässt sich mit John L. Austins „Theorie der Sprechakte“ sprachliche Gewalt verstehen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206844

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie lässt sich mit John L. Austins „Theorie der Sprechakte“ sprachliche Gewalt verstehen?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden