Wenn man sich mit der deutschen Sprache näher auseinandersetzen möchte, so genügt es nicht, sein Augenmerk ausschließlich auf den europäischen Kontinent zu richten. Zwar lässt sich in Europa der Ursprung der deutschen Sprache finden, doch konnten sich im Laufe der Geschichte, aus unterschiedlichen Gründen, in aller Welt deutsche Sprachinseln etablieren. Die Verbreitung der deutschen Sprache außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebietes in Europa wurde überhaupt erst durch die großen Auswanderungswellen deutschstämmiger Siedler ermöglicht, welche oftmals versuchten, immerwährender Armut und dauerhaftem Leid zu entkommen, indem sie ihr Heil in der Ferne zu finden erhofften. Doch oft waren innergesellschaftliche Differenzen und religiöse Verfolgung die entscheidenden Beweggründe, die deutsche Muttersprachler seit Ende des 30-jährigen Krieges dazu veranlassten, ihre Heimat zu verlassen und sich fernab eine neue zu suchen. So konnte sich sowohl die deutsche Kultur als auch die deutsche Sprache in all ihren unterschiedlichsten Variationen auch außerhalb Europas verbreiten. Von den etwa 100 Millionen Menschen, die verschiedene Variationen der deutschen Sprache als Muttersprache sprechen, lebt die Mehrheit von etwa 84 Millionen in Europa. Die übrigen bis zu 16 Millionen Sprecher werden zu ca. 80 Prozent von den Mitgliedern relativ großer und teilweise geschlossener deutschsprachiger Gruppen gestellt, die in 19 Staaten der Welt im direkten Kontakt mit anderen Sprachen und Kulturen leben. Von allen Staaten in Übersee sind für deutsche Siedler seit je her die Vereinigten Staaten von Amerika ein primäres Auswanderungsziel gewesen, weshalb keine Verwunderung darüber besteht, dass eben dort die wohl größten bis heute existierenden deutschsprechenden Gruppen außerhalb Europas zu finden sind. Doch obwohl die Vereinigten Staaten während der Zeit der großen Auswanderungswellen zum Schmelztiegel der Kulturen und der verschiedenen Glaubensrichtungen wurde, konnte sich zumindest in manchen Gebieten die deutsche Sprache und Kultur trotz andauernder Konflikte mit anderen Siedlern bis heute behaupten. Neben den eingewanderten Glaubensgruppen der Mennoniten und der Hutterer ist vor allem die Glaubensgemeinschaft der Amischen von großer Bedeutung, da ihr heutiges primäres Siedlungsgebiet im Lancaster County in Pennsylvania nicht nur die größte geschlossene deutsche Sprachinsel in den Vereinigten Staaten bildet, sondern die dort gesprochenen Sprache sich kaum verändert hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehungsgeschichte
2.1. Historischer Hintergrund
2.2. Entstehung des Pennsylvania German
3. Das Pennsylvania German
4. Die sprachlichen Merkmale des Pennsylvania German
5. Die Mehrsprachigkeit unter den Amischen
5.1. Erstsprache Pennsylvania German
5.2. Zweitsprache American English
5.3. Drittsprache Amisch-Hochdeutsch
6. Sprachkontakterscheinung des Pennsylvania German
6.1. Transfer – Lehnwort
6.2. Teilsubstitution – Hybrid
6.3. Vollsubstitution-Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnbedeutung
6.3.1. Lehnübersetzung
6.3.2. Lehnübertragung
6.3.3. Lehnbedeutung
6.4. Eigenbildung – Scheinentlehnung
7. Ergänzung zur Wortbildung des Pennsylvania German
8. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss des American English auf den Wortschatz des Pennsylvania German, um die sprachliche Eigenständigkeit dieser Dialektvariante trotz über 300 Jahren Sprachkontakt zu bewerten. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse verschiedener Sprachkontakterscheinungen und der Rolle der Mehrsprachigkeit innerhalb der amischen Gemeinschaft.
- Historische Entwicklung des Pennsylvania German und Besiedlung Pennsylvanias
- Soziolinguistische Untersuchung der Mehrsprachigkeit unter den Amischen
- Kategorisierung von Sprachkontakterscheinungen (Transfer, Substitution, Eigenbildung)
- Analyse lexikalischer Einflüsse des American English auf das Pennsylvania German
- Bewertung der strukturellen Stabilität und Eigenständigkeit der Sprache
Auszug aus dem Buch
6.1. Transfer – Lehnwort
Den wohl gängigsten und einfachsten Fall lexikalischer Entlehnung und zugleich den häufigsten stellt der direkte Transfer von mono- oder polymorphematischer Wörter dar, was auch beim Pennsylvania German der Fall ist. Dabei wird durch den Prozess des Transfers die Phonemfolge eines Lehngutes direkt von der Modellsprache des AE in die Replikasprache des PG übernommen. Seel nennt dabei folgende Gründe die zu einer Aufnahme von AE-Lehnwörtern im PG führen:
1. Das PG ist in erster Linie eine gesprochene Mundart, dessen Graphie nicht einheitlich geregelt ist, wobei das geschriebene Wort bei der Weitergabe kaum eine Rolle spielt, da PG in der Regel auditiv gelernt wird.
2. Bei Übernahme von AE-Wortgut findet eine Anpassung an das Phonemsystem des PG statt, in das keine fremden Phoneme eingeführt werden.
3. Die steigende Vertrautheit der Sprecher mit dem AE, aber auch deren sinkende Vertrautheit mit dem PG verändert die lautliche Nachahmung, die sich immer stärker dem AE-Modell annähert.
Als Lehnwörter gelten folgend all jene lexikalischen Einheiten, die durch direkten Transfer vom AE ins PG übernommen wurden und bei denen lediglich phonemische Substitution stattgefunden hat. Bezüglich des Transfers vom AE ins PG bilden substantivische Fremdentlehnungen die Mehrheit, dicht gefolgt von Verben, Adjektiven und Adverbien. Dies ist dadurch zu erklären, dass Substantive die wichtigste und umfangreichste Wortart darstellt und zugleich für die Aufnahme fremder Elemente am anfälligsten ist. Doch muss diesbezüglich auch angemerkt werden, dass bereits gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem Wortschatz des AE und dem PG existieren, die einen Transfer von Wortgut durchaus erleichtern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, erläutert die Bedeutung der deutschen Sprachinseln in den USA und formuliert das Ziel der Untersuchung.
2. Entstehungsgeschichte: Das Kapitel behandelt den historischen Hintergrund der Auswanderungswellen und die daraus resultierende Entstehung des Pennsylvania German.
3. Das Pennsylvania German: Es wird die sprachwissenschaftliche Einordnung des Dialekts und die Diskussion um seinen Ursprung in den pfälzischen Mundarten dargelegt.
4. Die sprachlichen Merkmale des Pennsylvania German: Hier werden die strukturellen Eigenheiten des Dialekts sowie die Rolle der Sprachinseltheorie beleuchtet.
5. Die Mehrsprachigkeit unter den Amischen: Das Kapitel untersucht die Mehrsprachigkeit der Sprechergemeinschaft und die spezifischen Rollen von Pennsylvania German, American English und Amisch-Hochdeutsch.
6. Sprachkontakterscheinung des Pennsylvania German: Dieses zentrale Kapitel analysiert systematisch die Einflüsse des Englischen auf den Wortschatz, unterteilt in Transfer, Teil- und Vollsubstitution sowie Eigenbildungen.
7. Ergänzung zur Wortbildung des Pennsylvania German: Hier wird ergänzend zur Wortbildung und zum Sprachlexikon die lexikalische Eigendynamik des Dialekts zusammengefasst.
8. Schluss: Abschließend wird das Ergebnis reflektiert, dass das Pennsylvania German trotz intensiven Sprachkontakts eine eigenständige Sprache geblieben ist.
Schlüsselwörter
Pennsylvania German, Amische, Sprachkontakt, American English, Lehnwörter, Sprachinsel, Mehrsprachigkeit, Pfälzisch, Morphologie, Lexikologie, Substitution, Eigenbildung, Sprachwandel, Dialekt, Siedlungsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der sprachlichen Entwicklung des Pennsylvania German unter dem Einfluss des American English innerhalb der amischen Gemeinschaften in Pennsylvania.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die Siedlungsgeschichte, die soziolinguistische Situation der Mehrsprachigkeit und eine detaillierte lexikologische Analyse von Sprachkontakterscheinungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie sich der englische Einfluss auf den Wortschatz auswirkt und ob das Pennsylvania German trotz dieser Kontakte seine sprachliche Eigenständigkeit bewahren konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine lexikologische Analyse, basierend auf den Modellen von Helga Seel, um die verschiedenen Arten der Sprachübernahme zu klassifizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Dialekts, die Mehrsprachigkeit der Amischen und die linguistischen Kategorien des Sprachkontakts, wie Lehnwörter, Hybride und Scheinentlehnungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Pennsylvania German, Sprachkontakt, Amische, Lehnwortbildung, Eigenständigkeit und Mehrsprachigkeit.
Was ist mit dem Begriff "Rumspringa" gemeint?
Es handelt sich um eine etwa zweijährige Phase der Adoleszenz, in der Jugendliche zwischen der Außenwelt und der Lebensweise in der amischen Gemeinschaft wählen können.
Warum wird das Amisch-Hochdeutsch als "Ritualsprache" bezeichnet?
Diese Variante dient ausschließlich religiösen Zwecken, wie Gottesdiensten oder Bibellesungen, und bewahrt in etwa den Sprachstand des 17. bis 19. Jahrhunderts.
Wie unterscheidet sich "Lehnübersetzung" von "Lehnübertragung"?
Bei der Lehnübersetzung werden die Bestandteile durch direkte Entsprechungen wiedergegeben, während bei der Lehnübertragung Teile freier übersetzt werden und oft Komposita entstehen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zur Eigenständigkeit der Sprache?
Trotz eines beachtlichen englischen Einflusses auf den Wortschatz kommt die Arbeit zu dem Ergebnis, dass das Pennsylvania German eine weitgehend eigenständige Sprache bleibt.
- Citation du texte
- B.A. Adrian Witt (Auteur), 2011, Die Sprachkontakterscheinung des Pennsylvania German , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206987